Die richtige Beziehung

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January 25, 2026

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January 2026
Die Kraft der Demut
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Fähig werden, dem Wind zu lauschen

In einer Kultur der Hybris wirkt Demut aus der Zeit gefallen. Aber könnte es sein, dass wir die Haltung der Demut gerade heute neu finden müssen, um den Krisen unserer Zeit gewachsen zu sein?

Vor einigen Jahren erhielt ich eine Lektion in Demut, die ich nicht erwartet hatte. Ich hatte den bekannten indigenen Sprecher und Flötisten Tiokasin Ghosthorse eingeladen, ein Online-Event zu leiten, in dem er über die lebendige, allgegenwärtige Präsenz des Windes – der Quelle seiner Musik – sprach. Der Wind, so erklärte er uns, vermittelt gemeinsam mit der Erde, dem Feuer und dem Wasser ein lebendiges Wissen von der Erde, zu dem wir immer an jedem Ort Zugang finden können. Er machte uns auch darauf aufmerksam, dass es in seiner Sprache kein Wort für Beherrschung gibt (und im Übrigen auch nicht für Demut, Nächstenliebe oder Hoffnung).

Am Ende seines Vortrags sagte er, dass in seinem Volk gelehrt wird zu lauschen – dem Wind und den Elementen zuzuhören. Ich schlug daraufhin vor, dass die Teilnehmenden während der nächsten Meditation auf den Wind um sie herum und in ihrem Atem hören könnten. Tiokasin unterbrach mich und fragte, ob er etwas hinzufügen dürfe. »Ja, die Lakota lehren uns, in die Natur zu gehen, um zu lauschen. Wir werden in die Natur gerufen, um zu hören, wie die Erde uns zuhört. Das ist der vollständige Gedanke: Wie hört die Erde uns zu? Wie hört der Wind auf uns? Sie sehen, es geht um viel mehr als um unser Wohlwollen als menschliche Wesen, die mit der Vorstellung in die Natur gehen, dass wir tatsächlich zuhören können. Wo ist der Beweis dafür, dass wir wirklich zuhören? Denn schauen Sie, die Erde leidet, weil wir nicht wissen, wie man zuhört, obwohl wir glauben, dass wir es tun.«

Plötzlich hatte sich etwas spürbar verändert. Es war, als ob eine Seifenblase zerplatzt wäre, von der ich gar nicht wusste, dass ich mich darin befunden hatte. Eine Tür zu einer anderen Wahrnehmung öffnete sich. Ich fühlte mich gehalten und ganz, nahtlos Teil von etwas Größerem als mir selbst. Anstatt meine Aufmerksamkeit auf den Wind zu richten, als ob er außerhalb von mir wäre und ich größer als er, spürte ich die intelligente Präsenz des Windes, der sowohl in mir als auch um mich herum war. Eigentlich erfasst diese Aufteilung in innen und außen nicht die Ganzheitlichkeit dieser Wahrnehmung. Mitten in ihr erlebte ich etwas, das ich nur Demut nennen kann. Ich stand mit beiden Beinen auf dem Boden, ich war in einer angemessenen und dankbaren Beziehung zu allem, was ist, angekommen.

Meine Intervention in der Online-Session mit Tiokasin – die Teilnehmenden zum Zuhören einzuladen – offenbarte, dass meiner üblichen Haltung diese tiefere Demut und Angemessenheit fehlte. Das war es, worauf Tiokasin hingewiesen hatte.

Wie oft entstammen unsere Bemühungen um eine Veränderung Denk- und Verhaltensweisen, die die Quelle des Problems sind? Oder wie der rebellische Psychologe Bayo Akomolafe provokant fragt: Was wäre, wenn die Art und Weise, wie wir auf die Krise reagieren, Teil der Krise ist? Während ein alarmierendes Ereignis nach dem anderen die Stabilität erschüttert, welche so viele für selbstverständlich hielten, mag es seltsam oder sogar absurd erscheinen, sich der Demut zuzuwenden. Aber Demut ist vielleicht die angemessenste Antwort, die uns zur Verfügung steht. Sie birgt ein Potenzial, das wir nur selten wahrnehmen.

