Erde sein

Our Emotional Participation in the World
English Translation
0:00
0:00
Audio Test:
Essay
Published On:

January 31, 2019

Featuring:
Ken Wilber
Peter Spiegel
Ute Scheub
Robert Harrison
Categories of Inquiry:
Tags
Issue:
Ausgabe 21 / 2019:
|
January 2019
Die Zukunft der Religion
Explore this Issue

Please become a member to access evolve Magazine articles.

Lebendige Landschaften in uns und um uns

Erde, Boden, Heimat – das geht in Deutschland nur »rechts außen«. Könnte aber ein neues Verständnis einer lebendigen Erde auch eine Inspiration für eine neue, offene Kultur der Lebendigkeit sein?

Weshalb eigentlich lässt sich mit Erde so leicht ideologischer Missbrauch treiben? Natürlich, fruchtbarer Boden ist im Wortsinn grundlegend für die Sicherung menschlicher Existenz. Territorial, als Abgrenzung gegen Fremde oder vielmehr das Fremde dient die kollektive Identifikation mit dem eigenen Stück Erde, der eigenen Scholle, von da aus der »Heimat« dem ebenfalls als elementar empfundenen Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Identität. In der kollektiven Psyche namentlich der Deutschen hat die verbrecherisch ausgenutzte Manipulierbarkeit dieses Bedürfnisses eine kontaminierte Zone hinterlassen. Weshalb in Milieus, die eine liberale, rational aufgeklärte Beziehung zum eigenen Land pflegen, wie auch in den Kreisen progressiv spirituell ausgerichteter Menschen bis heute die Tendenz herrscht, einen weiten Bogen um Fragen von Boden und Identität zu schlagen, ja sie gar als tabu anzusehen. Während sich zugleich im rechten Lager und aktuell verstärkt in fremdenfeindlichen, völkischen Tendenzen zeigt, wie erschreckend präsent diese kontaminierte Zone ist, wie leicht sie aktiviert werden kann.

Was, wenn die bekannten Abirrungen und Pervertierungen so etwas wären wie der Schatten eines immensen Potenzials? Ein Schatten, der nicht wirklich mit der Umsetzung des Potenzials einhergeht, sondern dieser gleichsam voraus ist und umso wirkmächtiger gerät, je länger die Erschließung seines Gegenbildes ausbleibt? In dem Sinne, wie etwa Ken Wilber das Wiedererstarken von Nationalismen auf einen bislang versäumten Evolutionsschritt zurückführt? Und vielleicht ist gerade Deutschland aufgrund seiner geschichtlichen und kulturellen Besonderheiten dazu prädestiniert, ausgehend von einem neuen, bewussten In-Beziehung-Treten mit Erde toxische psychosoziale Altlasten aus der Vergangenheit in lebensfördernde Zukünfte zu transformieren. Das wäre auch ein gerade in diesem Land nahe liegender Beitrag zur allerorts immer wieder nötigen Erdung progressiv spiritueller Denkweisen und Praxisansätze.

Was Erde willenlos ist, sei du es wollend, das ist’s

Besagtes Potenzial wird sozialwissenschaftlich als Entstehen einer »neuen Wir-Kultur« (Zukunftsinstitut) oder auch als »Megatrend WeQ« (Peter Spiegel) beschrieben. Die allgemeine Systemtheorie spricht von einem »holonischen« Wandel des Bewusstseins: Nachdem das selbstreflexive Bewusstsein bislang allein beim »Ich« ansässig war und weithin noch ist, hätten die offenen Systeme, auf denen alles Lebendige beruht, heute eine Komplexität erreicht, die es mit Blick auf das geteilte Eigeninteresse der Erdenbewohner unverzichtbar werden lassen, zu gemeinschaftlicher Selbstreflexion und ko-kreativer Interaktion zu gelangen. Den Leserinnen und Lesern von evolve ist diese evolutionäre Sicht auf das menschliche Bewusstsein wohl vertraut, viele von uns arbeiten aktiv mit am Wirksamwerden ko-bewusster und ko-kreativer Räume.

Bislang haben wir diese Bewusstseinsarbeit kaum mit Erde in Verbindung gebracht. Doch bräuchte es hier vielleicht genau das Gegenteil? Könnte im »Erdzeitalter des Menschen«, dem Anthropozän, eine neue Hinwendung zu lebendiger Erde eine wirksame Strategie für die Herausbildung lebensfördernder Wir-Kulturen sein? Anders gefragt: Rührt vielleicht die so machtvolle Verbindung von Erde und der kollektiven Psyche auch daher, dass lebendige, fruchtbare Erde ein »Wir-Wesen« ist?

