Der Kosmos ist mit uns

Our Emotional Participation in the World
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Essay
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April 17, 2026

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April 2026
Worauf können wir vertrauen
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Die selbsterneuernde Kraft des Lebens

Der Boden wankt unter unseren Füßen, Gewissheiten sind weggebrochen, die Zukunft ungewiss, Misstrauen gefährdet unsere sozialen Beziehungen. Wo finden wir den Mut und das Vertrauen, uns mit anderen zu verbinden und unsere Welt zu gestalten?

Vor einigen Jahren wohnte ich bei einer Freundin in Kalifornien, als plötzlich die Bilder an den Wänden wackelten, die Gläser im Schrank klirrten und unter meinen Füßen eine seltsame Vi­bration zu spüren war. »Was ist hier los?«, fragte ich mich. Irgendetwas fühlte sich furchtbar falsch an.

Es war ein Erdbeben – kein großes, aber stark genug, um zutiefst beunruhigend zu sein. Der Boden unter unseren Füßen sollte sich eigentlich nicht bewegen. Zu erfahren, dass es ein Erdbeben war, half mir nur wenig. Ich hatte nun zwar einen Namen für das Phänomen, doch dieser Name nahm mir nicht das Gefühl, dass etwas, dem ich ohne nachzudenken vertraut hatte, mich betrogen hatte. Wem können wir vertrauen, wenn nicht der Erde unter unseren Füßen? Ich frage mich, ob dies vielleicht teilweise den Schock erklären könnte, den Galileos Beharren darauf, dass sich die Erde um die Sonne dreht, in der katholischen Kirche ausgelöst hat. »E pur si muove« (Und doch bewegt sie sich), soll er gemurmelt haben, nachdem er der Ketzerei für schuldig befunden worden war. Dass sich die Erde unter unseren Füßen bewegt, scheint tatsächlich ketzerisch – ein Vertrauensbruch gegenüber der Stabilität des Kosmos.

»Die Grundannahmen und Institutionen der modernen Gesellschaft brechen unter uns zusammen.«

Es bewegt sich heutzutage so viel unter unseren Füßen. Die Stabilität der Erde in Bezug auf das Klima verschiebt sich. Während die Erde versucht, ein neues Gleichgewicht zu finden, wird die menschliche Welt von sintflutartigen Überschwemmungen, Feuerwänden, sengender Hitze, arktischer Kälte und, ja, Erdbeben an unwahrscheinlichen Orten heimgesucht. Dies ist jedoch nicht der einzige Boden, der sich als instabil erweist. Die Fragmentierung und das Misstrauen der COVID-Jahre haben sich nur fortgesetzt. Die Grundannahmen und Institutionen der modernen Gesellschaft brechen unter uns zusammen. Für diejenigen von uns, die die Stabilität der Nachkriegszeit für selbstverständlich hielten oder sich für einen Aktivismus engagierten, der darauf abzielte, die Biosphäre zu heilen oder eine gerechtere und offenere Gesellschaft zu schaffen, ist dies gleichermaßen schockierend – ganz gleich, ob man den Status quo aufrechterhalten oder ihn verändern wollte.

Mitten im Sturm versuchen wir, etwas zu finden, an dem wir uns festhalten können, oder einen Ort, an dem wir Schutz finden. Bei einem Erdbeben gibt es nichts, was stabil ist. Das ist das Schwierige an unserer Gegenwart. Ein Leben ohne Vertrauen ist jedoch Elend. Gesellschaften mit geringem Vertrauen werden oft zu Brutstätten für Korruption und Vetternwirtschaft und neigen zudem zum Autoritarismus, da Sicherheit Vorrang vor Freiheit hat. Und Menschen mit geringem Vertrauen leiden häufig unter einem übermäßigen Kontrollbedürfnis, Erschöpfung durch den Versuch, diesem Bedürfnis gerecht zu werden, und Einsamkeit.

Worauf können wir also in einer Zeit, in der so vieles ins Wanken gerät, vertrauen? Wie finden wir Vertrauen, wenn die Welt auseinanderzufallen scheint?

