Die Seele der Welt wiederentdecken

Our Emotional Participation in the World
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Essay
Publiziert am:

October 19, 2026

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52
|
October 2026
Trauen wir uns, Seele zu sagen?
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Die Schwelle zu einer möglichen Zukunft

Wenn die Seele verschwindet, verflacht die Welt. Wie können wir die Seele der Welt in lebendiger Tiefe erfahren, uns selbst neu verstehen und der schöpferischen Kraft des Seelischen gemeinsam Ausdruck geben?

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Das Licht der Stadt lässt die Sterne unsichtbar werden. Das ist eine einfache Feststellung, aber zugleich auch eine Metapher, die den Einfluss der modernen Welt auf unser Erleben der Schönheit der Natur zum Ausdruck bringt. Die Bedeutung, die wir daraus ableiten – sei sie materieller oder metaphorischer Art –, prägt die Welt, in der wir leben. Sind die Sterne nur heiße Gase, die den Gesetzen der Physik unterliegen? Oder bergen sie Muster, die uns vielleicht überraschende Sinnbezüge offenbaren? Oder eröffnen sie uns vielleicht ein unendliches Gespür für zukünftige Möglichkeiten? Seit Zehntausenden von Jahren blicken Menschen, die auf unserem kleinen Planeten inmitten eines Sternenmeers leben, nach oben und fragen sich, was es mit diesen funkelnden Lichtern wohl auf sich hat.

Unsere Neugier hat uns auch dazu gebracht, Fragen über uns selbst zu stellen: Wer (oder was) sind wir? Was macht uns zu den Wesen, die wir sind? Welche Rolle spielen wir im Geflecht der gesamten Lebenswelt? Was belebt uns und den größeren Kosmos, dessen Teil wir sind? Mit anderen Worten: Was macht den Menschen zum Menschen?

Vor einem Jahrhundert hätte man vielleicht geantwortet: die Seele. Sie bestimmt die Tiefe unseres Seins. Doch das wirft die Frage auf: Was ist die Seele?

Diese Frage gewinnt zunehmend an Dringlichkeit. KI schließt enge Freundschaften mit Schülern und reagiert auf die Krankheit eines geliebten Menschen mit mehr Empathie als Familienangehörige. Es scheint, als zeigten ChatGPT oder der KI-Assistent Claude ein gewisses Maß an seelenvollem Verhalten. Hinzu kommen eine enorme Fähigkeit der Kreativität und Problemlösung sowie das Vermögen, überwältigende Datenmengen zu sammeln und zu »verstehen«. Der Mensch scheint dabei nicht mithalten zu können.

Das führt mich zurück zur Seele: Gibt es etwas Einzigartiges und Kostbares im menschlichen Sein, das man Seele nennen würde? Und was ist die Seele überhaupt?

Die Seele in der heutigen Zeit

Manchen erscheint es lächerlich, den Wert von etwas infrage zu stellen, das man Seele nennen könnte, ist ihnen doch die Seele als unser tiefstes Selbst selbst-verständlich. Für andere ist es eher abwegig, überhaupt von so etwas wie einer Seele zu sprechen. Denn in der modernen Gesellschaft betrachten die meisten Vertreter der Wissenschaft nur das Materielle als real. In einer solchen Welt lehren die Schulen die Jugendlichen, dass die Schönheit der Welt dem Zufall entspringt, dass unsere Motivation von Genen gesteuert wird und dass unsere Beziehungen durch Spiegelneuronen ermöglicht werden. In einer solchen Welt bedeutet »Seele« oft kaum mehr als das Erleben starker Gefühle.

In den Kirchen und in der romantischen Liebe wird zwar immer noch von der Seele gesprochen, doch hat dieses Wort dort einen materialistischen Beigeschmack angenommen. Von den Kanzeln aus wird die Seele oft als gleichbedeutend mit der Eintrittskarte in den Himmel gepredigt, die man sich durch das Befolgen der Gebote einer bestimmten Kirche verdienen kann. So fließt die Seele in die persönliche Bilanz mit Gott ein, wobei die eigenen guten Taten aufgerechnet werden. Obwohl es sicherlich Sinn macht, das eigene Leben und Handeln zu hinterfragen, kommt es doch auf die tiefere Motivation an: Wie seelenvoll ist sie? Auch wenn man dabei der Überzeugung folgt, dass die Erfüllung äußerer Anforderungen – der Besuch von Gottesdiensten, das Lesen heiliger Texte – einen rechtschaffen macht, kann das spirituelle Leben doch sehr seelenlos und oberflächlich sein.

