Wie kommen innerer und äußerer Wandel zusammen?
Timo Kassel interessierte sich schon früh für Spiritualität und inneren Wandel, engagierte sich aber auch für die Transformation unserer Gesellschaft. Heute begleitet er Menschen aus sozialen Bewegungen mit Coaching und Moderation und ist Mitgestalter des Emerge Festivals. Wir sprachen mit ihm über sein Engagement zwischen innerem und äußerem Wandel.
evolve: Du bist im Spannungsfeld zwischen Meditation und Aktivismus tätig. Wie ist das für dich zusammengekommen?
Timo Kassel: Nach meinem Schulabschluss habe ich einen Weg eingeschlagen, der stark nach innen ging. Ich war viel auf Reisen und das war verbunden mit einer Reise zu mir selbst. In Indien und Nepal habe ich Yoga kennengelernt und mich mit Persönlichkeitsentwicklung beschäftigt. Es war ein Prozess des Aufwachens, bei dem ich immer offener und ehrlicher in die Welt schauen konnte. Anfangs war dieser Weg sehr auf mich bezogen, mit der Zeit hat er sich aber geweitet. Ich habe gemerkt, ich bin Teil dieser Welt, und das war auch ein schmerzhafter Prozess, denn in dieser Welt ist sehr viel nicht gut. In der Zeit habe ich viel emotionale Arbeit gemacht und bin mit der Tiefenökologie nach Joanna Macy in Kontakt gekommen.
Ich bin meinem Schmerz um die Welt begegnet. Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass dieser Schmerz ein Ausdruck der Liebe für all das Lebendige und für die Schönheit ist. Aus diesem Schmerz heraus ist mehr und mehr eine Kraft entstanden, um Wege zu gehen, die eine andere Welt möglich machen. Das hat mich zum Aktivismus geführt.
Manchmal fühlt es sich an, als ob ich in zwei Welten lebe. Die Welt der Meditationskissen und die Welt des politischen Aktivseins sind häufig voneinander getrennt und mit Klischees und Vorurteilen behaftet. Es ist ein Weg für mich geworden, diese Welten und die Menschen, die damit verbunden sind, in Kontakt zu bringen, um Brücken zu schlagen. Beide Teile sind wichtig und haben so viel Wertvolles, aber auch ihre Schattenseiten, wenn sie voneinander getrennt bleiben.
Wie kommen innerer und äußerer Wandel zusammen?
Timo Kassel interessierte sich schon früh für Spiritualität und inneren Wandel, engagierte sich aber auch für die Transformation unserer Gesellschaft. Heute begleitet er Menschen aus sozialen Bewegungen mit Coaching und Moderation und ist Mitgestalter des Emerge Festivals. Wir sprachen mit ihm über sein Engagement zwischen innerem und äußerem Wandel.
evolve: Du bist im Spannungsfeld zwischen Meditation und Aktivismus tätig. Wie ist das für dich zusammengekommen?
Timo Kassel: Nach meinem Schulabschluss habe ich einen Weg eingeschlagen, der stark nach innen ging. Ich war viel auf Reisen und das war verbunden mit einer Reise zu mir selbst. In Indien und Nepal habe ich Yoga kennengelernt und mich mit Persönlichkeitsentwicklung beschäftigt. Es war ein Prozess des Aufwachens, bei dem ich immer offener und ehrlicher in die Welt schauen konnte. Anfangs war dieser Weg sehr auf mich bezogen, mit der Zeit hat er sich aber geweitet. Ich habe gemerkt, ich bin Teil dieser Welt, und das war auch ein schmerzhafter Prozess, denn in dieser Welt ist sehr viel nicht gut. In der Zeit habe ich viel emotionale Arbeit gemacht und bin mit der Tiefenökologie nach Joanna Macy in Kontakt gekommen.
Ich bin meinem Schmerz um die Welt begegnet. Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass dieser Schmerz ein Ausdruck der Liebe für all das Lebendige und für die Schönheit ist. Aus diesem Schmerz heraus ist mehr und mehr eine Kraft entstanden, um Wege zu gehen, die eine andere Welt möglich machen. Das hat mich zum Aktivismus geführt.
