Begegnung der Generationen

Our Emotional Participation in the World
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Projekt-Interview
Publiziert am:

July 12, 2026

Mit:
Dr. MarieLuise Stiefel
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AUSGABE:
51
|
July 2026
Leben mit Licht und Schatten
Diese Ausgabe erkunden

Über das Projekt der Lebenswerkstätten am Schloss Tempelhof

MarieLuise Stiefel lebt schon viele Jahre in der Gemeinschaft Tempelhof. Gemeinsam mit anderen älteren Tempelhofern fragt sie sich: Wie können wir das Älterwerden kreativ und lebendig gestalten? Und wie kann der Dialog zwischen Alt und Jung gelingen?

evolve: Du bist Teil einer Lebenswerkstatt der LängerGelebtHabenden in der es auch um den Dialog zwischen den Generationen geht. Wie ist dieses Projekt zustande gekommen?

MarieLuise Stiefel: Vielleicht erstmal zur Klärung, woher der Ausdruck Länger-Gelebt-Habende kommt: Am Schloss Tempelhof leben im Rahmen eines Zukunftsjahres junge Menschen zeitweise in der Gemeinschaft. Im Austausch zwischen ihnen und älteren Tempelhofern wurde diese Zuschreibung von den jungen Leuten kreiert. Sie wollten damit sagen: Ihr seid nicht anders als wir, ihr lebt nur schon länger und habt mehr Erfahrung mit dem Leben. Das hat etwas sehr Verbindendes und Wertschätzendes.

Wir Lebenswerkstattgründerinnen, die wir uns im gängigen Altersbild nicht wiederfinden, mögen dieses Label. Es versieht das Altsein mit einem bestimmten Mindset. Mit 60 Jahren hat man heute möglicherweise noch 20, 30 weitere Lebensjahre vor sich. Mit diesen Jahren und ihrem Potenzial der Freiheit wollen wir noch etwas anfangen, gestaltend sichtbar sein und durch Bewusstheit dem Altern Qualität, Sinn und Ausrichtung geben.

Die Entstehung der Lebenswerkstatt war eine direkte Folge der persönlichen Auseinandersetzung von mir und zwei Weggefährtinnen aus der Gemeinschaft, alle drei über 70 Jahre, mit unserem eigenen Älterwerden. Wir spürten, jede auf ihre Weise, den Wandel, haben Altes losgelassen und waren offen für Neues. Und fragten uns dann: Wo finden eigentlich die älteren Menschen, die keinen »Tempelhof« haben, Orte, Gelegenheiten und Weggefährten und -gefährtinnen, sich über ihre wesentlichen Fragen auszutauschen und in ihre Antworten hineinzuleben? Wo finden sie Gelegenheiten, sich weiterhin als selbstwirksam und gestaltend zu erleben? In einer Welt, die so ist, wie sie heute ist.

»In einem gelingenden Dialog von Alt und Jung steckt sehr viel Zukunftspotenzial.«

So entstand die erste Lebenswerkstatt an Pfingsten 2024, geprägt von der Gesprächs- und Begegnungskultur, die wir im Laufe der 15 Jahre unserer Gemeinschaft entwickelt haben. Sie hat so viel Resonanz gefunden, dass wir seither vier weitere angeboten haben. Meine Vision ist, dass LängerGelebtHabende von überall her sich bei uns Anregungen holen, Kontakte knüpfen und an vielen Orten Lebenswerkstätten wachsen.

e: Wie sieht so eine Lebenswerkstatt aus?

MLS: Die viertägige Lebenswerkstatt besteht aus unterschiedlichsten Begegnungs-, Erfahrungs- und Reflexionsräumen, um miteinander vertraut zu werden und sich selber, seinen Themen und möglicherweise noch ungelebten Lebensimpulsen auf die Spur zu kommen. Wir etablieren eine Gesprächskultur von »Sprich vom Herzen und höre aufmerksam und mit Respekt zu«, schicken die Teilnehmenden mit einer Frage hinaus in die Natur, um ihr eine Antwort abzulauschen, laden zu spielerischen Experimenten ein. Zum Beispiel »Den Lassensmuskel trainieren« –
da ging es um das ganz reale Loslassen von etwas Liebgewordenem, was die Teilnehmenden schon von zuhause mitgebracht hatten. Sie erklärten in der Runde, was ihnen der Gegenstand bedeutet, und legten ihn dann in der Mitte ab. Bis zum Ende der Werkstatt konnten sie entscheiden, ob sie ihn hierlassen oder wieder mitnehmen. Einiges wurde wieder mitgenommen, das meiste hiergelassen und alle Gegenstände hatten in der Zwischenzeit hergehalten für ein Improtheater, viel Gelächter und viele Einsichten!

