Kloster reloaded

Our Emotional Participation in the World
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Interview
Published On:

April 5, 2021

Featuring:
Sophie Zmijanek
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Ausgabe 30 / 2021:
|
April 2021
Kunst öffnet Welten
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Ein neues Kapitel für das Bildungsjahr project peace

Sophie Zmijanek ist in der pädagogischen Leitung von project peace tätig, einem Orientierungsjahr für junge Erwachsene mit dem Ziel, individuelle Reife und politische Verantwortung miteinander zu verbinden. Sophie inspiriert an dieser Initiative vor allem die Idee, moderne Klöster zu gestalten, in denen neue Formen spiritueller Gemeinschaft gelebt werden.

evolve: Wie bist du dazu gekommen, dich für Gemeinschaften und ein modernes klösterliches Leben zu engagieren?

Sophie Zmijanek: Ohne zu wissen, woher das kam, habe ich schon früh als Kind meiner Mutter gesagt, dass ich mal ins Kloster gehen will. Als Mädchen war ich dann auf einer Klosterschule. Trotz alldem, wogegen ich mich schon damals gewehrt habe – wir waren zum Beispiel noch beichten! –, war darin auch etwas, was mir sehr tief entsprochen hat: zusammen zu beten, zu singen, Gottesdienste zu feiern und die innere Ausrichtung der Lehrerinnen zu spüren.

Danach war ich in Indien und habe viel Leid gesehen, dabei spürte ich auch das Leid in mir. Es war mir nicht möglich, danach Literatur zu studieren, wie ich es eigentlich vorhatte. Ich bin an die Universität nach Lüneburg gewechselt und habe lebendige Kulturen studiert, zum Beispiel bei Andreas Weber, der mich sehr inspiriert hat.

Als ich an dem Orientierungsjahr bei project peace teilnahm, wurde ich dann in die Tiefe der Stille eingeführt. Für mich ist es die formlose Form von Gottesdienst, wenn ich aus der Stille verwandelt hervorkomme, wenn ich erlebe, was sich verändert, wenn ich drei Tage in Stille gesessen habe: die Klarheit, mit der ich mich durch die Welt bewege und viel flexibler, atmungsfähiger und antwortfähiger bin.

project peace unterstützt junge Erwachsene ja dabei, sich selbst und die Welt tiefer kennenzulernen – indem die Gruppe pädagogisch begleitet für zehn Monate zusammenlebt und im Leben lernt. Auf diese Weise entstehen in unseren Teilnehmenden oft die Fähigkeiten, sich zu orientieren, teilzuhaben und beizutragen. Als ich damals teilnahm, gab es noch eine längere Zeit, in der alle Teilnehmenden in verschiedenen sozialen und ökologischen Einrichtungen auf der ganzen Welt arbeiteten. Ich bin in Sulzbrunn geblieben und habe den Ausbau unseres Hauses, der Villa Damai, organisiert. Das war eine sehr aktive Zeit. Über Monate war ich viel im Außen, um den Umbau mit zu planen. Als ich dann mit Beate Gelhaus die pädagogische Leitung übernahm, wurde ein neues Kapitel aufgeschlagen.

e: Inwiefern ein neues Kapitel?

SZ: Wir gehen gerade durch einen sehr herausfordernden Prozess, in dem wir die Übergabe des Projekts von Gründerin Adelheid Tlach-Eickhoff an die nächste Generation gestalten. Wenn ein ganzes Projekt aus einer Person erwächst, dann ist ein solcher Wandel sehr schwierig, weil keine Struktur vorhanden ist, die übergeben werden kann. Daher sind wir gerade dabei, die Struktur zu schaffen, mit der das Projekt zukünftig von einem Team getragen werden kann. Von den Netzwerken bis zur Finanzierung und dem Fundraising, der Gemeinnützigkeit und der Buchhaltung hängt da noch viel mehr dran als der inspirierende Inhalt. Eigentlich brauchen wir jemanden für die Geschäftsführung, damit wir uns auf die pädagogische Leitung konzentrieren können.

e: Worauf würdest du dich gerne mehr konzentrieren?

SZ: Ich halte eine starke Beziehungsfähigkeit für den Humus, der das individuelle und kollektive Blühen ermöglicht. Das war ein Grund, die Unterwegszeit zu kürzen, sodass die Gruppen einen intensiveren Gemeinschaftsbildungsprozess durchlaufen. Und ich denke, dass durch mich die Gewaltfreie Kommunikation und das damit einhergehende Beziehungsbewusstsein noch stärker Teil von project peace wird.

e: Wie hilft dir deine spirituelle Praxis bei diesen praktischen Herausforderungen?

