Im Nationalsozialismus wurden Mythen und Spiritualität vielfach missbraucht, auch heute findet sich dieser Missbrauch in manchen Formen der New-Age-Szene. Gleichzeitig verhindert ein reduktionistischer Rationalismus einen positiven Bezug zu spirituellen Erfahrungen und Mythen. Der Filmemacher Rüdiger Sünner bewegt sich mit seinen Filmen forschend in diesem Spannungsfeld.
evolve: In deinem ersten Film »Schwarze Sonne« beschäftigst du dich mit dem Missbrauch von Mythen und Spiritualität im Nationalsozialismus. Wie bist du darauf gekommen, dieses Thema so zu vertiefen?
Rüdiger Sünner: Ich bin Mitte der 1990er-Jahre in Irland auf einer Fahrradtour in einer kleinen Stadt an einer Buchhandlung vorbeigekommen, wo im Schaufenster ein Buch ausgestellt war mit dem Titel »The Occult Reich«, Das okkulte Reich. Darin stand, dass Hitler sich mit Magie beschäftigt hätte, die SS ein Gralsorden gewesen wäre mit einer Burg und Kulträumen, dass die Nazis geglaubt hätten, dass die Germanen von Atlantis abstammen. Erst dachte ich, das sei britische Sensationsliteratur. Dann bin ich aber in Berlin auf das Buch von Nicholas Goodrick-Clarke gestoßen, »The Occult Roots of Nazism«, Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus. Clarke war Oxford-Absolvent und es war ein genau recherchiertes Buch. Da ist mir klar geworden, dass in der völkischen Szene vor dem Nationalsozialismus in der Aufwertung des Germanischen, des Nordischen, des Ariers auch theosophische und esoterische Gedanken bekannt waren. Und dass einzelne Nationalsozialisten wie Rudolf Hess, Alfred Rosenberg und vor allem Heinrich Himmler an Esoterik, Okkultismus und Mythologie interessiert waren und ihre Rassenideologie mit solchen esoterischen Gedanken unterfüttert hatten. Hier war ein krudes Weltbild entstanden, in dem Mythen, Legenden und Sagen die Überlegenheit des nordischen Menschen fundieren sollten.
Auch die Symbolwelt des Nationalsozialismus, mit der Swastika, dem sich drehenden Hakenkreuz, oder den Runen berührt spirituelle esoterische Bereiche. Hinzu kommt die Inszenierungskraft der Nazis mit den großen Lichtdomen auf den Reichsparteitagen, den Fackelmärschen, Hitlers Wagner-Begeisterung, interessanterweise vor allem für die Gralsopern »Lohengrin« und »Parzival«. Durch diese Informationen öffnete sich mir ein unbekanntes Feld, das ich erforschen wollte, um die emotionale Sogkraft des Nationalsozialismus zu verstehen.
»Der Begriff Mythos fällt heute fast ausschließlich in einem negativen abwertenden Sinn.«
Ein tieferes Forschen
e: Wie hat sich durch diese Beschäftigung dein Bezug zu Spiritualität und Mythen gezeigt? Warst du erschrocken von der dunklen Kraft, die darin steckt? Oder hast du schon gesehen, dass es ein missbräuchlicher Umgang war und es auch eine andere Annährung an diese Themen gibt?
RS: Ich musste mich in diese Themen hineinarbeiten. Ein Beispiel ist die europäische Megalith-Kultur mit Steinkreisen, Dolmen und Hünengräbern in Irland, Cornwall, Wales, Schottland, aber auch in Norddeutschland, die für mich bis heute faszinierend sind. Die Nazis haben sie als »germanische Gotteshäuser« bezeichnet. Ich musste mich mit Archäologie beschäftigen, um herauszufinden, dass das nichts mit Germanen oder Deutschland zu tun hat. Deshalb habe ich mich dann mit den Germanen beschäftigt. Mich berührte, dass es über 2000 Jahre lang in Nord-Europa eine germanische Kultur gab.
