Achtsamkeit als App

Our Emotional Participation in the World
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Essay
Published On:

April 23, 2015

Featuring:
Shunryu Suzuki Roshi
Adam Gazzaley
Graeme Moffat
Jack Kornfield
Jon Kabat-Zinn
Chade-Meng Tan
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Issue:
Ausgabe 06 / 2015:
|
April 2015
Wir-Räume
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Meditation im Silicon Valley

Im San Francisco Zen Center ist die spirituelle Welt noch in Ordnung. 1962 von der Zen-Legende Shunryu Suzuki Roshi gegründet, hatte das Center nicht unwesentlich Anteil daran, dass, beflügelt von der Hippie-Kultur der 1960er Jahre, Meditation im Westen zu einem Thema wurde. Bis heute trifft man sich dort morgens um 5.25 Uhr zur Zen-Meditation in der Soto-Tradition – schnörkellos und puristisch. Und doch ist längst nicht mehr alles beim Alten. Wo man einst nur auf dem Kissen saß, damit das lästige Ich endlich sterben konnte, tragen die Kurse des Centers heute auch der Tatsache Rechnung, dass die Kultur der Moderne noch nicht wirklich bereit ist, über das Primat der Individualität so kompromisslos hinauszugehen. Workshops wie „Accessing Ease in Practice“ oder „Embracing Change: Zen and the Art of Creating a Life You Want“, von ordinierten Dharma-Lehrenden gehalten, versuchen zeitgemäße Zugänge zur Meditationspraxis zu eröffnen, indem sie an die Bedürfnisse der Bay-Area-Bewohner andocken.
Seit Google vor einigen Jahren das Programm „Search Inside Yourself“ ins Leben rief, in dem Methoden zur Förderung der emotionalen Intelligenz sowie Achtsamkeitspraktiken gelehrt werden, hat in Kalifornien ein Hype eingesetzt, denn die selbst für Anfänger schnell spürbaren positiven Wirkungen inspirieren viele dazu, nicht in den spirituellen Traditionen nach Heil zu suchen, sondern die Segnungen der Innenschau mit ihrem modernen Lebensstil zu verbinden. Bei der Konferenz Wisdom 2.0 in San Francisco, die im März 2.500 Teilnehmer mobilisierte, konnte ich erleben, wie spielerisch man in den USA mit Spiritualität und Technologie umgeht. Im Silicon Valley werden heute Apps zu spirituellen Lehrern und Sensoren zeigen den Übenden, wie es um ihre Achtsamkeitsspanne bereits bestellt ist. „Die Videospiel-Technologie ist nur der Beginn, dass wir Hirnfunktionen gezielt aktivieren und trainieren können“, erklärt etwa der Neurowissenschaftler Adam Gazzaley, der gemeinsam mit der Spieleschmiede Zynga an Tools für eine Art „Neuro-Crossfit“ arbeitet.

Spirituelle Lehrer mit amerikanischem Kontext stehen dem Modernisierungsschub der Meditation vergleichsweise offen gegenüber.


Was vordergründig nach technologischem Hyperaktivismus klingen und der Idee des meditativen Loslassens widersprechen mag, könnte man auch als eine Einladung an Menschen verstehen, die bisher an der inhärenten Unzugänglichkeit von Meditation gescheitert sind. „Ich kann das nicht! Mache ich das überhaupt richtig? Wie kann ich das in mein Leben integrieren? Das sind häufige Fragen, die Anfänger beschäftigen – und bald wieder aufgeben lassen“, gibt etwa Graeme Moffat zu bedenken, der bei InteraXon Sensoren entwickelt, mit denen sich die eigene Achtsamkeit messen lässt. Spirituelle Lehrer mit amerikanischem Kontext stehen diesem Modernisierungsschub der Meditation vergleichsweise offen gegenüber. „In Achtsamkeitskursen muss ich meinen Schülern auch Schritte aufzeigen, wie sie kontinuierlich ihre Aufmerksamkeitsspanne erhöhen können“, meint etwa Jack Kornfield, der Entwickler berät, gibt aber gleichermaßen zu bedenken, dass die neuen Apps die reale Komplexität der Meditationspraxis deutlich reduzieren. Auch Achtsamkeits-Ikone und Begründer der „Achtsamkeitsbasierten Stressreduktion“ (MBSR) Jon Kabat-Zinn, dem von Kritikern vorgeworfen wird, eine Art „McMindfulness“ zu propagieren, würdigt die „Sehnsucht nach authentischen Erfahrungen“, die sich in der Nachfrage nach Meditationshelfern zeigt. „Bevor wir digital werden, sollten wir aber erst einmal herausfinden, wer wir in unserer Menschlichkeit sind“, wirft er mit einem Lächeln ein.
Ob aus dem gegenwärtigen Hype eine nachhaltige Haltung erwächst, wird sich zeigen. „Das Selbst ist ein Prozess, und es geht darum, über das Selbst hinauszusehen“, lässt Google-Guru Chade-Meng Tan den Anfängergeist anklingen, der in den spirituellen Traditionen seit jeher auf die Tiefendimension meditativer Praxis verweist. Der Technologie-Boom macht Meditation für breitere Zielgruppen zugänglicher, doch die Anstrengung der Selbstüberwindung, die Meditation erst wirklich zur Meditation werden lässt, kann die beste App am Ende nicht vereinfachen.

Author:
Dr. Nadja Rosmann
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