Wir brauchen eine Revolution

Our Emotional Participation in the World
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Interview
Published On:

October 19, 2025

Featuring:
Raphael Thelen
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Issue:
48
|
October 2025
Die Flamme weitergeben
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Ein Aktivismus, der die Generationen verbindet

Als Journalist hat Raphael Thelen für große Magazine wie »Der Spiegel« und »Die Zeit« aus Kriegsgebieten und zuletzt über die Folgen des Klimawandels aus verschiedenen Teilen der Welt berichtet. Vor zweieinhalb Jahren entschied er sich, zur Letzten Generation zu gehen, die sich vor Kurzem in die Neue Generation umbenannt hat. Wir sprachen mit ihm über einen Aktivismus im Dialog der Generationen und die junge Energie der Revolution.

evolve: Was bedeutet für dich die Neuausrichtung der Letzten Generation zur Neuen Generation? Wie verändert sich das Selbstverständnis oder auch die Umsetzung eures Aktivismus?

Raphael Thelen: Wir sind tief verankert in der Tradition der Gewaltfreiheit und haben sie benutzt, um für Klimaschutz einzutreten. Unsere Forderungen waren sehr einfach zu erfüllen: ein 9-Euro-Ticket oder Tempo 100 auf Autobahnen. 80 Prozent der Deutschen sind für ein Tempolimit, trotzdem wurde es nicht umgesetzt. Vielleicht war es naiv, zu glauben, dass eine Regierung Gesetze erlassen könnte, die zu einem Profiteinbruch bei Automobilkonzernen führen würden. Trotzdem haben wir das versucht und damit den ultimativen Beweis geführt, dass selbst eine Regierung, an der die Grünen beteiligt sind, zu keinerlei Klimaschutz in der Lage ist. Für uns lautet die Schlussfolgerung: Es kann in diesem System keinerlei wirkungsvollen Klimaschutz geben.

Als Neue Generation sagen wir, dass wir einen Systemwandel brauchen, eine gewaltfreie Revolution: Wir müssen dafür sorgen, dass die Macht oder die Gestaltungsoptionen wieder bei der Mehrheit der Menschen liegen und nicht bei denen, die Geld haben. Das heißt auch: Wir müssen unsere Demokratie wirklich demokratisch machen.

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Ein Aktivismus, der die Generationen verbindet

Als Journalist hat Raphael Thelen für große Magazine wie »Der Spiegel« und »Die Zeit« aus Kriegsgebieten und zuletzt über die Folgen des Klimawandels aus verschiedenen Teilen der Welt berichtet. Vor zweieinhalb Jahren entschied er sich, zur Letzten Generation zu gehen, die sich vor Kurzem in die Neue Generation umbenannt hat. Wir sprachen mit ihm über einen Aktivismus im Dialog der Generationen und die junge Energie der Revolution.

evolve: Was bedeutet für dich die Neuausrichtung der Letzten Generation zur Neuen Generation? Wie verändert sich das Selbstverständnis oder auch die Umsetzung eures Aktivismus?

Raphael Thelen: Wir sind tief verankert in der Tradition der Gewaltfreiheit und haben sie benutzt, um für Klimaschutz einzutreten. Unsere Forderungen waren sehr einfach zu erfüllen: ein 9-Euro-Ticket oder Tempo 100 auf Autobahnen. 80 Prozent der Deutschen sind für ein Tempolimit, trotzdem wurde es nicht umgesetzt. Vielleicht war es naiv, zu glauben, dass eine Regierung Gesetze erlassen könnte, die zu einem Profiteinbruch bei Automobilkonzernen führen würden. Trotzdem haben wir das versucht und damit den ultimativen Beweis geführt, dass selbst eine Regierung, an der die Grünen beteiligt sind, zu keinerlei Klimaschutz in der Lage ist. Für uns lautet die Schlussfolgerung: Es kann in diesem System keinerlei wirkungsvollen Klimaschutz geben.

Als Neue Generation sagen wir, dass wir einen Systemwandel brauchen, eine gewaltfreie Revolution: Wir müssen dafür sorgen, dass die Macht oder die Gestaltungsoptionen wieder bei der Mehrheit der Menschen liegen und nicht bei denen, die Geld haben. Das heißt auch: Wir müssen unsere Demokratie wirklich demokratisch machen.

e: Wie siehst du diese Dynamik im Kontext der Beziehung zwischen den Generationen? Mit der Neuen Generation oder den Aktivisten der Fridays-for-Future-Bewegung erheben sich junge Menschen mit einer gewissen Wut und Verzweiflung und fordern einen Wandel. Junge Menschen leiden an Klimaangst und haben das Gefühl, in eine Welt hineingeboren zu sein, die eine schwierige Zukunft bereithält. In der älteren Generation gibt es viele Menschen, die für einen öko-sozialen Wandel der Gesellschaft angetreten sind, die auch Regierungsverantwortung übernommen haben, wie beispielsweise die Grünen. Wie siehst du die Dynamik zwischen den Generationen in diesem Kontext?

RT: Ich stehe hier etwas dazwischen, ich bin 39 und damit kein junger Aktivist mehr. In Bezug auf die Frage der Generationen glaube ich an das Prinzip Verantwortung. Es ist eine Frage der Verantwortung, dass ältere Menschen, die Geld, Einfluss und Ressourcen haben, sich für jüngere Menschen einsetzen, die das noch nicht haben. Das ist eine Frage der Gerechtigkeit.

»Ich glaube an das Prinzip Verantwortung.«

Für mich ist die Neue Generation einer der wenigen Orte, wo ich tatsächlich erlebe, dass Alt und Jung in einer großen Selbstverständlichkeit und Verantwortlichkeit zusammenarbeiten. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass es oft Studierende und Schülerinnen sind, die noch nicht so eingebunden sind, und Rentnerinnen, die nicht mehr so sehr in Job und Familie eingebunden sind.

Ich habe einmal mit zwei Rentnern über 70 auf der Straße geklebt. Der eine von ihnen war gerade wegen einer Blockade fünf Monate im Gefängnis gewesen. Bei unserem nächsten Parlament der Menschen wollen wir auch einen Austausch zwischen jungen und alten Menschen gestalten, weil es da ganz viel Wertschätzung füreinander gibt, die wir auch aussprechen können.

e: Und vielleicht ist es auch deshalb notwendig, einen Generationendialog zu gestalten, der die Wandelbereitschaft, die in vielen Menschen vorhanden ist, zusammenbringt, um sich gegenseitig zu unterstützen. Siehst du das als Teil des aktivistischen Tuns, solche Dialoge oder Verbindungen zu unterstützen?

RT: Einer der zentralen Sätze der Neuen Generation ist: Der Mensch ist im Grunde gut. Wir gehen zum einen in den Protest, zum anderen organisieren wir Versammlungen. Wir veranstalten zweimal im Jahr das Parlament der Menschen, wo analog zum Bürgerrat Menschen aus allen möglichen Ecken Deutschlands und aus verschiedenen demografischen Kategorien zusammenkommen, um miteinander zu sprechen. Die Bürgerräte zeigen, dass alle Menschen eigentlich die gleichen Interessen haben: Sicherheit, Freiheit, eine gute Zukunft für ihre Kinder. Wenn Menschen in das richtige Setting gesetzt werden, können sie lebensbejahende Entscheidungen treffen. Aber wir werden stattdessen gegeneinander aufgehetzt, weil unser System auf Trennung, Dominanz und Ausbeutung basiert.

Deswegen ist es sehr wertvoll, Räume zu schaffen, in denen die Generationen sich treffen können. Ich habe mich vor ein paar Monaten mit meinen Großvätern auseinandergesetzt. Beide haben im Zweiten Weltkrieg gekämpft, sind völlig kriegstraumatisiert zurückgekommen und haben meine Eltern verprügelt. Entsprechend wenig emotional verfügbar waren auch meine Eltern in meiner Kindheit. Ich habe lange meine Großväter als das Problem gesehen, bis ich dann anerkennen konnte, dass sie versucht haben, ihre Familien durchzubringen, so gut sie konnten. Der Vater meiner Mutter hat zeitweise in vier Jobs gearbeitet, von morgens um vier in der Backstube bis abends um acht. War er gewalttätig? Ja. Hat er trotzdem versucht, seine Familie durchzubringen? Ja, das auch. Wir müssen anerkennen, dass wir alle versuchen, es so gut zu machen wie möglich. Dann können wir Räume schaffen, in denen wir gemeinsam gut die Zukunft gestalten können. Das ist die Aufgabe, die sich die Neue Generation auf politischer Ebene gesetzt hat.

Und es ist einfach nur schön, Menschen zusammenzubringen und dabei zu erleben, wie sie sich gut verstehen und eine gute Lösung erarbeiten. Man kann das als heilige Arbeit bezeichnen. Es ist gut, schön und richtig, Menschen zusammenzubringen, egal ob das jemals von Erfolg gekrönt sein wird. Ich weiß, einigen Menschen schaffe ich jeden Tag die Möglichkeit, in solchen Räumen zu sein. Und das ist an sich schon genug.

e: Du hast angesprochen, dass es der Neuen Generation wichtig ist, dass es eine gewaltfreie Revolution braucht. Revolution ist ein belasteter und großer Begriff, er hat aber auch eine junge Energie, wenn man das so sagen kann. Eine Revolution kommt aus dem Impuls, dass es nicht ausreicht, ein paar Gesetze zu ändern, sondern es braucht eine radikale Transformation. Warum sagt ihr, ihr: »Wir brauchen eine Revolution.«?

RT: Ich kenne nicht viele Menschen, die glauben, dass wir aus dem ganzen Schlamassel noch rauskommen, ohne ganz viel ganz schnell zu ändern. Der Weltklimarat selbst hat geschrieben: »Wir brauchen sofortigen, umfassenden, nie dagewesenen Wandel in allen Bereichen unserer Gesellschaft.« Was das höchste klimawissenschaftliche Gremium der Welt hier fordert, ist eine Revolution. Und natürlich hat das eine junge Energie, aber es ist einfach wahr.

Author:
Mike Kauschke
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