Chiaroscuro

Our Emotional Participation in the World
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Essay
Publiziert am:

July 12, 2026

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51
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July 2026
Leben mit Licht und Schatten
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Das ganze Leben

Licht und Dunkelheit begleiten uns ständig und haben in der Geschichte unserer Bewusstseinsentwicklung verschiedene Formen angenommen. Dabei wurde das Licht einer Zeit immer wieder zum Dunkel einer folgenden Epoche, das wiederum zum Ursprung eines neuen Lichtes wurde. Wo stehen wir heute in diesem Tanz zwischen Licht und Schatten?

Ich erinnere mich, wie ich fast in die massiven Türen der Basilika Santa Maria del Popolo in Rom gestolpert wäre, als mich nach der unerbittlich blendenden Sonne auf der staubigen Piazza draußen kühle Dunkelheit umfing. Nachdem ich in die Basilika eingetreten war, entdeckte ich in einem Seitenaltar die Gemälde, deretwegen ich – wie so viele Besucher – ­
gekommen war: die Caravaggio-Gemälde. Sie sind riesig, fast überwältigend. Durch den düsteren Innenraum, der vom Ruß zehntausender Kerzen verdunkelt ist, lässt ein geheimnisvolles Licht zwei Heilige aufscheinen. Rechts liegt der Heilige Paulus rücklings auf dem Boden, die Arme in einer Geste der Hingabe und Sehnsucht ausgestreckt, das Gesicht vom Licht der Offenbarung durchflutet, während sein Pferd und sein Diener vorsichtig um ihn herumschreiten. Das Licht wirkt im Kontrast zu der undurchdringlichen Dunkelheit, die es umgibt, irgendwie überirdisch. Auf der linken Seite des Ganges nageln drei Männer, deren Gesichter im Schatten liegen, den Heiligen ­Petrus kopfüber an ein Kreuz. Petrus reckt seinen Hals, um einen Blick an ihnen vorbei werfen zu können – mit einem Ausdruck von Schock und Schmerz im Gesicht, vielleicht sieht er die Lichtquelle, die ihn in der Dunkelheit erhellt.

Caravaggio war ein Meister der Maltechnik des Chiaroscuro, was auf Italienisch Hell-Dunkel bedeutet. Dieser Malstil wurde während der Renaissance von Leonardo da Vinci und Raffael entwickelt. Chiaroscuro nutzt Hell und Dunkel, um Tiefe, Beleuchtung und Bedeutung zu erzeugen. Das Licht wird zu einer Kraft der Offenbarung, die die Dunkelheit durchdringt, um die emotionale und spirituelle Komplexität des Menschseins zum Ausdruck zu bringen. Chiaroscuro symbolisiert das Aufkommen von Erhellung, einen epochalen Wandel einer Zeit, die noch heute oft als »dunkles Zeitalter« bezeichnet wird, hin zu einer Zeit der Wiedergeburt, der Renaissance, gefolgt von der Aufklärung mit ihrer Betonung des Lichtes der Vernunft.

Befinden wir uns heute wieder in einem solchen Wandel? Aus verschiedensten Blickwinkeln betrachtet scheint es so zu sein – allerdings auf eine Weise, die wahrhaft dem Chiaroscuro entspricht. Zum jetzigen Zeitpunkt ist das Licht vergangener Epochen zu einer neuen Dunkelheit geworden, während sich eine neue Erkenntnis der Dynamik zwischen Licht und Dunkelheit als transformierende Kräfte abzeichnet.

Die neue Dunkelheit

Kürzlich las ich einen Artikel, in dem Menschen zu Wort kamen, die fest davon überzeugt waren, dass die Mondlandung von 1969 gar nicht stattgefunden hat. Für diese Skeptiker beruhte der Beweis für ihre Verschwörungstheorien auf der »offensichtlichen« Unechtheit der Fotos. Wie konnten die Fotos echt sein, wenn der Himmel völlig schwarz war? In einer ähnlichen Form der Wissenschaftsleugnung scheinen die »Flat ­Earther« an Zahl zuzunehmen oder zumindest sichtbarer zu werden. Die Verbreitung mutierter Formen der Irrationalität, die sich durch die Sümpfe sozialer Medien ausbreiten, untergräbt ein kulturell geteiltes Bekenntnis zur Rationalität. Das Misstrauen und die Unwissenheit hinter diesen »Theorien« sind Teil der zunehmenden Dunkelheit unserer Zeit.