In der romantischen Liebe gibt es den Seelenverwandten – den ersehnten Preis des modernen Lebens, dessen Versprechen lautet: gesehen und gehalten zu werden, Zugehörigkeit zu erfahren. Romantische Liebe kann erfüllend sein, doch die gesamte Sehnsucht nach Tiefe und Sinn im Leben auf eine einzige Person zu projizieren, ist wohl das sicherste Rezept für Enttäuschung. Es hat schon fast den Charakter eines Tauschgeschäftes. Man hat das Gefühl, etwas für sich selbst zu bekommen, es ist wie eine Investition, was zu ziemlich materiellen Vorstellungen von Seele führt. Abgesehen von diesen Bereichen der Frömmigkeit und Leidenschaft wurde die Seele durch den Verstand und die Psyche ersetzt, die nun als die inneren Dimensionen des Individuums verstanden werden. Das ist ironisch, denn das Wort »Psyche« stammt aus dem Griechischen, wo es eine ganz andere Bedeutung hatte.

Die Geschichte der Seele

Bereits in den vier oder fünf Jahrhunderten zwischen Homer und Platon verändert sich das Verständnis von Seele grundlegend. Für Homer hängt die Psyche mit Atem und Lebendigkeit zusammen. Wenn man stirbt, verlässt die Psyche den Körper. Die Seele ist somit die Substanz, die das Leben ermöglicht. Nach dem Verlassen des Körpers wandert die Seele in den Hades, wo sie als Schatten des Menschen weiterexistiert. Homers Helden sind keine autonomen Personen mit einem einheitlichen Innenleben. Er beschreibt Menschen als durchlässig, den Eingriffen der Götter ausgesetzt und von sozialen Verpflichtungen geprägt. Die Psyche oder Seele ist die verkörperte, aktive Lebendigkeit eines Menschen, aber sie ist nicht das tiefste Selbst. Doch zur Zeit Platons ändert sich dies.

Platons Seele vereint die verschiedenen Aspekte eines Menschen. Seele und Selbst verschmelzen zu einer Identität, wobei die höheren Fähigkeiten des Fühlens und der moralischen Entscheidung als die Seele betrachtet werden. Die Seele ermöglicht die aktive Reflexion über die eigenen Entscheidungen und Handlungen: Sind sie auf das Gute ausgerichtet? Auf diese Weise wird die Seele zum Wesen eines Menschen, zum wahren Selbst – ein wahres Selbst, das Platon als unsterblich betrachtet.

Schon die platonische Seele kommt uns vertraut vor. Im Laufe der Jahrhunderte wird die Seele zunehmend innerlich und individuell. Die Gestalt der Welt und die Gestalt der Seele sind untrennbar miteinander verbunden; sie bedingen sich gegenseitig. Mit der Christianisierung des Westens wird die Seele zum Träger der Beziehung zu Gott. Die Göttlichkeit konzentriert sich auf einen einzigen allmächtigen Gott (anstelle vieler Götter), wodurch eine individuelle Beziehung zu Gott durch die Seele ermöglicht wird. Die Seele entwickelt die Fähigkeit zum Gewissen und zur moralischen Entscheidung. Durch Thomas von Aquin wird die Seele wieder mit dem Körper vereint. Sie wird zu einem immateriellen Aspekt des Körpers, der fühlen, Vorstellungen bilden, sich erinnern, denken und begehren kann und auf Gott ausgerichtet ist.

Während der Geist der Renaissance die individuelle Freiheit und Kreativität feiert, bereitet er gleichzeitig den Boden für René Descartes und die Verwandlung der Seele in das getrennte Selbst. Während es bei der Seele der Antike um Lebendigkeit ging, die im Mittelalter zur Quelle einer lebendigen Beziehung zu Gott wurde, wird die Seele nun bei Descartes zum denkenden Wesen, getrennt von den Objekten der materiellen Welt. Die Seele beginnt zu verschwinden. Die Philosophen der Aufklärung, die sich der Methoden der neuen empirischen Wissenschaften bedienen, können in ihrem Inneren keine Seele finden. Die Seele ist nicht mehr Teil des lebendigen Kosmos oder einer göttlichen Realität, sondern wird zum privaten, isolierten Inneren des menschlichen Subjekts. Die Psyche kehrt als Psychologie zurück.

