Der Ruf ins Leben

Our Emotional Participation in the World
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Published On:

July 16, 2020

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Ausgabe 27 / 2020:
|
July 2020
Schönheit
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Unsere seelische Teilhabe an der Welt

Der Biologe Andreas Weber spricht von einem Ruf des lebendigen Lebens. Die Natur »ruft uns«, am Ganzen des Lebens teilzuhaben. Die Schönheit der Natur ist nichts als dieser Ruf, der Ruf der Landschaft, der Vielfalt der Lebewesen, uns auf sie einzulassen, ihnen zu begegnen.

evolve: Wenn man von Natur und Schönheit redet, stellt sich sofort die Frage nach Romantik und Kitsch. Ich möchte trotzdem unser Gespräch so anfangen: Warum ist die Natur schön?

Andreas Weber: Lass mich zuerst biografisch antworten. Von früher Kindheit an fühlte ich mich von einzelnen Lebewesen oder Arten, später auch von Landschaften auf eine unglaubliche Weise gerufen und wollte diesem Ruf folgen. Diesen Ruf zu verstehen, ist mein fundamentales Anliegen geworden. Mit dieser Passion bin ich aber nicht allein, wir Menschen sind zutiefst hingezogen zu anderen Lebewesen. Das ist auch eine empirisch gesicherte psychologische Tatsache.

Das, was du gerade Natur genannt hast, die nicht-menschlichen Wesen und Konstellationen, zieht Menschen an. Und die meisten würden diese Anziehung so formulieren: »Das finde ich schön.« Und dabei ist es egal, ob wir die Stiefmütterchen auf dem Rasen meinen oder eine Wildnis. Insofern liegt in dieser Passion eine Menschheitsfrage. Und die Antwort darauf sagt etwas darüber aus, wie wir in der Welt sind und wie diese Welt eigentlich beschaffen ist, sie sagt etwas über das Leben aus.

In letzter Zeit ist es mir wichtig geworden, nicht mehr von der Natur im Gegensatz zur Kultur zu sprechen, weil damit eine Gegenüberstellung entsteht. Die Natur wird so zum Objekt. Diese homogene Natur als ein objekthaftes Gegenüber gibt es für mich nicht. Was es gibt, sind Begegnungen mit anderen Wesen, Wesen, die uns offensichtlich zutiefst anziehen. Diese Begegnungen haben uns etwas über uns und über die Welt zu sagen. Wenn wir uns darauf einlassen, können wir in dieser Welt auf eine Weise existieren, die Lebendigkeit schafft, statt Lebendigkeit zu vernichten.

Ein emotionaler Zusammenhang

e: Was ist diese Anziehung, die die Natur auf uns ausübt?

AW: Es gibt eine grundlegend affektive Weise, anderen Wesen zu begegnen. Ich bin in einer Welt, die ich mit anderem Leben teile. Diese Erfahrung ist nicht neutral, sie ist emotional gefärbt. Wir reagieren fühlend auf die Gegenwart von anderen Wesen. Das ist ein Prozess der Kommunikation, der Verbindung. Wobei es auch Antagonismen gibt, die lästige Mücke oder Zecke oder ein Tier, das mich fressen will. Entscheidend ist: Ich erlebe meine Existenz in einer Welt mit anderen Lebewesen nicht sachlich neutral, sondern als einen bedeutungsvollen Prozess.

Unsere gegenwärtige Zivilisation ist allein auf dem Sachlichen, dem Messbaren, dem Empirischen und dem rationalen Argument begründet. Aber in unseren primären Erfahrungen mit anderen Wesen stellen wir fest, dass dies ein existenziell emotionaler Zusammenhang ist. Dieses Fühlen möchte uns etwas über diese Welt sagen. In einer Erfahrung von Schönheit zeigt sich, dass ich einen emotionalen Bezug zu anderen Wesen habe.

e: Unsere Kultur übersieht unsere eigentliche Beziehung zum Leben?

AW: Sie übersieht eine fundamentale Wahrheit. Die Welt der neutralen Objekte ist eine Fiktion, eine Fiktion, die wir geschaffen haben, um die Wirklichkeit in den Griff zu bekommen. Ich will die empfindende, fühlende, erfahrene Wirklichkeit als eigene Erkenntnisweise rehabilitieren.

Während ich mit dir spreche, lasse ich gerade meinen Blick über den Garten vor meinem Fenster schweifen, in dem gerade alles wächst, treibt und blüht. Etwas von diesem Wachsen und Blühen korrespondiert da mit meinem eigenen Bedürfnis, auszutreiben und zu gedeihen. Wir machen die Erfahrung, dass wir in der körperlichen, materiellen Welt, der wir zunächst nur als Oberfläche begegnen, unsere eigene Innerlichkeit erfahren. Wir werden von der Gegenwart anderer Wesen in dieser Innerlichkeit angerührt. Damit kommen wir von einer bloßen Außenwahrnehmung der Welt zu einer Wahrnehmung der Welt als einem seelischen Prozess.