Das ganze Leben

Licht und Dunkelheit begleiten uns ständig und haben in der Geschichte unserer Bewusstseinsentwicklung verschiedene Formen angenommen. Dabei wurde das Licht einer Zeit immer wieder zum Dunkel einer folgenden Epoche, das wiederum zum Ursprung eines neuen Lichtes wurde. Wo stehen wir heute in diesem Tanz zwischen Licht und Schatten?

Ich erinnere mich, wie ich fast in die massiven Türen der Basilika Santa Maria del Popolo in Rom gestolpert wäre, als mich nach der unerbittlich blendenden Sonne auf der staubigen Piazza draußen kühle Dunkelheit umfing. Nachdem ich in die Basilika eingetreten war, entdeckte ich in einem Seitenaltar die Gemälde, deretwegen ich – wie so viele Besucher – ­
gekommen war: die Caravaggio-Gemälde. Sie sind riesig, fast überwältigend. Durch den düsteren Innenraum, der vom Ruß zehntausender Kerzen verdunkelt ist, lässt ein geheimnisvolles Licht zwei Heilige aufscheinen. Rechts liegt der Heilige Paulus rücklings auf dem Boden, die Arme in einer Geste der Hingabe und Sehnsucht ausgestreckt, das Gesicht vom Licht der Offenbarung durchflutet, während sein Pferd und sein Diener vorsichtig um ihn herumschreiten. Das Licht wirkt im Kontrast zu der undurchdringlichen Dunkelheit, die es umgibt, irgendwie überirdisch. Auf der linken Seite des Ganges nageln drei Männer, deren Gesichter im Schatten liegen, den Heiligen ­Petrus kopfüber an ein Kreuz. Petrus reckt seinen Hals, um einen Blick an ihnen vorbei werfen zu können – mit einem Ausdruck von Schock und Schmerz im Gesicht, vielleicht sieht er die Lichtquelle, die ihn in der Dunkelheit erhellt.

Caravaggio war ein Meister der Maltechnik des Chiaroscuro, was auf Italienisch Hell-Dunkel bedeutet. Dieser Malstil wurde während der Renaissance von Leonardo da Vinci und Raffael entwickelt. Chiaroscuro nutzt Hell und Dunkel, um Tiefe, Beleuchtung und Bedeutung zu erzeugen. Das Licht wird zu einer Kraft der Offenbarung, die die Dunkelheit durchdringt, um die emotionale und spirituelle Komplexität des Menschseins zum Ausdruck zu bringen. Chiaroscuro symbolisiert das Aufkommen von Erhellung, einen epochalen Wandel einer Zeit, die noch heute oft als »dunkles Zeitalter« bezeichnet wird, hin zu einer Zeit der Wiedergeburt, der Renaissance, gefolgt von der Aufklärung mit ihrer Betonung des Lichtes der Vernunft.

Befinden wir uns heute wieder in einem solchen Wandel? Aus verschiedensten Blickwinkeln betrachtet scheint es so zu sein – allerdings auf eine Weise, die wahrhaft dem Chiaroscuro entspricht. Zum jetzigen Zeitpunkt ist das Licht vergangener Epochen zu einer neuen Dunkelheit geworden, während sich eine neue Erkenntnis der Dynamik zwischen Licht und Dunkelheit als transformierende Kräfte abzeichnet.

Die neue Dunkelheit

Kürzlich las ich einen Artikel, in dem Menschen zu Wort kamen, die fest davon überzeugt waren, dass die Mondlandung von 1969 gar nicht stattgefunden hat. Für diese Skeptiker beruhte der Beweis für ihre Verschwörungstheorien auf der »offensichtlichen« Unechtheit der Fotos. Wie konnten die Fotos echt sein, wenn der Himmel völlig schwarz war? In einer ähnlichen Form der Wissenschaftsleugnung scheinen die »Flat ­Earther« an Zahl zuzunehmen oder zumindest sichtbarer zu werden. Die Verbreitung mutierter Formen der Irrationalität, die sich durch die Sümpfe sozialer Medien ausbreiten, untergräbt ein kulturell geteiltes Bekenntnis zur Rationalität. Das Misstrauen und die Unwissenheit hinter diesen »Theorien« sind Teil der zunehmenden Dunkelheit unserer Zeit.

»Hell und Dunkel sind grundlegend für unsere verkörperte Lebenserfahrung.«

Ich spreche hier von der Dunkelheit der Unwissenheit im Gegensatz zum Licht der Vernunft. Dieses Licht prägt seit dem Bekenntnis zur Aufklärung vor etwas mehr als zweihundert Jahren einen Kernwert der westlichen Kultur. Die Vernunft, die die Philosophen des 18. Jahrhunderts erhellte, war umfassend und initiierte einen Prozess der Erforschung aller Aspekte des menschlichen Lebens. Im Laufe der Jahrhunderte konzentrierte sich der produktive Einsatz der Vernunft – zum großen Teil aufgrund des Erfolgs von Wissenschaft und Technik – zunehmend auf Vorhersage und Messung.

