Unser Leben baut auf dem auf, was die vergangenen Generationen uns überlassen haben, und die zukünftigen Generationen werden von dem bestimmt, was wir ihnen hinterlassen. Was bedeutet es, ein guter Vorfahre zu sein, damit sich Menschen in der Zukunft entfalten können? Diese Frage hat der Soziologe Roman Krznaric eingehend erforscht und kommt zu überraschenden Einsichten.
evolve: Was hat Ihre Faszination geweckt, sich dem Thema zu widmen, dass wir eine Kultur brauchen, die gute Vorfahren hervorbringt?
Roman Krznaric: Einer meiner Ausgangspunkte war die Frustration darüber, dass viele Politiker und Entscheidungsträger in einer chronischen Kurzsichtigkeit gefangen zu sein scheinen. Das betrifft nicht nur Politiker, die nicht über die nächste Wahl oder die aktuelle Meinungsumfrage hinausblicken können, sondern auch Unternehmen, die nicht über den nächsten Quartalsbericht hinausdenken, oder Nationen, die in internationalen Klimaverhandlungen nur ihre kurzfristigen Interessen verhandeln, während der Planet brennt und das Artensterben weitergeht. Natürlich sind auch wir als Individuen in derselben Kurzsichtigkeit gefangen und unterliegen der Tyrannei des Augenblicks, wenn wir auf unsere Handys schauen und auf den »Jetzt kaufen«-Button klicken.
Das Interesse wurde auch durch eine Frage geweckt, die ich zum ersten Mal von dem Immunologen Jonas Salk hörte. In den 1970er-Jahren sagte er, die große Frage, vor der unsere Zivilisation steht, sei: Sind wir gute Vorfahren? Mit anderen Worten: Wie werden uns die kommenden Generationen für das, was wir getan oder nicht getan haben, als wir die Chance dazu hatten, in Erinnerung behalten?
Diese Frage, so dachte ich, ist die Frage unserer Zeit, denn so viele der grundlegenden Herausforderungen, denen wir in diesem Jahrhundert gegenüberstehen, beruhen auf einer chronischen Kurzsichtigkeit. Sei es das Versäumnis, die langfristigen Auswirkungen der ökologischen Krise zu erkennen, Vorkehrungen für die nächste Pandemie zu treffen, die Risiken der KI, die von Generation zu Generation weitergegebenen Risiken der Vermögensungleichheit und der rassistischen Ungerechtigkeit oder der Ungleichheit der Geschlechter zu erkennen.
Das Konzept, ein guter Vorfahr zu sein, ist vielen indigenen Kulturen vertraut. Man denke da zum Beispiel an das indigene Prinzip der siebten Generation. Diese Denkweise besagt, dass bei jeder Entscheidung die Auswirkungen auf die nächsten sieben Generationen bedacht werden sollen.
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Unser Leben baut auf dem auf, was die vergangenen Generationen uns überlassen haben, und die zukünftigen Generationen werden von dem bestimmt, was wir ihnen hinterlassen. Was bedeutet es, ein guter Vorfahre zu sein, damit sich Menschen in der Zukunft entfalten können? Diese Frage hat der Soziologe Roman Krznaric eingehend erforscht und kommt zu überraschenden Einsichten.
evolve: Was hat Ihre Faszination geweckt, sich dem Thema zu widmen, dass wir eine Kultur brauchen, die gute Vorfahren hervorbringt?
Roman Krznaric: Einer meiner Ausgangspunkte war die Frustration darüber, dass viele Politiker und Entscheidungsträger in einer chronischen Kurzsichtigkeit gefangen zu sein scheinen. Das betrifft nicht nur Politiker, die nicht über die nächste Wahl oder die aktuelle Meinungsumfrage hinausblicken können, sondern auch Unternehmen, die nicht über den nächsten Quartalsbericht hinausdenken, oder Nationen, die in internationalen Klimaverhandlungen nur ihre kurzfristigen Interessen verhandeln, während der Planet brennt und das Artensterben weitergeht. Natürlich sind auch wir als Individuen in derselben Kurzsichtigkeit gefangen und unterliegen der Tyrannei des Augenblicks, wenn wir auf unsere Handys schauen und auf den »Jetzt kaufen«-Button klicken.
