Die Zeit Drängt...

Our Emotional Participation in the World
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Essay
Published On:

January 30, 2020

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Ausgabe 25 / 2020:
|
January 2020
Ende oder Wende
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müssen wir langsamer werden?

Kann Stille eine Antwort auf die Klimakrise sein? Ausgehend von einer Retreat-Erfahrung erforscht Mike Kauschke, welche Kraftquellen in einem meditativen Bewusstsein liegen und was dies für den kulturellen Umgang mit unseren gegenwärtigen Herausforderungen bedeuten kann.

Vor einigen Tagen bin ich aus einem Schweige-Retreat zum Jahreswechsel im Allgäu zurückgekehrt – einige Tage des tiefen Eintauchens in die Stille und die innere Offenheit und Weite der Meditation. Stille Meditation, wie ich sie seit vielen Jahren übe und immer wieder auch in längeren Meditationszeiten vertiefe. Aber dieses Mal war etwas anders. Das lag auch an der Arbeit an dieser Ausgabe und der intensiveren Beschäftigung mit dem Klimawandel und dessen potenziellen und immer wahrscheinlicher werdenden Folgen. Kurz gesagt: Kann man in einer Zeit, in der sich möglicherweise die Zukunft unseres Menschseins auf diesem Planeten entscheidet, in die Stille gehen? Oder ist es gerade in einer solchen Zeit das Dringlichste, eine tiefere Verwurzelung im Leben zu finden, wie sie Meditation eröffnen kann? Oder kann uns gar der Prozess des Loslassens und Gewahrwerdens eines offenen Bewusstseins, wie ihn die Meditation ermöglicht, eine Antwort darauf geben, wie wir mit dieser Situation umgehen können?

Tiefenanpassung

Wir befinden uns in einer Situation, die von immer mehr Wissenschaftlern als das mögliche Ende der menschlichen Zivilisation, wie wir sie kennen, bezeichnet wird. Jem Bendell ist eine kontroverse Stimme, die diese Möglichkeit im wahrsten Sinne ausgemalt hat. Der Professor für Führungswissenschaften, der sich seit Jahren für Nachhaltigkeit einsetzt, erregte Aufsehen mit einem Paper mit dem Titel »Deep Adaptation – A Map for Navigating the Climate Tragedy«. Es war als akademischer Text für Kollegen und Studierende gedacht und verbreitete sich viral im Internet, mit Übersetzungen in vielen Sprachen und Deep-Adaptation-Foren in vielen Ländern. Mittlerweile wurde Bendell auch von der Labour Party und der Europäischen Kommission eingeladen, um über sein Paper zu sprechen. Darin wagt er, die Frage zu stellen, was es bedeuten könnte, wenn es vielleicht schon zu spät ist, die katastrophalen Folgen des Klimawandels wirkungsvoll abzuwenden. Dies fundiert er mit Prognosen der aktuellen Klimawissenschaft und den daraus abgeleiteten Folgen. Nicht alle kompetenten Wissenschaftler unterstützen seine Thesen, weil er von Wechselwirkungen ausgeht, die manche als zu hypothetisch bewerten. Als Antwort auf diese Szenarien spricht Bendell von einer Deep Adaptation, einer Tiefenanpassung. Denn angesichts eines möglichen oder gar wahrscheinlichen Zusammenbruchs unserer Zivilisation werden oberflächliche, technologische Lösungen innerhalb unseres bestehenden Systems der Wachstumsökonomie nicht ausreichen. Diese Tiefenanpassung deutet auf eine grundlegende Transformation unseres Bewusstseins und Menschseins hin.

In einem Vortrag vor Psychologen über mögliche psychologische Antworten auf Erfahrungen von Verzweiflung, Trauer oder Depression im Zusammenhang mit dem Klimawandel erzählte Bendell von einem Besuch bei seinem krebskranken Vater. Er sprach über eine Erfahrung, die viele von uns kennen: In dieser Situation, wahrscheinlich kurz vor dem Tod des Vaters, hatten sie die tiefste, wertschätzende Begegnung ihres Lebens. So viel Unwichtiges fiel zur Seite und das Wesentliche kam in die Mitte der Beziehung: die Liebe und Fürsorge füreinander. Diese Erfahrung habe ich viele Male in meiner Arbeit im Hospiz gemacht: In der Nähe des Todes bricht etwas in unserem Menschsein auf, wir fragen nach dem letztendlichen Sinn, nach dem, was uns miteinander und mit dem Leben und seiner namenlosen Quelle verbindet. Oft ist dies ein Moment der Transformation von Menschen, Beziehungen und Familien.

