Brüche und Brücken

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Essay
Publiziert am:

July 12, 2026

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51
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July 2026
Leben mit Licht und Schatten
Diese Ausgabe erkunden

Franz-Theo Gottwald setzt sich seit vielen Jahren für den nachhaltigen Umbau der Landwirtschaft ein. Aber viele der Errungenschaften der letzten Jahrzehnte werden gegenwärtig wieder zurückgenommen. In den Debatten um die Land­wirtschaft zeigen sich für Gottwald beispielhaft die Brüche in unserer Gesellschaft.

Deutschland scheint in vielerlei Hinsicht gespalten. Eine dieser Spaltungen betrifft die deutsche Landwirtschaft. Ich erlebe seit etwa 40 Jahren die ideologische Kluft zwischen Biobauern und konventionellen Landwirten hautnah. Nach wie vor werden Biobauern immer wieder belächelt, und es wird ihnen unterstellt, dass sie ihre Erträge gar nicht auf lauterem Weg erzeugen. Und vor allem wird ihnen vorgeworfen, dass die geringeren Erntemengen am Ende sogar zum Hunger in der Welt beitrügen. Diese Behauptung ist zwar wissenschaftlich widerlegt, kommt aber in Debatten über eine ökologische Zukunft der Landwirtschaft immer wieder gut an.

Ich habe 40 Jahre auf Seiten der Biobauern gestanden. Mitgekämpft gegen Pestizideinsatz, den hohen Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung gegeißelt, Glyphosat und Gentechnik verteufelt. Ich habe mit Stiftungs- und öffentlichen Geldern geholfen, Pilotbetriebe aufzubauen und Bioregionen oder Ökomodellregionen zu schaffen, die beweisen, dass ökologische Landwirtschaft ein gangbarer Weg in die Zukunft ist. Ich habe mitgewirkt in der Agrar- und Verbraucherpolitik, um sie Schritt für Schritt zu »ergrünen« und besonders die Tierhaltung auf Tierwohl auszurichten. Als es mit dem New Green Deal dann europaweit erreichbar schien, in der Breite der Landwirtschaft eine nachhaltige Politik zu machen, glaubte ich, es wäre geschafft. Bestätigt wurde ich auch durch den wachsenden Markt für Biolebensmittel in Deutschland.

Gesellschaftspolitisch war ich überzeugt, dass das Schaffen von politischen Rahmenbedingungen und finanziellen Anreizen, für die die Steuerzahler aufkommen sollten, der richtige Weg sei, um die Landwirtschaft insgesamt naturpositiv und enkeltauglich zu machen. Ich habe mich also für Gesetze und Verordnungen als den richtigen Weg zu einer zukunftsgerechten Landwirtschaft eingesetzt, in der die verschiedenen Produktionsrichtungen koexistieren können.

Dann kam der Krieg gegen die Ukraine. Und mit ihm die medial immer wieder angeheizte Vorstellung von neuen Knappheiten. Plötzlich stand und steht Ernährungssicherung an erster Stelle des politischen Interesses. Es geht bei der Erzeugung landwirtschaftlicher Güter nicht mehr um deren nachhaltige, ökologisch und sozial verantwortliche Qualität, sondern um Menge und hohe Erträge. Es geht um Digitalisierung, um Roboterisierung und um den Einsatz von mehr und mehr Technik, um die Produktivität zu stützen. Und der Mitweltschutz ist nachrangig geworden.

Die Landwirtschaft ist nur ein Beispiel für den Bruch, den wir in der Gesellschaft erleben. Da sind die meist städtisch sozialisierten, in einigermaßen sicheren, vornehmlich öffentlichen Anstellungen lebenden, häufig wissenschaftlich vorgebildeten MitbürgerInnen, die sich Bioprodukte, E-Fahrzeuge oder SUVs und scheinbar teure regenerative Energie für Strom und Wärme leisten können. Diesen, von vielen anderen als Eliten (mit abschätzigem Unterton) angesehenen Menschen stehen all diejenigen gegenüber, die sich abgehängt fühlen, die ihren mühevoll errungenen kleinen Wohlstand zu verlieren glauben, die sich nicht mehr wahrgenommen und ernstgenommen fühlen. MitbürgerInnen, denen scheinbar billige Atomkraft lieber ist als Ökostrom, denen günstiges Grillfleisch wichtiger ist als Ökofleisch, die ihren Urlaub machen wollen, ohne für Flugbenzin einen CO2- Aufschlag zahlen zu müssen.

Ich habe mich über diese Spaltungen immer geärgert, insbesondere wenn sie zu Grabenkämpfen ausarten, in wechselseitiger Diskriminierung enden und die grundsätzliche Frage aufwerfen, wie man sich noch verständigen und gegebenenfalls einen gemeinsamen Weg in eine enkeltaugliche Zukunft finden kann. Was schulden wir einander als Mitglieder ein und derselben Gesellschaft? Haben wir nicht alle die Pflicht, gegenüber dem andersdenkenden Menschen oder dem Fremden so aufzutreten und zu sprechen, dass noch Verständigung möglich ist? Wieviel Pluralität hält unsere Gesellschaft aus, wenn es schon bei der Befriedigung eines Basisbedürfnisses wie Essen und Trinken so ideologisch zugeht, wie man es bei der Umstellung von Werkskantinen, Schul- und Hochschulmensen oder im Kindergartenbereich in der besorgten Elternschaft erleben kann, sobald das Wort »Bio« fällt?

