»Wir kämpfen für die ganze Welt«

Our Emotional Participation in the World
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Essay
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October 19, 2016

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Ausgabe 12 / 2016:
|
October 2016
Was können wir tun?
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Die erstarkende Stimme des indigenen Aktivismus

In der Umweltbewegung werden die Stimmen indigener Kulturen lauter. Die Stammesaktivisten bringen ein Identitätsverständnis in die Wahrnehmbarkeit, das über die Polarität von Natur und Zivilisation hinausführt. Im Erkennen der tieferen Verbundenheit des menschlichen Lebens mit der Erde liegen vielleicht die Wurzeln einer natürlichen Nachhaltigkeit zur Überwindung der Ökokrise.

Sanft geschwungene Hügel, klare Seen, frische Flusstäler – die Landschaft North Dakotas gleicht einem Idyll. Doch weil aufgrund der steigenden Marktpreise die Ölgewinnung in Nordamerika wieder lukrativ ist, weckt das Land Begehrlichkeiten. Seit Monaten tobt am Standing Rock Reservat ein Kampf. Stein des Anstoßes ist die Dakota Access Pipeline, die sich über 1.200 Meilen durch die Natur fressen soll. Die indigene Bevölkerung wurde in die Planungen des Vier-Milliarden-Dollar-Projekts nicht einbezogen. Nun erhebt sie sich. Im Prayer Camp am Rande des Reservats haben sich Tausende Menschen versammelt. Den Sioux, durch deren Lebensraum sich die Ölleitungen ziehen sollen, stehen weitere Indianerstämme, Umweltschützer, Amnesty International und das Ständige Forum für indigene Angelegenheiten der Vereinten Nationen zur Seite. Die Aktivisten vor Ort beten zusammen. Und sie leisten Widerstand. Weil das Land ihnen heilig ist. Weil die Pipeline die Wasserressourcen in der gesamten Region beeinträchtigen könnte. Weil das Graben in der Erde das menschliche Dasein untergräbt.

»Wir sind Blume und Gras und Baum«

Es ist weit mehr als ein Kampf gegen die Überrumpelung durch die Gier der Zivilisation. Es geht um etwas Größeres. »Wenn sie die Umwelt bedrohen, bedrohen sie dich. Wir sind Berg. Wir sind Ozean. Wir sind Fluss. Wir sind Blume und Gras und Baum. Wir sind Teil von all dem, sodass immer, wenn die Umwelt an irgendeinem Ort bedroht wird, auch du bedroht wirst. Das musst du verstehen. Das ist es, was du bist. Das ist es, was wir sind«, sagt Dennis Banks, Mitgründer des American Indian Movement. Man muss nicht an die Beseeltheit der Natur glauben, um diesen Zusammenhang zu verstehen. Leckende Ölleitungen haben bereits rund um den Erdball ganze Landstriche veröden lassen. Örtliche und seelische Distanz machen es allerdings leicht, die Verwundung der Umwelt, die zwar lokal stattfindet, aber global wirkt, immer wieder zu ignorieren.

Beim letzten Weltklimagipfel in Paris fassten 195 Staaten und die EU den weitreichenden Entschluss, die Erderwärmung möglichst auf 1,5 Grad zu begrenzen. Es geht um alles. In den Köpfen ist das angekommen. Doch wie können sich Lebensweisen entwickeln, die der Ganzheit des Lebens entspringen und es schützen, anstatt es zu zerstören?