Von der Macht zur Tugend

Demut ist heutzutage sicherlich nicht mehr in aller Munde. In einer globalen sozialen Realität, in der es im Wettbewerb um Aufmerksamkeit nicht mehr nur um Selbstinszenierung, sondern um ein Überleben geht, scheint Hybris eher die akzeptierte Norm zu sein. Wir leben in einer Gesellschaft, die den Dingen nur nach monetären Maßstäben einen Wert beimisst. Da werden die Auswirkungen der zunehmenden Ungleichheit zwischen reichen und armen Bevölkerungsschichten, der schrumpfenden Chancen und ein Ringen um den Sinn des Lebens zu Quellen der Demütigung derjenigen, die in diesem System der Verwertbarkeit nicht mithalten können. Ironischerweise löst die Abwehr von Demütigungen oft eine Art gekränkten Stolz bei denjenigen aus, die unter den Demütigungen leiden.

Die Idee der Demut erscheint in diesem Zusammenhang kontraproduktiv. Aller­dings: Sowohl bei Demut als auch bei ­­
Demütigung geht es um Beziehung, um die Frage: Begegnen wir uns auf Augenhöhe oder begegnen wir uns mit dem Ziel, den anderen zu dominieren? Schaffen wir – mit anderen Worten – eine lebensförderliche Wechselwirkung oder eine Machtdynamik?

In den historischen Ursprüngen des lateinischen Wortes humilitas und des deutschen Wortes Demut zeigt sich bereits ein Spannungsverhältnis zwischen Macht und Tugend in einer Weise, die uns darauf aufmerksam macht, wo wir heute stehen.

Beide Wörter haben ihren Ursprung in streng hierarchischen Feudalgesellschaften und waren dazu gedacht, diese Machtunterschiede aufrechtzuerhalten. Humilitas bedeutete, dass die Armen unten am Boden lebten – im Gegensatz zu den geschützteren Hügeln und erhöhten Plätzen, die den buchstäblich Hochgeborenen vorbehalten waren. (Die Hügel waren leichter zu verteidigen als das flache Land.) Schnell entwickelte sich die Bedeutung von »niedrig« als Bezeichnung für die Machtlosen, die Unwichtigen und die in wirtschaftlicher Knechtschaft Lebenden. In ähnlicher Weise beginnt das Wort Demut mit der Silbe für Knecht, dio/thio. Die Kombination mit muot bezeichnete ursprünglich die angemessene Ausrichtung für einen Diener. Feudale Gesellschaften sind rollenbasiert, das heißt, die Bandbreite und die Grenzen des akzeptablen Verhaltens werden durch den Status und die Rolle des Einzelnen in der Gesellschaft bestimmt. So bezeichnete muot nicht eine einzige, bestimmte Haltung, da diese variierte, je nachdem, ob man ein Diener, Ritter, Herr usw. war. Bezieht sich jedoch Demut auf Personen ohne Macht und Einfluss in der feudalen Gesellschaft, gesellt sich auch ein moralisches Urteil darüber hinzu, wie sich die Machtlosen gegenüber den Mächtigen zu verhalten haben. Dies bezieht sich auf das äußere Verhalten einer Person und nicht auf ihre inneren Gefühle oder ihre Position. Somit trug Demut zur Aufrechterhaltung der Hierarchie bei, indem sie vorschrieb, dass die natürliche Rolle der Machtlosen durch Gehorsam gekennzeichnet ist.

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Fähig werden, dem Wind zu lauschen

In einer Kultur der Hybris wirkt Demut aus der Zeit gefallen. Aber könnte es sein, dass wir die Haltung der Demut gerade heute neu finden müssen, um den Krisen unserer Zeit gewachsen zu sein?

Vor einigen Jahren erhielt ich eine Lektion in Demut, die ich nicht erwartet hatte. Ich hatte den bekannten indigenen Sprecher und Flötisten Tiokasin Ghosthorse eingeladen, ein Online-Event zu leiten, in dem er über die lebendige, allgegenwärtige Präsenz des Windes – der Quelle seiner Musik – sprach. Der Wind, so erklärte er uns, vermittelt gemeinsam mit der Erde, dem Feuer und dem Wasser ein lebendiges Wissen von der Erde, zu dem wir immer an jedem Ort Zugang finden können. Er machte uns auch darauf aufmerksam, dass es in seiner Sprache kein Wort für Beherrschung gibt (und im Übrigen auch nicht für Demut, Nächstenliebe oder Hoffnung).