Ein weiteres Beispiel ist der Heilige Gral. Hitler war in seiner Begeisterung für die Wagner-Opern »Lohengrin« und »Parzival« fasziniert von diesem Symbol. Die Gralsliteratur gehört mit zur ältesten europäischen Literatur, sie geht bis ins Mittelalter zurück. Auch das hat nichts mit Rassismus, Antisemitismus oder nordischer Hochkultur zu tun.
Für mich erforderte es sehr viel Recherche und Forschungsarbeit, um da auf einen einigermaßen sicheren Stand zu kommen. Und dabei habe ich viele der Themen, die mich bis heute faszinieren, erst über die Arbeit am Missbrauch entdeckt.
e: Wie ist dieses Forschen dann weitergegangen und hat dich zu deinen weiteren Filmprojekten geführt?
RS: Ich habe nach der »Schwarzen Sonne« nicht angefangen, einen Film über die Germanen und den Gral zu drehen. Stattdessen bin ich in meinen Forschungen bestimmten Persönlichkeiten gefolgt, wie zum Beispiel dem UNO-Generalsekretär Dag Hammarskjöld. Ein genialer Diplomat, der in der Kongo-Krise und Suezkanal-Krise vermittelt hat. Gleichzeitig ist er leidenschaftlich gerne in nordischen Landschaften gewandert und hatte dabei mystische Literatur in seinem Rucksack. Er hat sich mit Schamanismus und Megalith-Denkmälern beschäftigt. Ein klar denkender Diplomat ist genau von den Themen fasziniert, die ich ein paar Jahre vorher bei den Nazis gefunden hatte: Germanen, Wikinger, Runen, Mythen. Dem wollte ich nachgehen, und daraus ist der Film »The Tree of Life« entstanden.
Der zweite Film nach »Schwarze Sonne« war »Geheimes Deutschland«, in dem ich mich mit den Romantikern beschäftigt habe. Da habe ich entdeckt, dass wir in unserer deutschen Kunst- und Literaturgeschichte ein großes spirituelles Erbe haben. Die Zeit um 1800 war geprägt von Schelling, Novalis, Goethe, Hölderlin, diesen großen Dichtern und Philosophen, die hochspirituelle Menschen waren. Es war ein Glücksgefühl für mich, zu sehen, dass es auch ganz andere Aspekte der deutschen oder mitteleuropäischen Spiritualität gibt. Mit solchen Filmen habe ich mich aus diesem dunklen Nazisumpf herausgearbeitet.
Mythos und Rationalität
e: Du hast dann viele Personen porträtiert, darunter Joseph Beuys, Paul Klee, Rainer Maria Rilke, Paul Celan, Dorothee Sölle, C. G. Jung, Rudolf Steiner. Das sind Menschen, die auch spirituelle Erfahrungsräume erlebten und in ihrer Mystik, in ihrer Poesie, in ihrer Kunst ausgedrückten. Wie hast du dabei den Umgang mit dem Thema Spiritualität in unserer Gesellschaft wahrgenommen?
RS: Mit diesen Filmen bin ich zum Außenseiter geworden. Kein Fernsehsender wollte sich daran beteiligen. Die Berlinale wollte diese Filme nicht zeigen. Ich kam in den großen Feuilletons nicht mehr vor. Die »Schwarze Sonne« ist noch besprochen worden, weil darin Mythologie und Esoterik kritisiert werden. Aber als ich anfing, diese Themen auch in einem positiven Licht zu sehen, begegnete ich großen Vorbehalten bei Medien, Journalisten und Filmproduzenten.
»Die Naturwissenschaft hat eine Mathematisierung und Vermessung der Welt vorgenommen.«
Der Begriff Mythos fällt heute fast ausschließlich in einem negativen abwertenden Sinn, er wird gleichgesetzt mit Verblendung, Verfälschung, Lüge, Schein, Illusion, Irrationalität. Dabei sind die griechische, keltische, germanische, ägyptische und indische Mythologie, die Jahrtausende zurückreichen, wertvolle erste Versuche der Menschen, die Welt in Bildern zu ordnen. In unserer Moderne benutzen wir diesen Begriff nur als Schimpfwort. Da kann ja etwas nicht stimmen, da wird nicht mehr differenziert. Genauso ist es mit dem Wort Spiritualität, das wird in den Medien und bei Wissenschaftlern heute automatisch mit Esoterik gleichgesetzt.