DIE SCHÖNHEIT IST EIN RUFEN, EINE BITTE AN UNS, AN DIESEM PROZESS DER FRUCHTBARKEIT TEILZUHABEN.

Wenn wir anderen Wesen begegnen, dann sehen wir in ihnen Prozesse und Erfahrungen unserer eigenen Lebendigkeit. Wir sehen in jedem Lebewesen immer etwas, was wir auch aus uns selbst heraus kennen – grob gesprochen: Anspannung, Zielgerichtetheit, Wachstum, Streben, Begehren, Verletzlichkeit, Sterblichkeit, Verfall, Wiederaustreiben, Auferstehung, Humus werden, neues Leben schenken. Wir sehen in ihnen etwas, das was wir auch kennen, und dadurch können wir etwas in uns selbst erfassen. Wenn wir das in anderen sehen, nehmen wir es in uns deutlicher wahr. Wir stehen nicht nur einer leeren Fläche gegenüber, auf die wir etwas abbilden, da ist etwas, das wir tatsächlich teilen. Die existenziellen Dimensionen von Geburt und Sterben teilen wir real mit anderen Lebewesen. Wir erkennen, dass wir Teilnehmer einer Welt sind, die nicht nur aus Dingen, Sachen und Objekten besteht, sondern aus einer erfahrbaren, sich erfahrenden Innerlichkeit.

Fruchtbarkeit ermöglichen

e: Die rationale, auf Nutzen ausgerichtete Haltung zur Welt produziert Hässlichkeit, als zerstörte Natur oder in der Art, wie wir gestalten. Hat unsere ästhetische Erfahrung einen Wahrheitsgehalt?

AW: Ja, in der Erfahrung von Schönheit oder einer ästhetischen Erfahrung machen wir eine Erfahrung der Wirklichkeit. Wir stellen fest, diese Wirklichkeit ist auf eine bestimmte Art und Weise beschaffen und ich sollte an dieser Wirklichkeit lebensspendend teilnehmen. Ich spreche allerdings nicht mehr von ästhetischen Erfahrungen, weil sie sich auf geformte Oberflächen beziehen. Die Begegnung in einer Welt in ihrer Innerlichkeit oder Beziehung ist eben keine Oberflächen erfahrung. Das sagt uns etwas darüber, wie die Welt beschaffen ist und wie sie gut beschaffen wäre. Auf der Ebene von Beziehung, Kommunikation und Innerlichkeit würde ich sagen, das Schöne ist das Fruchtbare und das Hässliche ist das Unfruchtbare. Oder das Schöne ist das, was Fruchtbarkeit ermöglicht. Und das Hässliche ist das, was mit Unfruchtbarkeit droht. Das ist aber keine bürgerliche Couchästhetik des Schönen und Hässlichen.

DER KOSMOS IST FRUCHTBARKEIT UND BEGEHRT DIESE IN ALLEN SEINEN TEILEN.

Eine blühende Frühsommerwiese erfahren viele als schön. Hier zeigt sich der Höhepunkt eines Fruchtbarkeitsgeschehens, eines Fruchtbarkeitsprozesses. Wir sehen Blüten, die Insekten mit Nektar und Pollen anlocken, wir sehen Samen und Früchte, wir sehen Vögel und Insekten. Das alles sind Mitspieler im Prozess der Fruchtbarkeit. Aber auch wir sind Mitspieler: Auch wir können blühen, fruchten, uns verbinden, getrennt werden, erneut aufleben. Was sich da vor uns verkörpert und uns offenbart, sind Dimensionen unserer selbst. Wir erleben den gestaltgewordenen Fruchtbarkeitsprozess als ein Angebot. Die Schönheit ist ein Rufen, eine Bitte an uns, an diesem Fruchtbarkeitsprozess teilzuhaben: Sei fruchtbar! Deshalb hinterlässt die Erfahrung von Schönheit in uns ein Ziehen, ein Gefühl, eine Frage danach, wie wir dieser Erfahrung gerecht werden können: »Es ist so schön, was antworte ich darauf? Wie kann ich mich daran beteiligen, wie kann ich selbst so schön sein?« Es geht um die Fähigkeit, sich immer wieder zu regenerieren und ein Maximum an Beziehung zu ermöglichen. Deswegen legt man sich so gerne zu zweit in die blühende Wiese, auch wenn man dann feststellt, dass der Partner Heuschnupfen hat und Ameisen über einen drüber krabbeln.

WENN WIR ANDEREN WESEN BEGEGNEN, DANN SEHEN WIR IN IHNEN DIE PROZESSE UND ERFAHRUNGEN UNSERER EIGENEN LEBENDIGKEIT.

Das Hässliche ist also das, was Fruchtbarkeit nicht gestattet oder was mich selbst unfruchtbar macht. Das kann auf ganz unterschiedliche Weise passieren, z. B. indem ich nicht teilhaben darf. Ein Gebäude kann unter architektonischen Kriterien schön gebaut sein, mich aber gleichzeitig draußen lassen. Das gewinnt dann bei der Präsentation den Architekturwettbewerb, wird aber von den Benutzern auf lange Sicht möglicherweise als »sick building« erfahren. Auch Konstellationen von Lebewesen können als hässlich wahrgenommen werden. Unsere durchschnittliche Agrarsteppe würde ich als hässlich bezeichnen, obwohl sie grün ist oder gelb vom Raps. Diese Landschaften haben etwas Unfruchtbares.

e: Schönheit ruft uns zur Fruchtbarkeit?

