Editorial 49/2026

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Editorial
Published On:

January 25, 2026

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49
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January 2026
Die Kraft der Demut
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Was empfanden Sie, als Sie den Titel dieser Ausgabe gelesen haben? Verwunderung? Ablehnung? Interesse? Überraschung? Kamen vielleicht alte Prägungen oder schwierige Erfahrungen im Zusammenhang mit dem Wort Demut ins Bewusstsein? Oder die Frage, was wir denn heute mit einer solchen verstaubten Idee anfangen sollen, wo es doch darum geht, auf die vielen Krisen der Welt wirkungsvoll zu antworten? Aber vielleicht gibt die Haltung der Demut ja Hinweise auf eine solche Antwort.

Diese Ahnung bewegte uns in der Redaktion, uns der inneren Haltung zu nähern, die mit diesem Wort angesprochen ist. Sie scheint in einer Kultur, wo Konkurrenz, Wettbewerb, Selbstoptimierung und Selbstdarstellung zur Vereinzelung führten, wie aus der Zeit gefallen, wie ein Störfaktor oder ein Zeichen von Schwäche. Gleichzeitig leiden viele Menschen an den Folgen der Vereinzelung, fühlen sich einsam, entfremdet, suchen nach Sinn. Zudem wird der öffentliche und politische Diskurs zunehmend davon bestimmt, dass man zeigen will, wer recht hat. Andere werden erniedrigt, um die eigene Meinung durchzusetzen.

Darüber hinaus zeigen uns Entwicklungen wie die Klimaerwärmung, dass unsere Macht eingeschränkt ist und wir den Folgen nicht ausweichen können, so gut wir es auch verdrängen. Technologien wie die Künstliche Intelligenz übernehmen zunehmend Fähigkeiten, die wir für allein menschliche hielten. Solche Dynamiken untergraben unser Gefühl der Größe, Selbstsicherheit und Kontrolle.

Bei Menschen, die sich für ökologischen und sozialen Wandel einsetzen, tritt Ernüchterung ein, weil viele der Entwicklungen in eine gewünschte Richtung zurückgenommen oder brüchig werden.

In unseren Redaktionsgesprächen stellten wir fest, dass in all diesen Entwicklungen eine Dynamik der Demut verborgen ist, die uns vor die Frage stellt: Was ist unser angemessener Platz im Ganzen des Lebens? Das ist vielleicht die Grundfrage der Demut, der Elizabeth Debold in ihrem Leitartikel nachgeht. Dabei zeichnet sie auch eine historische Perspektive der Entwicklung unseres Verständnisses von Demut nach. Und fragt, wie uns diese Haltung heute in eine richtige Beziehung zu uns selbst, zueinander und zum Ganzen setzen kann.

Die Haltung der Demut hat in der christlichen Spiritualität eine große Bedeutung. Wir haben mit dem Benediktinerpater ­Anselm Grün darüber gesprochen, was wir aus dieser Tradition lernen können. Auch die Franziskanerin und evolutionäre Mystikerin Ilia Delio schöpft aus dieser Weisheit, formuliert die Bedeutung von Demut im Lichte eines sich entfaltenden Universums neu und spricht gar von der Demut Gottes. Was sie damit meint, erklärt sie in einem faszinierenden Gespräch. Auch in anderen spirituellen Richtungen spielt die innere Ausrichtung der Demut eine wichtige Rolle. Darüber sprechen wir mit der buddhistischen Lehrerin Lama Willa Baker. Hier thematisieren wir den missbräuchlichen Umgang mit Demut, der auch in religiösen Kontexten erfahren wird.

Demut ist aber eben nicht nur auf den inneren spirituellen Weg begrenzt, sondern kann auch zu einer Quelle gesellschaftlichen Wandels werden. Ein beeindruckendes Beispiel dafür ist der Aktivist Rajagopal aus Indien, der auf den Spuren Mahatma Gandhis für Gerechtigkeit kämpft. Was können wir im westlichen Aktivismus von einer Haltung der Demut lernen? Dieser Frage geht für uns die Kulturanthropologin ­Hildegard Kurt nach. Ein Aspekt dabei ist, in eine neue Beziehung zum Lebendigen zu finden. Dieser Spur folgt auch der Mythenforscher Martin Spura, mit dem wir darüber sprechen, wie sich Demut in der Weisheit der Mythen zeigt. Was die Haltung der Demut als gelebte Praxis bedeuten kann, erkunden wir mit Barbara Lemke, die das traditionelle japanische Bogenschießen in der Zen-Tradition lehrt.

Auch in der taoistischen und konfuzianischen Tradition Chinas spielt die Haltung der Demut eine wichtige Rolle. Der Künstler Yang Yongliang ist der ästhetischen Praxis Chinas verbunden. Er knüpft an die traditionelle chinesische Landschaftsmalerei an, verbindet sie aber auch mit moderner digitaler Technologie. Dadurch schafft er Werke, welche die größere Ordnung der Natur zeigen und gleichzeitig die menschlichen Eingriffe in diese Harmonie thematisieren. Dieses Spannungsfeld von Widersprüchen und Harmonie im Licht der Frage: Was ist unser Platz im Ganzen?, fanden wir sehr passend zu unserem Thema. Wir sind sehr froh und dankbar, dass wir diese evolve mit den Werken von Yang Yongliang gestalten konnten.

Die Arbeit an dieser Ausgabe geht einher mit einem Projekt unserer Trägerorganisation evolve World, der Eröffnung des Interbeing Monastery. Das ist eine Online-Plattform, eine weltweite Gemeinschaft von Praktizierenden, mit der wir in diesen herausfordernden Zeiten einen Ort bieten möchten, an dem wir einander unterstützen und begegnen können. Der Kern sind verschiedene Praxisformen wie Meditation, Emergent Dialogue oder die Interbeing Tee-Dialoge, zu denen wir Sie und Euch herzlich einladen. Wie uns die Kraft der Demut heute unterstützen kann, wird sicher auch dort zu einem der Themen werden, die wir gemeinsam bewegen.

Wir sind wieder sehr gespannt, welche Resonanz das Thema dieser Ausgabe bei Ihnen und Euch auslösen wird und welche Dialoge sich bei unseren evolve Salons daraus entfalten werden.

Diese Ausgabe von evolve ist für uns sehr besonders, denn es ist die erste, an der wir nach dem Tod des Mitgründers und Herausgebers von evolve, Thomas Steininger, gearbeitet haben. In Dankbarkeit gehen wir den gemeinsamen Weg des Forschens und des Dialogs weiter. Wir möchten uns ganz herzlich für die berührende Anteilnahme, die tiefe Wertschätzung und die Worte der Ermutigung bedanken. Die menschlichen und geistigen Impulse von Thomas werden auch auf den Seiten unseres Magazins weiterwirken.

Herzlichst

Mike Kauschke

Redaktionsleiter

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Was empfanden Sie, als Sie den Titel dieser Ausgabe gelesen haben? Verwunderung? Ablehnung? Interesse? Überraschung? Kamen vielleicht alte Prägungen oder schwierige Erfahrungen im Zusammenhang mit dem Wort Demut ins Bewusstsein? Oder die Frage, was wir denn heute mit einer solchen verstaubten Idee anfangen sollen, wo es doch darum geht, auf die vielen Krisen der Welt wirkungsvoll zu antworten? Aber vielleicht gibt die Haltung der Demut ja Hinweise auf eine solche Antwort.

Diese Ahnung bewegte uns in der Redaktion, uns der inneren Haltung zu nähern, die mit diesem Wort angesprochen ist. Sie scheint in einer Kultur, wo Konkurrenz, Wettbewerb, Selbstoptimierung und Selbstdarstellung zur Vereinzelung führten, wie aus der Zeit gefallen, wie ein Störfaktor oder ein Zeichen von Schwäche. Gleichzeitig leiden viele Menschen an den Folgen der Vereinzelung, fühlen sich einsam, entfremdet, suchen nach Sinn. Zudem wird der öffentliche und politische Diskurs zunehmend davon bestimmt, dass man zeigen will, wer recht hat. Andere werden erniedrigt, um die eigene Meinung durchzusetzen.

Darüber hinaus zeigen uns Entwicklungen wie die Klimaerwärmung, dass unsere Macht eingeschränkt ist und wir den Folgen nicht ausweichen können, so gut wir es auch verdrängen. Technologien wie die Künstliche Intelligenz übernehmen zunehmend Fähigkeiten, die wir für allein menschliche hielten. Solche Dynamiken untergraben unser Gefühl der Größe, Selbstsicherheit und Kontrolle.

Bei Menschen, die sich für ökologischen und sozialen Wandel einsetzen, tritt Ernüchterung ein, weil viele der Entwicklungen in eine gewünschte Richtung zurückgenommen oder brüchig werden.

In unseren Redaktionsgesprächen stellten wir fest, dass in all diesen Entwicklungen eine Dynamik der Demut verborgen ist, die uns vor die Frage stellt: Was ist unser angemessener Platz im Ganzen des Lebens? Das ist vielleicht die Grundfrage der Demut, der Elizabeth Debold in ihrem Leitartikel nachgeht. Dabei zeichnet sie auch eine historische Perspektive der Entwicklung unseres Verständnisses von Demut nach. Und fragt, wie uns diese Haltung heute in eine richtige Beziehung zu uns selbst, zueinander und zum Ganzen setzen kann.

Die Haltung der Demut hat in der christlichen Spiritualität eine große Bedeutung. Wir haben mit dem Benediktinerpater ­Anselm Grün darüber gesprochen, was wir aus dieser Tradition lernen können. Auch die Franziskanerin und evolutionäre Mystikerin Ilia Delio schöpft aus dieser Weisheit, formuliert die Bedeutung von Demut im Lichte eines sich entfaltenden Universums neu und spricht gar von der Demut Gottes. Was sie damit meint, erklärt sie in einem faszinierenden Gespräch. Auch in anderen spirituellen Richtungen spielt die innere Ausrichtung der Demut eine wichtige Rolle. Darüber sprechen wir mit der buddhistischen Lehrerin Lama Willa Baker. Hier thematisieren wir den missbräuchlichen Umgang mit Demut, der auch in religiösen Kontexten erfahren wird.

Demut ist aber eben nicht nur auf den inneren spirituellen Weg begrenzt, sondern kann auch zu einer Quelle gesellschaftlichen Wandels werden. Ein beeindruckendes Beispiel dafür ist der Aktivist Rajagopal aus Indien, der auf den Spuren Mahatma Gandhis für Gerechtigkeit kämpft. Was können wir im westlichen Aktivismus von einer Haltung der Demut lernen? Dieser Frage geht für uns die Kulturanthropologin ­Hildegard Kurt nach. Ein Aspekt dabei ist, in eine neue Beziehung zum Lebendigen zu finden. Dieser Spur folgt auch der Mythenforscher Martin Spura, mit dem wir darüber sprechen, wie sich Demut in der Weisheit der Mythen zeigt. Was die Haltung der Demut als gelebte Praxis bedeuten kann, erkunden wir mit Barbara Lemke, die das traditionelle japanische Bogenschießen in der Zen-Tradition lehrt.

Auch in der taoistischen und konfuzianischen Tradition Chinas spielt die Haltung der Demut eine wichtige Rolle. Der Künstler Yang Yongliang ist der ästhetischen Praxis Chinas verbunden. Er knüpft an die traditionelle chinesische Landschaftsmalerei an, verbindet sie aber auch mit moderner digitaler Technologie. Dadurch schafft er Werke, welche die größere Ordnung der Natur zeigen und gleichzeitig die menschlichen Eingriffe in diese Harmonie thematisieren. Dieses Spannungsfeld von Widersprüchen und Harmonie im Licht der Frage: Was ist unser Platz im Ganzen?, fanden wir sehr passend zu unserem Thema. Wir sind sehr froh und dankbar, dass wir diese evolve mit den Werken von Yang Yongliang gestalten konnten.

Die Arbeit an dieser Ausgabe geht einher mit einem Projekt unserer Trägerorganisation evolve World, der Eröffnung des Interbeing Monastery. Das ist eine Online-Plattform, eine weltweite Gemeinschaft von Praktizierenden, mit der wir in diesen herausfordernden Zeiten einen Ort bieten möchten, an dem wir einander unterstützen und begegnen können. Der Kern sind verschiedene Praxisformen wie Meditation, Emergent Dialogue oder die Interbeing Tee-Dialoge, zu denen wir Sie und Euch herzlich einladen. Wie uns die Kraft der Demut heute unterstützen kann, wird sicher auch dort zu einem der Themen werden, die wir gemeinsam bewegen.

Wir sind wieder sehr gespannt, welche Resonanz das Thema dieser Ausgabe bei Ihnen und Euch auslösen wird und welche Dialoge sich bei unseren evolve Salons daraus entfalten werden.

Diese Ausgabe von evolve ist für uns sehr besonders, denn es ist die erste, an der wir nach dem Tod des Mitgründers und Herausgebers von evolve, Thomas Steininger, gearbeitet haben. In Dankbarkeit gehen wir den gemeinsamen Weg des Forschens und des Dialogs weiter. Wir möchten uns ganz herzlich für die berührende Anteilnahme, die tiefe Wertschätzung und die Worte der Ermutigung bedanken. Die menschlichen und geistigen Impulse von Thomas werden auch auf den Seiten unseres Magazins weiterwirken.

Herzlichst

Mike Kauschke

Redaktionsleiter

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Mike Kauschke
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