Angst, Vertrauen, Hoffnung

Our Emotional Participation in the World
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Interview
Published On:

January 30, 2020

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Ausgabe 25 / 2020:
|
January 2020
Ende oder Wende
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Innere Transformation und systemischer Wandel

Philip Clayton ist Prozess-Theologe. In den letzten Jahren arbeitete er vor allem an einer Frage: Was brauchen wir für eine wahrhaft ökologische Zivilisation? Wir sprachen mit ihm über unsere instinktiven, angstgeleiteten Reaktionen auf Krisen, über mögliche Antworten auf die Hoffnungslosigkeit und über die Bedeutung neuer Visionen.

evolve: Du bist nicht nur Ökologe, sondern auch Prozess-Theologe. Hat ein Prozess-Theologe einen besonderen Blick auf die ökologische Krise? Sieht er die Krise mit anderen Augen?

Philip Clayton: Für mich ist die wichtigste Frage: Wie können wir eine Geisteshaltung entwickeln, die der Ernsthaftigkeit der Situation entspricht? Wie können wir mit der Hoffnungslosigkeit umgehen? Seit fünfzehn Jahren spüre ich bei vielen Menschen, die sich intensiver mit dem Klimawandel beschäftigen, zunehmend Hoffnungslosigkeit. Diese Hoffnungslosigkeit hat auch mit unserer evolutionären Natur zu tun. Unser Gehirn besitzt ein Angstzentrum. Von hier verlaufen unzählige Nerven zum präfrontalen Kortex. Wenn wir Angst haben, weiß das Gehirn, es muss etwas tun. Es ist, als ob unsere Rationalität den Aufschrei von Angst und Gefahr hört, um dann darauf zu reagieren. Wenn aber der präfrontale Kortex feststellt, dass die betreffende Situation nicht bedrohlich ist, dann besteht das Problem darin, dass das Gehirn in der biologischen Evolution nicht die Nerven entwickelt hat, um das Angstzentrum zu beruhigen. Wir sind evolutionsbiologisch so geschaffen, dass wir schnell und andauernd Angst empfinden, was unser vernünftiges Denken einschränkt. Wir sind dann nicht mehr fähig, vernünftig und rational auf die Situation zu reagieren. Das ist eine Dynamik der Evolution: Wenn der Mensch abends in einem Wald spazieren geht und etwas hört, was ein Löwe sein könnte, dann spürt er diese Angst und flieht. Das ist eine völlig richtige Reaktion, die in der Evolution unser Überleben sicherte. Wenn wir aber damit konfrontiert sind, dass unser ganzes System zu einer Zerstörung des Planeten führt, wirkt dieser Mechanismus tödlich.

Mit dieser biologischen Prägung haben wir auch die Tendenz entwickelt, die Menschen in eine In-Group und eine Out-Group aufzuteilen. Wenn ich Angst habe, dann suche ich diejenigen, denen ich vertrauen kann. Wir kommen in einer In-Group zusammen und grenzen uns immer aggressiver gegenüber der Out-Group ab. Das ist im primitiven Stammesleben hilfreich, wird aber fatal, wenn es um eine Spezies wie die unsere geht, die einen ganzen Planeten bewohnt.

Und dann kommt noch unser ökonomisches System hinzu, welches für den Klimawandel mitverantwortlich ist. Es ist ein System, das nicht erlaubt, dass der Mensch über Jahrhunderte gesund und sicher auf diesem Planeten leben kann. Die Entwicklungen, die wir brauchen, um eine Katastrophe zu vermeiden, sind abhängig von den ökonomischen Strukturen des Kapitalismus – dem System, das für das Problem mitverantwortlich ist. Menschen, die meist über Religion oder Spiritualität sprechen, sehen das nur selten. Um diese drei Herausforderungen zu überwinden, reicht es nicht aus, wenn ich meine Yogapraxis übe oder mit meinen buddhistischen Freunden meditiere. Diese Übungen sind wesentlich, aber sie reichen nicht. Wir stehen auch vor einem systemischen Problem. Wir haben einen Körper, ein Gehirn, eine Gesellschaft und ein globales ökonomisches System entwickelt, die zu einem Problem geführt haben, das mit diesen bisherigen Mitteln nicht lösbar ist.