Team Human

Anscheinend sind dies Fragen, die sich sogar Milliardäre stellen. Douglas Rushkoff erzählt eine Geschichte über Vertrauen, die ihn 2019 dazu veranlasste, sein Manifest »Team Human« zu verfassen. Er wurde eingeladen, in einem bekannten Hörsaal einen Vortrag zu halten, für ein Honorar, das höher war als sein Jahresgehalt als Professor. Der Tag des Vortrags kam und er wartete im Green Room darauf, dass das Publikum eintraf. Fünf Männer betraten den Raum, fünf Milliardäre. Überrascht stellte Rushkoff fest, dass dies sein Publikum war. Nach einigem Hin und Her stellten die Männer die Frage, die sie wirklich beschäftigte: Wenn der Zusammenbruch kommt und ihr Geld wertlos ist, wie könnten sie sich und ihre Familien schützen? Würden sich ihre Sicherheitsleute gegen sie wenden? Rushkoff war schockiert, dass diese Männer mit all ihren Ressourcen nicht daran dachten, dazu beizutragen, den Verlauf des Systemzusammenbruchs zu ändern. Da­rüber hinaus dachten sie nur daran, allein zu handeln. Sie hatten keine Gemeinschaft und kein Netzwerk an Verbindungen. Im Grunde genommen hatten sie kein Vertrauen in irgendjemanden oder irgendetwas außerhalb der Einflusssphäre ihres Erfolges. Rushkoffs Antwort war, dass man diesen Herausforderungen nicht allein begegnen könne, ganz gleich, wer man sei.

»Mitten im Sturm versuchen wir, etwas zu finden, an dem wir uns festhalten können.«

Die Welt, von der diese Männer profitierten, isoliert uns alle. Wir haben weniger Gelegenheiten zu lernen, wie man ein Gespür für die Vertrauenswürdigkeit eines anderen Menschen entwickelt, den wir nicht kennen, mit dem wir uns aber auseinandersetzen müssen, um zu leben. Wir können problemlos ein Bankkonto eröffnen oder überall auf der Welt Einkäufe tätigen, ohne mit einem anderen Menschen zu sprechen. In gewisser Weise haben wir unsere Fähigkeit zum Vertrauen an die Zwei-Faktor-Authentifizierung ausgelagert. Unser Vertrauensnetzwerk ist nicht mehr menschlich, sondern Teil eines digitalen Systems, dessen Code wir vertrauen. Und dieses System kann unsere Gesichter erkennen und unseren Standort sowie unsere Online-Aktivitäten verfolgen.

Das ist aber kein menschliches Vertrauensverhältnis. Es ist abstrakt, komplex und viel zu ausgefeilt, als dass es jemand anderes als ein hochqualifizierter Programmierer verstehen könnte. Anonyme Betrüger und Hacker suchen nach Schwachstellen im Code, die sie ausnutzen können. Der menschliche Faktor in unserer Interaktion mit diesem gesichtslosen System ist allzu oft von Betrug und Täuschung geprägt. Denken Sie an die »Phishing«-E-Mails (Klicken Sie einfach auf diesen Link, um Ihre Belohnung zu erhalten), die gefälschten Anrufe von PayPal, die Anrufe mit Warnungen vor Gefahren für Ihr Bankkonto und so weiter. Es ist ein seltsames und gefährliches Phänomen, dass der Kontakt, den wir in diesem System mit Menschen haben, so oft darauf ausgelegt ist, uns zu betrügen. Mit KI geht die Täuschung noch weiter, nicht nur durch Deepfakes, sondern auch durch Bot-Agenten, die geschickt darauf ausgelegt sind, die Sprache und die Haltung von Vertrauenswürdigkeit und Fürsorge nachzuahmen, um den Gewinn eines Unternehmens zu steigern.

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Die selbsterneuernde Kraft des Lebens

Der Boden wankt unter unseren Füßen, Gewissheiten sind weggebrochen, die Zukunft ungewiss, Misstrauen gefährdet unsere sozialen Beziehungen. Wo finden wir den Mut und das Vertrauen, uns mit anderen zu verbinden und unsere Welt zu gestalten?

Vor einigen Jahren wohnte ich bei einer Freundin in Kalifornien, als plötzlich die Bilder an den Wänden wackelten, die Gläser im Schrank klirrten und unter meinen Füßen eine seltsame Vi­bration zu spüren war. »Was ist hier los?«, fragte ich mich. Irgendetwas fühlte sich furchtbar falsch an.