Dieser Physikalismus schreibt fest, dass es letztendlich nichts jenseits der materiellen Welt gibt. Die markt- und technologiegetriebene moderne Welt ­verwandelt ethische und moralische Werte in monetären Wert und macht das Leben zu einer Bilanz: Wie viel bist du wert, wie viele Substack-Follower (oder Abonnenten auf anderen Plattformen) hast du, wie viele Luxusgüter stellst du zur Schau, auf welche Privatschule schickst du deine Kinder und so weiter. Wissen – oder wahres Wissen – stammt ausschließlich aus wissenschaftlichen Untersuchungen, und alles, was nicht überprüft werden kann, ist in gewisser Weise weniger real. Das bedeutet, dass unsere subjektiven Erfahrungen des Lebens, des Liebens und der Sinnstiftung buchstäblich nicht zählen.

Das ist eine neue Dunkelheit, die das Zerrbild des Lichts der Vergangenheit ist. Und sie wird durch die wachsende Kluft zwischen der Wissenschafts- und Tech-Elite einerseits und dem Rest von uns »Nutzern« andererseits noch verstärkt. Das Mittelalter war dunkel, weil die Welt unvorhersehbar und undurchdringlich war, voller Magie und übernatürlicher Wesen, die von der Hand Gottes geleitet wurden; heute halten wir geheimnisvolle Instrumente mit fast übernatürlichen Kräften in unseren eigenen Händen – Mobiltelefone. Wer weiß schon, wie diese Technologien tatsächlich funktionieren? Dennoch sind wir von ihren Fähigkeiten abhängig und werden von ihnen geprägt. Und nun, da die Big-Tech-Zauberer den Geist der Künstlichen Intelligenz aus der Flasche lassen, geben sogar sie zu, dass ihnen die Funktionsweise der KI ein Rätsel ist.

Die Dunkelheit, die Männer (und Frauen) verursachen

Was kann uns heute anstelle der Glorie Gottes als Heiliger Geist oder anstelle des klaren Lichts der Vernunft durch die Dunkelheit leiten? Ist es das moderne LED-Licht – billig, austauschbar und künstlich? Es führt uns weder über uns selbst hinaus, noch inspiriert es uns. Die heutige enge Bandbreite dessen, was als real gilt, würde das Licht, das den Heiligen Petrus und den Heiligen Paulus in Caravaggios Gemälden überwältigt, leugnen oder in die Bedeutungslosigkeit verbannen. Denn diese Bibelgeschichten sprechen von einer Wirklichkeit jenseits des Menschlichen, an der Menschen aber teilhaben können. Sie ziehen uns in diese Welt hinein und lehren uns, wie wir uns ihr gegenüber verhalten sollen – mit Demut, Ehrfurcht und Hingabe. Sie bieten spirituelle und moralische Orientierung, wenn auch aus einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort.

Carravagio, Die Kreuzigung des Heiligen Petrus, 1600/1601 (l.), Die Bekehrung des Hl. Paulus, 1601 (r.)Cappella Cerasi, Basilica Santa Maria del Popolo, Rom

Im Zuge der Entwicklung der modernen Welt von Caravaggios Zeit bis zur materialistisch geprägten Gegenwart ist immer deutlicher geworden, dass die Moderne keinen eigenen spirituellen oder moralischen Kontext besitzt. Zunächst wurde das jüdisch-christliche Grundgerüst der Moral in diese neue Epoche hineingetragen, insbesondere von Frauen. Während Männer mit dem Alten brachen und die Strukturen der Moderne aufbauten, bewahrten die bürgerlichen Frauen jener Zeit die Werte der Reinheit, Keuschheit und Sanftmut, die zum Christentum des Mittelalters gehörten. Doch seit Frauen im letzten Jahrhundert zunehmend in die Arbeitswelt eingetreten sind, erstrecken sich die Werte des Marktes, nach denen bisher Männer gelebt hatten, nun auch auf Frauen. Und diese Wettbewerbsdynamik des Marktes ist uns buchstäblich unter die Haut gegangen.