Unsere innere Transformation ist notwendig, aber sie reicht nicht.

Eine ganz neue Zivilisation

e: Du hast drei Dimensionen beschrieben, die uns mit der Hoffnungslosigkeit konfrontieren – den Angst-Mechanismus, die Haltung des »Wir gegen die anderen«, die zum Auseinanderfallen der menschlichen Gemeinschaft führt, und eine Wirtschaftsform, die nicht nachhaltig ist. Wie sollen wir beginnen, darauf eine Antwort zu finden – Bewusstseinswandel, gesellschaftliches Engagement?

PC: Unsere innere Transformation ist notwendig, aber sie reicht nicht. Das kann für Menschen, die sich mit spiritueller Transformation und dem Wandel des Denkens beschäftigen, deprimierend sein. Menschen, die wie ich über Theologie oder Spiritualität sprechen, nutzen bestimmte Formen des Verstehens und wir wünschten uns, diese Mittel würden reichen, um die Transformation herbeizuführen, die heute so wichtig ist. Das haben wir z. B. beim New Age in den USA gesehen. Ich komme aus Kalifornien, wo seit Generationen nach einer Transformation und einem geistigen Wandel gerufen wird, der die erhoffte Zukunft ermöglicht. Das reicht aber in dieser Situation nicht. Unsere Antwort muss auch die soziale und ökonomische Transformation umfassen. Es geht um die Entwicklung einer ganz neuen Zivilisation, die natürlich spirituelle Aspekte hat, aber auch einen ökologischen, ökonomischen, gesellschaftlichen und strukturellen Wandel erfordert.

Die wichtigste Frage dabei bleibt für mich: Besteht die Hoffnung, dass wir mit unserem Gehirn diese Art von Transformation durchlaufen können, damit wir vernünftig auf Gefahren reagieren, statt nur aus Angst zu antworten? Können wir unsere Ängste überwinden und tiefe Beziehungen mit Menschen in Out-Groups entwickeln? Die Geschichte des Menschen hat gezeigt, dass wir uns so entwickeln können, dass es möglich ist. Ich denke an die Experimente von Richard Davidson mit buddhistischen Mönchen in tiefer Meditation, wobei man die Reaktionen im Gehirn aufgezeichnet hat. Wenn der Mönch ein lautes Geräusch hörte oder mit einer Stecknadel berührt wurde, dann konnte man sehen, dass das Gehirn zwar reagiert, aber sofort wieder in den Ruhezustand zurückkehrt. Daran sehen wir, dass ein Mensch durch Praxis in der Lage ist, vernünftig zu reagieren und nicht durch Angst geleitet zu sein. Er kann seine Mitmenschlichkeit und die Verbindung mit seiner Umwelt aufrechterhalten und fällt nicht sofort in einen Aggressionszustand.

Hoffnung plus Vertrauen

e: Martin Luther, der in einer herausfordernden Zeit lebte, sagte einmal: »Und wenn morgen die Welt untergehen würde, würde ich heute einen Apfelbaum pflanzen.« Dieses Zitat zeugt von einem Geist, der angesichts der Krise aus einer inneren Verankerung heraus in der Lage ist, nicht zu resignieren und Mensch zu bleiben. Das ist eine Qualität, die wir auch heute brauchen. Andererseits sprichst du davon, dass wir auch eine Vision einer anderen Gesellschaft brauchen. Allein die Wahrnehmung, dass Alternativen existieren, gibt Kraft. Gibt es Alternativen?

PC: Ich schreibe im Moment ein Buch mit dem Arbeitstitel: »Hope in an Age of Unbelief« – »Hoffnung im Zeitalter des Unglaubens«. Wir sind in einer Situation, in der wir nicht wissen, ob es eine Lösung gibt. Aber wir können eine Grundeinstellung entwickeln, die ich als »Hope plus Faith«, Hoffnung plus Vertrauen, bezeichne. Vertrauen verstehe ich als Verbum: Was du tust, zeigt, was du glaubst. Hier ein drastisches Beispiel, um das zu illustrieren: Es ist Krieg, wir sind im Gefängnis, uns droht die Erschießung bei Sonnenaufgang und wir erfahren, dass in einer Stunde ein Hubschrauber unserer Befreier auf dem Dach landet. Wir hören dieses Geräusch und wissen nicht, ob es Freiheit bedeutet, aber wir versuchen trotzdem zu fliehen. Es ist Hoffnung plus Vertrauen. Warum versuchen wir es, trotz des Risikos? Weil wir sonst sterben. Das ist eigentlich die Grundhaltung, die von uns verlangt wird.