Es war ein Erdbeben – kein großes, aber stark genug, um zutiefst beunruhigend zu sein. Der Boden unter unseren Füßen sollte sich eigentlich nicht bewegen. Zu erfahren, dass es ein Erdbeben war, half mir nur wenig. Ich hatte nun zwar einen Namen für das Phänomen, doch dieser Name nahm mir nicht das Gefühl, dass etwas, dem ich ohne nachzudenken vertraut hatte, mich betrogen hatte. Wem können wir vertrauen, wenn nicht der Erde unter unseren Füßen? Ich frage mich, ob dies vielleicht teilweise den Schock erklären könnte, den Galileos Beharren darauf, dass sich die Erde um die Sonne dreht, in der katholischen Kirche ausgelöst hat. »E pur si muove« (Und doch bewegt sie sich), soll er gemurmelt haben, nachdem er der Ketzerei für schuldig befunden worden war. Dass sich die Erde unter unseren Füßen bewegt, scheint tatsächlich ketzerisch – ein Vertrauensbruch gegenüber der Stabilität des Kosmos.

»Die Grundannahmen und Institutionen der modernen Gesellschaft brechen unter uns zusammen.«

Es bewegt sich heutzutage so viel unter unseren Füßen. Die Stabilität der Erde in Bezug auf das Klima verschiebt sich. Während die Erde versucht, ein neues Gleichgewicht zu finden, wird die menschliche Welt von sintflutartigen Überschwemmungen, Feuerwänden, sengender Hitze, arktischer Kälte und, ja, Erdbeben an unwahrscheinlichen Orten heimgesucht. Dies ist jedoch nicht der einzige Boden, der sich als instabil erweist. Die Fragmentierung und das Misstrauen der COVID-Jahre haben sich nur fortgesetzt. Die Grundannahmen und Institutionen der modernen Gesellschaft brechen unter uns zusammen. Für diejenigen von uns, die die Stabilität der Nachkriegszeit für selbstverständlich hielten oder sich für einen Aktivismus engagierten, der darauf abzielte, die Biosphäre zu heilen oder eine gerechtere und offenere Gesellschaft zu schaffen, ist dies gleichermaßen schockierend – ganz gleich, ob man den Status quo aufrechterhalten oder ihn verändern wollte.

Mitten im Sturm versuchen wir, etwas zu finden, an dem wir uns festhalten können, oder einen Ort, an dem wir Schutz finden. Bei einem Erdbeben gibt es nichts, was stabil ist. Das ist das Schwierige an unserer Gegenwart. Ein Leben ohne Vertrauen ist jedoch Elend. Gesellschaften mit geringem Vertrauen werden oft zu Brutstätten für Korruption und Vetternwirtschaft und neigen zudem zum Autoritarismus, da Sicherheit Vorrang vor Freiheit hat. Und Menschen mit geringem Vertrauen leiden häufig unter einem übermäßigen Kontrollbedürfnis, Erschöpfung durch den Versuch, diesem Bedürfnis gerecht zu werden, und Einsamkeit.

Worauf können wir also in einer Zeit, in der so vieles ins Wanken gerät, vertrauen? Wie finden wir Vertrauen, wenn die Welt auseinanderzufallen scheint?

Team Human

Anscheinend sind dies Fragen, die sich sogar Milliardäre stellen. Douglas Rushkoff erzählt eine Geschichte über Vertrauen, die ihn 2019 dazu veranlasste, sein Manifest »Team Human« zu verfassen. Er wurde eingeladen, in einem bekannten Hörsaal einen Vortrag zu halten, für ein Honorar, das höher war als sein Jahresgehalt als Professor. Der Tag des Vortrags kam und er wartete im Green Room darauf, dass das Publikum eintraf. Fünf Männer betraten den Raum, fünf Milliardäre. Überrascht stellte Rushkoff fest, dass dies sein Publikum war. Nach einigem Hin und Her stellten die Männer die Frage, die sie wirklich beschäftigte: Wenn der Zusammenbruch kommt und ihr Geld wertlos ist, wie könnten sie sich und ihre Familien schützen? Würden sich ihre Sicherheitsleute gegen sie wenden? Rushkoff war schockiert, dass diese Männer mit all ihren Ressourcen nicht daran dachten, dazu beizutragen, den Verlauf des Systemzusammenbruchs zu ändern. Da­rüber hinaus dachten sie nur daran, allein zu handeln. Sie hatten keine Gemeinschaft und kein Netzwerk an Verbindungen. Im Grunde genommen hatten sie kein Vertrauen in irgendjemanden oder irgendetwas außerhalb der Einflusssphäre ihres Erfolges. Rushkoffs Antwort war, dass man diesen Herausforderungen nicht allein begegnen könne, ganz gleich, wer man sei.

