Unser evolutionärer Augenblick

Our Emotional Participation in the World
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Interview
Published On:

July 17, 2023

Featuring:
Dr. Joanna Rogers Macy
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Issue:
Ausgabe 39 / 2023
|
July 2023
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Der Anfang einer neuen menschlichen Identität?

Mit 91 Jahren hat Joanna Macy schon jahrzehntelang aus Liebe zur Erde gelebt. Als Pionierin der Tiefenökologie hat sie wie kaum jemand anderes unsere Verbundenheit mit der lebendigen Erde erforscht und sich für ihren Erhalt eingesetzt.

evolve: Das Ausmaß der Klimakrise fordert uns auf allen Ebenen heraus. Die Antwort darauf scheint von uns zu verlangen, auf eine Weise zu denken, zu sein und zu leben, die wir uns bisher kaum vorstellen können. Wie können wir dieser Herausforderung gerecht werden?

Joanna Macy: In der Diskussion über die Herausforderung des Klimawandels ging es uns bisher darum, »den Klimawandel zu bekämpfen«, und wir hielten es für notwendig, so hart wie möglich dafür zu kämpfen, dass die CO2-Emissionen wieder auf normale Werte zurückgehen. Aber der Klimawandel sollte nicht Anlass sein, wieder einfach zur Normalität zurückzukehren, sondern der Anlass dafür, das politische und wirtschaftliche System zu demaskieren und zu überwinden, das diese Krise verursacht hat, indem es auf der Nutzung fossiler Energien und der Ausbeutung von Ressourcen basiert. Es geht um dieses ganze kapitalistische System, und ich beziehe da auch die staatlichen Wirtschaftssysteme mit ein, die sich selbst nicht als kapitalistisch bezeichnen, die aber mit dem Kapitalismus im Wettstreit stehen, so dass sie am Ende die gleichen Auswirkungen haben.

Wir können in der Herausforderung des Klimawandels daher eine Möglichkeit, einen Durchgang sehen. Selbst wenn wir alles tun, um die CO2- und Methan-Emissionen zu verringern oder zu stabilisieren, können wir die schwerwiegenden Folgen der Klimaveränderungen jetzt nicht mehr verhindern. Es ist schon zu weit fortgeschritten. Mit etwas Glück können wir den Grad der Erwärmung bei 1,5 Grad Celsius stoppen, aber das würde trotzdem massenhafte Migration und unvorstellbare Verluste bedeuten. In der Arbeit mit Gruppen, die ich als »Arbeit der Verbundenheit« oder als tiefenökologische Arbeit bezeichne, haben wir die Auflösung der industriellen Wachstumsgesellschaft beobachtet. Jetzt, in dieser dunklen Zeit, mit den zunehmenden Todeszonen in den Ozeanen und Feuern, die von der Arktis bis ins südliche Australien wüten, sieht es so aus, dass wir sehr nahe an vielen Kipp-Punkten sind, wo die Entwicklung sich beschleunigt und nicht mehr eindeutig vorhersagbar ist.

Woran wir arbeiten können, ist – vielleicht mit großzügigerem Empfinden für die vor uns liegende Aufgabe –, die CO2-Emissionen zu stabilisieren, damit in den weniger betroffenen Regionen der Erde komplexe und damit bewusste Lebensformen überleben können. Es wird wahrscheinlich viel weniger Menschen geben, aber es wird die Möglichkeit für eine lebenserhaltende, nicht-vergiftende Wirtschaft bestehen. Wenn wir dies als unser Ziel verstehen, haben wir mehr Energie und ein stärkeres Empfinden einer entschiedenen Aufgabe, der wir uns mit ganzem Herzen widmen können. Das ist mehr, als wenn wir nur den Klimawandel bekämpfen, so dass die alten Mächte uns weiterhin auseinanderreißen können.

Ein evolutionärer Moment

e: Du sagst, »Wir können es schaffen«, aber dieses »Wir« bin nicht nur ich in Frankfurt und du in Kalifornien, sondern es geht dabei um ein tieferes, kollektives Empfinden der Menschheit.