Die gängige Erzählung schildert diese Geschichte als einen rationalen Prozess der Beseitigung von Aberglauben und wissenschaftlich nicht beweisbaren Überzeugungen. Das Innenleben lässt sich jedoch nicht leugnen. Wir erleben Subjektivität; wir träumen, wir fühlen, wir bilden Gedanken und Lieder, die sich in unseren Köpfen wiederholen. Doch statt Seele wird diese innere Welt, die einst der Kanal war, der den irdischen Menschen mit dem Göttlichen verband, nun als Verstand, Psyche oder sogar als Selbst bezeichnet. Und dabei ist etwas verloren gegangen.

Die Suche nach dem Beseelten

Und doch sind so viele Menschen auf der Suche nach der Seele. Aber wo? Als ich aufwuchs, war der »Soul« ein Musikgenre. Von Aretha Franklin bis Amy Winehouse repräsentiert er eine bestimmte Stimmung, die unsere Sehnsucht nach Verbundenheit anspricht. Und obwohl der Soul aus der afroamerikanischen Gospelmusik hervorgegangen ist, bleibt er säkular und fordert Gerechtigkeit (oder auch nur ein wenig Respekt) ein oder sehnt sich nach Liebe. Es gibt eine bestimmte Art von Beseeltheit, die oft auf Emotionalität reduziert wird. Doch bei Beseeltheit geht es nicht um Leiden oder darum, geliebt zu werden. Was wir als Beseeltheit erkennen, ist eine Qualität der Präsenz und Tiefe, die bei uns modernen Menschen selten ist. Vielleicht ist das der Grund, warum die Weltsichten und Praktiken indigener Völker für uns so attraktiv sind.

In gewissem Sinne könnte man sagen, dass viele indigene Völker keine Seele in unserem Sinne des Begriffs kennen. Das will sagen: Sie haben kein Konzept einer im Individuum isolierten Innenwelt. Paradoxerweise ist es vielleicht genau das, was ihnen Zugang zur Beseeltheit verschafft. Indigene Völker auf der ganzen Erde leben in Verbundenheit – mit ihrer Familie, ihren Vorfahren, dem Land, den Tieren, den Elementen und den Geistern. Was einen Menschen ausmacht, entspringt diesem Netz der Verbundenheit, das sich im Lakota-Segen »All My Relations« widerspiegelt.

Zwar ist jede indigene Kultur einzigartig, doch beziehen sich Begriffe, die Anthropologen mit der Seele verbinden, oft auf Geist, Atem, Lebenskraft, Handlungsfähigkeit, Bewusstsein, Intelligenz, das innere Selbst, und diese Liste lässt sich fortsetzen. Das Volk der Guna in Panama und Kolumbien beispielsweise verfügt über drei verschiedene Wörter, um diesen Bereich des Menschen zu beschreiben: burba, was Seele, Geist, Schatten/Doppelgänger, Essenz oder Präsenz bedeutet; niga, was Stärke, Vitalität und Energie bedeutet, sowie gurgin, was Bewusstsein, Intelligenz und Individualität bedeutet und ein Element repräsentiert, das zwischen Menschen und Nicht-Menschen vermittelt. Dieser ungeheure Reichtum an Verbundenheit, Innerlichkeit und dem Dazwischen erweitert die Seele über das Individuum hinaus zu einem völlig anderen Verständnis des Wirklichen, das eine neue Grundlage des Menschseins bietet.

Seltsamerweise führt mich das zurück zu Homer. Denn bei Homer ist die Seele die Lebenskraft, die beim Tod zum Schatten wird. Seine antiken Helden sind durchlässig, offen für den Einfluss der Götter. Was wäre, wenn die Probleme, mit denen wir in Bezug auf Entfremdung und Ausbeutung konfrontiert sind, nicht mit Descartes und der Moderne begännen, sondern bis vor Platon zurückreichten? Was wäre, wenn wir an der falschen Stelle nach der Seele suchten – und diese Suche nach der Seele in den isolierten Individuen, zu denen wir geworden sind, etwas viel Größeres und Grundlegenderes übersähen? Wir haben die Seele der Welt verloren.

