Schmerz Zonen

Our Emotional Participation in the World
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Interview
Published On:

November 7, 2019

Featuring:
Dr. Hildegard Kurt
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Ausgabe 24 / 2019:
|
November 2019
Offene Heimat
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Über den Beziehungsschwund der Moderne

Hildegard Kurt beschäftigt sich in ihrer Arbeit als Kulturwissenschaftlerin und soziale Künstlerin mit kreativen Wegen der Verwurzelung im Lebendigen. Für sie sind die Beziehungskraft in unserem unmittelbaren Umfeld und das Verbundensein mit der Erde dabei wesentliche Faktoren. Wir sprachen mit ihr über Möglichkeiten einer neuen Beheimatung in Zeiten der Digitalisierung und des Klimawandels.

evolve: Ist »Heimat« für dich ein relevanter, ein interessanter Begriff? Ist es ein Begriff, auf den man eher verzichten sollte oder lohnt es sich, ihn neu zu beleben? Wie stehst du zu »Heimat«?

Hildegard Kurt: Für mein Wahrnehmen und Empfinden führt der Begriff Heimat direkt in eine Schmerzzone der Moderne. Denn Heimat ist ein Bedürfnis, das in der Moderne kategorisch missachtet wird. Hier spreche ich mit Simone Weil, die mir immer einfällt, wenn ich an Heimat denke. Ihr zufolge ist das Verwurzeltsein eines der tiefen Bedürfnisse der menschlichen Seele, weshalb sie in Entwurzelung eine nahezu tödliche Krankheit sah. In den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg analysierte sie, wie das kapitalistische Finanzsystem ab Beginn der Industriemoderne die entwurzelten Proletarier hervorgebracht hat. Ähnlich entfremde das Bildungssystem die Menschen von ihrer inneren Tiefe, reiße sie aus der Verwurzelung im eigenen Sein und im Sein in der Welt.

Simone Weil weiterdenkend können wir sagen, dass auch die Digitalisierung als heutiges Stadium der Moderne uns zu Entwurzelten macht. Sie zieht uns sogartig an die Oberflächen der Existenz, an die Benutzeroberflächen unserer selbst, heraus aus unseren inneren Tiefen. Auch das ist ein realer Schmerz. Und nicht zuletzt darin liegt die Aktualität des Heimatbegriffs: Wie könnten wir uns neu in der Welt beheimaten – der inneren wie der äußeren?

Tatsächlich führen die zentralen Dynamiken der Moderne mit ihrem »schneller, höher, weiter, mehr« in Verflachungsprozesse. Das hat auch Václav Havel treffend beschrieben. Er erklärte, die Globalisierung, wie wir sie derzeit erfahren, sei kein Prozess, der uns die Ganzheit und Gesamtheit, den Zusammenhang des Erden-Geschehens, spüren lässt, sondern zerre alle und alles an die je eigenen Oberflächen. Er schlägt dann vor, Globalisierung so zu denken, dass sie den Blick auf die Verschiedenheit der kulturellen Wurzeln öffnet, um durch einen solchen Gang in die Tiefe die jetzige Verflachung in eine Öffnung zum Transzendenten hin zu überwinden. Das sind Ansätze, die nicht ohne weiteres naheliegen, wenn wir von Heimat reden.

Ein ähnlich ungewohntes Verständnis von Heimat hat Ernst Bloch in »Das Prinzip Hoffnung« entwickelt, worin er Heimat als Zukunftsvision bezeichnet, als einen »Ort, an dem noch niemand war«. Er meint damit eine Gesellschaftsform, in der die Entfremdung überwunden ist, ein selbstbestimmtes Leben und Arbeiten stattfindet. Heimat mithin als etwas, das wir nicht vorfinden, sondern erst schaffen.

DIE ZENTRALEN DYNAMIKEN DER MODERNE MIT IHREM »SCHNELLER, HÖHER, WEITER, MEHR« FÜHREN UNS IN VERFLACHUNGSPROZESSE.

Wir Erdverbundene

e: Diese Verwurzelung, die du ansprichst, kann leicht eine Verwurzelung im Vergangenen, Begrenzenden sein. Mit der Moderne kommt eine Offenheit in die Zukunft hinzu. Die Frage heute scheint zu sein: Wie finden wir eine Verwurzelung, die der Öffnung nicht entgegensteht? Mit Ernst Bloch kann man sagen, Heimat findet sich nicht in dem, wo wir herkommen, sondern wo wir uns hinbewegen. Wie können wir uns also neu beheimaten, wenn wir Heimat nicht nur im Gestern suchen, sondern auch im Morgen und im Offenen?