Vielleicht, so setzt Jem Bendell die Analogie, befinden wir uns als Menschheit heute in solch einer Situation. Wir sind mit der Möglichkeit konfrontiert, dass wir diese Krise nicht überleben werden oder dass sie zumindest schwere Verluste bringen wird. Tiefenanpassung bedeutet also, uns gemeinsam auf das Wesentliche zu besinnen und eine menschliche, soziale, gesellschaftliche, psychologische und spirituelle Antwort zu finden, die dieser Todesnähe gerecht wird.

Wie wollen wir leben?

Jem Bendell wurde für sein Paper und die Wirkung, die es auf viele Menschen hat, auch vielfach kritisiert. Denn wenn sowieso alles zu spät und vergebens ist, was motiviert uns dann noch, aktiv zu sein und für einen Wandel einzutreten? Aber Bendell sieht oftmals auch eine ganz andere Wirkung: »Menschen finden einen neuen Mut, ihre Leben nach ihren eigenen Vorstellungen zu leben und sich mit der tiefsten Vision ihres Herzens zu verbinden. Wie wollen sie leben und warum leben sie nicht jetzt so, statt es zu verschieben?«

Für Bendell selbst war die Konfrontation mit der Möglichkeit der Vernichtung ein Impuls, sich für die meditative Erforschung des Bewusstseins zu öffnen. Er entdeckte für sich, dass die Erfahrung und Hingabe an ein »Quellenbewusstsein«, das allen Erscheinungen vorausgeht, einen Urgrund des Seins, uns einen anderen existenziellen Seinsort eröffnen kann. Hier finden wir eine bedingungslose Freiheit und Verbundenheit, die dem Wesen dieses Bewusstseins eigen sind, aus dem wir Moment für Moment erwachsen. Für Bendell liegt hier die Quelle eines Gleichmuts, der uns auch angesichts der existenziellen Bedrohung nicht in Panik oder übereilte Reaktionen ausbrechen lässt.

Dass übereilte Antworten oft aus der gleichen Denkweise kommen, die der ökologischen Krise zugrunde liegt, wiederholt Charles Eisenstein immer wieder. In seinem Buch »Klima: Eine neue Perspektive« entwirft auch er, so könnte man sagen, einen Ansatz der Tiefenanpassung. Für ihn wird im Zusammenhang mit dem Klimawandel aber oftmals die falsche Frage gestellt: »Wie können wir überleben?« Dabei ist für ihn die viel wichtigere Frage: »Wie wollen wir als Menschen leben?« Oder besser: »Wie wollen wir als Menschen zusammenleben?« Miteinander, mit unseren geschwisterlichen nicht-menschlichen Lebewesen und dem umfassenden Organismus Erde in einem lebendigen Kosmos. Dabei geht Eisenstein davon aus, dass unser innerstes Herz die Welt kennt, nach der wir uns sehnen, dass in jedem Menschen die Saat der Verbundenheit mit dem Leben liegt – weil wir das Leben sind, weil wir nie etwas anderes sein konnten. Erst diese Erkenntnis öffnet uns den Weg aus dem Suchen nach den Schuldigen inklusive der Grabenkämpfe und stellt die Frage nach dem richtigen Sein und Handeln aus der Gewissheit, dass jeder Mensch im Grunde ein Liebender der Erde ist – weil wir Erde sind.

Loslassen des Alten

Sowohl Eisenstein als auch die Deep-Adaptation-Bewegung, die sich mittlerweile weltweit gebildet hat, sehen einen wichtigen Aspekt der Antwort auf die Klimakrise darin, Begegnungsräume zu ermöglichen, in denen alle damit verbundenen Erfahrungen, Emotionen, Erkenntnisse Ausdruck finden und gemeinsam wertschätzend gehalten werden. In einer Atmosphäre, die getragen ist von einer verbundenen Verwurzelung in unserem gemeinsamen Sein. Denn was uns in der Leugnung hält, ist oft die Unfähigkeit, die Realität dessen, was gerade geschieht, wirklich an uns heranzulassen.

