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Diese Ausgabe von evolve haben wir mit Arbeiten der Künstlerin Emanuela Assenza gestaltet. Wir sprachen mit ihr über die Hintergründe ihrer Kunst.
evolve: Was ist das Anliegen Ihrer Kunst?
Emanuela Assenza: Angesichts des Einbruchs politischer Themen in die zeitgenössische Kunst stellt sich diese Frage tatsächlich mit einer gewissen Brisanz. Welche kulturelle Bedeutung kann eine ungegenständliche Kunst wie z. B. die meinige heute noch haben? Das beschäftigt mich aktuell. Mein kulturelles Gewissen fordert eigentlich einen Einbruch kultureller Werte in die Gesellschaft, also das Gegenteil von politisch motivierter Kunst.
Vor diesem Hintergrund arbeite ich in zwei Richtungen. Die eine knüpft am Impressionismus an, der sich nur undeutlich in die Postmoderne hinein fortsetzen konnte. Bezeichnenderweise existiert der Begriff eines »abstrakten Impressionismus« in der ästhetischen Reflexion nicht. Viele meiner Arbeiten, die unter Verzicht auf Eigenausdruck, Ausdrucksstärke und gestalterischer Kontrolle entstanden sind, widmen sich einer impressionistischen Erfahrung durch intensive Zuwendung zum Eindruck. Was Pazifismus auf politischer Ebene ist, wird qualitativ zu einem »künstlerischen Pazifismus«, wenn die Haltung während des Schaffens von großen, kraftvollen Gesten absieht, um ganz für das empfänglich zu werden, was im Bild erscheint. In den Jahren 2013 – 2016 arbeitete ich an Phänomenen des Erscheinens, hauptsächlich um zu ergründen, wie diese mit der Bearbeitung der Stoffe zusammenhängen. Am Stoff können atmosphärische Qualitäten in Erscheinung treten, die z.B. als Wärme oder Atem erlebt werden, ohne dass dies faktisch vorläge. Die Frage des Atmosphärischen und der Erscheinungsqualitäten stehen meines Erachtens nicht zufällig im Fokus der postmodernen Kunstphilosophie (Gernot Böhme, Günter Figal, Martin Seel, Peter Sloterdijk).
Die Kunst legt nahe, dass wir viel mehr wahrnehmen können als wir meinen.
Die zweite Richtung steht der impressionistischen Erfahrung gegenüber. Die Sensibilität und Empfänglichkeit nehme ich zwar mit, integriere sie aber in eine Expressivität und Klarheit. Eine diesjährige Werkreihe von über siebzig Zeichnungen enthält diese fundamentale Fragestellung: Wie entsteht Form? Und kann eine Form in ihrer klaren Ausgestaltung ohne Machtgestus auskommen? Wenn ich eine Form zeichne, entwickelt sich diese mit einer Notwendigkeit und Präzision, obwohl es kein äußeres Vorbild gibt, das mich lenkt, sondern nur eine innere Instanz. Erstaunlich ist, selbst an der dichtesten, klar abgegrenzten Form gibt es den Erscheinungsmoment, in dem sie eine Formsprache besitzt. Darin geht sie über sich selbst hinaus.
Emanuela Assenza
e: Sie wollen in Ihrer Kunst nichts darstellen, wie Landschaften oder Menschen, warum?
EA: Das Ungegenständliche ist ein Bekenntnis dazu, dass es neben der äußeren Wirklichkeit eine andere Wirklichkeit gibt. Diese erlebe ich als wirklicher, dichter und beständiger als die äußere Welt. Ich meine damit einen Erfahrungswert, den wir alle kennen, wenn wir eine soziale Beziehung gestalten. Die Beziehung, also das Unsichtbare zwischen den Menschen, hat eine Gestalt, an der wir ganz real formen. Sie besitzt eine deutlich wahrnehmbare Präsenz, welche die leibliche Präsenz überwiegt; denn schließlich ist sie auch fühlbar, wenn ein Mensch abwesend ist, und sie ist konkret, auch wenn wir sie äußerlich nicht sehen. In diesem Sinne ist das Ungegenständliche wirklich und konkret. Die Kunst legt nahe, dass wir viel mehr wahrnehmen können als wir meinen; wir geben uns nur keine Rechenschaft darüber, dass wir die Grenze des Sichtbaren ständig überschreiten. Ich glaube sagen zu können, dass durch die künstlerische Arbeit Wahrnehmungsfähigkeiten entwickelt werden, die das ganze Leben verändern.
Emanuela Assenza studierte Germanistik, Philosophie und Soziologie in Basel und Freie Kunst in Ottersberg. Sie arbeitete als Kunsttherapeutin und Kunstlehrerin, seit 2013 als Kunstdozentin an der Alanus Hochschule Alfter/Bonn. www.emanuela-assenza.com
Author:
Mike Kauschke
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