Man sieht also, dass Begriffe wie Mythologie, Spiritualität, Mystik als dunkel, irrational, gefährlich, dubios angesehen werden. Deutschland ist zu einem Land der Aufklärung, der Wissenschaft und des Rationalismus geworden, was ja bis zu einem gewissen Maß auch nicht schlecht ist.
e: Wie erklärst du dir das? Die Menschen, die du in deinen Filmen porträtierst, sind ja zentrale Figuren unserer Kultur- und Kunstgeschichte. Oder in dem Film »Das kreative Universum« sind es Wissenschaftler, die sich auch mit spirituellen Fragen beschäftigen. Man könnte es ausdehnen auf die Quantenphysiker, von denen sich viele mit solchen Themen beschäftigt haben. Auch in der Kunst gibt es heute viele Künstlerinnen, die von spirituellen Erfahrungen sprechen.
RS: Das geschieht vor allem aus Unsicherheit und Unkenntnis. Denn man muss sagen, es gibt in der Esoterik-Szene auch viel gefährlichen Unsinn. Es gibt Verschwörungstheorien und Antisemitismus. Die Vorsicht im Umgang mit Spiritualität hat auch mit den Unsitten und mit dem Schrecklichen zu tun, das tatsächlich in dieser Szene wuchert. Was aber fehlt, ist ein Differenzierungsvermögen. Wo entgleisen Esoterik, Spiritualität und Mythologie? Wo entsteht aus einem positiven Wissen, aus einer Weisheitstradition eine krude Verstörungstheorie oder eine politische Ideologie mit Rassismus oder Antisemitismus? Wir haben als Gesellschaft dafür keine Instrumente, deshalb haben wir Angst vor der emotionalen Kraft der Spiritualität, die den Verstand unterwandern könnte. Uns fehlen diese feinen Instrumente, um zu unterscheiden, wo das Kostbare ist, das Wertvolle, das Emanzipatorische, und wo es in Gefahrenzonen kippt. Das wird nicht an der Schule, nicht an Unis, nicht in den Medien gelehrt.
Instrumente der Unterscheidung
e: Was wären aus deiner Sicht Instrumente im Sinne einer Bewusstseinskultur, um mit spirituellen Erfahrungen differenzierter umgehen zu können?
RS: Verdächtig ist immer, wenn eine spirituelle Weltanschauung einen starken Dualismus zwischen Licht und Finsternis predigt. Die spirituellen Leute stehen im Licht und die materialistische Gesellschaft versinkt im Dunkel. Interessanterweise haben die Nazis auch mit Dualismen gearbeitet. Es gab im »Völkischen Beobachter« zum Beispiel eine Schlagzeile: »Arisches Licht gegen jüdisch-bolschewistische Finsternis«. Solche Denkfiguren finden sich auch heute in Verschwörungstheorien oder bei Sekten. Wir sehen es ebenso in der religiös aufgeladenen Politik: Für die fundamentalistischen Muslime im Iran sind Israel und Amerika satanische Kräfte. Auf der anderen Seite ist die Trump-Regierung voller fundamentalistischer Christen. Der US-Verteidigungsminister Pete Hegseth hat auf seiner Brust den Kreuzritterspruch »Deus vult« tätowiert: Gott will es; wir werden mit Gott schaffen, das Dunkel auszurotten.
