Das schöpferische Epizentrum

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Interview
Published On:

July 17, 2023

Featuring:
Cynthia Bourgeault
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Issue:
Ausgabe 39 / 2023
|
July 2023
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Die Wirkkraft des Imaginalen

Der Philosoph, Mystiker und Islamwissenschaftler Henry Corbin prägte das Wort von der Erkenntniskraft des Imaginalen. Die imaginale Welt oder Mundus Imaginalis war für ihn das Gegenteil von willkürlicher Fantasie. Er sah in ihr eine Einbildungskraft, ein symbolisches Erkennen, in dem sich subtile Dimensionen der Wirklichkeit zeigen. Die christliche Mystikerin Cynthia Bourgeault folgt diesen Spuren des Imaginalen.

evolve: Der Begriff des »Imaginalen« ist verwirrend, weil es wie »Imagination« klingt. Können Sie etwas über den Unterschied zwischen der Imagination als Fantasie und dem Imaginalen als einem Weg des Wissens sagen?

Cynthia Bourgeault: Ja, man kann es leicht verwechseln, weil sich beide Worte den Wortstamm Imago teilen. Für mich geht Imagination aus den Fähigkeiten des kleinen Ichs und des willentlichen Denkens hervor. Hier geht es um einen mentalen Vorgang, um Ästhetik, um Kunst. Das Imaginale hat mit verkörpertem, subtilem Wissen zu tun, es zerstört den Verstand nicht, aber es bettet ihn in ein tieferes Wahrnehmungsvermögen ein. Das Imaginale ist nicht mein persönliches Innenleben. Es ist nicht ausgedacht, es ist nicht künstlich, es geht nicht um mich. Es geht eher um empfangen als um erschaffen. Wenn wir unsere höheren Fähigkeiten des Verstehens und Seins damit in Einklang bringen, erhalten wir Zugang zu diesem Wissen.

Jenseits der Verpackung

e: Würden Sie sagen, dass imaginales Wissen häufig durch Bilder oder Symbole vermittelt wird?

CB: Ja, zu einem bestimmten Grad, auch wenn das meiner Ansicht nach zu einer unzulänglichen oder fehlerhaften Vorstellung führt. Wenn man sich mehr für die Symbole interessiert als für die direkte Wahrnehmung dessen, was sie zum Ausdruck bringen, dann gerät man sehr schnell wieder in die Ästhetik. Dann ist man mitten in der Interpretation, im Traditionalismus und in allen möglichen esoterischen Spekulationen. Wenn wir beginnen, das Imaginale zu erforschen, gibt es die Tendenz, unsere ganze Aufmerksamkeit auf die Verpackung und nicht auf den wirklichen Kern zu richten. Dann verwickelt man sich in pseudo-esoterische Künste und die Interpretation des Imaginalen. Hier geht es dann um Weissagungen und Traumdeutungen, die dann durch die persönliche Psyche gefiltert werden, die versucht, die Kontrolle über ihren kognitiven Wahrnehmungstrichter zu behalten. Das echte Imaginale, so wie ich es verstehe, ist jenseits von Bildern. Es ist direkter. Ein Bild ist nur ein Abglanz davon.

e: Ich entnehme dem, was Sie sagen, dass das Imaginale eher so etwas wie eine direkte Wahrnehmung, eine direkte Erkenntnis ist.

CB: Ja, eine direkte, bildlose Wahrnehmung. Die Bilder und die Kunst, die daraus entstehen, können Ausdrucksformen dieser Wahrnehmung sein. Sie vermitteln nicht den Inhalt selbst

»Das Imaginale ist nicht mein persönliches Innenleben.«

e: Das ist eine subtile Unterscheidung, die Sie hier treffen.

