Bewegung aus Verbundenheit
Sara Ezzell tanzte schon früh in renommierten Ballett-Ensembles und arbeitet heute als freie Choreografin mit Kindern und Jugendlichen. Dabei schlägt sie Brücken zwischen den Welten.
July 12, 2026

Sara Ezzell tanzte schon früh in renommierten Ballett-Ensembles und arbeitet heute als freie Choreografin mit Kindern und Jugendlichen. Dabei schlägt sie Brücken zwischen den Welten.
evolve: Wie bist du zum Tanz gekommen?
Sara Ezzell: Als mich das Tanzen erwischte, war ich fünf Jahre alt. Ich sah ein Bild einer Ballerina an der Wand im Tanzstudio und etwas in mir sagte: Das werde ich tun. Ich hatte das körperliche Talent dafür, die Bereitschaft, sehr hart zu arbeiten – und Eltern, die mich auf diesem Weg getragen haben. Als mein klassisches Ballett-Training intensiver wurde, bin ich spät abends noch rausgegangen, habe einen ruhigen Ort gesucht und mich völlig frei tanzen lassen – da war eine Ausdruckskraft, eine Improvisation, eine Formlosigkeit in der Bewegung, die mich nie wirklich verlassen hat.
Dieses innere Gefühl hat mich auch durch die nächsten Stationen geführt – mit 15 Jahren von meinem Zuhause in Minnesota nach New York, mit 18 nach St. Petersburg zu einem berühmten Ballett-
Leiter. Dort habe ich einen Platz in der berühmten Vaganova-
Akademie abgelehnt, obwohl alle sagten, das sei der einzige Weg für Ausländer in die großen russischen Ensembles. Aber ich wusste, dort werde ich nicht glücklich sein.
Was danach passierte, war fast märchenhaft: Ich kehrte zu meiner Ballett-Schule in New York zurück, und eines Tages erhielt man dort einen Anruf. Das Mikhailovsky-Ballett, dem ich beitreten wollte, war zum ersten Mal auf Tournee in den USA und sie suchten Tänzerinnen an meiner Schule. Ich habe für mein russisches Traumensemble in New York vorgetanzt und sie haben mir einen Vertrag gegeben. Das war wie ein Beweis dafür, dass ich meiner Intuition vertrauen durfte.
Aber auch hier habe ich schon bald gesehen, was für ein toxisches Umfeld in der Ballettwelt wirkt. Du musst deinen Körper, deine Zeit, deine Lebensenergie und deine Kreativität den Entscheidungen einer einzigen Person überlassen. Es kann bedeuten, dass du bis auf die Knochen runtergearbeitet wirst, dass kein Leben außerhalb der Arbeit bleibt. Etwas in mir hat gesagt: Du musst da raus.
e: Wie hast du diesen Ausstieg geschafft?
SE: Ich hatte immer eine Treue zu mir selbst und eine gewisse Rebellion in mir. Ich habe mir zum Beispiel nie in meiner ganzen Karriere die Beine rasiert. Beim Stuttgarter Ballett habe ich dann die Choreografie »Cunt« kreiert, in der ich die Unterdrückung von Frauen und alles was ich erlebt hatte, seit ich 20 Jahre alt war, thematisieren konnte. Es war das Alchemistischste, was ich tun konnte, um den Schmerz in Befreiung umzuwandeln. Als ich dann zum Stuttgarter Bundesjugendballett kam, habe ich zum ersten Mal wirklich gespürt, was möglich wird, wenn man durch das eigene Tun nah und verbunden mit Menschen ist. Wir haben Tanzworkshops in psychiatrischen Kliniken, in Schulen, in Einrichtungen für Menschen mit besonderen Bedürfnissen gegeben. Es war sehr prägend – von diesen Erlebnissen wollte ich keine Abstriche mehr machen.
e: Wie bist du diesem Impuls gefolgt?
»Die Arbeit mit Tanz und Musik schafft eine Grundlage für Vertrauen und tiefe Gespräche.«
SE: Als ich mich entschied, die Ballett-Welt zu verlassen und freie Tänzerin zu werden, entstand alles, was wachsen und sich aufbauen konnte, durch menschliche Verbindung – durch Menschen, mit denen ich zusammengearbeitet habe und die wieder mit mir arbeiten wollten. Aber es hat Jahre gedauert, den Selbsthass und die Körperscham loszulassen, die tief in mir eingeschrieben waren.
Was mich heute wirklich bewegt, sind Projekte, in denen ich mit Profikünstlerinnen – Musikern, Tänzerinnen, Malern –
etwas gemeinsam schaffe mit Jugendlichen oder Gruppen, die keine Profis sind. Ich arbeite eng mit der Dirigentin Anna-Sophie Brüning zusammen, die unter anderem das Palestinian Youth Orchestra mitgegründet hat. Gemeinsam entwickeln wir gerade einen Ansatz, der Bewegung, Musik und Achtsamkeit in der Arbeit mit Jugendlichen verbindet.
e: An welchem Projekt arbeitest du gerade?