JM: Das berührt mich, denn das erinnert mich daran, dass wir in einem evolutionären Moment leben. Ja, es ist ein besonderer Augenblick in der Evolution des Lebens. Mit »Leben« meine ich dabei nicht die Konzerne, die die Welt im Griff haben – die mechanistischen, transnationalen Unternehmen, die zu einem großen Teil automatisch funktionieren und in gewissem Sinne der menschlichen Kontrolle entwachsen sind.

»In Wirklichkeit gehören wir zusammen und sehnen uns nach Ganzheit.«

Es widerstrebt mir, das sagen zu müssen, aber der Klimawandel ist schlimm genug, um uns zu erschüttern und wachzurütteln aus dem extremen Individualismus der letzten 500 Jahre. Wir empfinden uns als getrennt, ängstlich und stehen miteinander in Konkurrenz, und das macht uns sehr folgsam gegenüber den Regierungen und der Konsumgesellschaft. Daher ist dies ein prekärer Moment in der Evolution für die weitere Entwicklung des komplexen Lebens auf diesem Planeten.

e: In gewisser Weise müssen wir also darüber hinausgehen, an unser individuelles Überleben zu denken, und fragen, wie komplexes Leben überleben kann. Mit anderen Worten: Wie kann ich zur Erhaltung und Weiterführung des komplexen Lebens als Ganzes beitragen, statt zuerst und vor allem an mich selbst zu denken?

JM: Ja, denn in Wirklichkeit gehören wir zusammen. Wir sehnen uns nach einem Gefühl von Solidarität und Ganzheit. Ich arbeite auch im Gefängnissystem, und wenn ich sehe, wie wir in unseren »Besserungsanstalten« Menschen in Einzelhaft sperren, um sie besonders zu bestrafen, dann bricht mir das Herz, aber es ist ein Spiegel unserer Kultur. Unsere Kultur, die Medien und das Militär stecken uns in getrennte Gefängniszellen. Und auch Fake News stecken uns in die Isolations-Tanks, in denen wir nicht mehr wissen, was real ist.

Heilige Trauer

e: Du arbeitest mit Gruppen, nicht nur mit Einzelpersonen. Siehst du in Gruppen etwas Neues auftauchen, neue Fähigkeiten des Menschseins, die eine Antwort auf die Situation sind, der wir kollektiv gegenüberstehen?

JM: Den Regierungen und der Mainstream-Kultur ist es gelungen, viele Menschen im Gesundheitswesen und in der Psychotherapie davon zu überzeugen, dass der Schmerz der Menschen, die sehen, wie die Welt vor ihren Augen und unter ihren Füßen untergeht, am besten mit Antidepressiva zu behandeln ist. Diese Pathologisierung unserer Trauer um die Welt bringt der Pharmaindustrie Milliarden. Aber das ist eine heilige Trauer. Wir betrauern den zunehmenden Verlust unserer Welt, unserer Geliebten, unserer Vernunft. Natürlich macht es uns verwirrt und schwach.

Befreiung finden wir in Gruppen, in denen wir aufrichtig sprechen können, wenn wir die eine Stimme hören, die wir so nötig hören müssen: unsere eigene Stimme. Wenn wir diese Stimme hören und sie mit den Stimmen anderer übereinstimmt, dann ist das die heilige Bestätigung, dass wir zu etwas dazugehören. Es lässt die Lebendigkeit der Wahrheit erwachen. Dann fühlt sich dein Körper lebendig an, du hast Tränen in den Augen und ein Lächeln auf dem Gesicht, alles gleichzeitig.

e: Was ist das für eine Stimme?

JM: Ich glaube, es ist die Stimme der ­Erde, denn das ist, was wir sind. Jedes Atom, jedes Molekül, jede Zelle unseres Körpers ist die Erde, es gibt nichts in unserem Körper oder unserem Geist, das von woanders herkommt. Viele Wissenschaftler bestätigen heute, dass die Erde ein lebendiges System ist und über ein umfassendes und komplexes Bewusstsein verfügt. Wir sind die Erde und wir erwachen, um für die Erde zu sprechen. Dies zu erkennen und dort hineinzuwachsen ist atemberaubend.

e: Ist das die Initiation, in der wir uns befinden?