Das Interesse wurde auch durch eine Frage geweckt, die ich zum ersten Mal von dem Immunologen Jonas Salk hörte. In den 1970er-Jahren sagte er, die große Frage, vor der unsere Zivilisation steht, sei: Sind wir gute Vorfahren? Mit anderen Worten: Wie werden uns die kommenden Generationen für das, was wir getan oder nicht getan haben, als wir die Chance dazu hatten, in Erinnerung behalten?
Diese Frage, so dachte ich, ist die Frage unserer Zeit, denn so viele der grundlegenden Herausforderungen, denen wir in diesem Jahrhundert gegenüberstehen, beruhen auf einer chronischen Kurzsichtigkeit. Sei es das Versäumnis, die langfristigen Auswirkungen der ökologischen Krise zu erkennen, Vorkehrungen für die nächste Pandemie zu treffen, die Risiken der KI, die von Generation zu Generation weitergegebenen Risiken der Vermögensungleichheit und der rassistischen Ungerechtigkeit oder der Ungleichheit der Geschlechter zu erkennen.
Das Konzept, ein guter Vorfahr zu sein, ist vielen indigenen Kulturen vertraut. Man denke da zum Beispiel an das indigene Prinzip der siebten Generation. Diese Denkweise besagt, dass bei jeder Entscheidung die Auswirkungen auf die nächsten sieben Generationen bedacht werden sollen.
Empathie über die Zeit hinweg
e: Das ist Ausdruck eines Bewusstseins für die Beziehungen zwischen den Generationen.
RK: Ja, genau. Es geht um Relationalität und die Frage: Wie erweitern wir unser Selbstverständnis über die Zeit hinweg? Man könnte sagen, dass sich nach dem Zweiten Weltkrieg in der westlichen Kultur unsere Empathie über den eigenen Lebensraum hinweg erweitert hat. Die Menschen begannen zum Beispiel, in einem Ausmaß für wohltätige Zwecke in Ländern mit niedrigem Einkommen zu spenden, wie sie es zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht getan hatten. Aber die Revolution, die wir noch nicht vollzogen haben, ist die Empathie oder zumindest die Fähigkeit zu moralischer Verantwortung und relationaler Verbindung über die Zeit hinweg.
e: Der Gedanke, ein guter Vorfahr zu werden, drückt eine Menschlichkeit aus, die an Ihre früheren Forschungen zum Thema Empathie anknüpft.
RK: Ich habe mit »Empathy« ein Buch geschrieben, das sich mit Empathie in der heutigen Welt befasst, und mir wurde klar, dass ich dieses Thema auch in seiner zeitlichen Dimension untersuchen sollte. Denn noch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit hatten unsere Handlungen potenziell so schädliche Folgen für die kommenden Generationen und den Planeten wie heute. Man könnte sagen, dass dieser Moment am 16. Juli 1945 seinen Anfang nahm, als die erste Atombombe getestet wurde und wir die Fähigkeit erlangten, die Zukunft zu vernichten. Seitdem hat sich diese Entwicklung mit den CO2-Emissionen, dem Verlust der Artenvielfalt und vielen anderen Dingen weiter beschleunigt. Unsere Verantwortung ist also noch gewachsen. Und doch stecken unsere Institutionen, unsere Wirtschaftssysteme und unsere Politik immer noch im Denken des 18. und 19. Jahrhunderts fest. Sie wurden nicht für diese langfristigen Probleme konzipiert.