Das habe ich selbst erfahren, wenn ich die Nachrichten über schmelzende Eismassen, Feuer in Australien, tauende Permafrostböden sehe und daneben die Tatenlosigkeit der politischen Verantwortungsträger. Auch habe ich gemerkt, wie mir Stimmen Entlastung brachten, die sagten, es sei ja alles nicht so schlimm und es gebe auch andere Ursachen, oder die jungen Menschen sollten statt zu demonstrieren Ingenieure werden und an der technologischen Lösung arbeiten, oder dass es sich um Fake News machthungriger Regierungen handele. Es ist nicht leicht, sich in dieser Komplexität der Einzelheiten dem Szenario zu stellen, das von den meisten kompetenten Wissenschaftlern aufgezeigt wird. Dafür braucht es oftmals ein offenes Beziehungsfeld mit Menschen, in dem wir uns gemeinsam berühren und erschüttern lassen können.

Die Attraktivität der Leugnung ist vielleicht eine Parallele zu unserem Umgang mit dem Tod. In den von Elisabeth Kübler-Ross formulierten Sterbephasen kommt zuerst die Leugnung, dann folgt Wut, darauf Verhandeln, Depression und schließlich Annahme oder Akzeptanz. Es könnte eine der Hauptaufgaben einer zukünftigen Bewusstseinskultur sein, in diesen Phasen wirksame Orientierung zu bieten. Und diese Phasen sind nicht nur linear zu verstehen, sondern sind ein Prozess, der sich bei jedem anders zeigt.

In Analogie zur Phase der Akzeptanz spricht Jem Bendell von »Hoffnung jenseits der Hoffnung«. Dies ist eine Hoffnung, die den Abgrund der Verzweiflung durchschritten hat und sich nicht auf die erwünschte Zukunft richtet, sondern auf die schöpferische Kraft des Lebens selbst. Auf unser Sein als Menschen in diesem Augenblick. Und dem, was jeder von uns in seinem Leben, an seinem Ort, mit den Menschen um sich herum tun kann. Tun umfasst hier sowohl das Ändern des eigenen Lebensstils, eine achtsame Praxis der Verbundenheit, bewusste Begegnungsräume mit anderen Menschen oder Aktivismus und Einflussnahme auf politische Entscheidungen – und vieles mehr.

Dieses Tun kommt aus einer Erfahrung der Sinnhaftigkeit und Gutheit des Lebens, die sich nicht an bestimmte Ergebnisse hängt, sondern dem Leben als solches dankbar und verantwortlich Ausdruck gibt.

KANN MAN IN EINER ZEIT, IN DER SICH MÖGLICHERWEISE DIE ZUKUNFT UNSERES MENSCHSEINS AUF DIESEM PLANETEN ENTSCHEIDET, IN DIE STILLE GEHEN?

Hier öffnet sich ein Gleichnis zum Prozess meditativer Versenkung, in dem wir aller Hoffnungen, Wünsche und Identitäten beraubt werden und in die Leere gestellt sind, geworfen werden, die ein dunkler Abgrund des Nichts sein kann. Erst im Aushalten und Hindurchgehen öffnet sich die Fülle des Lebens als der oder die, die wir sind, als das Leben selbst, erfüllt von Freude und Liebe, die wir nur dankbar empfangen und verschenken können. Nicht umsonst beschreiben Mystiker diesen Weg als einen Tod, ein Sterben des getrennten Ichs – und eine Neugeburt.

In diesem Sinne ist auch unsere Klimakrise ein Prozess des Loslassens alter Identitäten, Gewohnheiten, Konventionen, Selbstbeschreibungen, Lebens- und Wirtschaftsformen. Diesen Prozess werden wir als Menschheit, als Gesellschaften durchlaufen müssen.

Im Angesicht des Sternenhimmels

Auf solche Weise stehen wir vielleicht gesellschaftlich in einem Prozess des Erwachens, der dem gleicht, den mystische Wege für Einzelne aufgezeigt haben. Diese Wandlung wird heute von einer Welt gefordert, die zugrunde geht, wenn wir uns nicht ändern.

In unserem Neujahrsretreat gab es auch Dialogrunden. In einer davon sprachen wir über unsere Praxis der Meditation im Kontext dieser globalen Krise. Eine der Leitenden zitierte einen Satz des afrikanischen Aktivisten Bayo Akomolafe, der erklärte: »Wir leben in dringenden Zeiten, lasst uns langsamer werden.« Und es wurde klar, dass solche Erfahrungen der tiefen Intimität mit dem Leben, wie es in der meditativen Stille möglich wird, auch den Raum öffnen, uns selbst und unser Sein in der Welt neu zu sehen. Darin war eine Verletzlichkeit und Liebe im Raum, die uns in der Sorge um die Welt und einer Hoffnung jenseits der Hoffnung verband. Jetzt und hier.