Am Ende seines Vortrags sagte er, dass in seinem Volk gelehrt wird zu lauschen – dem Wind und den Elementen zuzuhören. Ich schlug daraufhin vor, dass die Teilnehmenden während der nächsten Meditation auf den Wind um sie herum und in ihrem Atem hören könnten. Tiokasin unterbrach mich und fragte, ob er etwas hinzufügen dürfe. »Ja, die Lakota lehren uns, in die Natur zu gehen, um zu lauschen. Wir werden in die Natur gerufen, um zu hören, wie die Erde uns zuhört. Das ist der vollständige Gedanke: Wie hört die Erde uns zu? Wie hört der Wind auf uns? Sie sehen, es geht um viel mehr als um unser Wohlwollen als menschliche Wesen, die mit der Vorstellung in die Natur gehen, dass wir tatsächlich zuhören können. Wo ist der Beweis dafür, dass wir wirklich zuhören? Denn schauen Sie, die Erde leidet, weil wir nicht wissen, wie man zuhört, obwohl wir glauben, dass wir es tun.«

Plötzlich hatte sich etwas spürbar verändert. Es war, als ob eine Seifenblase zerplatzt wäre, von der ich gar nicht wusste, dass ich mich darin befunden hatte. Eine Tür zu einer anderen Wahrnehmung öffnete sich. Ich fühlte mich gehalten und ganz, nahtlos Teil von etwas Größerem als mir selbst. Anstatt meine Aufmerksamkeit auf den Wind zu richten, als ob er außerhalb von mir wäre und ich größer als er, spürte ich die intelligente Präsenz des Windes, der sowohl in mir als auch um mich herum war. Eigentlich erfasst diese Aufteilung in innen und außen nicht die Ganzheitlichkeit dieser Wahrnehmung. Mitten in ihr erlebte ich etwas, das ich nur Demut nennen kann. Ich stand mit beiden Beinen auf dem Boden, ich war in einer angemessenen und dankbaren Beziehung zu allem, was ist, angekommen.

Meine Intervention in der Online-Session mit Tiokasin – die Teilnehmenden zum Zuhören einzuladen – offenbarte, dass meiner üblichen Haltung diese tiefere Demut und Angemessenheit fehlte. Das war es, worauf Tiokasin hingewiesen hatte.

Wie oft entstammen unsere Bemühungen um eine Veränderung Denk- und Verhaltensweisen, die die Quelle des Problems sind? Oder wie der rebellische Psychologe Bayo Akomolafe provokant fragt: Was wäre, wenn die Art und Weise, wie wir auf die Krise reagieren, Teil der Krise ist? Während ein alarmierendes Ereignis nach dem anderen die Stabilität erschüttert, welche so viele für selbstverständlich hielten, mag es seltsam oder sogar absurd erscheinen, sich der Demut zuzuwenden. Aber Demut ist vielleicht die angemessenste Antwort, die uns zur Verfügung steht. Sie birgt ein Potenzial, das wir nur selten wahrnehmen.

Von der Macht zur Tugend

Demut ist heutzutage sicherlich nicht mehr in aller Munde. In einer globalen sozialen Realität, in der es im Wettbewerb um Aufmerksamkeit nicht mehr nur um Selbstinszenierung, sondern um ein Überleben geht, scheint Hybris eher die akzeptierte Norm zu sein. Wir leben in einer Gesellschaft, die den Dingen nur nach monetären Maßstäben einen Wert beimisst. Da werden die Auswirkungen der zunehmenden Ungleichheit zwischen reichen und armen Bevölkerungsschichten, der schrumpfenden Chancen und ein Ringen um den Sinn des Lebens zu Quellen der Demütigung derjenigen, die in diesem System der Verwertbarkeit nicht mithalten können. Ironischerweise löst die Abwehr von Demütigungen oft eine Art gekränkten Stolz bei denjenigen aus, die unter den Demütigungen leiden.

Die Idee der Demut erscheint in diesem Zusammenhang kontraproduktiv. Aller­dings: Sowohl bei Demut als auch bei ­­
Demütigung geht es um Beziehung, um die Frage: Begegnen wir uns auf Augenhöhe oder begegnen wir uns mit dem Ziel, den anderen zu dominieren? Schaffen wir – mit anderen Worten – eine lebensförderliche Wechselwirkung oder eine Machtdynamik?

In den historischen Ursprüngen des lateinischen Wortes humilitas und des deutschen Wortes Demut zeigt sich bereits ein Spannungsverhältnis zwischen Macht und Tugend in einer Weise, die uns darauf aufmerksam macht, wo wir heute stehen.