Manchmal fühlt es sich an, als ob ich in zwei Welten lebe. Die Welt der Meditationskissen und die Welt des politischen Aktivseins sind häufig voneinander getrennt und mit Klischees und Vorurteilen behaftet. Es ist ein Weg für mich geworden, diese Welten und die Menschen, die damit verbunden sind, in Kontakt zu bringen, um Brücken zu schlagen. Beide Teile sind wichtig und haben so viel Wertvolles, aber auch ihre Schattenseiten, wenn sie voneinander getrennt bleiben.
e: Worin siehst du die Schattenseiten?
TK: Ich kann es auch an meinem eigenen Weg festmachen. Irgendwann war ich in der spirituellen Szene von der sehr verbreiteten Ich-Bezogenheit und Hyper-Individualisierung sehr genervt.
Alles dreht sich um mich und meine Yogamatte, mein Meditationskissen, mein Trauma, meine Heilung. Dieses und jenes muss ich noch aufarbeiten – das ist wie so ein Strudeln im eigenen Matsch. Traumaarbeit ist wichtig, ich will das nicht abwerten. Aber all das kann zu Abgetrenntheit und Isoliertheit von einer Welt werden, von der ich Teil bin, ob ich es will oder nicht. Es gibt eben auch eine strukturelle Ebene, die einfach ungerecht und gewaltvoll ist und die dabei häufig ausgeblendet, aber dadurch reproduziert wird.
Zudem ist die spirituelle Szene meistens sehr privilegiert, vor allem hier in Deutschland. Es ist ein riesengroßes Privileg, mein Leben lang auf Meditationskissen sitzen zu können und mich meinen Traumata zu widmen, während andere Menschen um ihr Überleben kämpfen müssen. Mit diesem Privileg geht auch Verantwortung einher, die in der spirituellen Szene häufig nicht übernommen wird.
»Wir brauchen einen regenerativen Ansatz von Aktivismus. «
Auf der anderen Seite ist der Aktivismus, den ich bisher kennengelernt habe, vor allem sehr rational und verkopft. Ich glaube aber nicht daran, dass wir mit rein rationalen Lösungsvorschlägen wirklich weiterkommen. Die Probleme sind viel tiefgreifender. Wir haben uns eine Kultur aufgebaut, die lebensfeindlich ist. Die Art und Weise, wie Aktivismus häufig gelebt wird, reproduziert diese Kultur und läuft in der gleichen Struktur und mit den gleichen Mechanismen ab, wie eben diese Kultur, die dazu beigetragen hat, dass die Welt so ist, wie sie ist. Klassischer Aktivismus ist mir häufig zu polarisierend und zu sehr auf Feindbilder bezogen.
Ich sehne mich nach einem Aktivismus mit viel mehr Körper, viel mehr Herz, viel mehr Beziehung zu der mehr als menschlichen Welt.
Wir brauchen einen regenerativen Ansatz von Aktivismus. Ich kann an der Stelle den größten Abdruck in der Welt hinterlassen, wo ich Verbundenheit und Leichtigkeit beim Wirken spüre, wo ich aus Liebe handle und nicht aus verzweifelter Dringlichkeit. Das kann ein Gamechanger sein, weil ich sehe, dass ein Großteil der aktivistischen Szene ausgebrannt ist.
e: Wie versuchst du mit deinem Engagement diese Brücke zu bauen?
TK: Vor fünf Jahren haben wir mit einer kleinen Gruppe von Menschen den Verein Living Future und darüber vor zwei Jahren das über Spenden finanzierte Projekt »Rest in Resistance« gegründet. Damit schenken wir Aktivist:innen Retreats, hier an dem Ort, wo ich mit anderen zusammenlebe. Sie können für eine Woche hierherkommen und erhalten emotionale und psychologische Begleitung. Sie haben die Möglichkeit auszuatmen, Pause zu machen, um sich überhaupt wieder spüren zu können.