Vergessene Ursprünglichkeit

Deutschland hat sich nach der Atomkatastrophe von Fukushima zu einer radikalen Energiewende entschlossen. Neue Gesetze zwangen die großen Energiekonzerne zu einem Transformationsprozess. Sie investieren heute vor allem in regenerative Energien. Und sie leiden wirtschaftlich unter den dadurch entstehenden Kosten und den Tiefstständen ihrer Aktien. In North Dakota und an vielen anderen Orten der Welt bäumt sich das alte System noch auf. Es scheint fast, als wollten die Ölkonzerne die Zeit, die ihnen noch bleibt, bis zum bitteren Ende nutzen. Nicht wenige Umweltaktivisten fordern deshalb, den notwendigen Wandel durch Gesetze zu erzwingen. »Wir müssen mit Regeln die Gelegenheitsstrukturen für ökoverträgliches Alltagshandeln schaffen. Die Geschichte der gesamten Zivilisation ist eine Geschichte der Fortschreibung von Regeln. Sich ständig darauf zu einigen, wie diese Regeln neu angepasst werden müssen, macht eine funktionierende Demokratie aus«, sagt etwa Michael Kopatz vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Doch was vermag Zwang zu erreichen, wenn die Dringlichkeit, auf die er zielt, nicht empfunden wird?

¬ Die Ahnen haben uns beauftragt, alle Kinder der Welt alles zu lehren, was wir wissen, für die Generationen, die kommen werden. ¬Grandmother Flordemayo

Die Geschichte der Zivilisation war immer auch eine Geschichte der Verbundenheit, jener Verbundenheit, die im Prayer Camp am Standing Rock einen Ausdruck findet. Die Nähe zur Natur, in der die indigene Bevölkerung über Jahrhunderte die Kraft fand, die Ganzheit von Mensch und Lebensraum zu bewahren und zu bekräftigen, weckt heute auch in modernen Industriegesellschaften eine Sehnsucht. Eine, die vielleicht nur lange Zeit in Vergessenheit geraten war, aber nie ganz verschwunden ist. Mehr als eine Million Menschen lesen das Magazin »Landlust«, um ein bisschen Natürlichkeit zu finden, und sei es nur gedruckt auf Papier. Peter Wohlleben, einem Förster aus der Eifel, gelang mit seinem Buch »Das geheime Leben der Bäume« ein Verkaufsschlager, der seit Monaten in den Bestsellerlisten ganz oben steht. Der Wald als Ort der inneren Heimkehr. Wir suchen das Ursprüngliche und Unverfälschte bei Spaziergängen oder in hilflosen Konsumgesten, weil wir unsere eigene Natur aus der Wahrnehmung verloren haben. Dabei wird unsere Zivilisation zum Kokon, der wirkliche Berührung verhindert.

Das Wissen der Ahnen

»Wenn wir Wandel sehen wollen, müssen wir zunächst in uns selbst Frieden finden. Und dann müssen wir geduldig mit denen sein, die noch nicht an diesem Ort des Friedens angekommen sind«, sagt Margaret Behan. Die Cheyenne ist Mitgründerin einer einzigartigen Organisation. Sie und zwölf weitere weise Frauen, Heilerinnen und Schamaninnen aus den USA, Tibet, Mexiko, Japan, Brasilien, Nepal und Gabun, haben sich zum »International Council of Thirteen Indigenous Grandmothers« zusammengeschlossen. »Uns leitet eine Vision. Die Ahnen, der Spirit der Großmütter, haben uns beauftragt, alle Kinder der Welt alles zu lehren, was wir wissen, für die Generationen, die kommen werden«, meint Grandmother Flordemayo, eine Maya aus New Mexico, über das Anliegen der spirituellen Aktivistinnen.

Sie wollen die Erfahrung wieder lebendig werden lassen, dass Natur und Umwelt nicht allein das sind, was uns umgibt, sondern das, was wir sind. Damit öffnen sie nicht nur eine Tür für die Menschen ihrer eigenen Kulturen, die durch die Anpassung an die Vorstellungen westlicher Zivilisationen den Bezug zu ihren Wurzeln verloren haben. Sie laden die Nachfahren der Entdecker, Kolonisatoren und Missionare ein, sich bewusst zu werden, dass dies auch ihr Ursprung ist, das, was sie bis zum heutigen Tage ausmacht und trägt.