Beide Wörter haben ihren Ursprung in streng hierarchischen Feudalgesellschaften und waren dazu gedacht, diese Machtunterschiede aufrechtzuerhalten. Humilitas bedeutete, dass die Armen unten am Boden lebten – im Gegensatz zu den geschützteren Hügeln und erhöhten Plätzen, die den buchstäblich Hochgeborenen vorbehalten waren. (Die Hügel waren leichter zu verteidigen als das flache Land.) Schnell entwickelte sich die Bedeutung von »niedrig« als Bezeichnung für die Machtlosen, die Unwichtigen und die in wirtschaftlicher Knechtschaft Lebenden. In ähnlicher Weise beginnt das Wort Demut mit der Silbe für Knecht, dio/thio. Die Kombination mit muot bezeichnete ursprünglich die angemessene Ausrichtung für einen Diener. Feudale Gesellschaften sind rollenbasiert, das heißt, die Bandbreite und die Grenzen des akzeptablen Verhaltens werden durch den Status und die Rolle des Einzelnen in der Gesellschaft bestimmt. So bezeichnete muot nicht eine einzige, bestimmte Haltung, da diese variierte, je nachdem, ob man ein Diener, Ritter, Herr usw. war. Bezieht sich jedoch Demut auf Personen ohne Macht und Einfluss in der feudalen Gesellschaft, gesellt sich auch ein moralisches Urteil darüber hinzu, wie sich die Machtlosen gegenüber den Mächtigen zu verhalten haben. Dies bezieht sich auf das äußere Verhalten einer Person und nicht auf ihre inneren Gefühle oder ihre Position. Somit trug Demut zur Aufrechterhaltung der Hierarchie bei, indem sie vorschrieb, dass die natürliche Rolle der Machtlosen durch Gehorsam gekennzeichnet ist.

»Ich fühlte mich gehalten und ganz, nahtlos Teil von etwas Größerem als mir selbst.«

Erst mit dem Christentum wird Demut zu einer inneren Tugend. Das Christentum hat die Demut auf den Kopf gestellt: »Die Ersten werden die Letzten sein; die Letzten werden die Ersten sein.« Jesus war in seiner Selbstaufopferung und seinem Gehorsam gegenüber Gott die Verkörperung der Demut. So ging es fortan nicht mehr um die richtige Beziehung zum Gutsherrn, sondern zu Gott, dem Herrn, die eine innere Angelegenheit des Gewissens und der Hingabe war. Demut macht einen bereit, Gottes Liebe zu empfangen und sie im Dienst an anderen zu leben. Sie ist nicht nur Orientierung für die Beziehungen zu denjenigen, die weniger Glück haben als man selbst, sondern sie verwandelt auch das menschliche Selbst. Durch die Praxis des Gebets und der Beichte wurde es möglich, ein inneres, moralisches Gewissen zu entwickeln, das für die Individuation unerlässlich war. Wir wären nicht die Individuen, die wir sind, wenn es diesen Prozess nicht gegeben hätte.

Die Hybris und das
moderne Selbst

Doch mit dem im 16. Jahrhundert beginnenden Übergang zur Moderne erfolgte eine Abkehr von der Demut und wir wurden anfällig für die Hybris. Die Werte der Moderne standen in direktem Gegensatz zur christlichen Tradition und stellten in der Tat den Anspruch der Tradition auf eine legitime Autorität in Frage. Anstatt eine Beziehung zu Gott zu pflegen und sich um die Gemeinschaft zu kümmern, legte die Moderne Wert auf Autonomie, Freiheit und sogar die Heiligkeit des individuellen Selbst. Rationalität und der Anspruch auf wissenschaftliche Objektivität, Effizienz und Fortschritt wurden zum Maßstab für die Legitimität von Wissen und Handeln. Diese Werte konzentrieren sich auf die Rechte des Einzelnen und nicht auf unsere Verantwortung füreinander, was für eine moralische Orientierung wesentlich ist.

In den letzten vierhundert Jahren entlehnte die Moderne ihre moralischen Tugenden aus der christlichen Tradition und versteckte sie im häuslichen Heim, in dem Demut, Keuschheit, Frömmigkeit usw. zum Standard für das Verhalten der Frauen wurden. Während im Mittelalter das Zuhause oft Arbeitsplatz, Schule und Kinderzimmer war, in dem Frauen und Männer zusammenarbeiteten, zog die Moderne die Männer (und auch mittellose Frauen) für die Lohnarbeit aus dem Haus. In der Beziehung zwischen Mann und Frau wiederholte sich im Heim das feudale Verhältnis zwischen Herr und Knecht. Frauen wurden zu Trägerinnen der kulturellen Moral im häuslichen Bereich, während Männer durch Selbstbehauptung in Wirtschaft und Politik Macht ausübten. Bescheidenheit und christliche Tugenden wurden nicht nur zu einem moralischen Kodex, sondern auch zu einem Mittel, den geringeren Status der Frauen aufrechtzuerhalten.