DIE EIGENSCHAFTEN UND FÄHIGKEITEN LEBENDIGER ERDE GEHEN AUS EINEM UMFASSENDEN BEZIEHUNGSGESCHEHEN HERVOR.

Wie aus der Bodenkunde bekannt, enthält eine Handvoll Erde mehr Lebewesen, als es Menschen auf diesem Planeten gibt. Mithin gehen die Eigenschaften und Fähigkeiten lebendiger Erde aus einem umfassenden Beziehungsgeschehen hervor – aus einem Miteinander, das, wohlgemerkt, generativ, also erschaffend ist: Innen mit außen, oben mit unten verbindend, Nährstoffe bildend, haltend, tragend, Abgelebtes in Entstehendes transformierend, veranlagt das Wir-Wesen Erde Fruchtbarkeit, Gedeihen und evolutionäres Werden. Wenn eine neue Hinwendung zu Boden, zu lebendiger Erde eines lehren kann, ist dies die generative, nährende, verlebendigende Kraft authentischen In-Beziehung-Seins.

Sofern es Gabe und Aufgabe des Menschen ist, dem Geschehen auf der Erde Bewusstheit zu schenken, dürfte der spezifisch menschliche Beitrag an dieser Stelle darin bestehen, dem Veranlagen von Fruchtbarkeit und von Gedeihen, wie lebendige Erde es vollbringt, den frei gefassten Entschluss hinzuzufügen. In leicht abgewandelten Worten Friedrich Schillers: »Suchst du das Höchste, das Beste, / Erde kann es dich lehren, / was sie willenlos ist, / sei du es wollend, das ist’s.« Schiller schrieb dies mit Blick auf die Pflanze.

Das verwundete Wir

Das in der kapitalistisch und nationalistisch geprägten Moderne tief gestörte, tief verwundete Wir kann nicht via Regression genesen und auch nicht durch Einhegung in bloß rationale Bezüge. Wie die Politikwissenschaftlerin Ute Scheub darlegt, erstarken Rechtspopulisten hierzulande oft in den ausgeräumten ländlichen Regionen, weil dort junge Männer kaum mehr Perspektiven haben. Wo akuter Beziehungsschwund herrscht, wo Agro-Angestellte Lebewesen wie tote Dinge behandeln und sich gleichzeitig selbst wie tote Dinge behandelt fühlen, entstehe Angst gegenüber allem Lebendigen und Vielfältigen – ein Nährboden für Hass auf Fremde(s). Monokulturen auf den Feldern, so Scheub, verursachen Monokulturen in den Köpfen.

Umgekehrt kommt der Kulturphilosoph Robert Harrison in seinem Buch »Gärten. Ein Versuch über das Wesen der Menschen« zu dem Schluss, dass »die Kultivierung des Erdbodens und die Kultivierung des Geistes wesensgleiche und nicht bloß ähnliche Aktivitäten sind«. Einen Beleg hierfür liefert die GLS – Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken – als erste ethische Bank in Deutschland, die unlängst bei der größten Abstimmung unter Privatkunden*innen zum 9. Mal in Folge eine Auszeichnung als »Bank des Jahres« erhielt. Zu den zentralen Impulsen für ihre Gründung vor 40 Jahren zählte es, mit dem biologisch-dynamischen Landbau als Kompass Landwirtschaft nicht industriell, d. h. sachfremd zu betreiben, sondern als Kultivieren der Erde ebenso wie der sozialen Beziehungen von Menschen.

Hin zum Gemeinschaffen

Auch die »CSA« (community supported agriculture) mit immer mehr »Solawi«-Initiativen (Solidarische Landwirtschaft) in Stadt und Land, die vielerorts sich bildenden Regionalwert AGs, Pioniere einer »aufbauenden Landwirtschaft«, wie die Gemeinschaft Schloss Tempelhof in Baden-Württemberg, die Permakultur-Bewegung und nicht zuletzt die wachsende Commons-Bewegung: Sie alle erforschen ein Gemeinschaffen, das sich kraft bewussten In-Beziehung-Tretens neu mit den Eigenschaften und Fähigkeiten lebendiger Erde verbindet; das von ganz unten, von einem kulturschöpferischen Miteinander mit lebendiger Erde aus Übergänge in eine postkapitalistische Ära eröffnet.

Wo dieses ganze Feld auf der einen Seite und evolutionär ausgerichtete Initiativen zur Schaffung ko-bewusster, ko-kreativer Räume auf der anderen Seite sich verbünden, wächst die Chance, dem nicht zuletzt in Deutschland erstarkenden regressiven Wir wie auch dem furchtbaren Sterben unserer Landschaften wirksam entgegenzutreten.

Author:
Dr. Hildegard Kurt
Share this article: