Tod für Harambe

Our Emotional Participation in the World
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Essay
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July 21, 2016

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Ausgabe 11 / 2016:
|
July 2016
Lebendigkeit
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oder: Wie man Monster macht

Die Bilder gingen um die Welt: Im Zoo von Cincinnati fiel ein kleiner Junge ins Gorillagehege. Aus Angst, erkönnte dem Jungen etwas antun, wurde Harambe, der Silberrückengorilla, erschossen. Zeigt sich in dieser Lücke im Zaun, dieser Bresche in der Ordnung der Dinge, auch etwas von unserem Verhältnis zum Lebendigen?

 

Etwas Spektakuläres geschah am 28. Mai zweitausendsechzehn – eine Bresche in der Ordnung der Dinge. Ein blutender Schnitt am Himmel. Einer von »uns« rutschtedurch den Spalt und traf auf einen von »ihnen« … ein dermaßen aufregendesEreignis, dermaßen unerwartet, dass das rasende Schreien der Anwesenden nacheiner Lösung und das darauffolgende Sausen einer abgefeuerten Kugel die jäheStörung bisher nicht beheben konnten. Aber das Tor schließt sich, und bald wirddieser wahnsinnige, unaussprechliche Moment zwischen einem200-Kilo-Silberrückengorilla und einem dreijährigen Kind den Weg aller Dingegehen und wird bald nicht mehr schockieren als eine Aktzeichnung im Hausflur.Nur ein weiteres modernes Möbelstück. Solange das Ganze noch herumgeistert,solange es noch Gespräche und Emotionen, Klicks, Artikel und Rufe nachGerechtigkeit provoziert, könnten wir uns ja einmal die Details ein bisschengenauer anschauen.

Also,wer hat was getan? Wie konnte es bei all dem Gerede darüber, wie man Sicherheitschafft und Mauern baut und das Fremde draußen hält, wie konnte es bei all demgeschehen, dass ein dreijähriger Junge die Umfassung eines Grabens im Zoo vonCincinnati überwindet? Wem sollen wir die Schuld geben? Ist es fair, dass dieEltern des abenteuerlustigen Knaben von einem aufgebrachten virtuellen Mobwütender Lehnstuhl-Liberaler in der Luft zerfetzt wurden, oder holen wir dieGuillotine für die Zoo-Betreiber hervor? Das sind jedoch nicht die Fragen, mitdenen ich mich aufhalten will – in erster Linie deswegen, weil sie verblassengegenüber der atemberaubenden Leistung des kleinen Entdeckers. Sie entgleitet einem so leicht, diese Überlegung, aber es ist durchaus der Erwähnung wert, dass die einen Meter hohe Mauer, die der kleine Isaiah Gregg überwunden hat, nicht einfach nur eine unschuldige Absperrung im Zoo ist. Sie ist ein Zaun,dessen intellektuelle, ethisch-kulturelle und soziopolitische Wurzeln tieferreichen und fester sitzen als der schwache äußere Anschein es vermuten lässt. Und deswegen war Harambe, der gefangene Gorilla, schon lange tot, bevor seine Fänger den Abzug drückten.

Was macht ein Monster aus, was einen Menschen?

Die Geschichte der Begegnung zwischen Isaiah mit Harambe ist eine Geschichte über die Begegnung mit Monstern. Jedes Mal, wenn wir einem Monster begegnen, überschreiten wir eine Schwelle. Wir »betreten« einen Schwellenraum und sindvon da an nie mehr dieselben. Wir kommen nicht ungeschoren davon. Und doch rufen wir sie immer wieder hervor. Anscheinend brauchen wir Monster, damit sieuns aufbrechen, uns zu Brei schlagen, die Konstanz unserer Gestalt stören undunsere Vorstellung von Kontinuität infrage stellen. Das ist wahrscheinlich derGrund, warum die Popkultur voll ist mit fantastischen Geschichten, wie Menschen auf Monster treffen oder von ihnen verfolgt werden. Es ist fast so, als ob sichunser Überdruss am Gewohnten mit der Unaussprechlichkeit des Schwellenraums zusammentäte und groteske Bilder, aufgedunsene Körper und verdrehte Gestaltenin der Kollektivpsyche produzierte. Von King Kong und Cthulhu zum Blob und vonFrankensteins Abscheulichkeiten zu Moby Dick, den Riesenkraken und bösartigenSpinnen – es gibt eine nicht enden wollende diskursive Faszination an derZerstückelung und ein ebensolches Verlangen danach, ein Verlangen, das durchunseren modernen Anspruch auf Permanenz nur noch intensiviert und durchgerissene Horrorfilmproduzenten brutal ausgebeutet wird.