Eine Kontinuität des Interbeing
e: Sie sprechen von der Entwicklung des menschlichen Bewusstseins als Empathie über die Zeit hinweg. Es geht darum, über die Zeit hinweg Fürsorge zu bewahren. Der Philosoph Jean Gebser spricht von der Evolution des Bewusstseins, und in der nächsten Entfaltung des Bewusstseins wird die Zeit transparent werden. Was Sie über Empathie über die Zeit hinweg sagen, steht im Einklang mit der Erkenntnis, dass Menschen nicht nur in die jeweilige Zeit eingebettet und im Moment gefangen sein müssen, sondern in der Lage sein sollten, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in ihrem Blickfeld zu haben.
»Wie werden uns die kommenden Generationen in Erinnerung behalten?«
RK: Ja, wenn ich die beiden großen Eschen vor meinem Fenster anschaue, weiß ich, dass diese Eschen genug Sauerstoff für acht Menschen liefern. Sie sind meine äußeren Lungen. Ich habe nicht das Gefühl, dass mein Körper an den Grenzen meiner physischen Form endet, sondern dass er sich über den Raum hinaus erstreckt. Ebenso erstreckt er sich über die Zeit. Mit der Luft, die ich atme, atme ich Argonatome ein, die wahrscheinlich Buddha und Jeanne d’Arc ausgeatmet haben. Sie werden Teil von mir, ich atme sie aus, und sie werden von zukünftigen Generationen eingeatmet. Auf einer bestimmten Ebene erleben wir also eine Kontinuität des Interbeing, des Miteinander-Seins, durch Zeit und Raum.
Wir spüren das auch, weil wir in mehrere Generationen eingebettet sind. Deshalb verstehen wir, warum Eltern etwas für ihre Kinder opfern.
Ich bin mit einer humanistischen Denkweise aufgewachsen. In den 1990er-Jahren arbeitete ich in Guatemala mit Flüchtlingen. Ich flog mit dem Flugzeug von Großbritannien nach Guatemala, ohne über die ökologischen Folgen nachzudenken. Ebenso ist es möglich, sich um das Leben seiner Kinder oder Enkelkinder in einem engen Sinne zu kümmern, wie zum Beispiel um das Familienerbe, ohne über das umfassendere Erbe nachzudenken, das wir den Menschen und dem Planeten hinterlassen könnten.
Das ist ein Bewusstseinssprung, den wir machen müssen. Wir müssen unser Verständnis von Zeit transformieren. Wir brauchen ein Gefühl für ein längeres Jetzt, vorwärts und rückwärts in der Zeit. Ich spreche von einer Flucht aus der westlichen Uhrzeit, den Stunden, Minuten und Sekunden, diesen kleinen Einheiten, in die die Zeit seit der Erfindung der mechanischen Uhr im 14. Jahrhundert zerlegt wurde.
e: Das Phänomen Zeit ist viel geheimnisvoller als die Uhrzeit oder die Zeit im Sinne unserer Lebensdauer.
RK: Sie ist viel fluider. Die newtonsche Vorstellung war davon geprägt, dass Zeit absolut ist: Selbst wenn es keine Menschen und keine Lebewesen gäbe, gäbe es immer noch Stunden, Minuten und Sekunden, die wie die große Uhr des Universums ticken würden. Die Quantenmechanik und die Relativitätstheorie stellen diese Vorstellung von absoluter Zeit infrage.
Wir können erkennen, dass es viele Arten von Zeit gibt. Es gibt die zyklische ökologische Zeit der Jahreszeiten und des Körpers, das Ein- und Ausatmen und das Aufwachen und Einschlafen des Körpers. Es gibt das Jetzt der Achtsamkeit und Meditation oder das Jetzt der Spontaneität oder des Hedonismus. Ebenso gibt es sehr unterschiedliche Arten, sich auf die Zukunft zu beziehen. Wir müssen unsere zeitliche Intelligenz entwickeln, womit ich die menschliche Fähigkeit meine, über mehrere Zeithorizonte hinweg zu denken: kurzfristig, langfristig, vorwärts, rückwärts, linear, zyklisch, gegenwärtig, ewig.
Ein längeres Jetzt
e: Wie können wir diesen Wandel zu einem umfassenderen Jetzt vollziehen?
RK: Als ehemaliger Politikwissenschaftler dachte ich früher, dass wir Gesellschaften durch neue Gesetze, Institutionen, Politik, politische Parteien und Wahlen verändern. Ich glaube immer noch, dass diese Aspekte wichtig sein können, aber in den letzten 10 oder 15 Jahren habe ich mich mehr darauf konzentriert, die bestehenden Weltsichten zu verändern, die unser Denken prägen.
So wie wir in einer Biosphäre leben, die uns die Luft zum Atmen gibt, leben wir in einer Ethnosphäre, der kulturellen Luft, die wir atmen, mit bestimmten Annahmen, Weltsichten und Paradigmen. Und zu verschiedenen Zeitpunkten in der Geschichte enthielt diese Ethnosphäre Ideen, denen wir heute vielleicht nicht mehr zustimmen, zum Beispiel, dass die Männer den Frauen überlegen sind oder dass sich die Sonne um die Erde dreht.
Ich versuche, solche uns prägenden Kernideen und Weltsichten zu verändern, indem ich neue Sprachkonzepte oder neue Metaphern einführe, wie zum Beispiel die Idee, ein guter Vorfahr zu sein, ein Zeitrebell oder die Idee des Kathedralendenkens.
Ich arbeite auch mit Institutionen zusammen und halte Vorträge. Derzeit entwickelt beispielsweise die Europäische Union einen Index für generationenübergreifende Fairness, um die Auswirkungen der öffentlichen Politik auf verschiedene Generationen zu messen. Das hängt mit einem Index für Solidarität zwischen den Generationen zusammen, den ich in meinem Buch »Der gute Vorfahr« vorgestellt habe. In einem Urteil des Obersten Gerichtshofs von Pakistan wurde mein Buch über die gute Vorfahrenschaft in einer wichtigen Entscheidung gegen die Expansion der Zementindustrie zitiert. Es freut mich zu sehen, dass soziale Bewegungen, Künstlerinnen oder Regierungen einige der Ideen aufgreifen, an denen ich arbeite.
Die Würde künftiger Generationen
e: Sie haben sechs verschiedene Aspekte eines guten Vorfahren genannt. Haben Sie einen oder zwei davon als besonders hilfreich für einen Wandel empfunden?
RK: Einige dieser Möglichkeiten, ein guter Vorfahr zu sein, gibt es schon seit langer Zeit. Die Idee der Tiefenzeit ist eine davon, sie reicht mindestens bis ins späte 18. Jahrhundert zurück. Das Konzept der generationenübergreifenden Gerechtigkeit, nach dem zukünftige Generationen verfassungsmäßige Rechte erhalten sollten, ist relativ neu. Menschenrechte befassen sich mit den Rechten der Menschen in der heutigen Welt. Es gibt immer noch Kämpfe für mehr Gleichberechtigung in Bezug auf Geschlecht, Behinderung oder Rechte indigener Völker. Was jedoch fehlt, sind die Rechte zukünftiger Bürger und deren Verankerung in der öffentlichen Politik und in der Rechtsprechung.
»Viele unserer grundlegenden Herausforderungen beruhen auf Kurzsichtigkeit.«
In den letzten Jahren hat die Idee der Rechte künftiger Generationen allerdings an Bedeutung gewonnen. Selbst in Deutschland gab es vor einigen Jahren ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts über die Achtung der Rechte künftiger Generationen. Auch auf EU-Ebene besteht Interesse daran. In den USA gibt es Rechtsstreitigkeiten um die Rechte künftiger Generationen, die von einer gemeinnützigen Anwaltskanzlei namens »Our Children’s Trust« geführt werden. Dabei geht es zum Teil auch um die Rechte der Natur. In Neuseeland, Aotearoa, gibt es Flüsse, die für die Maori heilig sind und denen die gleichen Rechte wie Menschen zuerkannt wurden – ebenso wie im 19. Jahrhundert den Unternehmen Rechte zuerkannt wurden.
e: Dabei ist es doch viel besser, einem Fluss Rechte zu geben als einem Unternehmen.
RK: Das würde ich auch sagen. Interessanterweise ist die Idee des »Kathedralendenkens«, eine der sechs Eigenschaften, die ich für gute Vorfahren als notwendig erachte, in der Geschäftswelt sehr beliebt. Die Menschen verstehen diese Idee sofort: Diejenigen, die den Grundstein für die ersten Kathedralen legten, wussten, dass diese Bauwerke in ihrem eigenen Leben nie fertiggestellt werden würden. Kathedralendenken ist wichtig, weil wir nicht nur drei Jahre im Voraus planen, sondern auch an den Anstieg des Meeresspiegels in 50 oder 100 Jahren denken müssen.
Auch Unternehmen sagen oft, dass wir eine großartige langfristige Vision brauchen. Aber sie meinen Visionen ohne jeglichen ethischen Inhalt. Ich habe CEOs sagen hören: »Wir wollen auch die nächsten hundert Jahre weiterwachsen«, was für den Planeten sehr schädlich sein könnte. Langfristiges Denken ist nicht an sich gut für uns – Hitler wollte ein tausendjähriges Reich errichten. Deshalb muss das Kathedralendenken mit generationenübergreifender Gerechtigkeit einhergehen, um ihm einen moralischen Inhalt zu geben.
Ein Vermächtnis für die Zukunft
e: In Ihrem Buch schreiben Sie über das transzendente Vermächtnis. Aber ist es überhaupt möglich, ohne Zukunftsorientierung einen Sinn im Leben zu finden?
RK: Viktor Frankl wies darauf hin, dass Sinn dadurch entsteht, dass man eine Sinnorientierung außerhalb seiner selbst findet, die zukunftsorientiert ist. Menschen, die die Konzentrationslager der Nazis überlebt haben, dachten daran, dass ihr Sohn noch am Leben sein könnte: ›Ich werde versuchen, am Leben zu bleiben, um meinen Sohn zu sehen‹, oder ›Ich werde das Chemiebuch vollenden, das ich nie zu Ende geschrieben habe‹. Es ist wichtig, eine Sinnorientierung zu finden, die über das eigene Ich hinausgeht.
»Wie erweitern wir unser Selbstverständnis über die Zeit hinweg?«
Aber es gibt auch Menschen, die ein sinnvolles Leben führen, indem sie sich auf ihre alltäglichen Beziehungen hier und jetzt konzentrieren. Das hängt mit einer weiteren Säule der Sinnhaftigkeit zusammen, nämlich der Relationalität. Es gibt noch eine dritte Säule, die Frankl erwähnt, nämlich Handlungsfähigkeit oder Freiheit. Diese drei können sich überschneiden oder in Spannung zueinander stehen.
e: Das hängt mit der Frage nach dem Vermächtnis zusammen. Was von meinem Dasein auf der Erde wird für andere von Bedeutung sein oder in einem längeren Zeitrahmen Bedeutung haben?
RK: Das ist zwangsläufig sehr stark mit dem Tod verbunden. Wie können wir unsere Endlichkeit überwinden?
e: Ich denke, das ist es, was uns motiviert.
RK: Ich spreche von drei verschiedenen Formen von Vermächtnis. Es kann eine egoistische Form von Vermächtnis geben. Wie Alexander der Große möchte ich in Erinnerung bleiben und Statuen von mir in meinem gesamten Reich aufstellen lassen, oder wie ein russischer Oligarch, nach dem ein Fußballstadion benannt ist. Oder aber ich möchte meiner Familie ein Vermächtnis hinterlassen und meinen Kindern Eigentum, Sprache, Kultur oder Religion weitergeben.