HK: In der Moderne gibt es eine Polarität zwischen einerseits den Fortschrittlichen, die an Entwicklung und Modernisierung glauben, daran teilhaben, und andererseits den Zurückgebliebenen, Traditionalisten, Abgehängten. Je machtvoller die Modernisierung, desto mehr Abgehängte produziert sie. Um aus dieser Konstellation herauszukommen, braucht es einen dritten Ansatz zwischen Modernisten und Traditionalisten. Ein interessanter Vorschlag hierfür kommt aktuell von dem französischen Soziologen Bruno Latour, einem Vordenker des Anthroprozän-Diskurses, der unlängst »Das terrestrische Manifest« vorgelegt hat. Darin taucht der Begriff Heimat ganz am Schluss in einem flammenden Plädoyer für Europa auf. Wie viele von uns ist Latour der Meinung, dass historisch gesehen primär Europa Verantwortung trägt für eine zusehends »enterdete« und heimatlos gewordene Welt. Gerade deshalb aber sei Europa auch prädestiniert, aus seinen Fehlern zu lernen und herauszufinden, wie wir uns neu erden können.

Namentlich vor dem Hintergrund der Klimakatastrophe schlägt Latour vor, den Dualismus Mensch-Natur aufzugeben, um stattdessen von »Erdverbundenen« zu sprechen. Wir sind genauso Erdverbunde wie die Bäume, die Tiere, die Flüsse, die Ökosysteme. Weil wir alle zusammen auf diesem Planeten beheimatet sind – als jeweils spezifische Teile eines lebendigen Systems, das permanent in dynamischen Anpassungsprozessen begriffen ist. Charakteristisch für die heutige Etappe unserer Evolution sei, dass die Erde, nachdem sie lange als bloße Ressource betrachtet wurde, nun selbst zu einem politischen Akteur wird. Sie fängt an, auf das Handeln des Menschen zu reagieren. Insbesondere die komplexen Aspekte des Klimawandels führen vor Augen: Die Erde verhält sich weniger wie ein Ding als vielmehr wie ein wirkkräftiges, machtvolles Gegenüber. Latour beschreibt, wie auf der Klimakonferenz 2015 in Paris die Erde erstmals als Macht aufgetaucht sei – in Form eines »Neuen Klimaregimes«, mit dem die Staatschefs genötigt sind, sich zu arrangieren.

e: Die Menschheitsgeschichte ist zu einem Gutteil eine Befreiung aus unserer Abhängigkeit von der Erde. Aber mit der Klimakatastrophe zeigt dieser Lebensort seine eigene Macht. Wir können die Erde in ihrer Gesamtheit wahrnehmen, aber auch in ihrer Unmittelbarkeit. Sie ist uns durch die Sinne zugänglich. Und dass wir die Erde als Ganzes erfahren können, hat auch mit dem technischen Fortschritt zu tun. Wir können nicht nur unser physisches Umfeld wahrnehmen, sondern die Erde in ihrer blauen Schönheit. Das ist eine große Leistung moderner Wahrnehmungsfähigkeit. Du scheinst darauf anzusprechen, dass wir diese beiden Dimensionen zusammenbringen können, um eine neue Beheimatung zu finden.

HK: Ja. In der Moderne bestand Fortschritt lange darin, maximale Freiheit zu erlangen, sich von allen Abhängigkeiten und Bindungen zu emanzipieren. Heute kann Fortschritt eigentlich nur bedeuten, gewisse Abhängigkeiten neu zu akzeptieren, weil sonst kein gedeihliches Leben auf dieser Erde mehr möglich sein wird. Die Erde, die wir bräuchten, um die materiellen Verheißungen der Modernisierung weltweit zu verwirklichen, gibt es einfach nicht. Dafür bräuchte es mehrere Planeten. Deshalb muss übrigens die AfD den Klimawandel leugnen. Denn ihn anzuerkennen, hieße anzuerkennen, dass es Klimaflüchtlinge gibt, die aus ihren Heimaten fliehen müssen, weil dort die Lebensgrundlagen vernichtet sind. Es hieße anzuerkennen, dass Heimat zum jetzigen Zeitpunkt unserer Geschichte als Menschheit nicht mehr lokal und homogen abgrenzbar sein kann.