Mit ihrem Seed-Temple-Projekt bewahren die Großmütter nicht nur das Saatgut von vom Aussterben bedrohten Nutz- und Heilpflanzen. Sie halten Heilzeremonien ab, bei denen Menschen an Leib und Seele die Wirkung indigener Medizin erfahren können. Wenn man zusieht, wie aus Pflanzen eine Salbe wird, und spürt, wie sie den Schmerz einer Verletzung lindern, wird wieder erahnbar, dass Natur und Menschsein einer Quelle entspringen.

Verbundenheit als sinnliche Erfahrung

Während westliche Aktivisten oft mit einer Mischung aus Fakten und Gefühlen protestieren, um ihre Ziele zu erreichen, sensibilisieren die Großmütter für die tiefgründigere Dimension des Lebensprozesses. So kann Verbundenheit entstehen, die Wurzel für den Wandel. »Wasser ist ein wertvoller Rohstoff. Ohne Wasser stirbt alles Leben. Wir werden im Wasser geboren und wir bestehen größtenteils aus Wasser. In unserer Kultur gab es schon immer den Sinn dafür, dass das Wasser uns etwas gibt. Wir sind alle mit dem Wasser verbunden, wir sind alle miteinander verbunden«, erklärt Agnes Baker vom Stamm der Takelma. Sie führte am Applegate River die von ihren Ahnen praktizierte Zeremonie zur Begrüßung der zurückkehrenden Lachse wieder ein. Mit einer Schwitzhüttenzeremonie und gemeinsamem Gebet danken die Menschen den Lachsen, dass sie einmal mehr den weiten Weg vom Meer auf sich genommen haben, um ihnen als Nahrungsquelle zu dienen. Nach dem gemeinsamen Lachs-Mahl werden die übrig gebliebenen Gräten, die Haut der Lachse und etwas Zedernholz von Schwimmern geopfert. Sie tauchen im eiskalten Wasser bis zum Grund und hinterlassen dort ihre Gaben, auf dass sie den Kreislauf des Werdens und Vergehens am Leben erhalten mögen, neue Lachse heranwachsen können und auch in Zukunft den Menschen Nahrung bieten.

¬ Das zivilisierte Denken verfehlt leicht den Kern der Probleme, weil es nur die äußere Schicht kultureller Entwicklung berührt. ¬

Eine Zeremonie wie diese ist mehr als ein symbolischer Akt. Die körperliche Reinigung in der Schwitzhütte lässt die Grenze zwischen Mensch und Umwelt durchlässig werden. Im Ritual der Opfergabe setzt man sich den Kräften der Natur unmittelbar aus. Umwelt ist dann nicht mehr etwas, das wir in unserem Sinne nutzen und formen. Wer in das eiskalte Wasser eintaucht, erfährt sich als Teil einer umfassenderen Natürlichkeit. Dann wird spürbar, dass Fangquoten, die vor Überfischung schützen sollen, kein abstraktes Zahlenspiel sind. Dass zivilisatorische Errungenschaften wie Wasserkraftwerke und Staudämme zwar das Leben verbessern, aber auch an ihm zehren, wenn sie die Lebensräume der Lachse beeinträchtigen und ihren Weg vom Meer zurück zu ihren Ursprungsorten abschneiden. Dank der Systemtheorie ist die Idee der Ganzheit heute in vielen Köpfen. Die Großmütter tragen sie zurück in die Herzen und enthüllen ihre Sinnlichkeit.

