»Überlasse dich ganz ihrem Strömen«

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Buch/Filmbesprechung
Publiziert am:

October 19, 2025

Mit:
Robert Macfarlane
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AUSGABE:
48
|
October 2025
Die Flamme weitergeben
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Über das Buch »Sind Flüsse Lebewesen?« von Robert Macfarlane

Das neue Buch »Sind Flüsse Lebewesen?« von Robert Macfarlane ist aus verschiedenen Gründen eine Sensation. Zum einen beschreibt es den erstaunlichen Umstand, dass in den letzten Jahren einige große Flüsse der Welt zu »juristischen Rechtspersönlichkeiten« erklärt wurden, und es tut dies mit einer solchen Sprachmagie, dass alle Zweifel an einer solchen Zuschreibung verschwinden. Zum anderen wird berichtet von ausführlichen Wanderungen entlang mehrerer außerordentlicher Flüsse, die man besser mit dem schönen alten Wort »Ströme« benennen sollte: Hautnah erleben wir die vergifteten Lagunen der indischen Wasserstadt Chennai sowie den Río Los Cedros in Ecuador und den Magpie River in Kanada.

Macfarlane beginnt mit atmosphärischen Schilderungen der magischen Nebelwälder ­Ecuadors, in denen nachts weiträumige Pilzgeflechte glühen und tausende von »Aufsitzerpflanzen« auf den Bäumen eine üppige Welt für sich schaffen. Der Autor wandert mit einer Pilzexpertin und einem »Klangsammler« durch diese Wälder wie durch »einen leuchtenden dampfenden Ofen aus Grün«, in dem die jahrhundertealten Zedern wie südamerikanische Versionen des nordischen Weltenbaumes »Yggdrasil« wirken. Manchmal, so schreibt Macfarlane, sei es ihm gewesen, als ob er in der Mitte von drei Flüssen gelaufen sei: neben ihm der Río Los Cedros (»Fluss der Zedern«), unter ihm das endlose Mikroflusssystem der Pilze und über ihm die Atmosphäre mit ihren vielfältigen Strömungen.

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Über das Buch »Sind Flüsse Lebewesen?« von Robert Macfarlane

Das neue Buch »Sind Flüsse Lebewesen?« von Robert Macfarlane ist aus verschiedenen Gründen eine Sensation. Zum einen beschreibt es den erstaunlichen Umstand, dass in den letzten Jahren einige große Flüsse der Welt zu »juristischen Rechtspersönlichkeiten« erklärt wurden, und es tut dies mit einer solchen Sprachmagie, dass alle Zweifel an einer solchen Zuschreibung verschwinden. Zum anderen wird berichtet von ausführlichen Wanderungen entlang mehrerer außerordentlicher Flüsse, die man besser mit dem schönen alten Wort »Ströme« benennen sollte: Hautnah erleben wir die vergifteten Lagunen der indischen Wasserstadt Chennai sowie den Río Los Cedros in Ecuador und den Magpie River in Kanada.

Macfarlane beginnt mit atmosphärischen Schilderungen der magischen Nebelwälder ­Ecuadors, in denen nachts weiträumige Pilzgeflechte glühen und tausende von »Aufsitzerpflanzen« auf den Bäumen eine üppige Welt für sich schaffen. Der Autor wandert mit einer Pilzexpertin und einem »Klangsammler« durch diese Wälder wie durch »einen leuchtenden dampfenden Ofen aus Grün«, in dem die jahrhundertealten Zedern wie südamerikanische Versionen des nordischen Weltenbaumes »Yggdrasil« wirken. Manchmal, so schreibt Macfarlane, sei es ihm gewesen, als ob er in der Mitte von drei Flüssen gelaufen sei: neben ihm der Río Los Cedros (»Fluss der Zedern«), unter ihm das endlose Mikroflusssystem der Pilze und über ihm die Atmosphäre mit ihren vielfältigen Strömungen.

Eindringlich wird beschrieben, wie der christliche Kolonialismus die indigenen Vorstellungen einer beseelten Natur mit äußerster Gewalt bestrafte: »Die Spanier prügelten den Animismus buchstäblich aus ihren neu kolonisierten Untertanen heraus.« Durch diese Entsakralisierung der Flüsse konnten riesige Energiekonzerne diese mit Millionen Litern Abwässern vergiften oder durch Wasserkraftwerke ihren natürlichen Lauf stören. Als es den vielen indigenen Stämmen irgendwann reichte, besetzten deren Älteste die Parlamentsgebäude, in denen sie Zeremonien abhielten, um für die Würde der weiblich verstandenen Natur (»Pachamama«) zu demonstrieren. Schließlich gab die Regierung von Ecuador 2021 nach, gestand dem Ökosystem »Los ­Cedros« ein »Recht auf Existenz, Erhaltung und Regeneration« zu und untersagte alle Bergbauaktivitäten auf diesem Gebiet.

Eine zweite Wanderung führt Macfarlane zur Mündung dreier Flüsse nahe der indischen Stadt Chennai, die jeden Tag fünf Millionen Liter Abwässer in diese Gewässer abführt. Dabei wird er von Yuan begleitet, einem jungen Mann, der in respektvollem Umgang mit Wespen und Bienen in einer kleinen Wohnung lebt und zu einem Fachmann für den Umgang mit Giftschlangen geworden ist. Nach einer schlimmen Kindheit voller Misshandlungen gelang es ihm, in der Fürsorge für die bedrohte Natur einen neuen Lebenssinn zu finden.