SE: Ich habe in den letzten beiden Jahren zwei Projekte mit Don Bosco realisiert, einer katholischen Organisation, die wirklich großartige Arbeit macht. Ein Projekt war in Chemnitz, in Zusammenarbeit mit Rita Baus und der Regisseurin Anna Drescher. Wir haben acht Monate mit einer sehr diversen Gruppe Jugendlicher gearbeitet – viele aus schwierigen Verhältnissen, manche mit besonderen Bedürfnissen. Die Abschlussaufführung fand mit der Jungen Deutschen Philharmonie unter der musikalischen Leitung von Anna-Sophie Brüning statt, vor etwa 700 Menschen. Die Jugendlichen sind in dieser Zeit durch dieses Projekt in ihre Kraft, ihren eigenen Ausdruck, in Verbindung miteinander gekommen. Aber das plötzliche Ende zeigte mir auch, dass die Kinder mehr Halt, innere Arbeit und Nachsorge brauchen, als das in Kurzzeit-Projekten üblich ist.
Ich habe aus dieser Lernerfahrung heraus mit Anna-Sophie (Musik, Violine, Klavier), Sushree Diya Om (Achtsamkeit) und Marzella Steinmetz (Gesang, Gitarre, Musikpädagogik) das Projekt »Rose in a Box« entwickelt und brachte mich unter anderem mit Improvisation, Choreografie und Ballett ein. Wir haben es im März 2026 in Chandigarh, Nordindien, in einem Don-Bosco-Center, geleitet von Father Reji, erprobt.
Wir arbeiteten mit 70 Jugendlichen zwischen 8 und 16 Jahren aus einem Slum nahe dem Flughafen. Jeden Morgen, wenn die Jugendlichen den Raum betraten, wurden sie in einem Kreis mit einer brennenden Kerze in der Mitte willkommen geheißen. Sie hatten so etwas noch nie in einem Klassenraum gesehen. Als sie fragten, warum, erzählten wir ihnen, dass all unsere Vorfahren unabhängig von Kontinent, Grenzen oder Kultur gemeinsam im Kreis um Feuerstellen saßen.
Die Jugendlichen reisten mit uns musikalisch um die Welt und lernten Lieder und Tänze aus Deutschland, Neuseeland, Schweden, Nigeria, Rumänien und Irland. Außerdem lauschten sie mit geschlossenen Augen und offenen Ohren klassischer Musik.
Die Arbeit mit Tanz und Musik schuf in Windeseile eine Grundlage für Vertrauen und tiefe Gespräche. Sushree Diya Om führte die Jugendlichen jeden Tag nach innen. Sie teilte nicht nur Achtsamkeitsübungen mit ihnen, sondern auch ihre eigene Geschichte: wie sie durch Meditation und Dienst am Leben aus schwerem Missbrauch herausgefunden hat. Auf die Frage, was ihnen am wichtigsten im Leben sei, fanden sie gemeinsam die Antwort »Frieden«.
»Rose in a Box« ist unsere Antwort auf das, was wir jahrzehntelang erlebt und in der Arbeit mit Jugendlichen von ihnen gehört haben. Ob in Deutschland, der Türkei, Indien, es ist überall das Gleiche: Kinder, die sich selbst nicht spüren. Die Herausforderungen sind verschieden, aber die dahinter liegenden Bedürfnisse sind dieselben. Sie brauchen die Verbindung mit der Intelligenz ihres eigenen Inneren. Wir bringen Bewegung, Musik, Tanz, Kreativität, Verbindung, Vertrauen, Achtsamkeit – das alles dient diesem Bedürfnis zutiefst. Und wir vermitteln etwas, das sie für den Rest ihres Lebens tragen kann: wie man mit sich selbst und seinem Umfeld in Frieden sein kann. Vielleicht ist das nur ein Samen, aber es ist ein Anfang, aus dem vieles entstehen kann. Wir haben bereits viele Einladungen erhalten, diese Arbeit in Indien fortzusetzen und sind auf der Suche nach einer Finanzierung, um diese wichtige Arbeit weiterzuführen.
e: Was trägt dich, wenn du in solchen Räumen stehst – mit all dem, was die Menschen mitbringen?
SE: Meine T’aiji-Praxis. Sie hat mein Leben von innen verändert. Ich wusste jahrelang, dass ich eine Praxis finden würde, ich wusste nur nicht wann und mit wem. Und als ich sie fand, war es wieder wie ein Schalter, der sich umlegt: Genau das. Genau hier.
Die Praxis gibt mir die Zentriertheit, die meine innere Mitte kultiviert. Selbst wenn ein Kind mich anschreit oder jemand wütend ist, kann ich in dieser inneren Ruhe und Verwurzelung bleiben, egal wo ich gehe und was ich wahrnehme.
Und um als Begleiterin wirken zu können, musste ich zuerst in einen gesunden Dialog mit mir selbst finden, bevor ein gesunder Dialog mit jemand anderem möglich wurde.