Die Rückkehr der Religion

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Kolumne
Publiziert am:

July 12, 2026

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51
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July 2026
Leben mit Licht und Schatten
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Über viele Jahrzehnte schien die Entwicklung eindeutig zu sein: Moderne Gesellschaften werden säkularer. Im Zuge der Säkularisierung wurde der Einfluss der Religion auf Politik, Wissenschaft und das öffentliche Leben geringer. Glaube wurde zur persönlichen Angelegenheit des Einzelnen. Die großen christlichen Kirchen reagierten auf diese Entwicklung mit Anpassung. Sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche versuchten im 20. Jahrhundert moderner, liberaler und gesellschaftlich anschlussfähiger zu werden.

Doch diese Modernisierung führte paradoxerweise nicht zu neuer Stärke, sondern zu einem stetigen Bedeutungsverlust. Die großen Volkskirchen verlieren seit den 70er-Jahren und beschleunigt seit Anfang der 2000er kontinuierlich Mitglieder und gesellschaftlichen Einfluss. Wenn sie im öffentlichen Diskurs noch präsent sind, dann eher bei sozialpolitischen Fragen und Problemen.

Religion scheint im Westen ihren historischen Zenit überschritten zu haben. Für viele Menschen im Westen galt diese Analyse mehr oder weniger für Religion ganz allgemein. Doch spätestens mit den Terroranschlägen von Al-Qaida in den USA im Jahr 2001 wurde deutlich, dass diese westliche Wahrnehmung nur einen Teil der Wirklichkeit beschrieb. In vielen Regionen der Welt verlor Religion keineswegs ihre Bedeutung, sondern entwickelte sich in oftmals fundamentalistischen Formen neu oder blieb einer traditionalistischen Auslegung und Praxis verhaftet. In vielen islamisch geprägten Ländern findet seit den 1960ern eine schrittweise Re-Islamisierung des öffentlichen Lebens statt. Religiöse Bewegungen gewannen zunehmend gesellschaftlichen und politischen Einfluss. Seit den 2000er-Jahren hat sich dieser Prozess in zahlreichen Staaten deutlich beschleunigt und sichtbar intensiviert.

Ähnliche Entwicklungen zeigen sich inzwischen auch in anderen religiösen Traditionen. In Israel gewinnen rechtsex­trem-religiöse Strömungen zunehmend politischen Einfluss. Gruppen, die ideologisch an Bewegungen wie Gush Emunim (Block der Getreuen), jener radikalen Siedlerbewegung, die 1974 gegründet wurde und von Groß-Israel träumte, anknüpfen, arbeiten an der Umsetzung der Idee von einem religiös geprägten Groß-Israel.

»Moderne Gesellschaften bieten ungeahnte Freiheiten, aber oft nur wenig Orientierung.«

Auch in den USA zeigt sich, dass Religion keineswegs nur Privatsache ist. Dazu muss man sagen, dass von allen modernen westlichen Staaten die USA immer schon sehr viel stärker religiös geprägt waren, was mit ihrer Gründungsgeschichte zusammenhängt. Auch wenn der Einfluss evangelikaler Bewegungen in der Politik lange Zeit für Außenstehende nicht so klar erkennbar war, ist doch spätestens seit Donald Trumps zweiter Amtszeit offensichtlich, wie stark die religiöse Rechte nicht mehr nur am individuellen Seelenheil ihrer Gläubigen interessiert ist, sondern ganz massiv auf Politik, Gesellschaft und öffentliche Debatten Einfluss nimmt, um ihre Vision einer konservativ bis reaktionär religiösen Gesellschaft umzusetzen.

Doch was führt dazu, dass gerade in modernen Gesellschaften die fundamentalistische Version von Religion so erfolgreich ist? Die Rückkehr der Religion hat viele Ursachen, doch eine davon scheint besonders zentral zu sein: die Erfahrung von Unsicherheit. Moderne Gesellschaften bieten ungeahnte Freiheiten, aber oft nur wenig Orientierung. Traditionelle Bindungen lösen sich auf, Lebenswege werden unübersichtlich, Identitäten fragil. Gerade in einer Zeit permanenter Krisen – ­
wirtschaftlich, politisch und kulturell – wächst bei vielen Menschen die Sehnsucht nach Halt. Religion bietet genau das: Sicherheit, Zugehörigkeit und Sinn.

Fundamentalistische Bewegungen sind dabei besonders erfolgreich, weil sie einfache Antworten auf komplexe Fragen geben. Sie formulieren klare Regeln, bieten eindeutige Feindbilder und feste moralische Ordnungen. In einer Welt, die von Ambivalenz geprägt ist, wirken solche Systeme entlastend. Man muss nicht ständig neu entscheiden oder sich selbst erfinden. Die Gemeinschaft sagt, was richtig und falsch ist. Gerade junge Männer fühlen sich davon häufig angesprochen. Fundamentalistische Gruppen vermitteln Stärke, Identität und das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein. Sie bieten Anerkennung und Zugehörigkeit in einer Welt, in der sich viele isoliert und bedeutungslos fühlen.

Vielleicht zeigt sich gerade darin die eigentliche Ironie der Moderne: Je freier und individualisierter Gesellschaften werden, desto größer wird bei vielen Menschen die Sehnsucht nach klaren Bindungen, festen Wahrheiten und spiritueller Heimat.

Author:
Dr. Katharina Ceming
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