Mit Pflanzen Zukunft gestalten

Our Emotional Participation in the World
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Projekt-Interview
Publiziert am:

April 13, 2026

Mit:
Paul Baumann
Kategorien von Anfragen:
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AUSGABE:
50
|
April 2026
Worauf können wir vertrauen
Diese Ausgabe erkunden

Im Horizont der digitalen Revolution

Die junge Organisation URBAN UTOPIA sieht in Pflanzen Inspiration für ein ganzheitliches Miteinander und für Zukunft stiftende Lebensräume. Letzten Sommer veranstaltete sie in Berlin eine Konferenz mit mehr als 300 Teilnehmenden. Eine zweite folgt im Juli. Im März, pünktlich zum kalendarischen Frühlingsanfang, verlieh URBAN UTOPIA erstmals die Tilia Awards. Sie sollen die Relevanz pflanzenbasierter Arbeit sichtbar machen. »Tilia« steht botanisch für Linden, Bäume, die über Jahrhunderte zentrale Versammlungsorte – Orte der Verbindung – waren. Worin liegt das Potenzial einer solchen Unternehmung, dem, was die digitale Revolution an bedrohlichen Aspekten mit sich bringt, gegenzuhalten? Ein Gespräch mit Paul Baumann, Gründer von URBAN UTOPIA.

evolve: Das URBAN-UTOPIA-Netzwerk versucht, fachliche Kompetenz und Innovation, ökonomischen Erfolg und sozialen wie ökologischen Impact zu vereinen – mit Pflanzen als verbindendes Medium. Die bisherigen Aktivitäten waren von einem außergewöhnlichen Maß an Enthusiasmus, Inspiration und vertrauensvollem Miteinander geprägt. Die Konferenz im Juli indes wird, im Vergleich zum Vorjahr, auf einen veränderten Zeitgeist treffen. Denn wir erleben aktuell, wie sich in allen Lebens- und Arbeitsbereichen mit rasanter Geschwindigkeit, quasi durch die Hintertür eine algorithmisch geprägte Logik etabliert. Tatsächlich müssen wir ja inzwischen bereits für die nahe Zukunft in puncto KI mit Entwicklungen rechnen, die womöglich unser heutiges Vorstellungsvermögen übersteigen. Wie verortet sich URBAN UTOPIA in diesem Horizont?

Paul Baumann: Der veränderte Zeitgeist ist in der Tat spürbar. Als junges Start-up nutzen wir natürlich auch KI – was die Effektivität unserer Arbeitsprozesse beträchtlich erhöht. Hier öffnet sich ein Konfliktfeld wie beim Autofahren: Obwohl ich um die destruktiven Folgen der Nutzung fossiler Energien weiß, fahre ich ab und an, ja ich liebe Autofahren sogar – wenn auch nicht mit eigenem Auto und eher ausnahmsweise. Ähnliches gilt für unsere Smartphones und Computer. Sie verbrauchen Seltene Erden, deren Herkunft und Abbau äußerst fragwürdig sind. Auf ganz vielen Gebieten stecken wir alle fest in diesen systemischen Widersprüchen. Nochmal zu URBAN UTOPIA: Einerseits sind Pflanzen in all ihrer Lebendigkeit zentrales Medium und Antrieb für unsere Arbeit, die davon handelt, Menschen und unterschiedlichste Arbeitsfelder zu verbinden. Und andererseits nutzen wir mit KI zunehmend eine Technik, die Lebendigkeit simuliert. Wie grotesk! In diesem Spannungsfeld sinnstiftend zu manövrieren, ist eine Herausforderung und gleichzeitig exemplarisch für unser aller Lebensrealität.

