Ein Meister des Menschseins

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Essay
Published On:

July 17, 2017

Featuring:
Hubert Dreyfus
Martin Heidegger
Michel Foucault
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Issue:
Issue 15 / 2017:
|
July 2017
Mensch & Maschine
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Im Gedenken an Hubert Dreyfus (1929 – 2017)

Als Hubert Dreyfus diese Welt im April im Alter von 87 Jahren verließ, müssen sich die Sterne für einen Moment abgedunkelt haben, um des Todes einer großen Seele zu gedenken. Dreyfus war weder ein spiritueller Lehrer noch ein Heiliger, auch kein Guru oder Meditationslehrer. Dreyfus unterrichtete stattdessen über 50 Jahre lang Philosophie an der University of California in Berkeley. Von den Studenten wurde er geliebt; sie schrieben ihm häufig noch Jahre nach ihrem Abschluss, um ihm mitzuteilen, wie sich ihr Leben durch ihn verändert hatte. Seine Integrität, Neugier und Offenheit für das Leben und sein volles Präsent-Sein machten aus ihm einen vorbildlichen Menschen. Menschlichkeit war für Dreyfus das eigentliche Thema seiner Studien und seiner Praxis. Er war ein Meister des Menschseins.

Hubert Lederer Dreyfus, bekannt als »Bert«, erhielt die größte Anerkennung für seine Kritik an der künstlichen Intelligenz. In der amerikanischen Mainstreamkultur galt Dreyfus als der Mann, der kaltes Wasser über die Fieberträume von Omnipotenz, Unsterblichkeit und Superintelligenz goss, die an Orten wie dem Silicon Valley heraufbeschworen wurden. In einem einflussreichen Beitrag mit dem Titel »Alchemie und künstliche Intelligenz« demontierte er den Ansatz Simons und Newells, der Vordenker der frühen Forschung im Bereich der künstlichen Intelligenz. 1972 schrieb er das viel beachtete Buch »Was Computer nicht können«, das er 1992 aktualisierte. Im Laufe der Jahrzehnte erkannten Experten der künstlichen Intelligenz die Wahrheit in Dreyfus’ Behauptungen, dass Körper und Geist des Menschen nicht wie eine programmierbare Maschine funktionieren.

Dreyfus’ Kritik basierte auf seiner Leiden- schaft für die Arbeit Martin Heideggers. Tatsächlich rechnen viele berühmte Philosophen in Amerika – Richard Rorty und Charles Taylor, um nur zwei zu nennen – Dreyfus an, sie mit Heidegger wie auch mit Merleau-Ponty und Foucault bekannt gemacht zu haben. Dreyfus traf Heidegger in den 50er Jahren und trotz seiner Anerkennung für das große Werk dieses Mannes war er von der Person selbst weniger beeindruckt. Wie ironisch für Heidegger, dass der Mensch, der der führende Anhänger seiner Philosophie in den Vereinigten Staaten war, sowohl Jude als auch Amerikaner war.

Dreyfus tat, was Heidegger nicht getan zu haben scheint: Er lebte seine Philosophie, sodass »Dasein« um ihn herum spürbar wurde. Dreyfus’ einzigartiger Beitrag zu Heideggers Arbeit war, dass er Heideggers verkörperte Auffassung vom Sein im Leben tatsächlich lebte und zur Anwendung brachte. Das zeigte sich zum Beispiel in dem Film »Being in the World« von 2010, der von Dreyfus inspiriert war.

Menschlichkeit war für Dreyfus das eigentliche Thema seiner Studien.

Dreyfus’ wahre Menschlichkeit zeigte sich durch sein Lehren. Weil sich sein Forschen und Denken um die menschliche Existenz drehten, »glaubte er, dass jeder Mensch die Fähigkeit hat, etwas zu diesem Gespräch beizutragen«, sagt Sean Kelly, der zusammen mit Dreyfus das Buch »Alles, was leuchtet« schrieb. »Er glaubte, dass der naive Studienanfänger genauso gut eine neue Möglichkeit sehen konnte wie der erfahrene Uniabsolvent oder Professor. Seine Vorlesungen waren authentische, lebendige Gespräche, in denen es immer um die Essenz ging. Sie waren begeisternd.« Seine Bescheidenheit, seine Fähigkeit zuzuhören und von jedem zu lernen, entfachten diese Begeisterung.

Dreyfus’ spätere Themen zeigten seine eigene Mission, auf den Punkt gebracht im Titel einer Vorlesung von 2005: »Von den Göttern zu Gott und wieder zurück.« Seine tiefgründigen Vorlesungen zu Homers »Odyssee« und Herman Melvilles »Moby Dick« untersuchten die verschiedenen Welten der Griechen und der Moderne aufgrund ihrer unterschiedlichen Beziehungen zu Verkörperung. Beunruhigt durch den Sprung der Moderne in den Nihilismus versuchte Dreyfus unsere Beziehung zum Heiligen neu zu beleben. Dasein sei heilig, behauptete er, und unsere Arbeit in der Kultur müsse sein, neue Wege zu diesem Heiligen zu eröffnen. Er dachte über einen neuen Polytheismus nach, in dem Menschen wieder die Erfahrung der Ehrfurcht vor dem Unbenennbaren machen können. »Alles, was leuchtet« zeigte dem Leser Schritte in diese Richtung.

Im April, am Nachmittag seines Todes, erschien eine Nachricht auf Twitter, die charakteristisch geistreich und demütig war: »Die Berichte von meinem Ableben sind nicht übertrieben.« Sein Werk geht weiter – einige Bücher wurden posthum veröffentlicht – und lebt in allen, die durch ihn zu sich selbst erwachten.

Author:
Dr. Elizabeth Debold
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