Eine Allmende des Heiligen

Our Emotional Participation in the World
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Interview
Published On:

April 30, 2024

Featuring:
Sanya Manzoor
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Issue:
Ausgabe 42 / 2024
|
April 2024
Die Kraft der Rituale
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Gottesdienst reloaded

Seit einigen Jahren treffen sich jeden Sonntag Menschen in einer offenen Kirche in Berlin-Neukölln, um gemeinsam Gottesdienst zu feiern – und dabei herauszufinden, wie neue kirchliche Rituale in einer »Church of Interbeing« aussehen könnten.

evolve: Welche Rolle spielen Rituale in eurer »Church of Interbeing«?

Sanya Manzoor: Die Teilnahme an unseren Treffen ist an sich schon ein ritueller Akt. Denn sie wird in einer Regelmäßigkeit angeboten, die eine Bewegung zwischen dem eigenen Zuhause und dem Ort des Gottesdienstes ermöglicht. Es ist eine kleine Pilgerreise zu einem Ort, an dem man in Gemeinschaft entlang eines rituellen Prozesses begleitet wird. Unsere Absicht ist, unsere Beziehung zum Leben durch erforschende Fragen zu vertiefen. Die Praktiken, die wir anbieten, können geistiger, emotionaler, körperlicher Natur sein. Durch eine Verbindung von Kernthemen und erfahrungsorientierten Prozessen wird ein Ritual gestaltet, das eine Transformation des Bewusstseins ermöglicht.

e: Was ist das Wesen von Ritualen?

Adam McKenty: Rituale können einen kollektiven Erfahrungsbogen schaffen – ­indem sie einen gemeinsamen Kontext, eine Symbolik, eine Absicht und eine Synchronizität eröffnen. So wie Musikinstrumente gemeinsam schwingen, wenn sie demselben Klang ausgesetzt sind, kann eine Gruppe von Menschen im Laufe der Zeit in einen anderen Zustand versetzt werden. Das mag wie eine technische Definition klingen, aber ich finde, das ist ein interessanter Ansatz, weil er viele Aspekte offenlässt, die normalerweise in der Definition von Ritualen festgelegt sind.

»Das Ritual ist die Struktur, durch die sich das Geistige bewegt.«

SM: Das Ritual ist die Struktur, durch die sich das Geistige bewegt. Und bis zu einem gewissen Grad könnte man auch sagen, dass alles ein Ritual ist, es hängt nur von der Art und Weise ab, mit welcher Absicht man es tut. Das bewusste Schaffen ritueller Räume ist eine Einladung, eine Erfahrung in der Gemeinschaft zu machen, die durch bestimmte Praktiken begleitet wird.

e: Hat diese Erfahrung etwas mit der Verwirklichung des Heiligen in einer Gemeinschaft zu tun?

AM: Die Räume, die wir schaffen, verfolgen die Absicht, eine Erfahrung des Heiligen zu eröffnen, wie auch immer das von den Teilnehmenden definiert wird. Wir betrachten das Wort »heilig« wie einen Bedeutungsraum, durch den wir uns hindurchbewegen oder auf den wir zugehen, ohne zu versuchen, es in einer Definition festzulegen. Denn das würde die Komplexität der vielfältigen Erfahrungen des Heiligen reduzieren. Manchmal haben wir die Formulierung verwendet, dass die Church of Interbeing eine Allmende des Heiligen ist. Jeder Teilnehmer bringt seine Definition, seine Erkenntnisweise, seinen Glauben an das Wesentliche ein. Und auf geheimnisvolle Weise scheint es dann möglich zu sein, bestimmte Praktiken miteinander zu teilen, die die Menschen durch eine Erfahrung des Heiligen begleiten.

SM: Ohne jemals auszudrücken, dass es sich um etwas Heiliges handelt, eröffnen wir den Menschen durch Fürsorge und Widmung wieder einen Zugang zum Beziehungsgeflecht des Heiligen im Leben. Indem sie verschiedene Erfahrungen der Meditation, des Dialogs miteinander und der Erkundung eines bestimmten Themas durchleben können, gelangen sie am Ende zu der Erkenntnis: »Oh! Selbst das ist heilig!«

e: Wie hilft einem das Ritual dabei?

