Editorial 52/2026

Our Emotional Participation in the World
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Editorial
Publiziert am:

October 19, 2026

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AUSGABE:
52
|
October 2026
Trauen wir uns, Seele zu sagen?
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Anfang Oktober veranstalteten wir die Herbstakademie in Linz zum Thema »Leben mit Licht und Schatten: Grundlagen einer neuen Bewusstseinskultur«. Mit Impulsgebern vertieften wir verschiedene Aspekte dieser Thematik im Dialog. Aus den unterschiedlichen Perspektiven, der Berührung der Einzelnen, der Lebendigkeit des offenen Gespräches entstand ein Begegnungsraum, ein gemeinschaftliches Forschen nach den Möglichkeiten unseres Menschseins. Die Qualität, die Energie, das Leuchten dieses Zusammenseins würde ich als beseelt bezeichnen, weil wir darin dem Wesentlichen unseres Menschseins und der Wirklichkeit auf der Spur waren. Wir erlebten Verbundenheit und eine schöpferische Intelligenz, die aus dem gemeinsamen Interesse und einer offenen Verletzlichkeit entstand.

Wir alle kennen das wahrscheinlich: ein beseeltes Gespräch, eine beseelte Begegnung, ein beseelter Moment. Wenn Sie jetzt innehalten, fallen Ihnen wohl Situationen ein, die Sie so bezeichnen könnten. Wir haben eine Resonanzfähigkeit für Beseeltheit. Doch ist die Seele aus unserem gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Diskurs fast verschwunden, wird als zu vage, zu ungenau, zu »esoterisch« gesehen. Gleichzeitig ist die Seele in Büchern und Seminaren zu Spiritualität und Selbsthilfe allgegenwärtig, aber oft bleibt unklar, was damit eigentlich gemeint ist.

Dabei hat die Frage nach der Seele eine besondere Aktualität, weil uns die Anwendungen der Künstlichen Intelligenz heute eine Beseeltheit vorgaukeln. Wer hat noch nicht diesen Moment erlebt, wo man das Gefühl hat, die KI versteht mich, fühlt sich ein, gibt mir einen freundlichen Rat. Besonders seitdem die Sprachagenten freigeschaltet wurden. Aber auch Krisenphänomene wie die ökologische Zerstörung oder die Zerrüttung der Demokratie fragen danach, wer wir Menschen eigentlich sind und sein wollen. In der Philosophie und den Weisheitstraditionen war das immer auch die Frage nach der Seele des Menschen oder gar nach der Weltseele. Unser Eindruck in der Redaktion war, dass es aus all diesen Gründen sehr fruchtbar und bedeutsam ist, diese Fragen heute neu zu bewegen.

In ihrem Leitartikel untersucht ­Elizabeth Debold, wie sich die Vorstellung von Seele im Laufe der Jahrhunderte entwickelt hat und heute zunehmend in einer materialistischen Kultur vergessen wird. Aber was verlieren wir, wenn wir die Seele vergessen? Und wie können wir sie heute neu ins Bewusstsein und in unsere Beziehungen bringen? Und welche Rolle spielt dabei unsere Kraft der Imagination?

Auch der Philosoph, Anthroposoph, langjährige Freund von evolve und Mitbegründer der Herbstakademie Jens Heisterkamp bezieht sich auf die philosophische Tradition des Verständnisses der Seele. Er findet überraschende Verbindungen und einen Ausblick, wie wir unseren Bezug zum Geistigen in der Welt neu beleben können.

Im Sufismus, der Mystik des Islam, spielt die Seele und ihre Entwicklung eine wichtige Rolle. Fawzia Al-Rawi lebt und lehrt in dieser Tradition und beschreibt, warum für sie der Mensch die Seele des Universums ist. Auch der Mythenforscher und Poet Tom Cheetham nimmt Bezug auf die Sufi-Mystik und die Bedeutung einer imaginalen Wirklichkeit, die uns die poetische Grundlage des Geistes eröffnet.

In der indischen Philosophie und Spiritualität gibt es die Lehre vom Atman als dem wahren Selbst des Menschen. Wie hängt diese Vorstellung mit westlichen Ideen des Selbst zusammen, wo unterscheidet sie sich? Wir sprechen darüber mit Sangeetha Menon, die in der indischen Philosophie tief verwurzelt ist.

Die 92-jährige Tiefenpsychologin ­Ingrid Riedel hat sich zeitlebens mit der Tiefenpsychologie C. G. Jungs, der Mystik, der Kraft innerer Bilder, mit Literatur und Poesie beschäftigt. Wir sprechen mit ihr über die Wandlungskraft der Seele und warum der Erfahrungsraum des Seelischen gerade heute so bedeutsam ist. Über die Seele als lebendige Gegenwärtigkeit spricht der Psychotherapeut Mark Vernon, der Priester war, Physik studiert hat und heute über Dante und William Blake schreibt.

Für den Psychiater und Philosophen Thomas Fuchs ist hierbei besonders unsere Verkörperung wichtig. Wie können wir das Seelische aus der Erfahrung unseres lebendigen Leibes verstehen? Und was lernen wir daraus in einer zunehmend digitalen und künstlichen Welt?

Die Bedeutung der Seele in Zeiten der Künstlichen Intelligenz vertieft Nadja Rosmann in ihrem Artikel, während ich der Frage nachgehe, wie sich ein Vakuum der Seele auch im Politischen zeigt.

Das Forschen im Raum des Seelischen bewegt die Künstlerin Saya Woolfalk seit Langem. Und sie nutzt dazu verschiedene Medien, um eine imaginative Welt zu schaffen, in der das Erwachen der Seele und ihre Verbundenheit mit den anderen Menschen, der lebendigen Welt und der sich entfaltenden Kultur zum Ausdruck kommt. Wir sind sehr dankbar, dass wir diese Ausgabe mit Fotos von ihren Werken gestalten konnten.

Wir hoffen, dass Ihnen dieses Magazin viele Anregungen gibt, um dem Wert und der Wirklichkeit der Seele nachzuspüren. Und wir sind gespannt, wie sich dieses Forschen in unseren evolve Salons weiter entfaltet.

Gleichzeitig stehen wir mit evolve auch in einer entscheidenden Zeit, weil wir gerade daran arbeiten, die finanzielle Grundlage des Magazins zu sichern. Mehr Informationen dazu und Möglichkeiten, wie Sie uns unterstützen können, finden Sie im Beileger zu diesem Heft oder hier (www.evolve-world.org/beileger). Ganz herzlich bedanken möchten wir uns bei allen, die uns durch Spenden, Weiterempfehlungen, (Geschenk-)Abos und vor allem die tiefe Wertschätzung für evolve unterstützen.

Wir freuen uns darauf, mit Ihnen als Leserinnen und Leser den gemeinsamen Weg weiterzugehen.

Herzlichst

Mike Kauschke

Author:
Mike Kauschke
Author:
Bianca Bondi
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