»Wir leben in einer grundlegend dezentralisierten Welt, die immer in unzähligen Beziehungsformen existiert.«

Mit Yuan wandert Macfarlane vorbei an riesigen Heizkraftwerken vor den Toren Chennais, deren Rückstände Seen voller Asche zurücklassen, zu einer kilometerlangen Gezeitenzone, wo tausende von Meeresschildkröten um ihr Leben kämpfen. Obwohl diese Tiere 120 Millionen Jahre lang viele Katastrophen überstanden haben, werden sie dieses ökologische Desaster wohl nicht überleben. Die geschlüpften Jungtiere, die nach der vom Mondlicht beschienenen Brandung streben, werden von den Großstadtlichtern so irritiert, dass sie oft in die falsche Richtung laufen und dort von Hunden gefressen werden. Der Strand ist nicht nur von chemischen Rückständen verunreinigt, sondern auch von verwahrlosten Menschen, die dort ihren Müll und Kot hinterlassen.

Sind Flüsse Lebewesen?
von Robert Macfarlane.
Erschienen im Verlag
Ullstein Hardcover, 2025
416 Seiten, 29,99 €

Yuan und Macfarlane sammeln hunderte von Meeresschildkröteneiern ein und bringen sie zu einer eingezäunten Brutstätte, wo der Nachwuchs in umgedrehten Weidenkörben ungestört schlüpfen kann. Der Autor lernt von Yuan »eine neue Art des Wasserwissens«, bei der der Gegensatz zwischen Fluss und Land aufgehoben ist. Ein Fluss, so spürt er, ist ein »gestaltwandelndes Lebewesen«, das sich immer im Gespräch und in gegenseitiger Belebung mit der Erde und dem menschlichen Körper befindet. »Wenn wir seine pausenlose Wanderschaft anerkennen, erkennen wir auch an, dass wir in einer grundlegend dezentralisierten Welt leben, die immer in unzähligen Beziehungsformen existiert.«

Das erlebt Macfarlane auch in der letzten im Buch geschilderten Wanderung entlang des Magpie Rivers in Kanada. Gemeinsam mit drei anderen Männern fährt er mit dem Kajak 150 Kilometer auf diesem mächtigen Strom, dem nach endlosen Protesten der indigenen Innu-Bevölkerung ebenfalls 2021 der Schutzstatus einer Rechtsperson zugebilligt wurde.

Die indigene Dichterin und Umweltaktivistin Rita Mestokosho rät ihm, seine Notizbücher zu Hause zu lassen und sich ganz dem Strömen dieses geheimnisvollen Wesens zu überlassen, was dem Autor sichtlich schwerfällt. Er solle auch der Erde jeden Tag ein kleines Geschenk geben und über eine Frage nachdenken, die er irgendwann dem Fluss stellt. Mit diesen enigmatischen Worten beginnt eine erschöpfende Tour, vorbei an gefährlichen Wasserfällen und Stromschnellen, die bei einigen der Teilnehmer auch zu erheblichen körperlichen Beeinträchtigungen führt. Zerstochen von Insekten schwillt einem Begleiter tagelang das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit an, ein anderer stürzt beim Kentern seines Bootes so heftig auf einen Felsen, dass er tellergroße Hämatome zurückbehält.

Auch Macfarlane gerät an die Grenzen seiner körperlichen Belastbarkeit und schafft die gesamte Strecke nur mit Müh und Not. Immer wieder spürt er den »gewaltigen beängstigenden Willen« des Flusses, dem er sich unterwerfen muss. Es geht vorbei an Stromschnellen mit ihren »Walzen«, »Wirbeln« und »Löchern«, wo eine hineinfallende Person wie eine Puppe solange hin und her geschleudert würde, bis sie tot ist.

Das mächtige Brausen des Magpie Rivers spürt ­Macfarlane wie ein »Echolot« einer fremden Lebensform, das seinen ganzen Körper »abtastet«. Am Ufer ziehen undurchdringliche Wälder vorbei, mit tausend Augen, die die Paddler neugierig anstarren: fremde Welten, undurchdringlich in ihrer geheimnisvollen Schönheit, die zu eigenständigen Persönlichkeiten werden.

Am Ende des Reiseberichtes ringt der sonst so wortgewandte Autor um Worte, um sein völliges Verschmelzen mit dem Strom zu beschreiben: »Die Stimmen des Flusses sagen und singen, was ich nicht verstehen kann, und jedes Mal, wenn ich den Geist zu ihnen strecke, um ihnen zu lauschen, ziehen sie sich genau in dem Maße zurück, wie ich mich nähere, weshalb ich anfange, die Worte zu kritzeln, die Sie hier lesen, und das Papier glitzert vor Flussnebel, bis ich nur noch Worte hinwerfe, deren Tinte in Kringeln zerfließt, während Wendungen aus einer Quelle weit grösser als die Sphäre meines Schädels in mein Notizbuch wehen und ich in meinen Augen Tränen finde, die nicht von mir sind, sondern vom Fluss.«

Ein hinreißendes Buch, das uns Flüsse mit anderen Augen sehen lässt und zu einer spirituell erweiterten Ökologie beitragen kann, die hoffentlich unsere Empathie gegenüber der bedrohten Natur so sehr verstärkt, dass endlich ein effektiverer Umweltschutz möglich wird.

Author:
Rüdiger Sünner
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