Gemeinsam leben lernen

Our Emotional Participation in the World
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Interview
Publiziert am:

April 13, 2026

Mit:
Dario Ferraro
Kategorien von Anfragen:
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AUSGABE:
50
|
April 2026
Worauf können wir vertrauen
Diese Ausgabe erkunden

Das European Ecovillage Gathering

Dario Ferraro engagiert sich im European Ecovillage Network, dessen jährliches Treffen dieses Mal in der Nature Community bei Regensburg stattfindet. Wir sprachen mit ihm über die Rolle der Ökodörfer in einer sich wandelnden Welt und das Anliegen des diesjährigen Treffens.

evolve: Ökodörfer gibt es schon seit einigen Jahrzehnten. Vor welchen Herausforderungen stehen sie aktuell?

Dario Ferraro: Ein Ökodorf ist eine bewusste Gemeinschaft von Menschen, die sich zusammenschließen, um ihr Leben und ihre Präsenz auf dem Planeten auf neue Art zu gestalten – nicht nur in ökologischer, sondern auch in sozialer, wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht. Es gibt Pionier-Dörfer, die schon seit 30, 40, manche sogar seit 60 Jahren bestehen, wie zum Beispiel Findhorn, das letztes Jahr sein 62-jähriges Bestehen gefeiert hat. Gleichzeitig entstehen zurzeit viele neue Gemeinschaften.

Viele der älteren Gemeinschaften wurden mit der Absicht gegründet, sich aus einer Welt zurückzuziehen, in der man sich nicht wiedererkennen konnte. Es war die Zeit der nuklearen Aufrüstung, die ersten Bücher über ökologisches Bewusstsein wurden geschrieben, der Kalte Krieg beherrschte die Schlagzeilen. Die Menschen wollten eine harmonische Lebensweise finden, sowohl miteinander als auch mit dem Planeten. Das schuf ein starkes Band zwischen ihnen, basierte aber auch auf Misstrauen gegenüber der Welt, wie sie damals war. Den neuen Gemeinschaften hingegen, die jetzt entstehen, geht es darum, ein Modell für eine hoffnungsvolle Zukunft zu entwickeln, nicht nur für sich persönlich, sondern als Möglichkeit für einen Transformationsprozess der Gesellschaft und der Welt als Ganzes.

Jedes Ökodorf ist anders, es gibt keinen festgelegten Bauplan, und in dieser Vielfalt gehen wir gemeinsam unseren Weg und versuchen, die Welt um uns herum zu verstehen.

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Das European Ecovillage Gathering

Dario Ferraro engagiert sich im European Ecovillage Network, dessen jährliches Treffen dieses Mal in der Nature Community bei Regensburg stattfindet. Wir sprachen mit ihm über die Rolle der Ökodörfer in einer sich wandelnden Welt und das Anliegen des diesjährigen Treffens.

evolve: Ökodörfer gibt es schon seit einigen Jahrzehnten. Vor welchen Herausforderungen stehen sie aktuell?

Dario Ferraro: Ein Ökodorf ist eine bewusste Gemeinschaft von Menschen, die sich zusammenschließen, um ihr Leben und ihre Präsenz auf dem Planeten auf neue Art zu gestalten – nicht nur in ökologischer, sondern auch in sozialer, wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht. Es gibt Pionier-Dörfer, die schon seit 30, 40, manche sogar seit 60 Jahren bestehen, wie zum Beispiel Findhorn, das letztes Jahr sein 62-jähriges Bestehen gefeiert hat. Gleichzeitig entstehen zurzeit viele neue Gemeinschaften.

Viele der älteren Gemeinschaften wurden mit der Absicht gegründet, sich aus einer Welt zurückzuziehen, in der man sich nicht wiedererkennen konnte. Es war die Zeit der nuklearen Aufrüstung, die ersten Bücher über ökologisches Bewusstsein wurden geschrieben, der Kalte Krieg beherrschte die Schlagzeilen. Die Menschen wollten eine harmonische Lebensweise finden, sowohl miteinander als auch mit dem Planeten. Das schuf ein starkes Band zwischen ihnen, basierte aber auch auf Misstrauen gegenüber der Welt, wie sie damals war. Den neuen Gemeinschaften hingegen, die jetzt entstehen, geht es darum, ein Modell für eine hoffnungsvolle Zukunft zu entwickeln, nicht nur für sich persönlich, sondern als Möglichkeit für einen Transformationsprozess der Gesellschaft und der Welt als Ganzes.

