Verlust des Vertrauens

Our Emotional Participation in the World
English Translation
0:00
0:00
Audio Test:
Buch/Filmbesprechung
Publiziert am:

October 19, 2025

Mit:
Kategorien von Anfragen:
Tags
No items found.
AUSGABE:
48
|
October 2025
Die Flamme weitergeben
Diese Ausgabe erkunden

Über den Film »Leviathan« von Alexander Beiner

Der im Juni 2025 veröffentlichte Dokumentarfilm in Spielfilmlänge »Leviathan« von Alexander Beiner und ­Whetham Allpress widmet sich der Frage, warum wir in unserer heutigen von verschiedenen Krisen geprägten Zeit eine Erosion des Vertrauens erleben. Wie konnte es zu all dem kommen, das wir gerade erleben und wie könnte ein Weg hinaus aussehen?

Bitte werden Sie Mitglied, um Zugang zu den Artikeln des evolve Magazins zu erhalten.

Über den Film »Leviathan« von Alexander Beiner

Der im Juni 2025 veröffentlichte Dokumentarfilm in Spielfilmlänge »Leviathan« von Alexander Beiner und ­Whetham Allpress widmet sich der Frage, warum wir in unserer heutigen von verschiedenen Krisen geprägten Zeit eine Erosion des Vertrauens erleben. Wie konnte es zu all dem kommen, das wir gerade erleben und wie könnte ein Weg hinaus aussehen?

Von Beginn an wirft uns der Film in das unübersichtliche Chaos, das wir häufig gerade erleben. Von Menschen auf der ganzen Welt mit Mobiltelefonen aufgenommene Szenen politischer Ereignisse, Memes, AI-generierte Reels wechseln sich ab und stürmen auf uns ein, während der Erzähler beschreibt, was alles auf einer Meta-Ebene passiert: Wir befinden uns in einer Polykrise, einer Krise des Verstehens und Bedeutung-Gebens, in einem Mangel an tieferer und bedeutungsvoller Beziehung zueinander und unserer Mitwelt, inmitten von Leben und doch einsam, scheinbar getrennt voneinander und von Natur und Mitwelt.

Nacheinander und abwechselnd kommen Vordenker und Aktivistinnen unserer Zeit zu Wort: Yannis ­Varoufakis, Nora Bateson, Minna Salami, Douglas Rushkoff, Josh ­Schrei, Alexa Firmenich und John Vervaeke. Ihre Blickwinkel bringen Kontexte wie Gesellschaft, Politik, Geschichte, Medien, Ökologie, Kunst, Familie, Spiritualität zusammen und betrachten unser menschliches Gewordensein und Werden im Zusammenklang der Geschehnisse und Wechsel­wirkungen in diesen Feldern.

Wie Puzzlestücke weben sich ihre Perspektiven zusammen zu einem tieferen Verstehen dessen, was unter der chaotischen, tagesaktuellen Oberfläche mit uns geschah und geschieht. Die Erzählung bedient sich mythologischer Elemente. Ein Leviathan, das kosmische Seeungeheuer aus unter anderem der jüdischen Mythologie, lauert in uns und unserem kollektiven Vorbewussten, dem wir uns stellen müssen, wollen wir die vielfachen Krisen verstehen und aus ihnen entkommen oder sie zum Guten wenden.

»Es wird klar, wie entfremdet wir voneinander und von der Welt sind.«

Das Wort »Leviathan« kommt aus dem Hebräischen und bedeutet »der sich Windende«. Im Verlauf des Films wird deutlich, dass es schwer greifbar ist, sich uns entzieht, dass unser Verstand nicht das richtige Instrument zu sein scheint, um zu erkennen, womit wir ringen. Die Bildersprache malt etwas, das uns taub macht, aus der Beziehung saugt, trennt, gleichzeitig wie Rauch und Nebel verfliegt, wenn wir es anschauen wollen, das aber wirkt wie klebriges Öl und Teer und an uns haftet, uns blind macht und in Abhängigkeit seiner selbst hinterlässt. Bis zum Schluss wird nicht klar benannt, welches Konglomerat an inneren Strukturen, Gewordenheiten und Abhängigkeiten eigentlich gemeint ist.

Es wird klar, wie entfremdet wir voneinander und von der Welt sind und wie es zu dieser Entfremdung im Laufe der letzten Jahrhunderte kommen konnte. Stück für Stück bringt der Film die Elemente zusammen, die diese Entfremdung von uns selbst und der Welt haben entstehen lassen und sie nach wie vor verstärken. Vorsichtig überwindet er die Distanz zwischen unseren sehr alten kulturellen, aus der Welt entstandenen und in die Welt eingewobenen Praktiken, mit unseren Schatten und Leid umzugehen, und unserer heutigen, von der Welt abgekoppelten Praxis, uns zu beschäftigen und abzulenken, abgetrennt vom Endergebnis unserer Handlungen.

Die Sätze »Wir haben die Kontrolle verloren und sind zu Ressourcen und Vermögenswerten für die digitale Wirtschaft geworden« und »Unsere Aufgabe ist es, heilig zu sein, einander zu lieben« stehen einander gegenüber und es lässt sich eine Ahnung, von den Ahnen her kommend, spüren, wie ein wieder in Kontakt Treten mit der Welt und uns sich anfühlen könnte.

Der Film wurde geschaffen, um Menschen zusammenzubringen und authentische, verkörperte Gespräche zu führen. Das ist wichtig, nur dann können wir unsere Per­spektiven lebendig zusammenbringen, um tiefer ins Verstehen zu kommen. Ansonsten kann es passieren, dass man sich hinterher denkt, öfter mal das mobile Endgerät wegzulegen sei die Lösung. Aber das wäre ja auch schon mal ein Anfang.

Author:
Kaa Faensen
Teile diesen Artikel: