Eine Besprechung des Buches »Alles beginnt mit Sehnsucht und Suche« von Brigitte Dorst
Nur wer einen Weg sucht, wird ihn finden und gehen. Das ist Brigitte Dorsts Leitthese in diesem Buch, in dem sie, als Suchende und Lehrerin des Sufi-Pfades, viele Facetten wohl jedes spirituellen Weges beschreibt. Das ist einer der vielen Vorzüge dieses flüssig und anschaulich geschriebenen Buches. Ein anderer ist, dass Dorst nicht nur als Weg-Übende und Sufi-Lehrerin, sondern als Psychotherapeutin und Psychologie-Professorin ein breites Spektrum von Themen reflektiert, dem jeweils eins der zwölf Kapitel gewidmet ist: Suche, Spiritualität im 21. Jahrhundert, Analytische Psychologie, Schweigen, Mystik, Liebe, Lauschen usw. Immer wieder sucht und findet sie die Balance zwischen ihrer spürbaren Freude über den Sufi-Weg und einer notwendigen Übersetzung für unsere Zeit. Auch Übende und Lehrende anderer Wege, die wie ich von buddhistischen Lehren und Übungen oder von der christlichen Mystik inspiriert sind, finden sich wieder mit ihren Fragen nach der Relevanz alter Lehren und Methoden aus anderen Kulturen und Zeiten in unserer Zeit.
Ein spiritueller Weg mit guter Begleitung kann in uns ein tiefes unerschütterliches Vertrauen wecken.
Sehr anschaulich zeigt die Autorin die Lebendigkeit von Lehrgeschichten, die oft viel mehr vermitteln als traditionelle Lehraussagen, Definitionen und konkrete Regeln, denn Geschichten bringen menschliche Erfahrungen auf den Punkt und bleiben offen für immer neue Interpretationen. Dorst betont die große Rolle, die Vorbilder und erfahrene Lehrende auf dem Weg spielen, aber auch die neue und wichtige Bedeutung eines offenen Austauschs auf Augenhöhe in einer konkreten Gemeinschaft von Übenden. Der von ihr beschriebene Weg des Herzens in einer Gruppe zusammen mit einem Lehrer oder einer Lehrerin ist und bleibt aber wohl immer ein großes und seltenes Geschenk für Menschen, die einen Weg suchen und gehen wollen.
Offen bleibt die Frage, wie sich Lehrende und Lernende in einer immer weniger überschaubaren Welt finden können. Und auch, welche Rolle Institutionen spielen, die sich um die Bewahrung von Überlieferung und wichtigen Schriften kümmern, aber auch dazu neigen, zu verknöchern und eher die Asche zu hüten, als das Feuer immer wieder neu zu entzünden. Vielleicht sind ernsthafte Suchende zu allen Zeiten eine kleine Minderheit, die die Spannung zwischen schwerfälligen Institutionen und dem Bedürfnis nach eigenen spirituellen Erfahrungen aushalten lernen müssen. Offen bleibt auch, wie man der Mehrheit der Menschen in unserer Zeit eine ethische Orientierung bieten kann. Den Menschen, für die Familie und Arbeit im Zentrum stehen und die sich überfordert fühlen von einer komplexen Welt, die vor allem Selbstoptimierung und Erfolg schätzt, ohne auf ihre Bedürfnisse nach Sicherheit und Orientierung einzugehen.
Vielleicht reicht es aber auch, wenn einige wenige einen spirituellen Weg mit kompetenter Begleitung gehen. Sie strahlen dann vielleicht das tiefe Vertrauen aus, das Menschen um sie herum brauchen, die die Grenzen des Vertrauens in andere und in sich selbst entdeckt haben. Ein spiritueller Weg mit guter Begleitung kann in uns dieses tiefe unerschütterliche Vertrauen wieder wecken: in Gott oder ins Göttliche, ins Universum oder ins große Ganze, wie auch immer wir es nennen mögen. Wie wir es pflegen können, erläutert Brigitte Dorst mit viel Geschick und Freude. Und so kann ein Weg des Herzens auch für andere eine Quelle der Inspiration werden, ob sie ihn selbst gehen oder nicht.
Author:
Sylvia Wetzel
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