JM: Ja, ich glaube schon. Wir werden in die Erde initiiert, mitten in einem der schwierigsten Momente, denen das Leben jemals gegenüberstand. Es ist einfach aufregend, in dieser Zeit zu leben, in der sich unser wahres Potenzial erst noch zeigen will. Wir werden diesen Weg nicht gehen können, ohne die Unsicherheit unserer Situation zu respektieren. Ohne Unsicherheit können wir nicht demütig und leer genug von Überheblichkeit und Vorlieben sein, um vollkommen verfügbar zu sein.

Verteidiger der Erde

e: Es gibt etwas im Wesen der Erde, von dem wir ein Teil sind, das alles geben wird, um zu leben.

JM: Ja, und das fühle ich, und manchmal spüre ich auch bei anderen, dass sie es fühlen. Ich glaube, dass die Leute von Extinction Rebellion es fühlen, und es macht Freude. Ohne Freude kannst du nicht für die Erde arbeiten – und weißt du weshalb? Weil wir die lineare Top-Down-Realität verlassen, die uns während des größten Teils der Zeit des Patriarchats im Griff hatte, und wir uns jetzt gezwungenermaßen auf ein Verständnis des Prinzips der Gegenseitigkeit zubewegen, das im Herzen des Universums wirkt: Wenn du handelst, wird dir etwas begegnen. Wenn du für die Erde handelst, fühlst du ihre Kraft direkt unter dir und in dir, genauso wie du den Segen des Waldes fühlst, wenn du für den Wald handelst.

»Wir sind lebendige Teile eines majestätischen, lebendigen Planeten.«

Ich habe schon oft die Geschichte von John Seed erzählt, dem Regenwald-­Aktivisten aus Australien, mit dem ich den »Rat aller Lebewesen« gegründet habe. Sein Leben veränderte sich, als er alte Wälder vor der Rodung schützen wollte. Im Angesicht der Holzfäller und der Polizei stellten sich John und seine Kameraden vor die Bäume und schützten sie mit ihren Körpern – ohne Waffen, ohne Plakate, nur ihre Körper. Plötzlich erkannte er, wer er wirklich war. Er erfuhr einen Moment der Offenbarung. Er war nicht John Seed, der den Wald beschützte, sondern der Wald beschützte sich selbst durch die Menschen, die er selbst über Äonen ins Leben gebracht hatte.

Deshalb kann ich manchmal nicht anders, als zu lächeln. In diesem Moment entdecken wir, wer wir wirklich sind. Wir sind nicht so sehr getrennte Individuen, als dass wir Ausdrucksformen der Erde sind. Jeder von uns ist anders, jeder von uns ist unverwechselbar, aber wir sind auch die Erde. Wir sind die Verteidiger der Erde, und sie hat einen enormen Vorrat von Kraft und Intelligenz, um uns zu unterstützen.

Selbst wenn wir scheitern, wird es ein wunderbarer Prozess gewesen sein. Vielleicht kommt dann in einem fernen Moment in der Zukunft ein Archäologe aus dem Weltraum, stochert herum und sagt: »Hier gab es einmal Leben.«

Auch wenn das unsere Zukunft sein sollte, ist es ein großartiger Augenblick, denn wir erfahren in unserem Geist und in unserem Körper – und ich kann es fühlen, während ich hier sitze –, dass wir lebendige Teile eines majestätischen, lebendigen Planeten sind. Unser Erwachen hängt nicht davon ab, ob wir letztendlich erfolgreich sein werden.

Ein Wandel unserer Identität

e: Ich möchte dich etwas anderes fragen. Eine der beängstigendsten Tatsachen unserer Zeit ist die Diskrepanz zwischen den kleinen Gruppen, die neue Wege des Miteinander-Seins entwickeln, und der Realität der Systeme, in denen wir leben, zum Beispiel das moderne Finanzsystem, die globale Lebensmittelproduktion usw. Wie sieht vor diesem Hintergrund deine Vision des Wandels aus? Was gibt dir, angesichts dieser Systeme, Zuversicht?