»Mitten im Sturm versuchen wir, etwas zu finden, an dem wir uns festhalten können.«

Die Welt, von der diese Männer profitierten, isoliert uns alle. Wir haben weniger Gelegenheiten zu lernen, wie man ein Gespür für die Vertrauenswürdigkeit eines anderen Menschen entwickelt, den wir nicht kennen, mit dem wir uns aber auseinandersetzen müssen, um zu leben. Wir können problemlos ein Bankkonto eröffnen oder überall auf der Welt Einkäufe tätigen, ohne mit einem anderen Menschen zu sprechen. In gewisser Weise haben wir unsere Fähigkeit zum Vertrauen an die Zwei-Faktor-Authentifizierung ausgelagert. Unser Vertrauensnetzwerk ist nicht mehr menschlich, sondern Teil eines digitalen Systems, dessen Code wir vertrauen. Und dieses System kann unsere Gesichter erkennen und unseren Standort sowie unsere Online-Aktivitäten verfolgen.

Das ist aber kein menschliches Vertrauensverhältnis. Es ist abstrakt, komplex und viel zu ausgefeilt, als dass es jemand anderes als ein hochqualifizierter Programmierer verstehen könnte. Anonyme Betrüger und Hacker suchen nach Schwachstellen im Code, die sie ausnutzen können. Der menschliche Faktor in unserer Interaktion mit diesem gesichtslosen System ist allzu oft von Betrug und Täuschung geprägt. Denken Sie an die »Phishing«-E-Mails (Klicken Sie einfach auf diesen Link, um Ihre Belohnung zu erhalten), die gefälschten Anrufe von PayPal, die Anrufe mit Warnungen vor Gefahren für Ihr Bankkonto und so weiter. Es ist ein seltsames und gefährliches Phänomen, dass der Kontakt, den wir in diesem System mit Menschen haben, so oft darauf ausgelegt ist, uns zu betrügen. Mit KI geht die Täuschung noch weiter, nicht nur durch Deepfakes, sondern auch durch Bot-Agenten, die geschickt darauf ausgelegt sind, die Sprache und die Haltung von Vertrauenswürdigkeit und Fürsorge nachzuahmen, um den Gewinn eines Unternehmens zu steigern.

Das kosmische Experiment

Wenn das, was wir einst für selbstverständlich hielten, nicht mehr stabil erscheint, verschwindet die Gewissheit einer vorhersehbaren Zukunft. Die Kultur gibt uns Geschichten, um unser Leben und die Entfaltung unserer gemeinsamen Zukunft zu gestalten. So gibt es die Geschichte von Studium, Partnerschaft, Karriere und Kindern in einem soliden kleinen Haus mit Garten in einer schönen Nachbarschaft. Das ist der Status quo der Mittelschicht. Für viele war diese Lebenserzählung in eine größere Geschichte des Wandels eingebettet – Aktivismus für den Frieden, Umweltschutz, Verbundenheit mit der Natur, Bewusstseinswandel und so weiter. Es herrschte die Zuversicht, dass trotz Rückschlägen die allgemeine Richtung klar sei. Da jetzt die Grundwerte der liberalen Demokratie (so unvollkommen sie auch sein mag) auf den Prüfstand gestellt werden und die Wählerschaft von einem Extrem ins andere schwankt, bricht auch diese erhoffte Zukunft zusammen. Das einst Undenkbare wird denkbar: Könnte die Zukunft so aussehen wie die brutale Vergangenheit, von der viele von uns glaubten, wir hätten sie hinter uns gelassen?

Vielleicht. Doch was auch immer in den nächsten Jahrzehnten kommen mag, das ist nicht das letzte Wort. Selbst wenn der für menschliches Leben bewohnbare Streifen der Erde schrumpft und Migrationen in einem Ausmaß und einer Größenordnung verursacht, wie wir sie noch nie gesehen haben, wird auch das nicht das Ende sein. Dies zu verstehen, fordert uns auf, unseren Zeithorizont weit über die menschliche Lebensspanne hinaus zu erweitern. Wir sind Teil des kosmischen Experiments, das Leben heißt. Und das Leben verfügt über eine überraschende Fähigkeit zur Selbsterneuerung – darum geht es bei Evolution und Emergenz.