SZ: Das erlebe ich wie einen Aufruf, im Gebrochenen zu agieren. Manchmal ist es verdammt schwer. Gerade wenn wir versuchen, in den vorhandenen Strukturen etwas zum Blühen zu bringen. Dabei ist es mir wichtig, gut genug für mich zu sorgen, offen zu bleiben für das, was sich noch entwickeln kann.

e: Was inspiriert dich an der Idee, ein modernes klösterliches Leben zu gestalten?

SZ: Mit Klöstern verbinde ich, dass Menschen zusammenkommen, um sich dem Heiligen zu widmen und auch den Mut haben, es so zu benennen. In den Klöstern und spirituellen Gemeinschaften, in denen ich war, habe ich immer wieder die Erfahrung gemacht, dass diese Intention in die Stimmung sickert und eine besondere Dichte erzeugt. Wie eine spürbare Verdichtung von Stille.

e: So wie ich dich verstehe, geht es dir ­darum, diese klösterliche Stimmung in andere Lebensbereiche zu übertragen. Was ist dir da wichtig zusammenzubringen?

SZ: Ja, das ist meine Leidenschaft, mein Feuer! Oft werden spirituelle Wege abgetrennt von der Materie, Menschen haben sich für ihre individuelle Reife aus gesellschaftlichen Aktivitäten herausgezogen. Den intimen Beziehungen wurde das Zölibat gegenübergestellt. Es gab lange diese Trennung zwischen spirituellem und weltlichem Leben. Ich suche nach Orten, an denen inneres und politisches Wachsen verbunden wird. Als ich zu project peace gekommen bin, hat mich sehr berührt, wie hier beides miteinander verbunden wird. Wie Beziehung zum Träger des Heiligen wird, mein Aktivismus zum Träger des Heiligen wird, genauso wie die Stille. Ich habe den Wunsch, gemeinschaftliche Gefäße zu bilden, die die unterschiedlichen Bereiche menschlicher Entwicklung umfassen. Das habe ich bei project peace entdeckt.

ICH HALTE EINE STARKE BEZIEHUNGSFÄHIGKEIT FÜR DEN HUMUS, DER DAS INDIVIDUELLE UND KOLLEKTIVE BLÜHEN ERMÖGLICHT.

e: Du weigerst dich, das Heilige dem Leben gegenüberzustellen. Wenn alles heilig ist, was zeichnet es dann aus, auf eine heilige Weise zu leben?

SZ: Was für eine schöne Frage! Nun, die Anstrengung fällt weg, denn eigentlich ist alles schon immer da. Ich kann vom Kon­trollieren zum Lassen kommen. Dann brauche ich nichts mehr hinzuzufügen – alles ist schon da. Es gibt ja durchgehend die Möglichkeit, mich für die Heiligkeit des Lebens zu öffnen.

Wenn ich mich auf eine heilige Art dem Leben zuwende, dann ist das, was gerade da ist, schon genug. Dann arbeite ich mit dem, was da ist. Das ist die Radikalität darin: mich tief einzulassen auf das, was jetzt gerade da ist, mich berühren zu lassen. Und dem zu antworten. Wenn ich mich berühren lasse, dann tut mir weh, was ich in der Welt erlebe. Und meiner Erfahrung nach folgt da­­raus die verantwortliche Handlung.

e: Du hast immer wieder von Momenten gesprochen, die dich tief berührt haben: in der Stille, im Kontakt zu anderen Menschen und auch in der Arbeit. Wie würdest du beschreiben, womit du da in Kontakt kommst?

SZ: Das erforsche ich selbst noch. In den letzten Jahren war ich immer wieder mit dem Rinzai-Zen in Kontakt. Gerade interessiere ich mich besonders für die christliche Mystik. Es fühlt sich an, als ob ich wieder an diese Tradition anknüpfe, die meine Erfahrung besser beschreibt. Die Türen gehen leichter auf, ich kann mehr loslassen und muss mir weniger erarbeiten. Das ist ein Geschehnis, etwas, das mir geschieht, ein Geschenk. Ich kann es nicht machen, sondern mich nur so weit öffnen, dass die Welt tief in mir ankommt.

Dabei erlebe ich eine tiefe Freude. Für mich passt hier das Wort Liebe. Mystik ist der Weg der Liebe. Wobei das so kitschig klingt, dass ich es kaum in den Mund nehmen mag. Ich meine ja keine romantischen Konzepte, sondern die stille Freude, die nichts will, außer zu schenken.

Author:
Gerriet Schwen
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