Manchmal werde ich als Mediator in solche gespaltenen Welten eingeladen. Dann richte ich die Aufmerksamkeit aller auf eine offene grundsätzliche Frage, wie zum Beispiel: »Was bedeutet ein gutes Leben für jeden vom Konflikt Betroffenen?« Um anschließend zu erkunden, wie viel Vielfalt überhaupt wünschenswert und verwirklichbar wäre. Das kommt einem Ringen um Werte und Freiräume gleich. Ein zukunftsfähiger, generationengerechter Lebensstil fällt eben nicht vom Himmel, sondern muss vertieft und im Aushalten von Kontroversen erkundet werden.

Gelegentlich öffne ich den Fragehorizont auch weiter: »Welche Zukunft wollen wir hinterlassen?« Oder ich versuche mit den Beteiligten herauszufinden, welche Verpflichtungen wir gegenüber kommenden Generationen haben. Ebenfalls eine Annäherung zum Dialog bringt die tiefere Frage: »Wie gewichten wir kurzfristige Bedürfnisse gegen langfristige Folgen?«

Was mir aber diese dialogischen Bemühungen zunehmend schwer macht, ist die derzeitige politische Entwicklung, die sich als Kehrtwende darstellt: Statt Reformpolitik im Interesse des größeren Gemeinwohls und einem verlässlichen normativen Rahmen wird derzeit ein politischer Komplexitätsabbau betrieben. Politik muss sich neuerdings als Bürokratierückbau oder Entbürokratisierung beweisen. In meinem Aufgabenfeld, der Landwirtschafts- und Ernährungspolitik, geht es derzeit darum, zu liberalisieren. Ermöglichen freier unternehmerischer Tätigkeit in der Landnutzung, die Marktkräfte selbstständig wirken lassen, das ist das neue Credo.

2025 war für die Naturschützer und damit auch für mich in Deutschland politisch ein Wendepunkt. Einmal mehr reagierte die EU- und auch die Bundespolitik auf Bauernproteste und lockerte mehrere Umwelt-Pflichten, die teils über Jahrzehnte mühevollen Ringens politisch geregelt worden waren. So entfiel die ökologisch wertvolle Pflichtbrache, die Fruchtwechselregeln wurden flexibler, was zu mehr Mais in der Landschaft beitragen dürfte, und auch andere hart erkämpfte Auflagen wurden vereinfacht, die in den Vorgaben zum Guten Landwirtschaftlichen und Ökologischen Zustand (GLÖZ) als Vorschriften pro Natur Eingang gefunden hatten.

Ich bin deshalb in den vergangenen 12 Monaten durch eine aktive Trauerarbeit gegangen. Dazu gehörten viele Gespräche mit konventionellen Landwirten. Innerlich war ich zwar wütend angesichts des politischen Kurswechsels in Deutschland. Aber ich habe immer wieder neu die oben schon erwähnte Haltung des Dialogs angenommen. Trotz der harten Konfrontation meiner Glaubenssätze, wie generationengerechte, naturpositive Landwirtschaft aussehen müsste, habe ich Schritt für Schritt versucht, die andere Perspektive tiefer zu verstehen. Dank der Begegnung mit der realen konventionellen landwirtschaftlichen Praxis habe ich mehr Verständnis für die Möglichkeiten gewonnen, die weniger ordnungsrechtlicher Druck und mehr freiwillige Teilnahme an Agrarumweltmaßnahmen gegen Bezahlung über Förderprämien mit sich bringen.

Wahrscheinlich schlägt derzeit ein Pendel historisch in die andere Richtung. Wenn man den öffentlichen Druck ernst nimmt, der sich nicht nur in der Landwirtschaft niederschlägt, sondern auch in der Automobil- und Verkehrswirtschaft sowie im Gesundheits- und dem Bildungswesen, um nur diese vier Felder der Zukunftssicherung zu nennen, dann kann man vermuten, dass derzeit ein neuer Abwägungsprozess zwischen Freiheit und Sicherheit gesellschaftlich ausgetragen und politisch mitvollzogen wird. Was trägt dieser politische Kurswechsel zur Bewusstwerdung bei? Diese Leitfrage verkörpert für mich eine Haltung, mögliche, teils alternative, teils sich entgegenstehende Praxen in ihrer Vielfalt mehr und vertieft zu würdigen. Vor allem gilt es zuzulassen, dass Zukunft weniger als jemals zuvor in den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg vorhersagbar oder gar kontrollierbar ist.

Erkennen wir einen neuen Kontext, in dem Veränderungen als Schritte in einer offenen Gesellschaft erscheinen? Handelt es sich vielleicht nicht um ein Roll Back, sondern vielmehr um einen Zwischenschritt, der dialektisch zu einem neuen Miteinander führen könnte? Nochmals zur Landwirtschaft. Denn beide Produktionsrichtungen –
öko wie konventionell – wollen mit ihrer landwirtschaftlichen Praxis einen Beitrag zur Ernährungssicherung leisten. Beide müssen dem Klimawandel mit seinen verheerenden Starkwetterereignissen trotzen, beide beabsichtigen Resilienz aufzubauen angesichts des Biodiversitätswandels, also konkret dem erschreckenden Artensterben entgegenzuwirken, beide hängen von der Fruchtbarkeit ihrer Böden und einer ausreichenden Wasserversorgung ab, beide wollen von der Gesellschaft anerkannt werden.

Ich beobachte, dass genaues Fragen und Zuhören neue Gemeinsamkeiten entdecken lässt und hilft, aus alten Gräben herauszukommen, um miteinander Schritte zu einer naturverträglichen und gerechten Ernährungssicherung zu gehen. Vielleicht sogar als Beispiel der Bildung neuer Muster, die auch für andere gesellschaftliche und politische Konfliktfelder in Deutschland eine Richtung weisen könnten.

Author:
Prof. Franz-Theo Gottwald
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