Heilsame Pflanzen

Our Emotional Participation in the World
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Interview
Publiziert am:

July 12, 2026

Mit:
Marcial Guerra Lopéz
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AUSGABE:
51
|
July 2026
Leben mit Licht und Schatten
Diese Ausgabe erkunden

und der globale Hype um Ayahuasca

Marcial Guerra Lopéz wurde 1985 im Dschungel des peruanischen Amazonasbeckens in einer Curandero-Familie geboren. Seit Generationen wird die Gabe zur Meisterschaft der Pflanzenmedizin innerhalb der väterlichen Familienlinie weitergegeben. Marcials Vater Don Pedro, noch heute ein hoch anerkannter Curandero, erkannte früh, dass sein erster Sohn die Gabe des Sehens erhalten hatte und somit das Potenzial in sich trug, den Weg des Heilkundigen zu gehen.

evolve: Lass uns mit der Frage einsteigen, wie dein Weg in den »Curanderismo«, wie man die Arbeit mit Pflanzenmedizin hier am Amazonas nennt, begonnen hat.

Marcial Guerra Lopéz: Zunächst ist wichtig: Wir bezeichnen uns in unserer Tradition als »Curanderos«, als Heilkundige – und nicht als »Schamanen«. Wir sind im Dschungel aufgewachsen und damit groß geworden, von der Natur zu essen, zu trinken und zu leben.

Mit achtzehn Jahren begann ich ernsthaft, meine Fähigkeiten zu erproben, strenge Diäten einzuhalten und Heilpflanzen zu erforschen. Ich konnte mit ihnen vernünftig umgehen, ihre Wirkung spüren und für mich in Erinnerung behalten.

Der Lernpfad bedeutet, eine ganze Zeit lang Pflanzen und Pflanzenwurzeln einzunehmen und dabei strenge Diäten einzuhalten. Man zieht sich allein in die Natur zurück und isst nur zweimal am Tag etwas Banane und Fisch. Während dieses Prozesses aktiviert sich die Weisheit der Pflanze im eigenen Körper. Der Curandero-Lehrling sucht gezielt die Verbindung mit dem spirituellen Teil der Pflanze und erarbeitet sich ein Verständnis ihrer energetischen Wirkung.

e: Da wir jetzt hier bei dir im Medizincamp sind, lass uns deine Arbeit vor Ort gerne durch ein Beispiel beschreiben. Sagen wir, eine Person mit einer ernsthaften Erkrankung kommt zu dir und möchte einen Heilprozess beginnen. Wie läuft so etwas ab? Welche Voraussetzungen sind nötig?

MGL: Damit eine Person einen Heilprozess auch zu 100 Prozent inte­grieren kann, ist es essenziell, dass sie sich auch wirklich einlässt. Das hat zunächst einmal mit Zeit und Aufmerksamkeit zu tun. Wenn eine Person ein sehr umfangreiches Problem hat, erfordert eine erfolgreiche Behandlung auch viel Zeit – zum Teil bis zu einem Jahr. Viele Menschen sagen mir dann: »So viel Zeit habe ich nicht.« Also kann ich diese Behandlung nicht durchführen. Manchmal sage ich: »Du brauchst drei Monate, um deinen Körper auszuheilen.« Dann sagen die Menschen: »Aber ich habe keinen Urlaub für drei Monate.«

Sie bleiben dann einen Monat – und ihr Problem bessert sich. Aber sie sind nicht geheilt. Man muss sich klarmachen: Heilung können wir nicht einfach durch ein Fingerschnipsen herbeiführen – sie ist ein Prozess. Die meisten ernsthaften Erkrankungen erfordern eine konsequente körperliche Reinigung durch eine strenge Diät. An den Orten, an denen die Patienten aber normalerweise leben, ist es sehr schwierig, diese Diäten einzuhalten – sie haben die räumlichen Voraussetzungen dafür nicht. Eine strenge Diät bedeutet Disziplin auf allen Ebenen.

»Heilung können wir nicht einfach durch ein Fingerschnipsen herbeiführen.«

e: Was empfiehlst du Menschen auf der geistigen Ebene, um solche Prozesse überhaupt durchzustehen?

MGL: Um einen positiven Heilungsprozess zu erleben, ist es sehr wichtig, dass der Mensch sich an eine Sache erinnert: Das Fundament seiner Heilung besteht darin, dass er mit seinem Gott verbunden ist. Das Erste, was du also tust, ist deinen Glauben auszurichten. Du setzt dein ganzes Vertrauen auf Gott, die Natur und auf die Pflanze, die du erhältst. Nicht auf den Heiler! Er ist ein Schüler, der die Pflanzen mit seinem Wissen verabreicht, und sie können dich heilen. Aber du musst deinen Teil dazu beitragen.

e: Wie stehst du zu dem globalen Trend der Heilreisen mit Ayahuasca?