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Im Horizont der digitalen Revolution

Die junge Organisation URBAN UTOPIA sieht in Pflanzen Inspiration für ein ganzheitliches Miteinander und für Zukunft stiftende Lebensräume. Letzten Sommer veranstaltete sie in Berlin eine Konferenz mit mehr als 300 Teilnehmenden. Eine zweite folgt im Juli. Im März, pünktlich zum kalendarischen Frühlingsanfang, verlieh URBAN UTOPIA erstmals die Tilia Awards. Sie sollen die Relevanz pflanzenbasierter Arbeit sichtbar machen. »Tilia« steht botanisch für Linden, Bäume, die über Jahrhunderte zentrale Versammlungsorte – Orte der Verbindung – waren. Worin liegt das Potenzial einer solchen Unternehmung, dem, was die digitale Revolution an bedrohlichen Aspekten mit sich bringt, gegenzuhalten? Ein Gespräch mit Paul Baumann, Gründer von URBAN UTOPIA.

evolve: Das URBAN-UTOPIA-Netzwerk versucht, fachliche Kompetenz und Innovation, ökonomischen Erfolg und sozialen wie ökologischen Impact zu vereinen – mit Pflanzen als verbindendes Medium. Die bisherigen Aktivitäten waren von einem außergewöhnlichen Maß an Enthusiasmus, Inspiration und vertrauensvollem Miteinander geprägt. Die Konferenz im Juli indes wird, im Vergleich zum Vorjahr, auf einen veränderten Zeitgeist treffen. Denn wir erleben aktuell, wie sich in allen Lebens- und Arbeitsbereichen mit rasanter Geschwindigkeit, quasi durch die Hintertür eine algorithmisch geprägte Logik etabliert. Tatsächlich müssen wir ja inzwischen bereits für die nahe Zukunft in puncto KI mit Entwicklungen rechnen, die womöglich unser heutiges Vorstellungsvermögen übersteigen. Wie verortet sich URBAN UTOPIA in diesem Horizont?

Paul Baumann: Der veränderte Zeitgeist ist in der Tat spürbar. Als junges Start-up nutzen wir natürlich auch KI – was die Effektivität unserer Arbeitsprozesse beträchtlich erhöht. Hier öffnet sich ein Konfliktfeld wie beim Autofahren: Obwohl ich um die destruktiven Folgen der Nutzung fossiler Energien weiß, fahre ich ab und an, ja ich liebe Autofahren sogar – wenn auch nicht mit eigenem Auto und eher ausnahmsweise. Ähnliches gilt für unsere Smartphones und Computer. Sie verbrauchen Seltene Erden, deren Herkunft und Abbau äußerst fragwürdig sind. Auf ganz vielen Gebieten stecken wir alle fest in diesen systemischen Widersprüchen. Nochmal zu URBAN UTOPIA: Einerseits sind Pflanzen in all ihrer Lebendigkeit zentrales Medium und Antrieb für unsere Arbeit, die davon handelt, Menschen und unterschiedlichste Arbeitsfelder zu verbinden. Und andererseits nutzen wir mit KI zunehmend eine Technik, die Lebendigkeit simuliert. Wie grotesk! In diesem Spannungsfeld sinnstiftend zu manövrieren, ist eine Herausforderung und gleichzeitig exemplarisch für unser aller Lebensrealität.

e: Erst in jüngster Zeit hat es in der Wissenschaft und darüber hinaus einen »relational turn« gegeben: Die neue Biologie entdeckte auf empirischen Wegen so etwas wie Intelligenz bei Pflanzen. Die Neurowissenschaften definierten Bewusstsein neu. Robin Wall Kimmerer, Pflanzenökologin mit indigenen Wurzeln, arbeitete Beziehungskraft und -kompetenz, wie die Pflanzen sie uns vorleben, als elementar für einen Zukunft stiftenden Weltbezug heraus. Weltweit formierte sich eine ­Bewegung für die Rechte der Natur. In der Kunst wie auch der Wissenschaft entdeckte man neue Wege, mit dem Lebendigen zu kommunizieren. Mit all dem öffnete sich die Perspektive, den dualistischen, auf Trennung und Verdinglichung zielenden Weltbezug der Moderne endlich ablösen zu können durch ein, mit der französischen Philosophin Corinne Peluchon gesprochen, »Zeitalter des Lebendigen«. Dieses neue In-Beziehung-Treten war auch auf der URBAN UTOPIA Conference letzten Sommer präsent. Befindet es sich inzwischen in einer Art Defensive?