AW: Fruchtbarkeit verstehe ich hier sehr allgemein. Sie ist die Möglichkeit, Leben hervorzubringen. Sie ist das Maß, in dem Leben entstehen darf oder kann, in dem sich Beziehungen bilden können. Je lebendiger, desto vielfältiger ist das Netz der Beziehungen oder die Gegenwärtigkeit von Beziehung. Fruchtbarkeit ist das, was diese Welt, diese Wirklichkeit, der wir angehören, von sich aus anstrebt. So wie der natürliche Lauf des Wassers bergab geht, so drängt die Welt zur Fruchtbarkeit. Wie das Wasser macht sie in ihrer Verwirklichung Umwege, sie fließt nicht gerade, sondern in Kurven und Mäandern. Aber sie ist nicht aufzuhalten.

Fruchtbarkeit ist die Potenz, Leben zu spenden. Sie ist überströmendes Können, ein Können, das zugleich ein Wollen ist. Der Kosmos lebt aus Fruchtbarkeit und begehrt diese in allen seinen Bestandteilen. Wir können als Teil des Kosmos im Einklang mit anderen so wirken, dass unser gemeinsames Ergebnis Fruchtbarkeit ist. In der Fruchtbarkeit ist unsere Existenz geglückt. Wir fühlen uns richtig. Vielleicht nicht »happy«, es ist kein hedonistisches Glück. Es spendet Leben. Das Leben ist aber auch zyklisch und vergänglich. Fruchtbarkeit enthält auch diese Seite. Darum ist echte Schönheit oft zu Tränen rührend. Schönheit erfahren heißt, in diesem Moment an der Fruchtbarkeit teilzunehmen. Das ist sicher auch eine Triebkraft für viele Künstlerinnen, ihr Werk zu erschaffen: Sie wollen diese Fruchtbarkeit weitergeben.

Angesprochen vom Leben

e: Der Ruf der Natur ist also eigentlich der Ruf der Lebendigkeit.

AW: Ja, deswegen sagte ich vorhin, dass die Trennung von Natur und Kultur in die Irre führt. Wenn man diese Trennung aufgibt, dann ist das Problem weniger, dass wir als Zivilisation Natur zerstören, sondern dass wir als Zivilisation keine Fruchtbarkeit erzeugen. Wir alle teilen miteinander einen Atem. Es geht also nicht darum, die Natur zu schützen. Vielmehr will die Wirklichkeit von uns, dass wir Fruchtbarkeit fördern. Die meisten von uns wollen das auch. Wir wissen nur nicht so genau, wie.

In unserem Mitgefühl mit den anderen Wesen erkennen wir, dass sie auf gleiche Weise lebendig sind wie wir. Sie sind Subjekte. Wir erfahren sie nicht als Dinge, sondern als Personen. Die Erfahrung der Schönheit ist das Angesprochen-werden von anderen Personen in der Familie des Lebens. Es ist in Wahrheit eine Ansprache. Das meine ich ganz konkret, nicht metaphorisch. Das erklärt auch dieses Glück, das wir dabei erleben: Wir sehen in den anderen Wesen der »Natur« nicht nur unseresgleichen, sondern sie kommen uns entgegen. Sie schließen uns in die Arme und sagen: »Du bist Teil dieser Familie. Bitte zeige dich pflegend und fruchtbar, nährend und versorgend.« Wir erfahren diese Berührung durch den anderen. Unser Glück ist die Begrüßung durch die anderen Wesen. Unsere Erfahrung von Schönheit in der »Natur« ist eine gegenseitige Begrüßung zwischen uns und den nicht-menschlichen Wesen.

e: Wie kann unsere Zivilisation, unsere Kultur diesem Ruf, diesem Angesprochen-sein gerecht werden?

AW: Es wäre eine revolutionäre Umkehrung des Blickes, wenn unsere Kultur statt abgetrennten und konkurrierenden Teilbereichen (die Wirtschaft, den Naturschutz, die soziale Integration) die Fruchtbarkeit des Ganzen im Blick hätte. Wenn wir uns alle als Beteiligte in einem Prozess verstehen würden, dem es darum geht, den Kosmos fruchtbarer werden zu lassen. Wir wissen übrigens, dass der derzeitige Run der Wähler zu Populisten und Faschisten hauptsächlich nicht darauf beruht, dass es ihnen wirtschaftlich schlecht geht, sondern dass sie sich nicht mehr am öffentlichen Geschehen beteiligt fühlen. Beteiligung ist also nicht nur ein ökologisches, sondern auch ein politisches Gebot. Beteiligung wird unmittelbar als schön erlebt, genau wie Beteiligung am Leben, die ich im Duft einer blühenden Linde erfahre.

Author:
Dr. Thomas Steininger
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