Neben diesem Misstrauen gegenüber dualistischen Strukturen können wir die Wissenschaft mit einbeziehen. Mir hat zum Beispiel die Archäologie sehr geholfen, viele Phänomene einzuordnen. Gerade gibt es in Halle eine spektakuläre Ausstellung über die Schamanin von Dürrenberg. Im besten Sinne erforscht die Wissenschaft vorurteilsfrei solche Funde und konnte feststellen, dass auch bei uns Schamanismus und ein animistisches Weltbild praktiziert wurden. Das kann man anhand einer gewissenhaften Forschung herausfinden, die gar nicht unspirituell sein muss.
e: Du sprichst auch häufig von der Wiederverzauberung der Welt als einer Möglichkeit, diese inneren Bereiche wieder neu zu erschließen. Was meinst du mit Wiederverzauberung und warum ist das für dich so ein wichtiges Anliegen geworden?
RS: Das ist der Gegenbegriff zu der berühmten »Entzauberung der Welt«, die der Soziologe Max Weber in den 1920er-Jahren beschrieben hat. Es war eine geniale Diagnose der Moderne, in der Industrialisierung, Technisierung und Bürokratisierung anwuchsen. Die Naturwissenschaft hat eine Mathematisierung und Vermessung der Welt vorgenommen. Gemeint ist also ein ganzes Bündel von Kräften der Moderne, die zur Entzauberung der Welt beigetragen haben. Auch die Wiederverzauberung der Welt hat damals schon Stimmen gefunden. Natürlich gab es sie bereits in der Frühromantik, aber auch Anfang des 20. Jahrhunderts haben sich Stefan George, Rainer Maria Rilke, Hermann Hesse, Paul Klee oder Max Ernst für eine Öffnung unseres Blickes auf die Unendlichkeit der Beziehungen der Dinge untereinander, auf den Zauber des nicht ganz rational Festlegbaren ausgesprochen.
Für mich hat das auch heute eine große Bedeutung. Wenn du einen Baum, eine Blume, ein Tier intensiv anschaust und versuchst, alle Begriffe, die du davon hast, loszulassen, kannst du das Unerschlossene, das Unendliche, das Zauberhafte dieser Dinge wiederfinden. Das wird allzu häufig unter festen Konventionen und Vorstellungen begraben. Der Poet, die Künstlerin umkreist diese Phänomene in Metaphern und Bildern, um sie aus dem Begriffszwang herauszulösen und in eine schwebende, mehrdeutige Zwischenzone zu bringen, in der wir tiefe Glücksgefühle erleben können. Das ist die Wiederverzauberung.
»Wenn ich mit dem Etikettieren aufhöre, dann tritt mir ein anderer Mensch erstmal offen entgegen.«
Vorurteilsfreie Räume des Dialogs
e: Siehst du das auch als eine kulturelle, gesellschaftliche Aufgabe?
RS: Auf jeden Fall, weil sie uns in offene, vorurteilsfreie Räume führt. Wir können Menschen anders sehen. Wenn ich mit dem Etikettieren aufhöre, dann tritt mir ein anderer Mensch erstmal offen entgegen. Dann ist ein Dialog möglich.
Hier sehen wir auch, warum diese Nazi-Beschädigung von Spiritualität so katastrophal ist. Der Mensch ist seit Jahrtausenden ein tief spirituelles Wesen. Sekten, Ideologen, Neonazis, die dieses spirituelle Erbe für ihre dualistischen Ideologien missbrauchen, verspielen ein kostbares Menschheitserbe. Das ist das eigentlich Katastrophale. Deswegen ist Spiritualität keine Privatsache.
Das Wichtigste ist die richtige Kultivierung des Spirituellen. Eine Gesellschaft, die das alles als esoterischen Quatsch bezeichnet, pflegt diese Kultivierung nicht. Es ist eine gesellschaftliche Aufgabe, Instrumente für die Orientierung und Kultivierung im Inneren zu entwickeln, um herauszufinden: Wo bin ich auf einem Irrweg? Wo kippt es in eine dunkle, fanatische, extremistische Richtung, und wo tut sich etwas Helles, Wohltuendes auf, das auch mit anderen und für andere Menschen spürbar ist?
Author:
Mike Kauschke
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