Als ich jung war, sagte man im kalifornischen New Age, dass die bessere Zukunft erscheinen wird, wenn alle daran glauben. Ich bin kein New-Age-Denker in dem Sinne, vor allem heute nicht. Aber eines, was im New Age immer gesagt wurde, stimmt, nämlich, dass die Änderung der Grundeinstellung des Individuums unerlässlich ist. Wir können nicht solidarischer handeln, ohne dass sich unsere Einstellung zum Leben wandelt.

Diese Frage der inneren Hoffnung muss beantwortet werden. Wir können uns dem nicht entziehen. Wie das möglich ist, darüber kann man diskutieren. Es braucht eine Vision. Im Alten Testament heißt es, dass die Menschen ohne einen Traum verkümmern. Wenn ich innerlich oder in einem Gesprächskreis eine Einstellung der Hoffnung und Mitmenschlichkeit entwickle, wird sie fragil bleiben, wenn ich nicht handle und vor allem, wenn ich keine Ahnung für mögliche Lösungen habe. Deshalb arbeite ich heute fast Vollzeit im »Institut für ökologische Zivilisation«. Wir fragen wir uns dort: Wie sieht das aus, wenn der Mensch über Jahrzehnte oder Jahrhunderte hinweg mit anderen Menschen und mit seiner Umwelt nachhaltig lebt? Welche Visionen gibt es im Energiebereich, in der Landwirtschaft, in gesellschaftlichen Strukturen? Diese Vision wird zum Ziel, und wir können aktiv werden, um diese Vision ins Leben zu bringen. Es gibt eine weltweite Bewegung, die daran arbeitet, dieses Ziel zu erreichen und diese Art von Gesellschaft zu entwickeln. Für diesen Weg gibt es drei Aspekte: die kulturelle Evolution, die innere Transformation, und hoffen/vertrauen/handeln.

Wir müssen gleichzeitig gesellschaftliche, politische, ökonomische Strukturen und innerliche Strukturen verändern.

Gemeinschaften von Gemeinschaften

e: Unser Wirtschaftssystem ist einerseits ein Machtverhältnis, und es geht hier um die Frage, wie wir gesellschaftliche Macht gestalten, aber es ist auch ein kulturelles Bewusstsein. Es existiert nicht nur da draußen. Es formt auch tief unsere Wahrnehmung der Welt. Ist es möglich, diese innere Prägung erstmals wahrzunehmen, aber auch zu verändern?

PC: Ich arbeitete jahrelang in China als Leiter des »Institute for Postmodern Development of China (IPDC)«. Wir haben Hunderte Vorträge gehalten und hatten die Möglichkeit, mit den höchsten Kreisen der chinesischen Regierung zusammenzuarbeiten. Aus dieser Arbeit entstand das Buch »Organic Marxism«, das ich mit Justin Heinzekehr veröffentlichte. Wir haben Vorschläge gemacht, wie sich die Umweltpolitik Chinas ökologisch verändern könnte. Als ich diese Vorträge hielt, fragte ich oft die Studenten: »Was fühlst du, wenn du draußen im Wald bist? Was für ein Verhältnis hast du zu den ökologischen Eigenschaften deines Dorfes oder Stadtteils? Kannst du deine Umwelt wahrnehmen, wenn du spazieren gehst? Fühlst du eine Teilhabe an etwas Größerem als dir selbst?«