CB: Ja, sie ist sehr subtil und sehr wichtig. Ansonsten würde man nach Symbolen und ihrer Bedeutung suchen, wie in der Traumdeutung. Das Imaginale ist die Wahrheit auf einer bestimmten Ebene. Es trifft uns und überwältigt all unsere kleinen, geistigen Kategorien. Daraus können wir dann beginnen, es zu verarbeiten und in Kunst, Poesie, Tanz, Musik, Philosophie, in alles, was wir tun, einfließen zu lassen. Aber es ist immer schneller als das. Es kann auch schneller wahrgenommen werden und es gibt etwas in uns, das sich genauso schnell bewegt.

e: Es ist also offensichtlich etwas, das nicht getrennt von uns existiert?

CB: Genau.

Der magnetische Kern

e: In Ihrem Buch »Das Auge des Herzens« ist mir aufgefallen, dass es immer Wege der Deutung von Geschichten, Ereignissen oder Erfahrungen gegeben hat, die nicht auf einem linearen Ursache-Wirkungs-Denken beruhen und eine imaginale Erkenntnis ermöglichen. Sie beziehen sich auf eine mittelalterliche Methode der Auslegung spiritueller Texte, die als Chiasmus bezeichnet wird. Was steckt dahinter?

CB: Chiasmus kommt aus dem Lateinischen und steht für Kreuzung oder Kreuzungspunkt. In der Literatur gilt es als eine rhetorische Figur der überkreuzten Stellung von Wörtern, Satzteilen oder Sätzen und wird häufig für Antithesen gebraucht. Mir war die Terminologie aus der Literatur bekannt, als ich auf das Werk von Pater Bruno Barnhart gestoßen bin, der es als das Organisationsprinzip heiliger Schriften sah. Es folgt einer anderen Kausalität. In unserer mentalen, rationalen Welt verwenden wir die lineare Kausalität und Sequenz in der Annahme, dass Dinge, die früher geschehen, Dinge, die später geschehen, beeinflussen und nicht andersherum. Ein Chiasmus oder Kreuzungspunkt ist vergleichbar mit einem Stein, den man in einen Teich wirft und der dann Ringe rund um die Einwurfstelle erzeugt. Eine Form aus sich erweiternden Kreisen entsteht, sie emergiert aus diesem Zentrum der Intentionalität heraus.

Bruno hat mir zum ersten Mal gezeigt, wie das im Johannesevangelium angelegt ist. Es gibt dort ein zentrales Bild, das das überkreuzte Epizentrum bildet. In jedem kleinen Teil des Evangeliums kann man dieses zentrale Bild oder Motiv wiedererkennen und deuten. Die ganze Bedeutung, die sich mit der Zeit entfaltet, ist in dieses Epizentrum gepackt, das ein symmetrisches Muster um sich selbst erschafft.

e: Sie sprechen von einem Muster, das ein zentrales Bild oder Ereignis oder eine Idee enthält, die quasi das Kernmotiv für das gesamte Muster sind. Wie hängt das mit dem Imaginalen zusammen?

CB: Es beschreibt tatsächlich die imaginale Kausalität. Die Sphäre des Imaginalen geht von Anfang an davon aus, dass es eine Art höhere Kohärenz, Intelligenz oder Bestimmung gibt, die eine starke schöpferische Kraft hat. Wenn sich diese Kraft bemerkbar macht, organisiert sie ein symme­trisches Spielfeld um sich herum. In sich birgt es eine Dichte, aus der heraus sich Bedeutung vollständig in die Zeit hinein entfaltet. Daraus entsteht eine Struktur. Und wenn man diese ganze Struktur aus ihrem Epizentrum heraus erfassen kann, versteht man, inwieweit die ganzen Bruchstücke und Fragmente und manchmal auch zeitlich verdrehten Geschichten, in denen die Zeit zugleich vorwärts und rückwärts verläuft, zusammengehören. Das Zentrum hat eine Gewichtigkeit oder Gravität; es hat eine magnetische Kraft, wenn man hineingelangt. Die Bedeutung wird durch das Aufnehmen des gesamten Musters erfasst.

Das Gespräch führte Elizabeth Debold für die Ausgabe 31/2021 – das gesamte Interview finden Sie auf evolve-world.org

Author:
Dr. Elizabeth Debold
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