Wir Beziehungswesen

e: Damit deutest du an, dass unsere Heimat einerseits viel größer geworden ist, weil wir, ob wir wollen oder nicht, in einer globalen Welt leben. Heimat besteht aus Beziehungen, und diese Beziehungen sind umfassender geworden, deswegen gehören Klimaflüchtlinge zu unserer Heimat dazu. Andererseits entsteht Heimat durch einen unmittelbaren Bezug, der allein rational nicht fassbar ist.

HK: Ja, der eigentliche Bezugsrahmen für Heimat kann heute letztendlich nur unser Heimatplanet sein. Gleichzeitig brauchen wir auch kleinere Bezugsrahmen, innerhalb derer wir uns unmittelbar zugehörig fühlen. In einer von Beziehungsschwund geprägten Welt entstehen solche neuen, Zukunft schaffenden Zugehörigkeiten etwa dort, wo Menschen sich zusammenfinden, um urbanes Gärtnern, Regionalwert-AGs und Solidargemeinschaften jeder Art aufzubauen. So kann es möglich werden, sich im persönlich durchdringbaren Radius aktiv neu zu erden, neu in Beziehung zu treten, und zugleich die größere Heimat, die wir mit allen Erdverbundenen teilen, neu zu einem lebensfördernden, wünschenswerten Ort werden zu lassen.

Ich zum Beispiel lebe in Berlin im bundesweit größten genossenschaftlichen Wohnprojekt, dem Möckernkiez. Über 1000 Menschen sind dort gerade dabei, neu in Gemeinschaft heimisch zu werden. Und wenn wir dort mit einem ebenfalls genossenschaftlichen Betrieb an der polnischen Grenze eine solidarische Landwirtschaft aufbauen, die uns mit frischem Gemüse und Obst aus der Region versorgt, schaffen wir noch mehr Heimat. Wir unterstützen, ja ermöglichen in unserer unmittelbaren Umgebung eine bäuerliche Landwirtschaft, die auf dem sogenannten freien Markt kaum eine Perspektive hat. Wir schaffen neue Beziehungen zwischen Stadt und Land und damit welthafte Heimat. Das geht über die Unterscheidung zwischen Zugezogenen und Eingesessenen hinaus.

DIE ERDE, NACHDEM SIE LANGE ALS BLOSSE RESSOURCE BETRACHTET WURDE, WIRD NUN SELBST ZU EINEM POLITISCHEN AKTEUR.

Heimat im rückwärtsgerichteten Sinne ist nicht welthaft und welthaltig, sondern homogen, museal, historisierend, ausschließend, Grenzen erzeugend. Die neu entstehenden Heimaten sind von Beziehungsenergie und Beziehungskraft getragen. Heimat mit Ernst Bloch als etwas zu Schaffendes zu denken, zu imaginieren, aktiviert unsere Zukunftsfähigkeit. Es ist etwas sehr Kreatives.

e: Vor allem, weil Heimat in diesem Sinne eine Lebendigkeit beinhaltet, denn die Unmittelbarkeit ist ja nicht statisch gegeben, sondern entfaltet sich: Die Klima-Flüchtenden, die zu uns kommen, werden zu unserer Heimat, sobald wir sie nicht als Fremde abstoßen, sondern als unsere Mitmenschen aufnehmen. Die statische Homogenität des völkischen Denkens ist eine Illusion. Heimat hat sich immer organisch entfaltet und die Frage ist, wie können wir uns so öffnen, dass diese Öffnung Heimat entfaltet und sie nicht zum Zusammenbruch kommen lässt. Hier liegt vielleicht auch die Berechtigung konservativ denkender Menschen, denn wir dürfen Heimat nicht überfordern. Wir müssen Heimat im Großen denken, sodass sie auch die Klima-Flüchtenden einschließt, aber wir müssen auch mitdenken, dass Heimat nicht überfordert werden darf, damit sie sich entfalten kann.

HK: Seit letztem Jahr gibt es ja ein Bundesheimatministerium. Interessanterweise sprach unser Heimatminister Horst Seehofer auf seiner ersten Pressekonferenz versehentlich von seinem »Heimatmuseum«. Ein herrlicher Versprecher, weil er zeigt, Heimat kann bedeuten, etwas zu konservieren, was jetzt schon museal ist. Oder sie kann diese generative, schöpferische Qualität haben, die du gerade beschrieben hast. Viele ländliche Regionen, die Heimat genannt werden, können im Grunde kaum noch wirkliche Heimaten sein. Es sind Orte großer Verlorenheit, weiträumiger Vereinzelung, beherrscht von einer entwurzelnden industriellen Agrarproduktion. Sozial und kulturell sind das wachsende Leerräume, die man, vielleicht um sich dessen zu erwehren, zu Heimat stilisiert. Tatsächlich aber entsteht Heimatlosigkeit ganz wesentlich aus Beziehungsschwund. Auf welche Weise die neoliberale Wachstumsgesellschaft, in der wir leben, Beziehungsschwund produziert, legt Hartmut Rosa in seinem Werk »Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung« dar.