Eine gute Vorfahrenschaft ist eine dritte Form: ein transzendentes Gefühl eines Vermächtnisses an die universellen Fremden der Zukunft. Meine Kinder könnten vielleicht im Jahr 2100 noch leben, aber sie sind in dieser Zukunft nicht allein auf der Welt. Sie sind Teil des Gewebes menschlicher Beziehungen und der lebendigen Welt – der Luft, die sie atmen, des Wassers, das sie trinken. Wenn mir also ihr Leben am Herzen liegt, muss mir alles Leben am Herzen liegen. Diese anthropologische Verbindung ist eine Brücke zu etwas viel Universellerem, Transzendentem. Sie berührt Ideen des Interbeing. Sie berührt die letztendliche Wirklichkeit, auch wenn es ein kognitiver Zugang ist.
Zeit-Intelligenz
e: Aber es kommt auch aus einer unmittelbaren Herzensverbindung. Es ist das eigene Kind und seine Kinder und Enkelkinder.
RK: Wenn ich Vorträge halte, mache ich oft folgende Übung: Ich bitte die Zuhörenden, die Augen zu schließen und sich einen jungen Menschen in ihrem Leben vorzustellen, der ihnen wirklich am Herzen liegt, zum Beispiel einen Neffen, eine Nichte, ein Kind oder ein Enkelkind. Dann bitte ich sie, mit geschlossenen Augen einen Schritt nach vorne zu machen und sich dieses Kind in 30 Jahren vorzustellen und darüber nachzudenken, welche Freuden und welche Leiden es in seinem Leben in 30 Jahren vielleicht erleben wird. Dann bitte ich sie, einen letzten Schritt nach vorne zu machen und sich dieses Kind im Alter von 90 Jahren vorzustellen, umgeben von Familie, Freunden und geliebten Menschen. Und ich sage: »Schauen Sie aus dem Fenster. Was für eine Welt sehen Sie dort draußen?« Und dann sage ich: »Kommen Sie zurück und Sie werden bemerken, dass dieser 90-jährige Verwandte aufsteht und gerade eine Geburtstagsrede halten will, als er plötzlich ein Foto von Ihnen, seinem verstorbenen Vorfahren, auf dem Kaminsims sieht. Er beschließt, den Versammelten von etwas zu erzählen, das Sie getan haben, um ein guter Vorfahr zu sein. Denken Sie einen Moment darüber nach, was dort über Sie gesagt würde.« Wenn ich Menschen auf diese kleine imaginäre Reise mitnehme, sind sie oft zu Tränen gerührt. Es berührt das Herz. Es ist nonverbal, es geht über das Kognitive hinaus.
e: Es macht die Zukunft sehr real und verbindet uns mit dem, was wir lieben und was uns wichtig ist.
RK: Ja. Und die Menschen spüren das, das ist das Schöne am Menschen. Unsere Imaginationskraft, die uns über die Zeit hinweg zu verbinden vermag, ist eine Art Superkraft. Deshalb gefällt mir diese Idee der Zeit-Intelligenz so gut. Es ist die Fähigkeit, sich durch die verschiedenen Dimensionen der Zeit zu bewegen. Die meisten unserer Bildungs-, Politik- und Wirtschaftsinstitutionen sind leider nicht darauf ausgelegt, dies zu fördern.
e: Haben Sie seit der Veröffentlichung Ihres Buches im Jahr 2020 eine Veränderung in der Einstellung und Wahrnehmung der nachfolgenden Generationen festgestellt?
RK: Es gibt mehr Gemeinschaften, Organisationen und Bewegungen, die sich mit den langfristigen, generationsübergreifenden Auswirkungen der Klimakrise befassen. Gleichzeitig wirken technologische Kräfte, die unsere Aufmerksamkeitsspanne verkürzen, sei es die digitale Kultur, die uns dazu bringt, ständig zu scrollen und in einer Art künstlicher Gegenwart zu verharren, oder die KI, die schneller auf uns zurollt, als wir uns darauf einstellen können.