AM: Als Menschen verfügen wir von Natur aus über die Fähigkeit, unter bestimmten Bedingungen das zu erleben, was manche als heilig bezeichnen. Solche Erfahrungen eröffnen sich etwa beim Alleinsein in unberührter Natur oder durch die Konfrontation mit Krisen. Aber auch bestimmte Muster kollektiver Erfahrungen können ein Tor zum Heiligen darstellen. Seit den Anfängen der menschlichen Kulturen haben wir solche Strukturen genutzt, um durch dieses Tor zu treten. In vielerlei Hinsicht haben die sozialen Gemeinschaften, in denen wir heute leben, diese Fähigkeit verloren. Unsere kollektive Fähigkeit, das Tor des Rituals zu öffnen und gemeinsam das Heilige zu erfahren, ist uns abhandengekommen.

Wir machen kleine Schritte, um Antworten auf die Frage zu finden: Wo ist dieses Tor jetzt zu finden? Viele Kirchen sind heute leer, und auch kulturell fehlen uns die Räume der Verbindung oder der Heiligkeit, die ein Ritual bietet.

e: Wie habt ihr die Elemente ausgewählt, die ihr im Rahmen des Gottesdienstes anbietet?

AM: Wir versuchen, aus den unzähligen Traditionen, die in ihren Gemeinschaften regelmäßig kollektive Rituale als Teil der Praxis durchführen, neue Formen zu entwickeln. Die bekannteste Tradition, von der wir uns inspirieren lassen, sind die christlichen Gottesdienste – auch weil diese kulturelle Metapher den Menschen in der westlichen Welt am ehesten zugänglich ist. Wir singen, essen gemeinsam, meditieren und bewegen uns. Das hat mit der Wahrnehmung zu tun, dass die wirksamste Form von Ritualen Herz, Verstand und Körper gleichermaßen einbezieht.

Es gibt eine Kombination aus zeitgenössischen Beziehungs- und Meditationspraktiken sowie Handlungen, die wir in allen Traditionen finden, wie z. B. gemeinsames Singen, synchrone Bewegung und Atmung, dialogischer Austausch, gemeinsames Essen, Verwendung von Worten und bestimmten Symbolen wie Kerzen.

Es gibt zwei Möglichkeiten, wie wir uns dem Ritual nähern. Zum einen durch gleichbleibende Elemente, die in fast jedem Gottesdienst in einer ähnlichen Abfolge vorkommen. Das gibt den Teilnehmenden die Möglichkeit, in etwas Vertrautem anzukommen. So kann sich das Gehirn entspannen und wir können uns besser darauf einlassen. Und dann gibt es die stärker experimentell geprägte Seite, bei der ein thematischer Impuls eine umfassendere Ritualstruktur inspirieren kann, die sich an dieser Frage orientiert.

SM: Aber die Rituale, durch die wir führen, sind keine Lehrveranstaltung. Wir halten weder eine Predigt noch erzählen wir etwas darüber, wie eine Erfahrung oder ein Erleben sein sollte. Es wird eine orientierende Anleitung gegeben und die Menschen spüren, inwieweit sie sich auf diese Anleitung einlassen und sich ihr anvertrauen wollen. Es gibt verschiedene Ebenen der Teilnahme, auf die sich die Menschen einstimmen können.

In der Gestaltung von Gemeinschaftsritualen in einem zeremoniellen Raum richten sich die Menschen, die diesen Raum gemeinsam halten werden, durch Intention, Gebet und Verbundenheit untereinander aus. Von der Konzeption des Ritualprozesses über die Einladung der Menschen, die diesen Raum mitgestalten werden, bis hin zur Anleitung der Erfahrung wird alles von einer feierlichen inneren Haltung geleitet. Wir wollen die Teilnehmenden nichts lehren, sondern es ist eine öffnende, forschende Erfahrung, die über das Potenzial verfügt, als eine geheimnisvolle Alchemie erlebt zu werden.

Author:
Dr. Elizabeth Debold
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