MGL: Ayahuasca ist keine Heilpflanze. Wir, die einheimischen Curanderos, nutzen Ayahuasca traditionsgemäß, um Diagnosen zu stellen. Aber diese Diagnosen sind nur durch die Verbindung der Pflanzenenergie mit einem Icaro möglich. Icaro ist ein Gesang des Dschungels, durch den wir Heiler in einen energetischen Zustand eintreten, in dem wir betrachten dürfen, was genau das Problem einer Person ist. Nur dazu dient uns Ayahuasca.

Wenn nun ein Patient selbst die Pflanze einnimmt, halluziniert er. Er kann sogar Spaß an der Halluzination haben, körperliche Wirkungen spüren, den Jaguar oder Geister sehen. Das ist die Wirkung der Pflanze, sie kann dich die Welt der Halluzination mit der Natur erleben lassen. Manchmal entlastet es Körper und Geist. Die Menschen spüren wieder eine spirituelle Verbindung zur natürlichen Welt und dadurch stellt sich ein gewisser Frieden ein. Es ist wie aufgepeitschtes Wasser, das für einen Moment ruhig wird. Das Problem heutzutage ist, dass es viele Leute gibt, die behaupten, dass hierbei Heilung passiert. Das ist eine Lüge. Diese Leute verstehen nichts von Heilung.

Meiner Erfahrung nach hat Aya­huasca ­­manchen Patienten durchaus erlaubt, etwas in ihrer Vergangenheit zu sehen, was sie umschreiben konnten. Aber Achtung! In die Vergangenheit zu reisen, kann sehr problematisch sein. Viele Menschen werden auf solchen Reisen auch erneut traumatisiert, die Gefühle überfluten sie und es geht ihnen danach schlechter als zuvor. Ein Heiler muss also sehr vorsichtig und bewusst sein, um nicht mehr Trauma zu verursachen. Er muss die Stufen kennen, um mit verschiedenen Intensitätsgraden arbeiten zu können und heftige emotionale Stürme und Turbulenzen ausgleichen zu können. Er muss mitbekommen, wenn eine Person in eine chaotische Vergangenheit hineinkommt, und es ist seine Aufgabe, das zu dosieren. Dafür muss er durch die Energien hindurchschauen.

Manche Heil-Camps hier am Amazonas sind reine Tourismus-Camps geworden. Junge Leute kommen dorthin, um Ayahuasca zu trinken, aber es gibt dort gleichzeitig auch Alkohol, Marihuana, Partys und unachtsame Ausflüge in den Dschungel. Es sind eher Spaßveranstaltungen mit Gruppen von 20 bis 30 Leuten. Man richtet sich danach, was sie wollen. Wollen sie eine Ayahuasca-Zeremonie, gibt es die. Wollen sie eine Bier-Zeremonie, gibt es die auch. Mit Heilung hat das nicht viel zu tun.

e: Viele Menschen aus dem Westen suchen im Amazonas eine Verbindung mit der Natur und den Pflanzen. Aber die Pflanzen leiden unter der Umweltzerstörung. Welche Weisheit wird der Menschheit fehlen, wenn die Pflanzen sterben?

MGL: Wenn die Pflanzen sterben, wenn die Gesellschaft sich selbst zerstört – was bleibt uns dann? Uns bleibt nur die Rückkehr zum natürlichen Gleichgewicht, das Gott erschaffen hat, um die Beständigkeit, die Stabilität der Welt und den Frieden der Menschheit zu gewährleisten. Wir sind mit einer gewissen Fähigkeit ausgestattet, einer göttlichen Gabe. Diese hat Gott in die vier Dimensionen der Natur eingebettet: Wasser, Erde, Feuer und Luft. Davon leben wir. Der Mensch ist ebenso aus den vier Dimensionen geschaffen, aus Fleisch, Knochen, Energie und Geist. Die Natur steht in unmittelbarer Verbindung mit unserem Körper. Und wenn wir sie zerstören, zerstören wir uns selbst. Die Grundlage unseres Körpers ist das Wasser. Wie ohne Wasser leben? Unser Blut ist Wasser. Unsere Energie ist Feuer. Die Luft, die wir atmen. Wir leben von dieser Natur. Ich glaube, dass es jetzt an der Zeit ist, gemeinsam Hand anzulegen und uns bewusst dafür einzusetzen, unsere Natur zu retten.

Author:
Caroline Wendt
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