Die größere Welt dahinter

Diese Tiefendimension erschließt sich nicht durch ein einzelnes Erlebnis. Und Aktivismus kann nicht von ihr überzeugen. Sie öffnet sich, wenn man die Schale der Zivilisation knackt und sich dem überlässt, aus dem sie hervorgegangen ist. »Es geht darum, sich von all den Gegenständen und Gewohnheiten zu lösen. Man ist Nomade und versucht, die natürlichen Ressourcen so gut wie möglich zu nutzen und möglichst keine Spuren zu hinterlassen«, beschreibt der experimentelle Archäologe Kim Pasche diesen Weg zum Ursprung. Der Schweizer erforscht die Werkzeuge und Lebensweisen der Urvölker. In Europa veranstaltet er Wildnis-Camps, um dieses Wissen zu teilen. Doch seine größte Liebe gilt der Einsamkeit in der Natur, sodass er jedes Jahr mehrere Monate in den Wäldern am Yukon verbringt. Anfänglich warendiese Trips wie Fluchten vor der Zivilisation zurück in die Geborgenheit der Schöpfung. Doch lehrte ihn die Natur schließlich auch etwas über die menschliche Kultur. »Man kann so von der Natur absorbiert sein, dass der menschliche Aspekt schwindet. Ich bin bis an mein Limit gegangen. Ich bin zehn Jahre lang der urzeitlichen Technologie nachgerannt und habe doch nichts bewiesen, denn ein Mensch allein in der Natur lebt nicht, er überlebt lediglich. Ich habe entdeckt, was den Wert menschlichen Lebens ausmacht. Es ist die menschliche Organisation und Kultur. Es ist diese Fülle, dieser Reichtum an Verbindungen. Das menschliche Teilen. Das ist eine große Offenbarung für mich. Heute bin ich mir darüber im Klaren, dass es eine noch weit größere Welt dahinter gibt«, erzählt Pasche.

Mit dieser Einsicht berührt der Schweizer den Kern des neuen indigenen Aktivismus. In einer Zeit, in der rund die Hälfte der Menschheit bereits in Städten lebt, stellt er das menschliche Bezugssystem vom Kopf auf die Füße. Das zivilisierte Denken, das Konzepte und Gesetze schafft, wie sich Luftverschmutzung, Wassermangel, Erderwärmung und Zivilisationskrankheiten überwinden lassen, verfehlt leicht den Kern der Probleme, die es zu lösen versucht, weil es nur die äußere Schicht kultureller Entwicklung berührt. Ein schlichtes »Zurück zur Natur« verleugnet diese Entwicklung. Die Zukunft gedeiht im Dazwischen. In Kanada organisiert Kim Pasche gemeinsam mit der nativen Bevölkerung Sommerkurse, in denen Jugendliche wieder lernen, die Kreisläufe der Natur zu verstehen und sich selbst als Teil davon. Die Natur wird zum Feedback für ihr eigenes Dasein, Zivilisation und Ökologie kommen wieder in Kontakt. Pasches Erkenntnis: »Indem wir wissen, woher wir kommen, können wir herausfinden, wohin wir gehen können. Die vielleicht größte Lüge unserer modernen Welt ist der Glaube, sich von der Natur lösen zu können. Die Menschen passen sich der Umwelt an, solange sie Sammler und Nomaden sind. Heute haben uns all diese Leute etwas zu lehren. Sie kennen das Geheimnis des Überdauerns. Es wäre ein Beweis der Reife unserer Kultur, wenn man sich wirklich der Frage stellen würde: Ist unsere Kultur von Dauer? Macht die Art, wie wir leben und wohin wir gehen, einen Sinn?«

Die Zivilisation, die uns so weit gebracht hat, kippt heute immer mehr. Von indigenen Kulturen können wir lernen, was Erdung bedeutet. Es ist ein Prozess, der vielleicht mehrere Generationen dauern wird, doch wir haben viele Verbündete. Menschen, denen unsere von der Umwelt immer weiter losgelöste Entwicklung schon viel genommen hat und die dennoch zu geben bereit sind, wie Diana Rios aus der Asháninka-Gemeinde in Peru. Rios verlor ein Jahr vor dem Klimagipfel in Paris ihren Vater. Er war im Regenwald unterwegs und wurde von illegalen Holzfällern ermordet. Eine Tat, der die Regierung von Peru mit Gleichgültigkeit begegnete. In Paris sprach Diana Rios nicht nur für ihr Volk, sondern für alle Menschen: »Wir kämpfen gegen den Klimawandel. Wir kämpfen für die ganze Welt, nicht nur für uns!«


Author:
Dr. Nadja Rosmann
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