Der Verlust (und die Wieder­entdeckung?) der Weltseele

In der Geschichte der Moderne sehen wir den Wandel der Seele als Schwelle zum Göttlichen und Teilhabe an der Entfaltung des Lebens hin zur Seele als meinem Innenleben, meiner Psyche. In meinem tiefsten Selbst zeigt sich eine fortgeschrittenere Rationalität, die das Übernatürliche und Abergläubische überwindet. Gewiss sind die rationalen Fähigkeiten, die wissenschaftliche Entdeckungen und Technologien wie die KI hervorgebracht und uns zudem Einblicke in die menschliche Psyche und ihre Traumata verschafft haben, außerordentlich beeindruckend. Doch es gibt noch eine andere Weise, diese Geschichte zu erzählen.

In dieser neuen Erzählung hat die Moderne mit ihrer Trennung zwischen Subjekt und Objekt (Selbst und Anderes, Inneres und Äußeres, Geist und Körper) unsere Teilhabe an der Entfaltung des Lebens in jedem Moment unsichtbar gemacht. Der moderne Geist konnte das verbindende Dazwischen nicht mehr wahrnehmen. Um die Fähigkeit des Individuums zu Eigenverantwortung und bewusster Entscheidung zu entwickeln, wurden unsere seelischen Fähigkeiten der Verbundenheit, der kosmischen Teilhabe und der kreativen Vorstellungskraft eingetrübt und fast ausgelöscht. Dieser Verlust des Mundus Imaginalis, der imaginalen Welt, wie der französische Philosoph und Theologe Henry Corbin sie nannte, ist der Verlust der Seele der Welt. »Nach Corbins Auffassung«, erklärt der Biologe und Philosoph Tom Cheetham, »entstammen alle Dualismen der modernen Welt dem Verlust des Mundus Imaginalis: Materie ist vom Geist abgeschnitten, Empfindung vom Verstand, Subjekt vom Objekt, Inneres vom Äußeren, Mythos von der Geschichte, das Individuum vom Göttlichen.« Dies zu verwandeln, ist Seelenarbeit. Was uns nun bevorsteht, ist die Wiederentdeckung der Seele, nicht nur als Fähigkeit des Einzelnen, sondern als lebendige Quelle von Sinn und Verbundenheit, die zwischen uns spürbar ist.

Das lädt uns ein, die aktive Kraft der Imagination wiederzubeleben, welche ironischerweise die Quelle jeder Kultur ist – einschließlich einer Moderne, die erklärt, dass nur das Materielle real sei. Die Pflege der aktiven Imagination, einer einzigartig menschlichen Gabe, ermöglicht es uns, subtile Dimensionen der Wirklichkeit wahrzunehmen, die das moderne imaginale Welt der Moderne vernachlässigt. Die Erfahrung gemeinsamer Präsenz, das intuitive Verständnis von Symbolen, das Überfließen von Bedeutung und die Kraft des poetisch-visionären Denkens sind allesamt Aspekte dessen, was Corbin als das »Imaginale« bezeichnet. Nicht zu verwechseln mit dem Imaginären ist das Imaginale der Bereich der subtilen Wahrnehmung und die Instanz in uns, die sie wahrnimmt. Diese Wahrnehmung zeigt uns Wege zum Heiligen, Öffnungen zu tieferen Dimensionen des Wirklichen. Ohne sie leben wir im Flachland und ringen nach Lebensluft. Auf persönlicher Ebene kann unsere Beziehung zu dieser subtilen Wirklichkeit als Seele bezeichnet werden – das einzigartige Wesen jedes Menschen, das seine Sehnsucht nach dem Guten, dem Wahren und dem Schönen zum Ausdruck bringt, das zwischen uns lebendig wird, wenn wir uns dem hingeben, was wir nicht wissen können.

Auf diese Weise werden wir von der kommenden Welt dazu eingeladen, Poeten zu werden, die mit einer Tiefenwahrnehmung durch die Oberfläche der Dinge hindurch auf den Sinn blicken.

Das Licht der Stadt lässt die Sterne unsichtbar werden. Können wir die Sterne vielleicht stärker leuchten lassen?

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Author:
Dr. Elizabeth Debold
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