Das Leben auf diesem dritten Planeten von der Sonne ist mehr als einmal an den Rand des Aussterbens geraten. Vor über zwei Milliarden Jahren, als es nur Bakterien gab, wurde Sauerstoff als Nebenprodukt der Photosynthese bestimmter Bakterien in die Atmosphäre freigesetzt. Der Sauerstoff war für viele Bakterienarten giftig und führte zu einem massiven Absterben. Im Laufe von Hunderten von Millionen von Jahren schlossen sich die Bakterien zusammen, einschließlich der sauerstoffproduzierenden, und schufen die ersten kernhaltigen Zellen. Dies führte zur Entstehung neuer Fähigkeiten, über die die Bakterien allein nicht verfügten – das ist Evolution. Diese Zellen ermöglichten in einem weiteren Evolutionssprung die Entwicklung vielzelliger Organismen. Diese Sprünge setzen sich fort – einschließlich des Sprungs zu dem, was Biologen als »soziale Superorganismen« bezeichnen, wie Bienenstöcke und menschliche Gesellschaften, oder des menschlichen Übergangs in die symbolische Kultur. In all diesen Beispielen gibt es einen enormen Druck, eine Sackgasse, die den Fortbestand des Lebens bedroht und die durch eine neue Ebene der Zusammenarbeit und Integration der Teile »gelöst« wird, so dass eine neue Lebensform entsteht, die über die Fähigkeiten verfügt, auf das zu reagieren, was zuvor die Ursache für den Stress und die Bedrohung des Lebens war.

Darauf können wir vertrauen. Dies ist die Intelligenz, die das Wunder unserer Verkörperung und die Vielzahl der Galaxien im Kosmos erschaffen hat. Tatsächlich ist Ihr ganz persönlicher Impuls hin zur Verbundenheit und Ihre Sehnsucht danach ein Ausdruck derselben schöpferischen Kraft des Kosmos, die durch Sie wirkt. Das bedeutet, dass wir Arbeit vor uns haben. Diesem Verlangen auf die tiefstmögliche Weise zu folgen, damit wir eine neue menschliche Verbundenheit schmieden, ist der nächste Schritt. Die außergewöhnliche Kraft des Lebens, seinen Weg zu finden und mit neuen Fähigkeiten zu gedeihen, lädt uns zur Mitwirkung ein, nicht zur Passivität.

»Heute hat sich durch die Brüche der Polarisierung das Misstrauen zwischen sozialen Gruppen verstärkt.«

Nicht alle Experimente des Lebens sind Wege weiterer Entfaltung – Galaxien ohne Spiralarme sind erloschen, die Dinosaurier sind ausgestorben und so weiter. Aber trotz allem: Der kreative, integrierende Impuls gibt nicht auf. Forscher sind erstaunt darüber, dass Pflanzen und Tiere inmitten von Babywindeln und zerschlagenen Glühbirnen auf Mülldeponien neue Lebensräume schaffen. Die Ureinwohner haben die Eiszeit überlebt. Wir wissen nicht, was geschehen wird, aber wir können darauf vertrauen, dass wir den gesamten Kosmos hinter uns haben. Und das gibt uns ein Zuhause im Universum, wenn die Lage auf der Erde so ungewiss ist.

Das Dorf in uns

Es gibt noch ein weiteres evolutionäres Erbe, auf das wir vertrauen können: das Dorf. Mit »Dorf« beziehe ich mich auf die Hunderttausende von Jahren, in denen wir in kleinen, auf Verwandtschaft oder Clans basierenden Netzwerken lebten. Als die Menschen in diesen Dörfern lebten, gab es noch nicht einmal ein Wort für die psychologische Bindung und das Gefühl von Sicherheit und Verlässlichkeit, das wir heute mit »Vertrauen« meinen. Denn wir wurden in Vertrauen hineingeboren. Vertrauen zwischen Menschen wurde vorausgesetzt; die Zugehörigkeit war gegeben. Vertrauen wird in einem auf Verwandtschaft oder Clans basierenden Beziehungsgeflecht aufrechterhalten. So ist jede ältere Frau Ihre Tante, und jeder in der Gemeinschaft weiß, wessen Kind Sie sind. Die Erwachsenen haben alle Kinder im Blick, was mit dem Sprichwort »Es braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen« gemeint ist. Zwar kommen Verrat oder andere Verletzungen von Beziehungen sicherlich vor, doch die Reaktion darauf erfolgt schnell und erstreckt sich zudem auf die gesamte Gemeinschaft. All diese Tanten und Onkel wissen Bescheid, Ihr Ruf ist in den Augen aller beschädigt.