Es zeigen sich auch Bewegungen junger Menschen, die wütend auf die älteren Generationen sind, weil sie jetzt die Lasten zu tragen haben, die ihnen von diesen auferlegt wurden. Junge Menschen zahlen unverhältnismäßig mehr Steuern, um das Gesundheitssystem zu unterstützen, von dem die Babyboomer-Generation profitiert. Es gibt also Spannungen zwischen den Generationen.
Auch in ökologischen Bewegungen hören wir manchmal: »Wir sind so froh, dass junge Menschen so hart für die Rettung des Planeten kämpfen.« Ich habe junge Menschen antworten hören: »Warum sollte ich das tun müssen? Ihr habt dieses Problem verursacht. Zumindest sitzen wir alle im selben Boot, also lasst mich nicht die ganze Arbeit allein machen.« Ich denke also, dass diese Entwicklung viele Facetten hat.
In meinem aktuellen Buch »10 Lektionen aus der Geschichte für die drängendsten Fragen unserer Zeit« spreche ich viel über Hoffnung und darüber, wie wichtig es ist, anzuerkennen, dass die Menschheit über die Jahrhunderte hinweg eigentlich recht gut darin war, Krisen zu bewältigen, Herausforderungen zu meistern, Städte und Zivilisationen aufzubauen und zu lernen, Wasser- oder Waldressourcen langfristig zu verwalten. Wir konzentrieren uns oft aus gutem Grund auf alles, was schiefgelaufen ist. Es ist wichtig, die Geschichte des Kolonialismus und Faschismus zu verstehen. Aber ebenso müssen wir die Möglichkeit der Hoffnung erkennen. In bestimmten Kulturen und bestimmten Zeiträumen, wie beispielsweise im Japan der Edo-Zeit im 18. Jahrhundert, haben wir unsere Wirtschaft viel zirkulärer, regenerativer und nachhaltiger organisiert. Wir haben die Demokratie viel partizipativer gestaltet, mit lokaler, direkter Demokratie.
Ich mache oft einen Unterschied zwischen Optimismus und Hoffnung. Optimismus ist die Idee, dass alles gut wird, auch wenn es nicht so aussieht. Ich bin nicht optimistisch, was die Zukunft unserer Spezies angeht, wir sind auf einem völlig falschen Weg. Aber ich bin hoffnungsvoll in dem Sinne, dass ich mich für die Vision und die Werte engagiere, die ich als wichtig erkenne, auch wenn die Chancen dagegenstehen. Vielleicht gelingt es uns, unsere Zivilisationen angesichts all der Herausforderungen, vor denen wir stehen, nicht zusammenbrechen zu lassen, sondern zu transformieren. Und wie Sie sagen, erfordert dies eine enorme Bewusstseinsveränderung in Bezug auf unsere Beziehung zur Zeit und zur lebendigen Welt. Aber die Frage ist, ob wir dies in der erforderlichen Geschwindigkeit und Größenordnung schaffen können, da wir möglicherweise bereits einen Wendepunkt überschritten haben. Und in der Geschichte sehen wir, dass sich kulturelle Evolution oft sehr langsam vollzogen hat.
Author:
Mike Kauschke
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Simon Marian Hoffmann ist schon als junger Mensch aufgebrochen, um sich als Filmemacher, Musiker, Künstler und Gestalter künstlerisch aktivistischer Aktionen mit der Lebensperspektive junger Menschen in unserer Gesellschaft und in unserem Bildungssystem auseinanderzusetzen. Heute verwirklicht er die Vision einer freien Bildung in der UniArtCity, ist als Rapper Simon Courtier unterwegs, hat eine Petition zur Mitbestimmung junger Menschen an der Entscheidung zur Wehrpflicht initiiert. Wir sprachen mit ihm über die Rolle der Jugend und der Älteren in unserer Gesellschaft und wie wir uns begegnen können.