»Diese Transformation fordert uns auf, Licht und Dunkelheit als dynamisch und ko-kreativ zu verstehen.«

Wo finden wir in unserer Zeit Orientierung oder Sinn? Implizit, aber unermüdlich werden wir auf den Markt ausgerichtet. Alles steht mittlerweile zum Verkauf; alles wird zur Ware, einschließlich des Selbst. Selbstoptimierung ist zu einem Weg geworden, einen Sinn oder Zweck zu finden, indem man seine »Marke« durch Trainingsprogramme, plastische Chirurgie, Meditation mit binauralen Beats, Nahrungsergänzungsmittel, das Streben nach Langlebigkeit, Wellness-Programme und so weiter aufwertet. Nun ist an all dem an sich nichts Falsches, aber es schafft keine tiefere Verbindung zum Leben. Zunehmend jedoch bestimmt etwas Unheilvolles die Selbstdarstellung: Macht. Manche haben beobachtet, dass es beim extremen Einsatz von Botox und plastischer Chirurgie bei den Superreichen nicht um Schönheit geht, sondern darum, zu zeigen, wie reich man ist. Auch wenn es nur sehr wenige Superreiche gibt, kennen wir ihre Namen und ihre Gesichter. So viele Geschichten, die in die Schlagzeilen und unsere Social-Media-Feeds drängen, verherrlichen Gier, Egoismus und Macht. So können wir auf diesem Planeten nicht auf lange Sicht gut zusammenzuleben.

Macht in ihrer Reinform als Herrschaft tritt erneut auf die internationale Bühne. Wieder gibt es den Ruf nach ethnischer, rassischer und religiöser Reinheit als Grundlage der Nation. Und wieder wird der öffentliche Diskurs von Gemeinheit erfüllt, wodurch ein Klima entsteht, das Gewalt schürt. Erneut werden Grenzen überschritten – sowohl, was akzeptierte Normen als auch tatsächliche Invasionen betrifft – und das alles mit schockierender Leichtigkeit. Wieder wird »Nie wieder« mit Füßen getreten. Die Hoffnung, dass wir aus der Vergangenheit gelernt hätten, erscheint zunehmend entleert – wieder einmal stehen wir vor dem Abgrund.

Die Kraft des Imaginalen

Licht und Dunkelheit sind Tag und Nacht, Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, Wachsein und Schlafen, Feld und Wald. Der Schatten, der uns folgt, während wir der strahlenden Sonne entgegengehen. Hell und Dunkel, Chiaroscuro, sind grundlegend für unsere verkörperte Lebenserfahrung. Darüber hinaus sind sie Teil des Gefüges des Kosmos. Und in Verbindung mit der menschlichen Imagination sind sie zu so viel mehr geworden. Ich spreche nicht einfach nur von Kunst, sondern von der menschlichen Fähigkeit, Kultur und Sinn zu schaffen, die neue Wege des Seins und des Erlebens der Wirklichkeit hervorbringen. Licht und Dunkelheit sind Tore zur imaginalen Welt, der mundis imaginalis, wie der Philosoph und Religionswissenschaftler Henry Corbin sie nannte.

Was ist diese imaginale Welt? Nur wenn wir das verstehen, können wir die Kraft und das Potenzial eines Lebens im Einklang mit den Kräften des Lichts und der Dunkelheit erkennen. Zunächst einmal ist »imaginal« nicht gleichbedeutend mit »imaginär« oder »eingebildet«. Die Imagination bezieht sich nicht auf irgendeine Form künstlerischen Talents, sondern ist vielmehr eine einzigartig menschliche Wahrnehmungsfähigkeit. Die imaginale Welt ist eine Dimension der Wirklichkeit, des Seins, die zwischen dem Physischen und dem Göttlichen existiert – nicht als Wesen, sondern als Essenz. Diese Dimension der Wirklichkeit birgt eine enorme Fülle an Erfahrungen, von subtilen Energien wie dem Qi über archetypische Bilder und Symbole bis hin zu vielfältigen religiösen Erfahrungen, Weltsichten und gemeinsamen Glaubenssystemen. Es handelt sich um eine kollektive Dimension, aus der sich Bedeutung durch unsere gemeinsame Teilhabe an der kreativen Imagination (ein weiterer Begriff von Corbin) entfaltet.

Die Bedeutung von Licht und Dunkelheit wurde in verschiedenen Kulturen in erheblich unterschiedlicher Weise wahrgenommen. Das Volk der Kogi in den Bergen Nordkolumbiens beispielsweise versteht die Dunkelheit als den Schoß oder Ursprung des Lebens, in dem die unsichtbaren Grundlagen der Wirklichkeit zugänglich werden. Sie ziehen ihre Kinder drinnen im Halbdunkel fernab der Sonne auf, weil sie glauben, dass das Lernen mit dem Unsichtbaren beginnen sollte – mit Gedanken, Träumen, Imagination und Kontemplation. Diese Erziehung in der Dunkelheit dauert bei Jungen, die zu spirituellen Führern ausgebildet werden, sogar noch länger. Im Anschluss daran werden sie schrittweise in die Welt des Tageslichts und der Gestaltungen eingeführt, wobei sie ihr Wissen über unsichtbare Zusammenhänge nutzen, um die Objekte der sichtbaren Welt zu verstehen.

