Ein Leben für das Heilige

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Porträt
Published On:

January 25, 2026

Featuring:
Dr. Thomas Steininger
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Issue:
49
|
January 2026
Die Kraft der Demut
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Ein Nachruf für Dr. Thomas Steininger

Am 9. Oktober ist Dr. Thomas Steininger, der Herausgeber des evolve Magazins, Gründer und Gastgeber von Radio evolve, Mitbegründer des Emergent Dialogue, in Frankfurt verstorben. Er war ein Visionär einer integralen Bewusstseinskultur, die spirituelle Tiefe mit kulturellem Wandel verbindet. Als Autor, Redner, Seminarleiter und Dialogpartner in zahlreichen Netzwerken gab er vielen Menschen wichtige Impulse. Sein Anliegen war das dialogische Erforschen der grundlegenden Fragen unseres Menschseins: Wer sind wir? Wie kann ein Leben aus dem Heiligen heute gelingen? Was sind die aufscheinenden Möglichkeiten unserer Kultur? Was verbindet uns in der Tiefe als Menschen mit der lebendigen Welt, mit dem Heiligen?

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Ein Nachruf für Dr. Thomas Steininger

Am 9. Oktober ist Dr. Thomas Steininger, der Herausgeber des evolve Magazins, Gründer und Gastgeber von Radio evolve, Mitbegründer des Emergent Dialogue, in Frankfurt verstorben. Er war ein Visionär einer integralen Bewusstseinskultur, die spirituelle Tiefe mit kulturellem Wandel verbindet. Als Autor, Redner, Seminarleiter und Dialogpartner in zahlreichen Netzwerken gab er vielen Menschen wichtige Impulse. Sein Anliegen war das dialogische Erforschen der grundlegenden Fragen unseres Menschseins: Wer sind wir? Wie kann ein Leben aus dem Heiligen heute gelingen? Was sind die aufscheinenden Möglichkeiten unserer Kultur? Was verbindet uns in der Tiefe als Menschen mit der lebendigen Welt, mit dem Heiligen?

Spirituelles Vertrauen

Als im Frühjahr 2023 bei Thomas ein Gehirntumor festgestellt wurde, hat er diese Herausforderung mit tiefem existenziellem und spirituellem Vertrauen und innerer Stärke angenommen. Trotz der Einschränkungen durch die Krankheit setzte er bis zuletzt sein Lebenswerk fort, gab Impulse, führte den Dialog weiter. Selbst als er nicht mehr sprechen und schreiben konnte, bewegte er die tiefen Fragen in sich und mit ihm Nahestehenden und nutzte dafür auch technologische Hilfsmittel. Sein Geist blieb bis zuletzt unbeirrbar auf das zutiefst Wesentliche gerichtet.

Ein Ausdruck davon war seine Liebe zum Berg ­Kailash, den er als spirituelle Praxis geistig umrundete. Ein großes Foto dieses heiligen Berges hing in dem Meditationsraum im evolve World Center in Frankfurt-Niederursel, in dem ihn spirituelle Weggefährten und Freunde auf dem letzten Weg in diesem Leben begleiteten. Dieses Bild des Kailash wurde auch während der berührenden Trauerzeremonie aufgehängt, die in der Kirche in Alt-Niederursel stattfinden konnte. Es war ein würdiger Abschied in der Atmosphäre von Dankbarkeit für das Sein und Wirken von Thomas, das in der Arbeit von evolve World weiterlebt.

Jesuit oder Marxist

Thomas Steininger wurde am 17. Dezember 1962 in Linz als jüngstes von vier Kindern geboren. Schon früh verbrachte er viel Zeit in den Bergen im Salzburger Land. Die Begegnung mit der majestätischen Natur hat ihn tief geprägt. Er ist katholisch aufgewachsen und besuchte eine Jesuitenschule in Linz. Schon in jungen Jahren entwickelte Thomas ein ausgeprägtes historisches und politisches Bewusstsein. Thomas erzählte oft mit einem Lächeln, dass er eine Zeitlang nicht wusste, ob er Jesuit oder Marxist werden wollte.

»Unermüdlich hat Thomas den Dialog gesucht und Räume der Begegnung gestaltet.«

Ihn beschäftigte die Geschichte seiner Heimatstadt, die im Nationalsozialismus eine besondere Rolle spielte, weil Adolf Hitler hier seine Jugend verbachte und die Stadt später zu seiner Führerstadt ausbauen wollte. Auch zu diesem Zweck entstand das KZ Mauthausen in der Nähe von Linz, wo in einem Steinbruch Menschen durch Arbeit vernichtet wurden. Thomas ging einen ähnlichen Schulweg wie vor ihm Adolf Hitler durch das Wohngebiet der Familie und hörte ebenso wie Hitler bewegende Konzerte auf der Brucknerorgel in der Jesuitenkirche. Diese hautnahe Konfrontation mit der Geschichte ließ in Thomas eine Lebensfrage wachsen: Wie kann es sein, dass ein Ort mit so viel Kultur und landschaftlicher Schönheit zum Ausgangspunkt von Krieg, Gewalt und Grausamkeit wird? Und: Wie kann eine Form des Menschseins und der Kultur gestaltet werden, in der uns das Verbindende, das zutiefst Menschliche, das Heilige leitet?

Liebe zur Weisheit

Antworten auf solche Fragen suchte Thomas im Studium der Philosophie und im politischen Aktivismus. Manchmal bemerkte er, dass er weniger Zeit im Hörsaal als vielmehr auf der Straße bei Demos und Aktionen der »Gruppe Revolutionärer Marxisten« verbrachte. Seine beiden Lebensthemen Spiritualität und Politik fanden einen Ausdruck in seiner Dissertation »Existenzielle Erfahrung als Grundlage emanzipativer Politik«, die er 1990 schrieb. Darin nimmt ­Thomas Bezug auf zwei Impulsgeber, die für ihn prägend waren: den integralen Denker Ken Wilber und den Philosophen Martin Heidegger.

