Eine Utopie der Freundschaften

Our Emotional Participation in the World
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Essay
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November 6, 2020

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Ausgabe 28 / 2020:
|
November 2020
Der Sinn des Lebens
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In rasanter Geschwindigkeit erleben wir, wie ein vertrautes, kontrollierbar wirkendes Lebensumfeld in viele unbekannte, nur bedingt steuerbare Facetten zerfällt. Mir erscheint es, als würde dadurch eine Realität aufgedeckt, in der wir uns schon lange bewegen, die wir aber bisher nicht anerkennen konnten.

Unser Weltbild ist von vielen Kategorisierungen durchzogen, die uns Handlungs­sicherheit vermitteln. Unser ethisches Denken etwa beruht wesentlich auf der binären Unterscheidung, dass Menschen wichtiger sind als Nichtmenschen, dass sie vielleicht sogar die einzigen Wesen im moralischen Universum sind, die einen intrinsischen, absoluten oder Eigenwert haben. Diese Sicht der Dinge nennen wir Anthropozentrismus und alle anderen Wesen erhalten unter einer anthropozentrischen Perspektive einen niedrigeren, extrinsischen oder instrumentellen Wert, den sie nicht um ihrer selbst willen, sondern immer nur für die Menschen haben.

Es braucht nicht viel, um festzustellen, dass diese Weise ethischen Kategorisierens, Denkens und Urteilens gewisse Herausforderungen mit sich bringt. Denn durch diesen Fokus auf eine Gruppe von Wesen, die entweder als Menschen interpretiert oder zumindest nach menschlichen Maßstäben bewertet werden, schließen wir automatisch alle anderen Wesen (Tiere, Pflanzen, Maschinen) aus dem Zentrum des moralischen Universums aus. Wir gestehen diesen Wesen entweder nur einen deutlich geringeren moralischen Wert zu oder wir nehmen sogar an, dass sie gar keinen moralischen Wert haben. Um es auf den Punkt zu bringen, sind unsere für gewöhnlich genutzten ethischen Denksysteme und -gewohnheiten strukturell exkludierend und damit tendenziell diskriminierend.

Gibt es einen Ausweg aus diesem Dilemma? Oder sind wir dazu verdammt, aufgrund unserer Konzentration auf das moralische Handlungssubjekt (meistens eben exklusiv die Menschen) immer all die anderen (nichtmenschlichen) Wesen auszuschließen und moralisch abzuwerten, zu diskreditieren, zu diskriminieren?

BEZIEHUNGEN ERSCHAFFEN ERST DAS, WAS WIR REIN OBERFLÄCHLICH ALS SELBSTSTÄNDIGE SUBJEKTE ERKENNEN. 

Natürlich nicht! Ethik ist kein Naturgesetz. Eine gerne gegebene Antwort auf die Frage nach der Alternative lautet, dass wir einfach eine neue Theorie vom moralischen Handlungssubjekt brauchen. Wir müssen die Gruppe derjenigen, die in unserem moralischen Universum den höchsten Wert erhalten, größtmöglich erweitern. Aber jede neue Theorie vom moralischen Handlungssubjekt produziert wieder neue Ausgeschlossene. Und das muss wohl oder übel auch so sein, denn hätten alle Wesen, menschliche wie nichtmenschliche, einen moralischen Eigenwert, wäre moralisches Handeln schlicht unmöglich.

Nein, es hilft nichts, wir müssen anders vorgehen. Wagen Sie mit mir ein utopisches Gedankenexperiment? Stellen wir uns dazu einmal vor, wir würden diesen so tief in uns verankerten Fokus auf das moralische Handlungssubjekt radikal verschieben. Aber wohin? Wenn die Subjekte nicht mehr im Mittelpunkt stehen, wer oder was kann es denn dann? Nun, mein Vorschlag wäre, es einmal mit einer Konzentration auf die Beziehungen, die Relationen, zu versuchen. Nicht die Subjekte sind den Beziehungen, die sie miteinander eingehen, vorrangig, denn es gibt schlicht keine autonomen, autarken, monadischen Subjekte. Sondern die Beziehungen erschaffen erst das, was wir rein oberflächlich als selbstständige Subjekte erkennen.

Wenn wir eine Ethik formulieren, die nicht mehr darauf baut, moralische Individuen zu definieren, sondern die sich auf Beziehungen richtet, würde sich sicherlich einiges ändern. Und ohne Zweifel ergäben sich aus dem fluiden, dynamischen Subjekt, das sich ständig wandelt und abhängig von einer konkreten Beziehung immer anders aussehen kann, auch große Herausforderungen. Aber Utopien realisieren sich nicht von allein. Wir müssen uns für sie einsetzen und uns irgendwann auf den Weg begeben, der zu ihnen führt.

Ich stelle mir eine Welt, in der es nicht um Freundinnen, sondern um Freundschaften, nicht um Gefährtinnen, sondern um Gefährtinnenschaften geht, sehr schön vor. Ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der es keine Rolle mehr spielt, wie sich diejenigen, die in Beziehungen eingebunden sind, verstehen – ob als Menschen, Tiere, Maschinen, Pflanzen oder als was auch immer –, bzw. als welche spezifischen Wesen einer jeweiligen Spezies sie sich begreifen – ob bspw. als Frauen, als Queers, als Menschen mit einer besonderen körperlichen Konstitution, als people of colour oder als jemand ganz anderes. Sondern mich interessiert, was das für Beziehungen sind, durch die ›sie‹ entstehen. Eine Gesellschaft der Freundschaften und Gefährtinnenschaften – das ist meine Utopie einer inklusiven Ethik. 

Author:
Dr. Janina Loh
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