PB: Ich wünsche mir sehr, dass wir auf ein Zeitalter des Lebendigen zusteuern. Das ist bitter nötig. Auch scheint mir diese Bewegung nicht in der Defensive – im Gegenteil. Allerorts vernehme ich lauter werdende Stimmen, einen generellen Diskurs, der nach Essenz, dem Einbeziehen der lebendigen Mitwelt und Lebendigkeit ruft. Vielleicht sehnen wir uns als Gesellschaft auch deshalb verstärkt nach einer solchen Neuausrichtung, weil wir spüren, wie zutiefst bedrohlich die sich rasant beschleunigende digitale Revolution werden kann.

»Mit KI nutzen wir eine Technik, die Lebendigkeit simuliert.«

KI ist maschinell, beruht vollends auf Rechenvorgängen. Und während Wissen hier rund um die Uhr abrufbar ist, erfolgt der Wissenstransfer tendenziell monologisch: Spontaneität, situative Klärungen und implizites Verstehen durch Gestik und Mimik bleiben weithin aus. Wir bei URBAN UTOPIA glauben ganz stark an die Entstehung wirksamer Ideen und Visionen im gegenseitigen Austausch, der physischen Präsenz und der direkten Kommunikation. Das sind lauter Aspekte einer gemeinsamen Verwurzelung, symbolisiert durch die Linde als Baum der Gemeinschaft, unter der einst ja auch wichtige Entscheidungen getroffen wurden.

In Pflanzen zeigt sich für mich die Kraft allen Seins – Sinnlichkeit, Fruchtbarkeit, Wachsen, Vergehen und Neubeginn, Verwurzelung, Anpassungsfähigkeit. Pflanzen verkörpern die Zyklen des Lebens, mit Rhythmen und Ruhepausen. Sie manifestieren eine tief berührende Schönheit – die schöpferische Lebendigkeit der Welt.

e: Ende der 1990er-Jahre wurde »plant blindness« als Begriff geprägt. Gemeint ist die wachsende Unfähigkeit, Pflanzen in der Umgebung wahrzunehmen, ihre Merkmale und ihre Bedeutung zu erkennen sowie die Tendenz, Pflanzen – gegenüber Tieren – für minderwertige Lebewesen zu halten. Steuern wir nun im Zuge der digitalen Revolution auf eine »life blindness« zu?

PB: Das scheint mir eine reale Gefahr zu sein. Was ist Lebendigkeit? Und ab wann tritt »life blindness« ein? Im Blick auf hypothetische Zukunftsszenarien von KI und deren Einfluss auf Menschen muss ich oft an Mary Shells »Frankenstein« und Ray Kurzweils Singularitäts-Vision »The Singularity Event« denken. Es kommt zur Verschmelzung und Symbiose zwischen Mensch und Maschine; Bewusstsein sowie biologische und evolutive Grenzen werden überwindbar. Bei Frankenstein tritt letztlich der komplette Kontrollverlust über die vom Menschen entwickelte »Kreatur« ein. Sie wird zerstörerisch. Solche Szenarien machen Angst. Während dergleichen nicht von heute auf morgen eintritt. Es ist ein schleichender Prozess –
der definitiv begonnen hat.

Für die Entwickler und Promoter von KI scheinen Lebewesen, einschließlich Menschen, so etwas wie komplexe biologische Maschinen zu sein, die manipuliert, verändert, patentiert werden können. Und die ultimative Trennung von der Erde kraft einer neuen Zivilisation im All ist in den Köpfen einiger Tech-Bros durchaus eine wünschenswerte Option. Wie kann es sein, dass weder in der Politik noch in der Öffentlichkeit ein wirklich breit angelegter Diskurs darüber geführt wird, welches Weltbild hinter der sich anbahnenden Vormacht maschineller Intelligenz steht? Und aus welchen Machtstrukturen diese Dynamik hervorgeht?

Wir sollten uns dringend unserer Essenz bewusst werden. Und: Wir sollten dringend anfangen, entschlossen von Pflanzen zu lernen, wie ein lebensdien­liches Miteinander und ein lebensdien­liches Wirtschaften sich gestalten lassen.

Author:
Dr. Hildegard Kurt
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