Nach dem Studium arbeitete Thomas als Radio-Journalist beim ORF und später auch als Psychotherapeut. In diesem psychotherapeutischen Kontext machte er tiefe spirituelle Erfahrungen, zugleich war er enttäuscht von den Dynamiken in der alternativen politischen Szene, in der sich häufig Egoismus und Machtgefüge durchsetzen.

Als Thomas den spirituellen Lehrer ­Andrew Cohen kennenlernte, fand er einen Raum für seine inneren Fragen und entschloss sich, für mehrere Jahre in den USA im Zentrum der Bewegung zu leben, die später EnlightenNext hieß. Er hatte eine führende Rolle in den Experimenten mit Wir-Erfahrungen, die diese Gemeinschaft prägten, und wurde Herausgeber der deutschen Ausgabe der englischsprachigen Zeitschrift What is Enlightenment?, später EnlightenNext. Zudem war er Mitgestalter eines akademischen Kurses in Conscious Evolution am Graduate Institute in Connecticut/USA.

Leben im Dialog

Als Herausgeber der Zeitschrift hielt Thomas Kontakt zum deutschsprachigen Raum und besuchte jedes Jahr die Frankfurter Buchmesse. Dort traf er 2004 Jens Heisterkamp, den Chefredakteur der anthroposophischen Zeitschrift info3, und etwas später Sonja Student, die damalige Leiterin der Integralen Akademie Frankfurt. Es begann ein reger Austausch, der ab 2006 in der jährlichen Herbstakademie Frankfurt einen Ausdruck fand. Diese Resonanz führte auch dazu, dass sich Thomas entschloss, nach Frankfurt zu ziehen, um gemeinsam mit anderen Schülern von Andrew Cohen ein Zentrum für die spirituelle Arbeit im deutschsprachigen Raum zu begründen. Es folgten sehr aktive Jahre mit spirituellen Dialogveranstaltungen, Retreats und Seminaren, in denen ­Thomas zunehmend einen eigenen Weg einschlug und lebendige Netzwerke aufbaute.

2013 kam es zur Trennung von Andrew Cohen und Thomas führte die in Deutschland etablierte Arbeit gemeinsam mit seiner Partnerin Elizabeth Debold und einigen spirituellen Weggefährten weiter. ­Elizabeth, die 2013 ebenfalls nach Frankfurt zog, wurde für ­Thomas zu einer engen Dialogpartnerin und Mitgestalterin bei der Weiterentwicklung der spirituellen und dialogischen Arbeit.

In der Neuausrichtung der Aktivitäten als emerge bewussteinskultur, später evolve World, entstanden 2014 das evolve Magazin und das wöchentliche Radio evolve. Hier konnte Thomas gemeinsam mit seinem Team und zahlreichen Vordenkern einer neuen Bewusstseinskultur die tiefen Fragen des Menschseins und Kulturwandels vertiefen und mit Interessierten teilen.

Es entstanden dialogische Beziehungen und ko-kreative Projekte mit dem Praktizierenden in der Tradition der indigenen Pflanzenmedizin ­Francois ­Demange, dem Kognitionswissenschaftler John ­Vervaeke, dem metamodernen Denker Tomas Björkman, dem Begründer von »Life itself« Rufus Pollock, mit ­Abhishek Thakore, dem Gründer von Blue Ribbon Movement in Indien, mit dem Berliner Gemeinschaftsprojekt MoosSpace, der Church of Interbeing, den Pioneers of Change, dem Europakloster Gut Aich und vielen anderen.

Ein lebendiges Vermächtnis

Unermüdlich hat Thomas den Dialog gesucht und Räume der Begegnung gestaltet, in deren Mitte sich das Wesentliche, das zutiefst Sinnvolle, das Geheimnis des Lebens schöpferisch zeigen konnte. Bis zuletzt gab er Vorträge und Seminare, war in Netzwerken aktiv und arbeitete mit Jens Heisterkamp an einem Buch über Martin Heidegger. »Das Ereignis des Seins« konnte im Frühjahr 2025 fertiggestellt werden, was Thomas sehr gefreut hat.

Die Impulse, die Thomas geben konnte, haben für viele Menschen neue Horizonte für eine neue kulturelle Entfaltung eröffnet. Insbesondere das Potenzial dialogischer Räume der schöpferischen Verbundenheit, des Interbeing, hat viele Menschen berührt. Diese Impulse leben weiter in seinen Texten und Podcasts, im evolve Magazin und im Radio evolve, in der Arbeit von evolve World und in den Emergent Dialogues.

Gegenwärtig arbeiten spirituelle Weggefährten von Thomas an der Herausgabe zweier Bücher mit Texten, die in der jahrelangen Arbeit entstanden sind. Und eine Veranstaltung ist in Vorbereitung, bei der im Herbst 2026, zum ersten Todestag von Thomas, in Linz ein Dialograum eröffnet wird, um miteinander die Lebensfragen, die Thomas und sicher viele von uns bewegen, weiterzuführen und zu vertiefen.

Die Gedenkseite für Thomas, auf der sehr gern Erfahrungen mit und Gedanken zu Thomas geteilt werden können:

www.evolve-world.org/thomas-memorial

Ein Gespräch im Gedenken an Thomas zwischen Jens Heisterkamp und Mike Kauschke:

www.youtube.com/watch?v=3yQOZ_Oqdio

Und mit Francois Demange, Mary Adams und Steve Brett:

www.youtube.com/watch?v=aJO5cyilu7o&t

Author:
Mike Kauschke
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