Eine ähnliche Erfahrung, in der für mich diese Verbundenheit spürbar wurde, war eine 24-stündige globale »Andacht« unter dem Leitsatz: »Belonging to Earth«. Im Rahmen der Initiative »One World Bearing Witness« trafen sich im vergangenen Dezember weltweit mehrere Tausend Menschen online, um durch Meditation und Beiträge von Aktivisten und spirituellen Vordenkern Zeugnis abzulegen für unsere Zugehörigkeit zur Erde. So entstand ein globaler Bewusstseinsraum, in dem die Hinwendung zur Erde, der Schmerz über die stattfindende Zerstörung und die tätige Liebe für unseren Planeten zwischen uns lebendig wurden.

Das Besondere an dieser Erfahrung war für mich, dass sich einerseits ein Feld der Gegenwärtigkeit aufspannte, in dem die Offenheit des Bewusstseins, das reine Gewahrsein, spürbar war und uns in ein Schwingungsfeld des Bewusstseins eingehen ließ. Gleichzeitig öffnete sich in diesem Feld der bewussten Verbundenheit das Herz der Erde.

Mir war es, als würde es im globalen Zwischenraum unserer geteilten Gegenwärtigkeit pochen, in uns und zwischen uns. Darin war eine Liebe, Zartheit, Verletzlichkeit und unbändige Kraft, die aus dem Leben selbst aufzusteigen schien. Und wenn ich in den Pausen auf die Hügel und das Meer, den Himmel und die Vögel schaute – ich war zu dieser Zeit in Griechenland – schien dieses Herz die ganze Landschaft zu erfüllen. Ich war kein Beobachter, sondern dieses Herz schlug auch in mir und sah sich durch mich in seiner verletzlichen Schönheit und seiner schöpferischen Kraft. Das EINE Herz des Lebens ist unser Herz.

Durch solche Erfahrungen wurde mir klar, dass kontemplative Übungen wie Meditation oder verschiedene Formen von Wir-Räumen, die bisher vor allem zur Selbstentdeckung erforscht wurden, heute einer vielleicht weitaus wichtigeren Aufgabe dienen können und vielleicht müssen: uns als Menschen Erfahrungs- und Reflexionsräume zu geben, in denen wir gemeinsam unsere bekannten Identitäten loslassen und die Emotionen, die dabei aufkommen, tragen können, um aus dem nichtwissenden Vertrauen die mögliche menschliche Zukunft erahnend zu gestalten. Solche Foren bilden sich zunehmend, wie die Communities um Extinction Rebellion und Fridays for Future, Deep-Adaptation-Gruppen oder Netzwerke der Tiefenökologie oder des Sacred Activism.

WIR LEBEN IN EINER ZEIT, IN DER EINE EXISTENZIELLE VERWURZELUNG IM LEBEN EIN KULTURELLER WERT SEIN WIRD.

Wir leben in einer Zeit, in der eine existenzielle Verwurzelung im Leben ein kultureller Wert sein wird, den wir einbringen, vertiefen und pflegen können. In der Akzeptanz, dass wir vielleicht schon zu weit in der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen gegangen sind, dem Mut, auch im möglichen Zusammenbruch als Mensch zu wachsen, der Entschlossenheit, unser eigenes Leben zu ändern und uns für das Lebendige einzusetzen. Und einer Hoffnung, die aus der Kraft des Lebens selbst schöpft und der Offenheit für die Möglichkeit, dass wir aus dieser Krise als neue Menschen hervorgehen. Terry

Oder wie es Jem Bendell als erste seiner Empfehlungen für den Umgang mit der Klimakrise formuliert: »Kehre zurück zur Idee – oder erforsche neu die Möglichkeit – eines Göttlichen, eines Geistes, eines Bewusstseins oder Gottes, welcher der Erde vorausgeht und sich jetzt und in alle Ewigkeit durchs Universum bewegt. Tu es so, dass du keine einfache Erklärung suchst, sondern ein Gefühl des Vertrauens darin, dass es eine Existenz und einen Sinn jenseits unserer Kultur, unserer Spezies und unseres Planeten gibt. Durch solch ein ›Vertrauen‹ kann jeder die unvermeidlichen Schwierigkeiten und Traumata des Lebens erfahren und verarbeiten.«

Author:
Mike Kauschke
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