Bewegung aus Verbundenheit
Sara Ezzell tanzte schon früh in renommierten Ballett-Ensembles und arbeitet heute als freie Choreografin mit Kindern und Jugendlichen. Dabei schlägt sie Brücken zwischen den Welten.
July 12, 2026
Der aktuelle Diskurs um den österreichischen Pavillon der Biennale in Venedig bietet einen interessanten Anlass, über das Verhältnis von Kunst und Kunstbetrieb nachzudenken. Die Choreografin und Performancekünstlerin Florentina Holzinger hat dort mit ihrer Installation »Seaworld Venice« einen Beitrag geschaffen, der bewusst auf körperliche Grenzerfahrungen, Nacktheit, Ausscheidungen, Selbstverletzung, extreme Akrobatik und andere Formen kalkulierter Verstörung setzt. Performerinnen schweben an Haken als lebende Klöppel verkehrt herum in einer riesigen Glocke. In mobilen Toiletten wird der Urin von Besuchern gesammelt, aufbereitet und Teil der Installation, indem sich nackte Performerinnen in mit geklärtem Urin gefüllten Becken als Taucherinnen, Freeclimberinnen und Jetskifahrerinnen bewegen. Damit sollen Themen wie Umweltzerstörung, Ressourcenverbrauch, Katharsis und gesellschaftliche Verdrängungsmechanismen verhandelt werden. Die einen feiern dies als radikale Gegenwartskunst, die anderen sehen darin vor allem eine öffentlich finanzierte Provokation.
Unabhängig davon, wie man das Werk bewertet, verweist die Debatte auf ein Problem, das weit über einzelne Kunstwerke hinausgeht: die zunehmende Verschmelzung von Kunst und kommerziellem Kunstbetrieb. Dabei geht es nicht um die Frage, ob Kunst provozieren darf. Natürlich darf sie das. Große Kunst hat immer irritiert, verstört oder kulturelle Gewissheiten infrage gestellt. Die eigentliche Frage lautet vielmehr: Entsteht die Provokation aus einer inneren künstlerischen Notwendigkeit –
oder wird sie strategisch erzeugt, weil Aufmerksamkeit zur eigentlichen Währung im Kunstbetrieb geworden ist?
Gerade bei der Arbeit von Florentina Holzinger habe ich den Eindruck, dass nicht mehr das Werk selbst im Zentrum des künstlerischen Prozesses steht, sondern seine mediale Verwertbarkeit. Die Grenze zwischen künstlerischer Aussage und kalkulierter Aufmerksamkeitsökonomie beginnt zu verschwimmen. Denn der heutige Kunstbetrieb funktioniert zunehmend nach denselben Mechanismen wie soziale Medien: Nicht das Tiefgründigste setzt sich durch, sondern das Reizstärkste. Das Werk muss zirkulieren, polarisieren, Diskurse auslösen, symbolisch aufgeladen sein. Ob daraus tatsächlich neue Wahrnehmung, ein neuer Blick entsteht, wird dabei nebensächlich.
»Entsteht die Provokation aus einer inneren künstlerischen Notwendigkeit?«
Hinzu kommt eine zweite Dynamik: Das Kunstmarketing funktioniert besonders effektiv dann, wenn es dem kulturell interessierten Publikum suggerieren kann, hinter der Provokation müsse sich zwangsläufig eine tiefere Bedeutung verbergen. Wer daran zweifelt, läuft Gefahr, sofort als ungebildet, rückständig, als »Banause« zu gelten, der die angebliche Komplexität des Werks nicht verstanden habe. Dadurch entsteht ein merkwürdiger sozialer Mechanismus: Dann liegt nicht mehr die tatsächliche Qualität eines Werks im Zentrum des Diskurses, sondern dieser wird verhindert durch die implizite Angst, kulturell nicht zur »richtigen« Gruppe zu gehören. Der Künstler wird zur »must have«-
Marke. Das Werk wird zum angesagten Event. Der Skandal wird Teil der Vermarktungsstrategie. Den Künstler zu schätzen wird zum Image.
Und genau hier sehe ich den entscheidenden Unterschied zwischen Kunst und Kunstbetrieb: Kunst folgt einem inneren Antrieb und versucht, Wahrnehmung zu vertiefen. Der Kunstbetrieb versucht marketingtechnisch, Aufmerksamkeit zu monopolisieren.
Das bedeutet nicht, dass jede radikale oder körperliche Kunst automatisch oberflächlich wäre. Aber wenn sich der öffentliche Diskurs fast ausschließlich darum dreht, wie schockierend, entgrenzt, ekelerregend oder tabubrechend ein Werk ist, dann stellt sich irgendwann die Frage, ob die ästhetische oder existenzielle Dimension überhaupt noch die Hauptsache ist – oder nur noch das Vehikel für Sichtbarkeit.
Das eigentliche Problem unserer Zeit ist gar nicht die Provokation selbst (Provokation ist längst Normalität geworden), sondern die Ökonomisierung von Aufmerksamkeit. Denn in einem System, in dem Sichtbarkeit zur handelbaren Ressource wird, entsteht fast zwangsläufig eine Dynamik, bei der die Kunst immer stärker dem Mechanismus des Marktes folgt: mehr Reiz, mehr Grenzüberschreitung, mehr Polarisierung.
Und irgendwann bleibt dann oft nur noch ein Kunstbetrieb übrig, der zwar von Kunst spricht, aber in Wahrheit lediglich monetarisierbare Reichweite produziert.