Jedes Ökodorf ist anders, es gibt keinen festgelegten Bauplan, und in dieser Vielfalt gehen wir gemeinsam unseren Weg und versuchen, die Welt um uns herum zu verstehen.

»Wir wollen nicht einfach in einem behaglichen Gefühl verharren.«

e: Viele der Hoffnungen auf Veränderung, die die Gründung von Ökodörfern beflügelt hatten, wurden nicht erfüllt. Es scheint viele Rückschläge in den sozialen und ökologischen Dimensionen westlicher Gesellschaften zu geben. Wie reagieren Ökodörfer auf diese Dynamik? Wie verändert das ihren Ansatz oder ihr Selbstverständnis?

DF: Das ist eine sehr interessante und schwierige Frage. Vergangenes Jahr, bei einem Treffen in Ungarn, kam die Frage auf: Ist das Leben in einem Ökodorf ein politischer Akt oder nur eine persönliche Entscheidung? Es gab unterschiedliche Antworten. Betrifft zum Beispiel der Krieg in Gaza die Ökodorf-Bewegung? Ich würde sagen ja, denn er steht im Gegensatz zu der Vision, die uns dazu bewegt, in einem Ökodorf zu leben. Viele schreckliche Dinge, die auf der Welt geschehen, erschüttern unsere Vorstellung davon, was es bedeutet, Mensch zu sein. Es bedarf also einer bewussten Anstrengung, es sich in den schönen Räumen, die wir geschaffen haben, nicht zu bequem zu machen, und zu erkennen, dass sie von Widersprüchen durchzogen sind und Privilegien sowie Machtverhältnisse beinhalten.

Es ist richtig, viele Hoffnungen, die vor 50 oder 60 Jahren die Menschen bewegten, haben sich nicht erfüllt, und mit einem drastischen Rückgang der Artenvielfalt und der Gefährdung der Lebensfähigkeit des Planeten befinden wir uns in einer noch schwereren Krise als damals. Es steht sehr viel auf dem Spiel, und es wäre überheblich zu behaupten, Ökodörfer seien die Antwort auf all diese Probleme. Doch Ökodörfer sind Orte des Experimentierens, an denen Menschen zusammenkommen und gemeinsam nach Antworten suchen können.

e: Euer diesjähriges Gathering trägt den Titel »To Dare to Trust«, »Wage zu vertrauen«. Wie seid ihr auf dieses Thema gekommen?

DF: Für viele von uns ist Vertrauen ein warmes Gefühl, das man empfindet, wenn man von Menschen umgeben ist, die man liebt. Das können wir oft in Ökodörfern und auch bei unserem Treffen erleben. Aber »Wage zu vertrauen« verweist ­darauf, dass Vertrauen nicht nur ein Gefühl ist, sondern eine Entscheidung. Wir wollen nicht einfach in einem behaglichen Gefühl verharren und hinter verschlossenen Türen eine private Utopie leben. Uns ist klar geworden, dass dieses warme Gefühl nur andauern kann, wenn auch die Welt um uns ein Ort ist, wo alle Menschen vertrauen können, wo gegenseitiger Respekt herrscht, wo die Regeneration des Planeten wichtig ist und wo andere Lebewesen wertgeschätzt werden. Also müssen wir in der Welt aktiv sein und es wagen, dieses Vertrauen aus dem geschützten Raum heraus in die politische, kollektive Sphäre zu tragen.

Deshalb werden wir inhaltlich vier Strängen folgen. Erstens: einander zu vertrauen in einer Zeit der Polarisierung und des Aufstiegs rechtsextremer Narrative; zweitens: der Erde zu vertrauen und der Aufgabe, die nicht-menschliche Welt inmitten des ökologischen Zusammenbruchs zu unterstützen; drittens: neuen Wirtschaftsmodellen zu vertrauen, da der Kapitalismus die Ungleichheit verschärft; und schließlich: der Zukunft selbst zu vertrauen, angesichts weit verbreiteter Ängste und Weltuntergangsstimmung.

e: Wie kann in Ökodörfern Vertrauen aufgebaut werden?