»Die imaginale Welt ist eine Dimension der Wirklichkeit, die zwischen dem Physischen und dem Göttlichen existiert.«

Der moderne westliche Geist neigt dazu, sich Licht und Dunkelheit als gegensätzliche Pole vorzustellen, die oft mit Gut und Böse gleichgesetzt werden. Das Ergebnis einer solchen Vorstellung ist die Entwicklung der Fähigkeit, klare Unterscheidungen zu treffen – Denkstrukturen des Entweder-oder, die ebenfalls Trennung zum Ausdruck bringen. Sie verwandeln sich in Extreme, die immer weniger gemeinsam haben. Während Licht und Dunkelheit in Beziehung zueinander stehen (Licht transformiert Dunkelheit), entsteht, sobald wir eine moralische Wertung ins Spiel bringen, natürlicherweise eine Vorliebe für das Licht und die Annahme, dass man selbst darin steht. In dieser Vorstellung gilt es, die Dunkelheit zu vermeiden, denn an ihr ist nichts Gutes. Es gibt nichts zu gewinnen, wenn man sich mit ihr auseinandersetzt, und alles zu gewinnen, wenn man sie ignoriert. Das Problem ist, dass sich die Dunkelheit im Schatten verbirgt. Vielleicht wird so aus »nie wieder« ein »schon wieder«.

Eine Kultur des Chiaroscuro

Wie können wir uns also eine Kultur des Bewusstseins im Chiaroscuro vorstellen, in der das Licht die Dunkelheit erhellt und die Dunkelheit dem Licht Tiefe verleiht? Diese Transformation fordert uns auf, Licht und Dunkelheit als dynamisch und ko-kreativ zu verstehen und nicht als polare Gegensätze. In seiner Reflexion über die Lehren des iranischen Sufismus beschreibt Henry Corbin deren spirituellen Weg als einen Weg zunehmender Leuchtkraft – ­
einen Weg des Lichts, auf dem das »schwarze Licht«, eine Dunkelheit, die als Abwesenheit von Materie verstanden wird, die höchste Errungenschaft darstellt. Vielleicht liegt hier eine Inspiration in einer dynamischen Ausrichtung auf das Licht in einer offenbarenden Partnerschaft mit der Dunkelheit.

Eine neue Kultur des Imaginalen muss per definitionem kollektiv entstehen. Sie kann nicht die Einsicht oder das Projekt eines Einzelnen oder einiger Weniger sein. Dennoch ist die Beziehung des Einzelnen zu Licht und Dunkelheit zutiefst persönlich und eine Auseinandersetzung jedes Einzelnen. Doch etwas daran finde ich bewegend: Jeder von ist die gesamte Menschheit. Wir alle sind das Kollektiv. Zeugnis abzulegen für die gesamte Bandbreite menschlicher Erfahrung – vom Freudvollen bis zum Schrecklichen – bedeutet, Zeugnis für mich selbst abzulegen.

Ich habe dieses mutige Bestreben, sich nicht von unseren dunkelsten Impulsen abzugrenzen und mit Licht und Schatten zu leben, auf berührende Weise selbst miterlebt. Aber währenddessen habe ich es nicht verstanden. Ich erlebte es mit meinem Partner Thomas Steininger, als dessen Hirntumor fortschritt und er weder sprechen noch gehen konnte. Trotz dieser existenziellen Krise setzte er sich intensiv mit einem Schatten seiner österreichischen Heimat auseinander, die den Aufstieg des Nationalsozialismus mitbefeuert hatte. In Linz geboren, wo Hitler seine Jugend verbracht und die Stadt zur Führerstadt gemacht hatte, war ihm die Bewusstheit über diese historischen Bezüge schon seit Jahrzehnten ein Anliegen. Als sein Tod näher rückte, widmete er sich diesen Schatten mit erneuter Dringlichkeit. Er sah sich Videos an, die die Geschehnisse dieser Zeit thematisierten, und ließ zu, dass der Schrecken ihn berührte und aufbrach. Schließlich fand er den Weg zu einer Lichtung – wo Licht und Dunkelheit aufeinandertrafen. Das Licht der Erkenntnis erleuchtete das Chiaroscuro des menschlichen Daseins, das wir selbst sind.

Author:
Dr. Elizabeth Debold
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