Für uns ist jede Werkstatt neu – wir haben Freude daran, ausgehend vom thematischen Schwerpunkt, in den wir uns einfühlen, um eine organische Vorgehensweise zu finden. Bisherige Themen waren: »Übergang ins Ältersein«, »Loslassen«, »Nach Innen wachsen« und »Von Möglichkeiten zu Wirklichkeiten«. Wir hatten mehrere Lebenswerkstätten mit 50 Teilnehmenden, inzwischen begrenzen wir sie auf 30.

e: Gehört zu euren Reflexionen auch die Frage, was Ältestenschaft in der heutigen Zeit bedeuten könnte?

MLS: Wir fragen uns manchmal: Was für eine Ahnin will ich gewesen sein? Aber Ältestenschaft haben wir noch nicht so richtig zum Thema gemacht. Ich persönlich bin da noch ganz ambivalent. Manchmal geschieht es mir in der Gemeinschaft, dass mir Jüngere einen Ältestenplatz zuweisen und ich sträube mich gegen dieses Etikett. Gerade deshalb vermute ich, dass diese Frage ein erkenntnisreiches Forschungsfeld ist.

e: Wie erlebst du den Dialog zwischen den Generationen in der Gemeinschaft?

MLS: Ich glaube, in einem gelingenden Dialog von Alt und Jung steckt sehr viel Zukunftspotenzial. Aber er ist nicht voraussetzungslos herbeizuführen. Junge Menschen, die in der Gemeinschaft aufwachsen, sind von Beginn an Teil unseres Feldes und unserer Kommunikationskultur, da gibt es Gemeinsamkeiten. Mit unserer Konsenskultur haben wir eine strukturelle Bedingung geschaffen, die den konstruktiven Umgang mit Vielfalt verlangt. Daher sind wir Begegnung auf Augenhöhe, Zuhören und Interesse an den Sichtweisen anderer gewöhnt. Im Vordergrund stehen unsere Themen. Alter per se spielt da keine Rolle, wohl aber die unterschiedlichen Sichtweisen, Interessen, Potenziale. Wenn junge Menschen zeitweise bei uns leben, wie im Zukunftsjahr, wird oft als erstes zurückgemeldet: Uns wird hier ja auf Augenhöhe begegnet! Für manche eine ganz neue Erfahrung.

Anders ist es, wenn dieses geteilte Feld nicht vorhanden ist. Anfang des Jahres hatten wir, entstanden aus einer Lebenswerkstatt, einen Workshop zum Thema »Politik neu denken«. Bewusst die Empörungskraft frei denkender junger Menschen und die Gelassenheit und Empathie frei denkender Älterer zusammenzubringen, war die Idee. Die knapp 40 Teilnehmenden waren je zur Hälfte unter 30 und über 60. Der wichtigste Lerneffekt war: Bevor man generationenübergreifend zu einem Thema miteinander in einen Dialog kommen kann, muss der Begegnung der Generationen ausreichend Zeit gegeben werden, dem Wahrnehmen der Befindlichkeiten, der wechselseitigen Vorurteile und Verletzungen. Erst so wird der Blick frei auf die wechselseitigen Potenziale und das Feld aufgebaut, in dem gemeinsame Kreativität gedeiht.

Bei unserer ersten Lebenswerkstatt hatten wir an einem Nachmittag eine Gruppe von fünfzehn jungen Erwachsenen aus einem selbstorganisierten Bildungsprojekt eingeladen, um zu hören, was sie sich von den Älteren wünschen. Dass ihnen so viele ältere Menschen so konzentriert und offen zuhören, hätten sie noch nie erlebt, sagten sie. Wir Älteren hingegen sind mit ihrer jugendlichen Kraft in Resonanz gegangen, und am Abend wurde das Tanzbein munter geschwungen. Zuhören, sich anstecken lassen –
ein Anfang. Ich glaube ja, wir LängerGelebtHabenden und diese jungen Menschen, die nach selbstbestimmter Bildung streben, teilen etwas, das uns zu natürlichen Verbündeten macht.

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