In dem Maße, in dem die Frauen in diesem und im letzten Jahrhundert die öffentliche Bühne betreten haben, ist das moralische Vakuum der Moderne immer offensichtlicher geworden. In den wettbewerbsorientierten wirtschaftlichen und sozialen Systemen, die den vernetzten Globus steuern, ist alles käuflich und den Marktkräften unterworfen. High Tech-Führungskräfte, die von einer radikalen Lebensverlängerung träumen, stecken Milliarden in einen Wettlauf um die Schaffung künstlicher allgemeiner Intelligenz, die die meisten menschlichen kreativen Bemühungen überflüssig machen würde. Es ist die logische Schlussfolgerung einer Kultur, in der an die Stelle eines Tugendbegriffs ein materieller Wertebegriff gerückt ist – es geht fortan um den Wert des Geldes, nicht um moralische Werte und schon gar nicht um Demut im heutigen Sinne.

Der Hochmut ist dem modernen Menschen in Fleisch und Blut übergegangen. Das moderne Individuum ist gefangen in einem Wettbewerbsumfeld und findet kaum den Raum, über sich selbst hinauszublicken. Beziehungen werden fast ausschließlich als Spiegelkabinett der Projektion verstanden und nicht als Öffnung hin zu einer authentischen Verbindung. Gefangen in einer Schleife aus Selbstbezüglichkeit und Projektion, führen die Bemühungen um Veränderung unweigerlich zu einer Wiederholung der Machtdynamik, die wir doch gerade zu ändern versuchen.

Die richtige Beziehung

Heute scheint Demut eher als Schwäche angesehen zu werden und zu noch mehr Demütigung einzuladen, statt eine heilsame Wirkung auszuüben. Aber die frühen Christen erlebten in ihrer Demut etwas kraftvoll Transformatives. Was war das und könnte es uns auch heute helfen?

Für mich liegt es nahe, dass es mit der richtigen Beziehung zu uns selbst, zueinander und zum Ganzen des Lebens zu tun hat. Nicht als eine Reihe von Zwängen, die wir befolgen, sondern als eine Öffnung für das Mysterium jenseits unseres Fassungsvermögens. Die frühen Christen waren fasziniert von der Kraft der agapischen Liebe, die sie als Gottes Gnade und Geschenk an die Menschheit interpretierten. Im wörtlichen wie im übertragenen Sinne gingen sie vor dem auf die Knie, was viel größer ist als sie selbst, und entdeckten eine Würde und ein Mitgefühl, die den Einfluss der feudalen Hierarchien lockerten.

Wenn wir auf eine Weise reagieren, die Möglichkeitsräume eröffnet, werden wir eingeladen, über das Bekannte hinauszugehen, tiefer zu gehen. Dies ist an sich schon ein Akt der Demut – eine Antwort auf die Arroganz, die in der Haltung liegt, der menschliche Geist könne (oder solle) das Leben selbst ergründen oder kontrollieren. Dieser Akt der Demut erinnert an die drei Grundsätze des verstorbenen Zen-
Roshi Bernie Glassman:

Nicht-Wissen: Loslassen von festen Vorstellungen über sich selbst, andere und das Universum.

Zeugnis ablegen: von der Freude und dem Leid in der Welt.

Handeln: das aus dem Nicht-Wissen und dem Bezeugen erwächst.

Die Grundsätze von Roshi Glassman bringen uns in eine richtige Beziehung zum Mysterium des Lebens, indem wir arrogante Gewissheiten loslassen. Wir richten uns auf das Unbekannte aus, das größer ist als wir selbst. Dies ist eine Form der epistemischen Demut – die Erkenntnis, dass die Wirklichkeit niemals vollständig und endgültig gewusst werden kann. Das Nicht-Wissen ermöglicht auch die richtige Beziehung zu anderen, indem es einen Raum der Neugier schafft, in dem die Vielfalt der Weltsichten und Erfahrungen gehalten werden kann. Zeugnis abzulegen bringt Würde in unsere Beziehung zu anderen, weil wir die Bereitschaft zeigen, ihre tatsächlichen Erfahrungen wahrzunehmen und dafür da zu sein. Wenn wir von dieser demütigen Basis aus handeln, öffnet sich eine Tür für neue und gesunde Antworten, die sowohl unser Selbst als auch unsere Beziehungen verändern. Wir stehen nicht mehr über den Dingen, als ob wir von allem und jedem unabhängig wären.

Demut stutzt uns auf die richtige Größe und gibt uns gleichzeitig Boden unter den Füßen. Wir beginnen, dem Wind zuzuhören, der uns zuhört, und entdecken, dass wir zum Wind gehören.

Author:
Dr. Elizabeth Debold
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