Einer von»uns« rutschte durch den Spalt und traf auf einen von »ihnen«.

Allerdings haben wir gelernt, Abstand zu wahren und uns selbst zu trösten. Wir haben uns eingemauert in die Vorstellungen davon, »sich zu verlieren« und haben gelernt, uns mit unserem bürgerlichen Verlust an Unmittelbarkeit zufriedenzugeben.Vereinfacht gesagt, unsere Monster machen uns keine Angst mehr. Sie bedrohenuns nicht mehr und stellen uns nicht mehr infrage. Ihr Brüllen ist ohnmächtigund impotent geworden.

Dank immer weiterentwickelter Filmtechnik haben wir jetzt eher mehr akribischgestaltete Monster – aber das hat uns das Monströse nicht wirklicher gemacht.Computergenerierte Aliens kommen in ihren gefleckten, angriffslustigenStahlscheiben angeflogen und werfen ihren unheilverkündenden Schatten überunsere kleinen Städte; ein riesiger Gorilla klettert am Empire State Buildingin New York herum; ein junges palästinensisches Mädchen und ihr Bruder rufenauf, ihnen zu helfen, nachdem ihre Eltern im jüngsten Bombardement desGazastreifens ums Leben gekommen sind. Klicken Sie einfach auf den Button, umihnen zu helfen, intoniert eine gepflegte körperlose Stimme. Aber unsere Angstbereitschaft/Angstschwelle liegt höher: Wir sind nicht so leicht zu erschrecken.Bestenfalls sind unsere Monster heutzutage eine Quelle von Amüsement undUnterhaltung. Wir haben es geschafft, sie nutzbringend einzusetzen.

Ich muss an den Text zu Beginn des Disney-Trickfilms Der Glöckner von Notre Dame denken, eine Geschichte über eine andere Begegnung zwischen Mensch und Bestie. Im ersten Lied erzählt der ZigeunerClopin Troillefou, die Erzählstimme, deren spielerische Exotik das Leitmotiv der Geschichte bildet, von einem mysteriösen, die Glocken läutenden Buckligen namens Quasimodo – »ein grausamer Name, der halb gestaltet bedeutet« –, und dem Richter Claude Frollo, dem Mann, der Quasimodo den Namen gibt, ein bleicher,hochnäsiger, selbstgerechter Kleriker mit tiefer Stimme, in den dunklen Farbender offensichtlichen Bosheit gezeichnet. Frollo ist ein Mann, der »überall Verderbnis sah, außer in sich drin«. Clopins verzücktes Lied tänzelt weiter,webt eine Saga über finstere Absichten, über einen scheinbar heiligen Mann,eingesponnen in eine eigenartige Lust daran, die Welt von dem »Anderen« zusäubern, dessen wenig schmeichelhafte Aufgabe es ist, ein monströses Zigeunerkind einzusperren und für irgendwelche finsteren Pläne zu benutzen.»Wer weiß? Unser Herr wirkt auf geheimnisvollen Wegen«, singt Frollo selbst.»Selbst diese unselige Kreatur mag mir eines Tages von Nutzen sein«, sagt er. Clopins Singstimme setzt das Lied mit einer aufwühlenden Frage fort, derenAbsicht es ist, uns dazu zu bringen, Unglück und Unschuld des missgebildetenKindes, des scheinbaren Monsters, zu bedenken, angesichts der Bosheit einesKirchenmannes, der es zu kontrollieren sucht: »Hier ist ein Rätsel, löse es werkann: Wer ist das Monster und wer ist der Mann?«

Unser fieberhaftes Hasten ist das Symptom einer Totheit.

Clopin zielt darauf ab, dass unsere Monster uns definieren. Wie wir mit unserenMonstern umgehen, ist ein beredtes Zeugnis für unsere Kultur. In der Ausprägungder Moderne begegnen wir unseren Monstern, indem wir sie ausschließen; indemwir ihr Leben auf eine einzige Frequenz reduzieren, die unseren Plänen dient;indem wir sie zu Objekten unseres Ergötzens machen, die wir durch dickeScheiben aus Sicherheitsglas betrachten. Alles, was wir umbringen wollen,machen wir zuvor nützlich. Verzweckung ist die erste Wunde, die wir zufügen,denn Verzweckung schließt aus. Sie eröffnet einen Raum. Aber sie schließt auchaus, bringt Vielgestaltigkeit zum Schweigen und erzeugt eine Einlinigkeit, die»uns« nützt.

Aber hier müssen wir noch etwas in die Tiefe gehen.

AmEnde des Films wird der Bucklige unter den Blicken sämtlicher Bewohner derStadt wieder vermenschlicht, als er das Leben der weiblichen ProtagonistinEsmeralda rettet. Frollo stürzt in den Tod, ein Kind tritt vor, um Quasimodosschockierende Erscheinung zu inspizieren, und dann umarmt es ihn; schließlichheben die Bürger Quasimodo als Helden auf ihre Schultern. Er ist kein Monstermehr. Und nun stellt Clopin ein neues Rätsel: »Was macht das Monster aus undwas macht den Mann?« Er nimmt gleichsam Bezug auf sein erstes Rätsel und erweitertes – sodass es nun nicht mehr um das »Wer« geht (dinglich), sondern um das»Wie« (prozesshaft). Es geht nicht mehr um die Identität, sondern um dieEmergenz, das Werden. An der Stelle, an der Quasimodo in die Gemeinschaft aufgenommen wird, wonach er sich so lange gesehnt hat, sagt Clopingewissermaßen, das wahre Monster sei die Linie gewesen, die die Bürger in denSand gezeichnet hatten. Der Schnitt, durch den sie ein Gefühl von »Anderssein«in die Welt gesetzt haben und implizit dadurch auch ein Gefühl für das»Selbst«.

Dasist ein wichtiger Gedanke: Monströs ist nicht das, was jenseits unserer Zäuneliegt: das Monster ist der Zaun, die Aufteilung, der Schnitt, der gemacht wird.Was sich außerhalb dieses Schnittes befindet, wird zur Bedrohung.

Unsere Grenzen formen uns

Der Zaun, der Harambe und seine weiblichen Schicksalsgenossinnen (als Objekt desAmüsements) einschloss – der Zaun, über den Isaiah kletterte –, ist ein Teilder materiell/diskursiven Architektur einer Gesellschaft, die die Lebendigkeitder Welt ausgeschlossen hat. Der Zaun steht da, wo wissenschaftliche,politische und onto-epistemologische Ströme zusammenfließen. Damit will ichsagen, dass unsere Art des Wissens und unser Sein in der Welt auf dem Gedankenaufbaut, wir seien in gewisser Weise autonom und getrennt von der »Natur« – vonGorillas, von Krokodilen, von Löwen, von Seepocken, Gräben, Bäumen und vom Wind.

Was trennt uns? Nicht unsere körperliche Beschaffenheit oder unsere Fähigkeit,Probleme zu lösen. Unsere Abtrennung, unsere Herrschaft ist »wesentlich« – inunterschiedlichen Kontexten unterschiedlich übersetzt als »Seele« oder»Empfindung«. Dieses Denken über die Welt und uns selbst zeitigt realeKonsequenzen, denn wenn etwas weniger als menschlich ist, besteht seine größteLeistung darin, uns zu dienen, uns zu unterhalten oder wenigstens zur Gänze vonuns verstanden zu werden. Der »Schnitt« jedoch, der das Selbst des Menschenadelt und als abgetrennt von den »anderen Erdlingen« verwesentlicht, schafft auch eine »entfremdete Lebendigkeit« und einen ethischen Imperativ, uns fürunser Alleinsein zu entschädigen.

Aus diesem Grund versuchen diejenigen, die durch diesen modernen Apparat geformtwerden, ständig, die Lücken zu füllen; aus diesem Grund ist es bedrohlich,nichts zu tun zu haben, aus diesem Grund fühlen wir uns durch Stille oderSchweigen beschämt; und aus diesem Grund trachten wir ständig danach, mehr undmehr und mehr zu tun, schneller und schneller, und sei es nur, um in dieser vonBombast und Spektakeln geprägten Kultur wenigstens den Anschein derLebendigkeit aufrechtzuerhalten. Selbst bei den nach Bewusstheit strebendenGruppen, die sich der Aufgabe gewidmet haben, nach einer Art von »Erleuchtung«zu suchen, war die Einladung, etwas langsamer zu werden, nie so dringend wieheute. Ständig fügen wir der Liste Dinge hinzu, die wir noch tun müssen oder diees noch kennenzulernen gilt. Yoga, Joggen, grüner Tee, Konferenzen, endloseSelbstvergewisserungen, dass wir auf diesem Zug bleiben werden.

Die Seele, der wir noch nicht begegnet sind

In gewisser Weise ist unser fieberhaftes Hasten das Symptom einer Totheit, mit derdie moderne Gesellschaft zu leben gelernt hat. Mit Totheit will ich nichtandeuten, dass es einen Ort der Lebendigkeit gäbe, an dem man ankommen kann;ich will Kultur und Natur nicht als separate Zonen behandeln, wovon die Ersteredie Abweichung und Letztere das Endziel darstellt. Der Vorwurf besteht nichtdarin, dass wir tot oder unlebendig seien, sondern darin, dass unsere Art,lebendig zu sein, unsere Art, »Natur zu vollziehen« eine Flucht ist – und eineersehnte Annäherung … ein lineares Fortschreiten in eine verheißene Zukunft,die Beziehungen in Nützlichkeiten verwandelt, die unserem Fliehen dienen.

