Vielfältige Initiativen zum Schutz der Flüsse
In Deutschland beginnt sich eine neue, spannende Bewegung zum Schutz des Wassers und der Wasserläufe zu formieren. Wasser wird zum Ausgangspunkt, um ökologische Realität, demokratische Praxis und philosophische, spirituelle Fragen von Zugehörigkeit anhand von realen, lokalen Herausforderungen und Bedrohungen neu miteinander zu verknüpfen. Die Einleitung von Industriechemikalien als systemisches Problem, enorme Wasserentnahmen durch Großunternehmen wie die Tesla Gigafactory in Brandenburg oder die rheinische Industrie sowie die drohende Veränderung des Wasserhaushaltes durch den endenden Braunkohletagebau und darüber hinaus die Dürreperiode von 2018 bis 2022 weisen auf den dringenden Handlungsbedarf in Deutschland hin.
Ausgehend von der Klimagerechtigkeitsbewegung und inspiriert durch europäische Dynamiken wie die »Aufstände der Erde« (Les Soulèvements de la Terre) 2021 und die Proteste gegen Mega-Becken in Sainte-Soline in Frankreich, entstehen seit 2022 neue Räume und Formate. Verschiedene Initiativen verbinden über Stadt-Touren, Flussgeflüster, Camps und Aktions-Trainings sowie Kunstaktionen lokales Engagement und tragen mit anderen Akteuren dazu bei, Wasser nicht nur als politisches, sondern auch als kulturelles, spirituelles, verbindendes Thema neu sichtbar zu machen. Zu den Engagierten gehören in einem sich verdichtenden Feld Umweltverbände wie der BUND, der NABU und die DUH (Deutsche Umwelthilfe), landwirtschaftliche Organisationen, das Recherche-Netzwerk Correctiv, auch Fridays for Future und insbesondere lokale Initiativen, die sich bestimmten Verursachern und intransparenten Vorhaben in den Weg stellen. Auch die in Deutschland und Europa angekommene Bewegung für die »Rechte der Natur« ist maßgeblicher Teil dieses wachsenden Netzwerks und bindet es an internationale indigene Klimagerechtigkeitsdiskurse an.
Was hier entsteht, ist ein vielschichtiges Gefüge, heterogen, mit unterschiedlichen Weltanschauungen. Neben klassischen Akteuren engagieren sich auch andere Gruppen: Wassersportlerinnen, Angler, lokale Initiativen. Sie bringen eine unmittelbare Beziehung zu »ihren« Gewässern mit – und damit Erfahrungswissen, das über abstrakte Diskurse hinausgeht, und sind gleichzeitig von den Krisen direkt betroffen.
Wasser fordert ein anderes Verständnis von Wirklichkeit heraus: Es entzieht sich einfachen Trennungen zwischen Natur und Mensch, es fließt über Kommunen- und Ländergrenzen. Mit dem Wasser erfahren wir körperlich, dass menschliches Leben in zirkulierende Stoffwechselprozesse eingebettet ist. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass wir aus dem Wasser bestehen, das wir trinken, und abhängig sind von den Quellen und Flüssen um uns herum. Wenn Grundwasserspiegel sinken und mehr Wasser verdunstet, laufen auch die Quellen und Flüsse Gefahr zu versiegen. Am Beispiel des Wassers werden die Kreisläufe sichtbar und verstehbar und es wird sehr konkret, wie wir Teil des Ganzen sind.
»Wasser fordert ein anderes Verständnis von Wirklichkeit heraus.«
Planetare Grenzen lassen sich abstrakt einfach diskutieren, umzusetzen sind sie nur lokal – und welche Bezugsräume verwenden wir dann? Willkürlich von Menschen festgelegte Grenzen oder Naturräume wie Wassereinzugsgebiete, deren Flora und Fauna sich häufig an der Wasserscheide auf natürliche Weise durch Höhenzüge ändert? Auch demokratisch eröffnet sich mit dem Wasser ein anderes Feld: Wenn Flüsse oder ganze Wassereinzugsgebiete zum Bezugspunkt werden, stellt sich die Frage, wer für sie spricht, wer über sie entscheidet und auf welcher Grundlage. Naturraumbasierte Governance kann so zu einer Erweiterung demokratischer Praxis werden, um planetare Grenzen lokal verhandelbar zu machen.
Wasser wirkt dabei als Mit-Akteur: weniger abstrakt als das Klima, näher am Alltag, näher am Körper. Es schafft Zugänge, wo Begriffe wie Klimawandel und Transformation bereits ideologisch aufgeladen sind. So verbindet die neue Wasserbewegung unterschiedliche Erfahrungsräume – politische und wissenschaftliche Analyse, praktische Auseinandersetzung, rechtlichen Umgang und ein wieder wachsendes kulturelles Bewusstsein für wechselseitige Abhängigkeit und ökologisches Miteinander.
Das geht über einen klassischen Umweltaktivismus hinaus. Im Wasser verdichten sich Fragen, die weit über das Wasser hinausweisen: Wie organisieren wir Zusammenleben innerhalb naturraumbasierter Grenzen? Welche Formen von Verantwortung entstehen aus der Erkenntnis realer Abhängigkeit? Was bedeutet es, sich ganz konkret als Teil eines lebendigen Zusammenhangs zu begreifen? Vielleicht liegt darin noch eine zusätzliche Qualität dieser Bewegung: dass sie beginnt, das Politische wieder an die lokalen Bedingungen des Lebendigen und an das Land, die Erde selbst anzubinden.
Im Frühjahr gab es Flusscamps an Weser, Elbe, Rhein und Spree. Sie dienten als Orte, an denen sich Menschen und Initiativen entlang realer Wassersysteme organisieren. Im September wird in Berlin die »Confluence of the European Water Bodies« stattfinden. Von dieser Bewegung wird noch zu hören sein.