Vertrauen wird persönlich und individuell, da die moderne Welt die Menschen aus den Dörfern in Städte voller Fremder gezogen hat. Vertrauen verlagert sich nach innen und wird zu einer psychologischen Angelegenheit, anstatt sich durch die Erfüllung der eigenen Rolle in Familie und Dorf zu manifestieren. Vertrauen wird zu einer Frage: Können Sie, sollten Sie dieser Person vertrauen? Bin ich vertrauenswürdig? Heute hat sich durch die Brüche der Polarisierung das Misstrauen zwischen sozialen Gruppen verstärkt und verfestigt. Wenn jemand aus einem anderen »Stamm« kommt, wird ihm kein Vertrauen entgegengebracht. Insbesondere Neotraditionalisten streben eine Rückkehr zum Dorfleben an, um moderne und postmoderne kulturelle Werte wie Pluralismus oder Rassengleichheit und Geschlechtergleichstellung zu vermeiden.

Zwar ist dieser Drang nach spaltendem Tribalismus und Homogenität zweifellos Teil unseres Erbes, doch gibt es in uns noch einen anderen Aspekt des Dorfes, der mit Vertrauen zu tun hat, wenn alles auseinanderfällt. Hier wird Technologie zu einem mächtigen Bindeglied. WhatsApp- und Telegram-Gruppen werden zu Dorfplätzen, zu Orten, an denen man sich organisiert und wichtige Nachrichten und Informationen austauscht. Angesichts von Waldbränden oder Überschwemmungen wenden sich Menschen vertrauensvoll an ihre Nachbarn, mit denen sie zuvor vielleicht kaum gesprochen haben. Oder angesichts eines ­brutalen Regimes oder eines Krieges verbreiten sich Informationen und Angebote zur gegenseitigen Hilfe organisch und schaffen neue, dezentrale und virale, clanartige Netzwerke. Zu Beginn des ­russischen Angriffs auf die Ukraine beschrieb ein Ukrainer eine Welle des Vertrauens, die über die Menschen hinwegspülte – das Leben jedes Einzelnen lag in den Händen aller. Oder die Reaktion auf die ICE-Razzien gegen Einwanderer in den USA, insbesondere in Minneapolis, wo sich gewöhnliche Menschen selbst organisierten, um die gewaltsamen Übergriffe der ICE auf Einwanderergemeinschaften zu stoppen.

Angesichts realer Bedrohungen werden unsere Nachbarschaften und Gemeinschaften zu Dörfern, die durch Fürsorge verbunden sind. Das Erbe unserer dörflichen Vergangenheit, das sich im christlichen Gebot »Liebe deinen Nächsten« widerspiegelt, kann eine Quelle des Vertrauens sein, wenn so vieles instabil wird.

Existenzielles Vertrauen

Vertrauen ist eine spirituelle Kraft. Als mein Partner, der evolve-Herausgeber Thomas Steininger, an Krebs starb, habe ich von ihm gelernt, dass das Vertrauen in das Gute, Wahre und Schöne mit jedem Atemzug eine tiefe und öffnende Freiheit ermöglicht. Nichts mehr (oder weniger) zu vertrauen als dem erhabenen Geheimnis des Lebens, so wie es ist, öffnet die Tore der Dankbarkeit für all das, was wir als Menschen auf diesem blauen Planeten in den schwarzen Tiefen des Weltraums miteinander teilen. Dass wir nicht wissen, was die Zukunft bringen wird, ist eine Einladung, nach Hause zurückzukehren – zu unserem Platz im Kosmos, der zufällig genau die Nachbarschaft ist, in der wir leben.

Author:
Dr. Elizabeth Debold
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