Eine neue Welt

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Kolumne
Publiziert am:

January 25, 2026

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AUSGABE:
49
|
January 2026
Die Kraft der Demut
Diese Ausgabe erkunden

Jede Wahrnehmung, ob gewollt oder unvermerkt, ruft etwas hervor. Durch jede Wahrnehmung entsteht etwas. Etwas?

In allem Wahrnehmen entsteht etwas, das innig mit dem Wahrnehmenden und dem Wahrgenommenen verbunden ist. Mal hängt es mehr mit dem Wahrnehmenden, mal mehr mit dem Wahrgenommenen zusammen, selten mit beidem gleichermaßen, immer aber entsteht es zwischen ihnen. Etwas – im Dazwischen, empfindlich, zart und vorübergehend, schwebend in einer Begegnung zwischen Ich und Welt.

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Jede Wahrnehmung, ob gewollt oder unvermerkt, ruft etwas hervor. Durch jede Wahrnehmung entsteht etwas. Etwas?

In allem Wahrnehmen entsteht etwas, das innig mit dem Wahrnehmenden und dem Wahrgenommenen verbunden ist. Mal hängt es mehr mit dem Wahrnehmenden, mal mehr mit dem Wahrgenommenen zusammen, selten mit beidem gleichermaßen, immer aber entsteht es zwischen ihnen. Etwas – im Dazwischen, empfindlich, zart und vorübergehend, schwebend in einer Begegnung zwischen Ich und Welt.

Sofern es im Bewusstsein auftaucht, bemerken wir es als Gefühl, als Stimmung oder auch nur als diffusen Eindruck im Hinter- oder Untergrund. Gewöhnlich bleibt das im Wahrnehmen aus dem Dazwischen, aus der Begegnung geborene Etwas weitgehend unbewusst. Bewusst werden Subjekt und Objekt des Wahrnehmens. Den Wahrnehmenden und das Wahrgenommene im Bewusstsein abzubilden und entsprechend zu urteilen oder zu handeln, ist gewohnter, als die Entstehung und das schwebende Leben des Etwas im Dazwischen zu bemerken, es bewusst zu verfolgen oder gar zu gestalten.

Das Bewusstsein von Subjekt und Objekt des Wahrnehmens entwirft Vorstellungen, die sich auf sie selbst beziehen. Wer und wie bin ich eigentlich? Was ist das eigentlich, was ich wahrnehme? Wie verhalte ich mich entsprechend, wie kann ich mit dem Wahrgenommenen umgehen? Etwa solche habituell gestellten und beantworteten Fragen bilden unsere unreflektierten Vorstellungen, die unsere alltäglichen Gefühle, Urteile und Taten bestimmen, meistens auch wissenschaftliches und künstlerisches Vorgehen. Unbewusst bleiben Entstehung und Leben des empfindlichen, zarten und ephemeren Etwas, das zwischen Ich und Welt in ihrer immer einmaligen, situativen und fluiden Beziehung entsteht und vergeht.

»Ästhetische Erfahrung erschließt sich einer Aufmerk­samkeit, die das Werdende im Werden sucht.«

Richtet sich die Aufmerksamkeit auf dieses lebendige Feld, bemerkt sie, wie bei allem Wahrnehmen etwas mit mehr hervorbringendem oder aber mehr empfangendem Charakter auftaucht. Sofern die Aufmerksamkeit sich stärker auf Subjekt und Objekt des Wahrnehmens richtet, erscheint die eher hervorbringende Qualität; die empfangende wird bemerkbarer, wenn die Aufmerksamkeit dem Etwas selbst, dem neu Entstehenden mehr Beachtung schenkt.

Die Aufmerksamkeitsrichtung, die eher hervorbringende Qualitäten realisiert (vita activa), gibt Auskunft über das Ich und über die Welt. Die Konturierung von Selbst- und Weltverständnis sind ihre Folgen im menschlichen Bewusstsein. Wissenschaften, Kunst und Lebensformen neuzeitlicher Kulturen haben bis heute vielfältige Arten und Weisen dieses Welt- und Selbstverstehens ausgebildet. In jüngster Zeit ist offensichtlich geworden, dass diese Verständnisformen weder sozial noch ökologisch nachhaltig funktionieren, ja allem Lebendigen zuwiderlaufen. Mit anderen Worten: Die in dieser Art menschengemachten Welten sind unglücklich.

Über eine Kultur und ihre Folgen, die einen eher empfangenden Charakter hat (vita passiva), die ihre Aufmerksamkeit auf das Etwas, auf das individuell und neu Entstehende im Wahrnehmungsprozess richtet, kann noch nichts ausgemacht werden, denn es gab sie noch nie. Weder in indigenen Kulturen, die mehr in Harmonie mit der Ordnung der Welt lebten, noch in jüngeren, westlich geprägten Gesellschaften, in denen ein Herrschaftsverhältnis des Ich über die Welt die Lebensformen bestimmt. Keine Lebensweise oder Bewusstseinsform orientierte sich bisher an dem, was in jedem Augenblick neu zwischen Ich und Welt entsteht, was durch ihre Beziehung zueinander in Wechselseitigkeit, je einmalig, situativ und in einem vielleicht femininen Sinne menschlich entsteht.

Dieses Entstehende, dieses Etwas, zart und schwebend, soll hier ästhetische Erfahrung genannt werden. Ästhetische Erfahrung erschließt sich einer Aufmerksamkeit, die das Werdende im Werden sucht, das Ephemere liebt, das Erscheinende achtet, das Unscheinbare sieht; einer Aufmerksamkeit, die das Dazwischen, das Unspektakuläre, das sich selbst nicht zur Geltung Bringende und doch Wirksame bemerkt. Und ästhetische Erfahrung wird zu ästhetischer Praxis, wenn ihr Einlass in die Vorstellungsbildung, in die Urteils- und Handlungsorientierung gewährt wird. Das geschieht nie von allein und nie gewollt, aber immer frei wie wirkliches Schenken und wirkliches Empfangen. Was ästhetische Praxis dann vermag, wie sie handelt, fühlt und konzipiert, ist nicht vorhersehbar, ist eine neue Welt, vermutlich so mannigfaltig und vielgestaltig wie alles Lebendige.

Author:
Bodo von Plato
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