Wir Heimatdurstigen

e: Es gibt diesen Unterschied zwischen einer musealen Heimat und einer lebendigen Heimat. Das Leben findet nicht im Museum statt, sondern in der globalen Wirklichkeit, zu welcher der Klimawandel oder die Flüchtlingsbewegungen gehören. Heimat ist, wenn sie lebendig gedacht wird, immer Teil des Lebens mit alldem, was es umfasst. Deshalb müssen wir globale Zusammenhänge mit einfließen lassen, um Heimat neu zu leben. Damit wird alles Museale, alles Völkische ad absurdum geführt, weil Heimat zukunftsoffen wird. Aber gleichzeitig, wie du es auch angesprochen hast, kann man sich Heimat nicht erdenken – Heimat lebt aus Beziehung.

HK: Ob es wohl gelingen könnte, ein progressives, verlebendigendes, beziehungsstiftendes Verständnis von Heimat zu etablieren, das durch und durch welthaft wäre? Unmöglich erscheint mir das nicht.

Als Teil eines zunehmend vielfältigen Spektrums von Initiativen lädt die Erdfest-Initiative, vor zwei Jahren von dem Biologen und Philosophen Andreas Weber und mir ins Leben gerufen, hierzu ein. Der Vorschlag, ein »Erdfest« als neues Gemeingut im Kalender zu verorten, zielt darauf, sich neu, bewusst im lebendigen Sein zu beheimaten – die Freude am Sein, das wir ja mit allen »Erdverbundenen« teilen, zu spüren, zu zelebrieren. Sich so neu in der Tiefe zu erden, »erdfest« zu werden. Solches Zelebrieren kann eine weitere Ressource für den notwendigen Wandel sein, zusätzlich zum politischen Engagement.

Allerorts gibt es, scheint mir, zunehmend Heimatdurstige, deren Durst sich aus der Not der Welt speist. Auch spüren rings um den Planeten immer mehr Menschen, dass die Erde dabei ist, die Geduld mit uns zu verlieren. Wir sind doch alle Erdentöchter und Erdensöhne. Wann werden wir endlich aufhören, uns als Plünderer aufzuführen, um stattdessen sowohl in eine partnerschaftliche Beziehung untereinander als auch mit der lebendigen Mitwelt zu treten, also bewusst heimisch auf unserem Planeten zu werden?

Wahrscheinlich gehört dazu auch, immer wieder den Schmerz zu spüren und zuzulassen. Den Schmerz, den die geflüchteten Menschen in sich tragen, die ihre vertraute Heimat hinter sich lassen mussten. Den Schmerz all der entrechteten, gequälten Lebewesen, der jetzt in der Welt ist. Auch den Schmerz der vielen, noch dazu oft jungen Menschen, die wie »Smombies« unterwegs zu sein scheinen. Smombie ist die zeitgenössische Variante des Zombie, was ja »versklavte Seele« bedeutet. Als Smombie bin ich Sklave meines Smartphones, lebe fremdgesteuert in einer virtuellen Scheinwelt. Das ist ein Teil des Schmerzes, den die Digitalisierung in die Welt bringt, indem sie entwirklicht, entwurzelt, an den Oberflächen Beziehungen stiftet, sie darunter aber austrocknet. All dieser Schmerz kann zu einer Ressource werden, kann neue Beziehungsfähigkeit und -kraft aktivieren. Wenn wir etwas von dem Schmerz mitspüren, den es derzeit allerorts gibt, wächst unsere Fähigkeit, im Miteinander Heimat zu schaffen.

e: Lass mich dieses Gespräch mit der Kraft dieses Schmerzes beenden. Ich finde das ein starkes Schlusswort, weil es so wahr ist, und ich glaube, es hat eine große Kraft.

Ein Radio evolve Gespräch mit Hildegard Kurt:
www.evolve-magazin.de/radio/erdfest-das-leben-braucht-auch-unsere-feste

Author:
Dr. Thomas Steininger
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