In dem wir das»Wilde« isolieren, unterdrücken wir Teile unserer »selbst«.

In anderer Hinsicht ist das überstürzte Tempo unserer Gesellschaft ein Symptom fürdie Schwellen, die wir nicht überschreiten. Die Monster, denen wir uns nichtstellen. Doch genau in Richtung dieser beängstigenden Tore, dieserAbbruchkanten und Abgründe müssen wir uns bewegen. Wir sehnen uns brennenddanach, zu fühlen. Zu berühren und uns berühren zu lassen. Doch wir sinduntergegangen in einer Ansammlung von blinden Flecken, die den Tanz der Farbender Dinge ausschließt, die Vielstimmigkeit der Welten und die Möglichkeit, dassHarambe weniger bedrohlich war als er schien.

Ich habe nicht die Absicht, über Harambe zu fantasieren – ihn zu romantisieren. Ichgarantiere, wäre es meine Tochter gewesen, die dort gefangen war, ich hätte nureinen riesenhaften Giganten gesehen, der darauf aus ist, mein Kind Glied fürGlied auseinanderzureißen. Ich habe keine moralisch »überlegene« Empfehlung,wie dieses unglückliche Ereignis anders hätte zu Ende gebracht werden können.Ich werde Isaiahs Eltern nicht schelten, deren elterliche Sorge nicht aufgrundeines Moments der Unachtsamkeit beurteilt werden kann. Ich habe auch keine»endgültigen« Worte für diejenigen, die der Meinung sind, dass einungeheuerliches Verbrechen begangen wurde, für das irgendein Mensch oder eineInstitution (der Zoo etwa) verantwortlich zu machen sei.

Ich stehe dagegen an der Stelle, an der Harambe erschossen wurde – an diesem Ort, wo Bewegung, Stimme, Körper und Sehnsüchte aufeinandertreffen – und erkläre mich verantwortlich dafür, eingebettet zu sein in eine Kultur, die sich dem Fremden nur annähert, um es sich für die eigene Unterhaltung nützlich zumachen; eine Gesellschaft, die darüber streitet, was richtig gewesen wäre, und die dabei blind ist gegenüber dem Umstand, dass es bei diesem Geschehen, dieserBegegnung um mehr ging als um die Ausübung des »freien Willens« oder eine»Entscheidung«. Die ethische Desorientiertheit angesichts des Zwischenfalls mitHarambe – einfach nicht zu wissen, wem man die Schuld geben soll – mag jedepolitische Aktion in diesem Zusammenhang blamieren, aber genau deshalb könnenwir es vielleicht noch tiefer durchdringen und diese Verunsicherung noch etwaslänger aushalten.

Für uns, sein spöttisches Publikum, war Harambe niemals lebendig. Indem wir dieLinie in den Sand gezogen und einen Zaun errichtet haben, machten wir ihnnützlich für unsere Zwecke. Durch die Mauern, die wir um ihn errichtet haben,haben wir ein Geschöpf modelliert. Die Auswirkungen des Zauns, der Graben, dasUnternehmen Zoo, die Besucher und eine anthropozentrische Kultur haben ihnumgebracht.

Die Sache ist jedoch, dass wir nicht so abgetrennt und unterscheidbar sind, wie wirmeinen, wir sind nicht so sehr »Mensch« wie wir glauben. Indem wir das »Wilde«isolieren, unterdrücken wir Teile unserer »selbst« und kultivieren eineVernunft, die blind ist gegenüber den Wechselwirkungen mit der Welt, die siehervorbringt. Und diese Trennungen, die wir errichtet haben, um einen Bereichdes Benutzers und einen Bereich des Benutzten zu unterscheiden? Sie fallen insich zusammen. Wenn wir die Verantwortung für Harambes Tod klären wollen,müssen wir also über die atomistische Ethik der Schuldzuschreibungen hinausgehenund unsere Aufmerksamkeit auf die verwickelten Einflüsse und Wirkungen richten, die dazu geführt haben. Wir müssen uns mit aller Wissbegier den Grenzen widmen,die wir errichtet haben, und der Frage nachgehen, wie diese so erzeugtenGrenzen gleichzeitig uns erzeugen. Wir müssen uns auf das Monster zubewegen,auf die steilen Grate, auf den Abgrund … denn jenseits der Schwelle liegenAspekte unserer Seele, denen wir noch nicht begegnet sind – sondern weggesperrtoder in abtötende Nützlichkeit konvertiert haben.

Author:
Bayo Akomolafe
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