Gesellschaftliche Veränderungen wie die Entwicklung einer genuin ökologischen Gesellschaft reichen nicht aus, sie müssen begleitet werden von einer inneren Transformation. Wir müssen also gleichzeitig gesellschaftliche, politische, ökonomische Strukturen und innerliche Strukturen verändern. Für Aktivisten, die sich dieser Aufgabe stellen, benutze ich den Ausdruck »Communities of Communities« – »Gemeinschaften von Gemeinschaften«. Das ist eigentlich die ökologische Einsicht schlechthin: Ich bin als Körper eine Gemeinschaft von Zellen. Wenn ich meditiere oder Yoga mache, bin ich in einer Gemeinschaft. Wenn wir an unserem Institut von neuen Formen der Interaktion sprechen, dann folgen wir der Vision einer neuen Art von Gemeinschaft. Einer Form der ökonomischen Zusammenarbeit, die genuin nachhaltig ist, in der wir gemeinschaftlich produzieren und konsumieren.

e: Dieses Verständnis unseres Menschseins als »Wir sind Gemeinschaft« steht natürlich in Kontrast zu unserem modernen Weltbild, in dem wir die Betonung darauf legen, vor allem Individuen zu sein.

PC: Vor der Entwicklung der modernen Gesellschaft wohnten die meisten Menschen in Gruppen, zunächst in Jäger-und-Sammler-Gesellschaften und später in kleinen Dörfern in einer Gemeinschaft von max. 250 Leuten, wo jeder den anderen kannte. Die Fähigkeiten, die wir seit Millionen Jahren unserer Vorgeschichte entwickelt haben, stammen daher, dass wir den anderen Menschen mit seiner ganzen Geschichte sehen und kennen und dass wir uns in eine Gemeinschaft einbringen. Später haben wir eine Welt-Gesellschaft entwickelt, eine entpersonalisierte Weise des Handelns, eine Rationalisierung des ganzen Lebens. Das hat uns auch mit an den Abgrund geführt, an dem wir heute stehen. Aber wir wissen, dass es möglich ist, diese gemeinschaftliche Grundhaltung des Menschen wieder zu finden – nicht auf eine primitive Weise, sondern wir können sie individuell und gesellschaftlich in einer ökologischen Zivilisation neu einüben. Wenn wir das nicht schaffen, sehe ich in der Tat keine Hoffnung.

e: Worauf müssen wir angesichts dieser Dringlichkeit besonders achten?

PC: Da denke ich an das Zitat Martin Luthers, das du erwähnt hast. Ich arbeite mit Studenten aus vielen Ländern und wir sprechen von unseren Spaziergängen im Wald. Wir sprechen von den kleinen Dingen, die wir tun können, z. B. im Gartenbau. Meine Studenten arbeiten jedes Semester an einem Nachmittag oder Abend ein paar Stunden im Garten unserer Gemeinde. Wir essen Obst und Gemüse aus dem Garten, wir sitzen zusammen, wir singen, wir spüren wieder dieses unentbehrliche Gefühl der Einheit des Menschseins zwischen uns, als Teilhabende dieser Erfahrung, als Mitglieder von Ökosystemen. Das ist der Anfangspunkt einer Art Praxis, welche die Religionen schon immer kannten: Wie kann man Individuen mit allen Ebenen des Personseins in einen gemeinschaftlichen Zusammenhang einbetten – körperlich, gemeinschaftlich, gesellschaftlich, intellektuell? Das umfasst die Weltsicht, die diese Entwicklung fördert, aber auch Wirtschaftsformen und Entscheidungen der Lebensführung. Ein holistisches Denken ist notwendig, um auf diese Situation antworten zu können. Dieses integrierte Denken ist eine Vision, die wir von den Religionen, vom New Age, von bestimmten Philosophen wie der Prozess-Philosophie kennen. Die Aufgabe ist deutlich: Ist es möglich, uns so zu verändern, dass wir diese Krise meistern und zu tieferer Verbundenheit und Gemeinschaftlichkeit finden? Ich würde antworten: Ja, denn wir haben als Menschen schon so verbunden gelebt. Ist es wahrscheinlich, dass wir diese Transformation schaffen werden? Das wissen wir nicht. Aber auch wenn es unwahrscheinlich ist, dass wir es ohne Katastrophe schaffen, sage ich: Wir haben keine andere Wahl. Vielleicht kommt der Hubschrauber heute Nacht: Willst du etwas tun oder bleibst du in der Zelle und stirbst? Das ist die Frage, die sich uns heute stellt.

Author:
Dr. Thomas Steininger
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