JM: Im Wesentlichen ist diese Transformation ein Wandel unserer Identität. Der Wandel von einer getrennten, in ihrer Haut eingekapselten Individualität zur Identifikation mit etwas Größerem; das kann ein größerer Teil der Natur sein oder auch ein noch größeres Lebenssystem, wie die Erde, oder noch größer. Als mein Enkel 15 Jahre alt war, ging er auf Visionssuche in die Rocky Mountains in Colorado. Bei seiner letzten Nachtwache war er allein ganz oben in den Bergen, weit entfernt sah er lodernde Waldbrände. Es war eine wundervolle Mondnacht, jeder Felsen, jeder Strauch, jeder Stein war in Silber getaucht. Inmitten dieser Schönheit überwältigten ihn Angst und Trauer. Sie lasteten so schwer auf ihm, dass er sich auf die Erde legen musste. Als er in den Himmel sah, erkannte er, wie vielschichtig dieser war, wie komplex, wie tief und weit. Die unmittelbare Umgebung trat in den Hintergrund und er erkannte eine Wahrheit, von der er oft gehört hatte, die er aber nie selbst erfahren hatte: Die Erde ist ein unglaublich kleiner Teil des Universums, und was immer mit diesem Planeten geschehen wird, das Universum wird weiter bestehen. Mit diesem Gefühl der Zugehörigkeit ging eine Gewissheit einher, durch die er sich der Klimakatastrophe stellen konnte, ohne sich zu verschließen.

e: Das ist ein Aspekt der Initiation, um die es heute geht.

JM: Richtig. Es ist ein Zeichen dafür, dass wir in etwas Größerem als uns selbst aufgehoben sind.

e: Was an unser Vertrauen appelliert.

JM: Das ist vermutlich die allerwichtigste Haltung, auf die wir uns verlassen sollten: hart arbeiten und vertrauen, dem Leben selbst vertrauen. Wir wurden in dieses Leben geboren, jeder von uns. Wir wurden zu dieser Zeit in dieses Leben geboren. Darauf können wir vertrauen. Es ist eine Zeit bedrohlicher Gefahren, und trotzdem können wir vertrauen. Es wird nicht alles gut und wunderbar sein, aber wir können darauf vertrauen, dass wir hier sind und gehalten werden.

»Wenn du für die Erde handelst, fühlst du ihre Kraft direkt unter dir und in dir.«

e: Und dass unsere Antworten genau daraus entstehen werden.

JM: Ja, und darauf vertrauen, dass sie daraus entstehen werden, womit auch immer wir konfrontiert werden.

e: Das ruft uns dazu auf, unsere Absicht darauf abzustimmen.

JM: Ja, jetzt ist nicht die Zeit für brillante Individuen, jetzt ist die Zeit für die kollektive Stimme, die interaktive Stimme, für den Chor, die Chöre. Hier möchte ich ein Gedicht von Rilke zitieren, in dem dies wunderschön zum Ausdruck gebracht wird:

Da neigt sich die Stunde und rührt mich an

mit klarem, metallenem Schlag:

mir zittern die Sinne. Ich fühle: ich kann –

und ich fasse den plastischen Tag.

Nichts war noch vollendet, eh ich es erschaut,

ein jedes Werden stand still.

Meine Blicke sind reif, und wie eine Braut

kommt jedem das Ding, das er will.

Nichts ist mir zu klein, und ich lieb es trotzdem

und mal es auf Goldgrund und groß

und halte es hoch, und ich weiß nicht wem

löst es die Seele los ...

Das ist eine Ode an das Prinzip der Gegenseitigkeit.

e: … und an Interbeing, unsere tiefe Verbundenheit …

JM: Genau. Das ist ein wunderbarer Ausdruck, den Thich Nhat Hanh geprägt hat. Es gibt einen Ausspruch von ihm, den wir oft verwenden, seine Antwort auf die Frage: Was ist das Wichtigste, das wir tun können, um die Welt zu heilen, der Welt zu dienen? Die Fragesteller dachten wohl an soziales Handeln oder Meditation, er aber sagte: »Das Wichtigste ist, in dir selbst die Erde weinen zu hören.«

Das ist der Wandel der Identität. Das ist ein heiliger Akt, denn der Klang der Erde weint in dir. Und das kann gar nicht anders sein, weil du die Erde bist! ■

Das Gespräch führte Elizabeth Debold für die Ausgabe 25/2020 – das gesamte Interview finden Sie auf evolve-world.org

Author:
Dr. Elizabeth Debold
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