Als Verein organisieren wir auch das Emerge-Festival im Juni dieses Jahres. Dabei geht es um die Frage, wie eine andere Haltung von Wirksamkeit möglich ist und wie wir inneren und äußeren Wandel verbinden können. Welche inneren Kompetenzen braucht es, um im Außen handlungsfähig und wirksam zu sein?
Darüber hinaus begleite ich Menschen mit Coaching und politische Gruppen durch Mediation und Gesprächsformate, um wieder mehr Beziehungen zu ermöglichen. Denn selbst innerhalb der Aktivistenszene, wo wir eigentlich alle in eine Richtung gehen wollen, gibt es viel Spaltung und Konflikte, die auch ein Ausdruck unserer fragmentierten modernen Gesellschaft sind.
»Wir wollen nicht einfach in einem behaglichen Gefühl verharren.«
e: Was sind für dich die wichtigsten Voraussetzungen oder Qualitäten, damit Beziehung wieder oder tiefer möglich wird?
TK: Im Grunde geht es darum, wieder zu lernen, berührbar zu sein, sich verletzlich zu zeigen. Das, was mir im Kontakt mit anderen Menschen und in der Welt begegnet, wirklich an mich heranzulassen. Wir haben gelernt, abgeschottet durch die Welt zu gehen, weil wir in Beziehungen viel Verletzungen erfahren haben oder weil der Kontakt mit der Welt einfach so schmerzvoll ist. Aber genau dieses Abschotten voneinander und von der Welt führt dazu, dass die Welt einfach so weiterläuft, wie sie ist. Wenn wir fühlen würden, was wir da machen, würden wir damit aufhören. Gefühle wie Trauer, Schmerz und Wut sind wichtige Antreiber für Lebendigkeit, für Lust am Leben, für Wirksamkeit.
e: Dafür braucht es Begegnungsräume, wo man diese Gefühle miteinander teilen kann.
TK: Ja, allein ist schwierig. Gemeinsam haben wir viel mehr emotionale Kapazität. Ich biete auch Seminare zum Thema Weltschmerz an, wo wir gemeinsam in Beziehung zu dem gehen, was unangenehm ist.
e: Was hilft den Menschen, aus diesem Weltschmerz einen Weg in die Wirksamkeit zu finden?
TK: Das Allererste ist das Gefühl, nicht allein zu sein. Also zu merken, dass es noch andere Menschen gibt, die herausgefordert und überfordert sind mit dem, was in der Welt passiert. Dadurch kann sich etwas im Nervensystem entspannen. Gefühle und Emotionen können Ausdruck bekommen. Dadurch komme ich wieder näher zur Welt und zu dem, was ich liebe.
Wenn Beziehung wieder möglich ist, kann ich spüren, was mich eigentlich berührt und was daraus entstehen will. Dann handle ich von einem ganz anderen Ort in mir, als wenn ich nur kognitiv verstehe, wie es um die Welt steht, um mich dann emotional wieder abzuschotten und taub zu machen, weil es zu überfordernd ist.
Wenn ich aus dieser oft schmerzhaften, aber liebevollen Verbundenheit handle, fühle ich mich häufig am genau richtigen Platz und Hand-in-Hand mit einer größeren Kraft, in die ich eingebettet bin.
e: Das englische Wort dafür, dass etwas entsteht, ist Emerge. So nennt ihr auch euer Festival. Warum?
TM: Für mich passt das Wort, weil wir in einem Zwischenraum sind. Wir wissen, der alte klassische Aktivismus funktioniert nicht mehr, aber wir wissen auch nicht, wie ein neuer Aktivismus aussehen kann. Da können wir lauschen, was entsteht, was sozusagen emergiert aus einem gemeinsam geteilten, präsenten Raum, den wir dort kreieren wollen. Was taucht daraus auf, von dem wir vorher noch gar nicht wussten, dass das vielleicht der nächste Schritt ist? Deshalb ist das Festival gefüllt mit kreativem Ausdruck, Ritualen und spielerischen und verkörperten Formaten, so dass aus diesem geteilten, präsenten Raum viel mehr ko-kreative Ideen entstehen können, als wenn wir nur auf eine gewohnte lineare und rationale Ebene zurückgreifen.