DF: Benjamin Bernabela von der Ökodorf-Bewegung in Asien und Ozeanien spricht vom horizontalen Vertrauen, das unter den Mitgliedern der Gemeinschaft aufgebaut wird durch bewusst gestaltete Begegnungen, Rituale, Konfliktlösungsstrategien.

Doch es gibt noch eine andere Art von Vertrauen: das vertikale Vertrauen, das durch die Gesellschaft, durch verschiedene Sektoren und durch verschiedene Bevölkerungsgruppen gehen sollte, die vielleicht nicht in der Lage sind, tatsächlich denselben Raum zu teilen. Vielleicht essen sie nicht jeden Tag gemeinsam, aber sie können darauf vertrauen, dass die Regierung für das Gemeinwohl arbeitet, dass verschiedene Gemeinschaften zusammenarbeiten wollen, um das Gemeinwohl zu fördern, und nicht nur ihre privaten Interessen verfolgen. Dieses vertikale Vertrauen aufzubauen ist schwieriger.

Das Gathering ist eine Art Raum, in dem verschiedene Akteure, Bewegungen und Organisationen zusammenkommen. Es bietet eine Plattform für dieses Vertrauen zwischen unterschiedlichen Menschen.

e: Welche Möglichkeiten des Austauschs und der Begegnung möchtet ihr durch das Gathering bieten?

DF: Das Gathering ist ein Ort, an dem wir Erfahrungen und Praktiken aus verschiedenen Gemeinschaften zusammenbringen. Dabei spielen Rituale und symbolische Prozesse eine wichtige Rolle. Einer der schönsten Momente ist die Eröffnung am ersten Tag. Sie wird immer zusammen mit der lokalen Gemeinschaft gestaltet und verbindet Elemente von Kreativität und Kunst. So entsteht ein Raum der Begegnung, des Dialogs und des Ankommens, und die Menschen fühlen sich nicht wie Gäste, sondern bilden zusammen für einen bestimmten Zeitraum eine Gemeinschaft. Diese Art des Beginns ermöglicht es, sich in den folgenden Tagen tiefer zu begegnen. An diesem ersten Abend bilden wir die Austauschgruppen, die sich dann in den nächsten Tagen treffen und Gefühle, Eindrücke und alles andere reflektieren, was sie auf positive oder negative Weise bewegt.

An den anderen Tagen gibt es vormittags Vorträge, Diskussionen und Workshops mit inspirierenden Ideen. An den Nachmittagen schaffen wir im »Open Space« Raum für Selbstorganisation und für Emergenz. Es ist eine Einladung an alle, die etwas teilen möchten oder Gespräche initiieren wollen. Abends gibt es dann Musik, Tanz, Theater und Comedy, um die Kultur, die in den verschiedenen Dörfern entstanden ist, einzubringen. Außerdem gibt es Kreisprozesse, Kontaktimprovisation, Yoga und Meditation.

e: Welche Wirkung erhofft ihr euch von dem Treffen auf die Teilnehmenden?

DF: Vor ein paar Monaten waren wir bei einem Treffen mit Menschen aus verschiedenen Ökodörfern in Europa. Einige von ihnen lebten schon seit 30 Jahren in Gemeinschaft, andere, junge Leute hatten ihre Reise gerade erst begonnen. Es war eine Storytelling-Runde, und alle erzählten von den Meilensteinen, die sie der Bewegung nähergebracht hatten. In jeder dieser Geschichten war das Gathering ein entscheidender, transformativer Moment, in dem den Menschen klar wurde, dass sie nicht allein waren, dass da viel Energie existiert, die sich auf neue Weise mit anderen Menschen und mit dem Planeten verbinden will. Sie erlebten diesen großen Moment, in dem sie sich gegenseitig erkannten, sich gestärkt fühlten und Inspiration erhielten, mit der sie nach Hause zurückkehren konnten. Und sie gewannen Vertrauen in die tiefe Bedeutung dessen, was sie tun. Es ist also bewegend, jedes Jahr wieder zusammenzukommen – das ist ein riesiger Schub an Motivation und Energie.

Author:
Mike Kauschke
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