In der Unterwelt wird das Leben erneuert

Our Emotional Participation in the World
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Interview
Published On:

July 12, 2021

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Ausgabe 31 / 2021:
|
July 2021
Wir alle leben in Mythen
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Eine poetisch-mythische Erzählung erfordert die Fähigkeit, den Kosmos als eine innewohnende, lebendige Wahrheit zu empfinden – ein inneres Wissen, dass das Universum in uns lebt und wir als ein Mikrokosmos diese Verbundenheit und Ganzheitlichkeit widerspiegeln. Und durch bildhafte und symbolische Erzählungen können wir das große Bild des Kosmos entziffern und entschlüsseln. Viele von uns haben flüchtige Momente der Transzendenz erlebt, aber wenn wir versuchen, sie zu erfassen, entgleiten sie uns unweigerlich. Das liegt daran, dass wir gewöhnlich versuchen, diese Momente auf lineare Weise zu verstehen. Wir versuchen, ihre Botschaften als kategorisierte Informationen zu erfassen, die oft aus unserer müden und erstarrten Vergangenheit stammen. Aber mythisches, poetisches Wissen erfassen wir direkt durch die Intuition. Dieses intuitive Wissen wird durch Symbole, Träume und Metaphern kommuniziert. Dieses Wissen wohnt im Unbewussten, und so kommen wir ihm mit der Sprache am nächsten durch spezifische Formen subtiler, bildtragender Poesie, denn diese spricht das Herz an und rührt an seine imaginale Syntax.

Mythen, Träume und Symbole berühren uns auf ähnliche Weise. Es gibt zwar viele Menschen, die ein umfangreiches Wissen über sie haben und sie in komplizierten, intellektuellen Details beschreiben und analysieren können, aber erleben sie wirklich die Botschaften bestimmter Mythen in ihrer tieferen Seele? Denn wenn wir sie leben und von ihrer Gegenwart durchdrungen sind, werden wir zu fähigen Vermittlern dessen, was das Unbewusste uns offenbaren will. Die gemeinsam geteilten Muster und Arche­typen, die sich in Mythen und bestimmten Gattungen der Poesie manifestieren, sind im kollektiven Unbewussten aktiv. Es ist eine tiefe Quelle, aus der Mythen entspringen, und genau aus diesem Grund überwinden sie die Grenzen von Kulturen, Ethnien und Zeitlinien. Wenn wir also die Anfangszeile »Es war einmal« verwenden, sagen wir eigentlich »für immer jetzt«. »Es war einmal« bringt uns direkt in den vitalen, gegenwärtigen Moment, der immer bei uns ist und seine Ewigkeit durch uns zu manifestieren sucht. Wie Joseph Campbell sagte: »Ewigkeit hat nichts mit Zeit zu tun. Die Ewigkeit ist jene Dimension des Hier und Jetzt, die das Denken und die Zeit ausspart.« Reife Mythen sind also Ausdruck des Unbewussten und ermöglichen uns, die Ewigkeit in der Unmittelbarkeit des Augenblicks zu erahnen. Campbell sagte auch: »Wenn man die Welt verändern will, muss man die Metapher verändern.« Derzeit leben wir in der Pseudo-Metapher des konstanten, linearen, aufwärts gerichteten und ununterbrochenen materiellen Wachstums. Doch ein unendliches Wachstum ist auf einem endlichen Planeten nicht möglich. So wird diese hochgestapelte Metapher und Geschichte brüchig.

MYTHISCHES, POETISCHES WISSEN ERFASSEN WIR DIREKT

DURCH DIE INTUITION.

In allen Kulturen gibt es mythentragende Themen von zyklischem Tod und Wiedergeburt. Diese Mythen verlangen von uns, dass wir uns in die »Unterwelt« der Psyche begeben. Der größte Teil unseres psychologischen Wachstums findet in dieser Unterwelt statt. Dort wird durch unsere inneren Prüfungen unsere Weisheit geboren. Deshalb sind die Erzählungen von Tod und Wiedergeburt in unserer Zeit so wichtig. Kollektiv gehen wir durch den Tod alter Ideen und überholter Seinsweisen. Der Tod ist Teil der zyklischen Natur des Lebens, und je mehr wir uns in einen Ort ewiger Jugend botoxen oder in einem kalifornischen Klima mit tagein, tagaus demselben Wetter leben wollen, desto mehr verkennen wir, dass Ringen und manchmal schmerzhafte Desillusionierung notwendige Aspekte des Wachstums sind. Damit die Wiedergeburt in der dunklen Nacht der Seele stattfinden kann, muss etwas vom alten Selbst geopfert werden, so schwer das auch sein mag. Opfern bedeutet, etwas heilig zu machen, indem wir etwas aufgeben, das nicht mehr unserer wahren Bestimmung entspricht. Dieses Opfer kann nur in der Unterwelt der Seele geschehen. In den griechischen Mythen ist Hades, der Herr der Unterwelt, sowohl eine fiktive Figur als auch ein Seelenterrain. Wir können die Erfahrung machen, im Hades zu sein, einem Reich des Todes, der Schatten, der Depressionen, der Klagen und des Bedauerns, wenn wir der Unterwelt unserer selbst begegnen. Während einer inneren Metamorphose zerbrechen und lösen sich die Dinge natürlich auf und wir bleiben mit unserem unmaskierten, rohen Selbst zurück. Aber es ist dieses Selbst, das auf ein neues und dämmerndes Licht blickt ... das neue Licht der Transformation unserer Seele.

Das Interview, auf dem dieser Text beruht, führte Elizabeth Debold.

Author:
Dr. Elizabeth Debold
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