Die hungrigen Geister heilen

Our Emotional Participation in the World
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Essay
Published On:

July 12, 2026

Featuring:
Andy Rotman
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51
|
July 2026
Leben mit Licht und Schatten
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Jenseits der Konkurrenz

Im Buddhismus gibt es die Vorstellung der hungrigen Geister als einen unbewussten Zustand der unersättlichen Gier. Der Religionswissenschaftler Andy Rotman hat sich intensiv mit buddhistischen Perspektiven auf die Vorstellung von dunklen und hellen Kräften in uns beschäftigt.

evolve: In dieser Ausgabe befassen wir uns damit, wie Menschen auf Gut und Böse oder Licht und Dunkelheit reagieren und diese Aspekte des Menschseins verstehen. Im Westen neigen wir dazu, diese beiden Pole gegeneinander auszuspielen. Das Dunkle muss um jeden Preis vermieden werden. Das führt oft zu Wunschdenken, insbesondere bei Menschen, die sich mit Bewusstseinsarbeit und Meditationspraxis beschäftigen. Die Lebensauffassungen, auf denen diese Praktiken beruhen, entstammen aber oft einem ganz anderen Verständnis von Gut und Böse. Wie siehst du diese Dynamik?

Andy Rotman: Ich sehe die Spannung, auf die du hinweist. Im Kontext des frühen indischen Buddhismus macht es beispielsweise keinen Sinn, die Welt in Gut und Böse aufzuteilen, da wir ständig von den Kräften um uns herum hin- und hergeworfen werden und zwischen verschiedenen Bewusstseinszuständen wechseln. Manchmal befindet sich unser Geist in der Verblendung und zu anderen Zeiten im kosmischen Licht, er bewegt sich hin und her. Nach buddhistischer Auffassung ist es unsere Aufgabe, uns selbst zu disziplinieren. Oft haben wir einfach keine Kontrolle; etwas triggert uns, und plötzlich befindet sich unser Geist in der Verblendung oder, wie die Buddhisten auch sagen, in einer höllischen Existenz. Aber im Allgemeinen wissen wir das nicht. Unser Geist wandert von Ort zu Ort, weil wir keine geistige Klarheit haben. Wir wissen nicht, was mit uns geschieht. Wir wissen nur, dass wir von Wut oder Ungeduld oder Ähnlichem überwältigt werden. Das erste Ziel besteht also einfach darin, uns selbst besser zu beherrschen.

Die Lehre von den hungrigen Geistern im buddhistischen Kontext liefert uns ein Beispiel dafür, wie Menschen überwältigt werden können. Frühe Buddhisten sprechen von der Idee des Matsarya, einer Art doppelter Bosheit. Es ist die Engherzigkeit, die sich im Geiz zeigt, wenn man an seinen Besitztümern festhält, aber sie manifestiert sich in der Bosheit von Grausamkeit und Gewalt. Buddhisten verbinden diese beiden Phänomene miteinander. Die doppelte Bosheit steigt auf und wir klammern uns daran fest. Das Ziel der Praxis ist, einfach gesagt, sich nicht daran festzuklammern.

»Unser Geist wandert von Ort zu Ort, weil wir keine geistige Klarheit haben.«

Wenn wir uns festklammern und von der Bosheit überwältigt werden, halten wir uns in der Regel nicht für engherzig, geizig oder grausam. Wir glauben, dass dies die richtige Reaktion ist. Wir haben eine selbstgerechte Sicht auf die Welt und halten das für normal und gut. Die Schwierigkeit besteht darin, sich von dieser Selbstgerechtigkeit zu lösen, indem man erkennt, dass sie sehr egozentrisch ist. Sie ist nicht gut für die Welt und sie ist auch nicht gut für mich selbst.

Dieser Ansatz rückt die Vorstellung von Licht und Dunkelheit, Gut und Böse aus dem Mittelpunkt.­
Er erkennt an, dass Menschen, wenn sie in einer Leidenschaft gefangen sind, sich dessen vielleicht gar nicht bewusst sind. Selbst wenn sie boshaft und grausam handeln, rechtfertigen sie es in ihrem eigenen Denken vielleicht auf selbstgerechte Weise als etwas Gutes, so verblendet das auch sein mag.

Die Kraft des Mitgefühls

e: Du hebst hier das Mitgefühl hervor, in dem wir jemanden nicht verurteilen, weil wir das Menschsein erkennen.

AR: Mitgefühl erkennt an, dass Menschen oft ihr Bestes geben, auch wenn es vielleicht nicht so aussieht. Mitgefühl ist auch die Reaktion, wenn wir denken: »Warum kann diese Person sich nicht einfach beherrschen?«, obwohl sie es vielleicht wirklich nicht kann. Neben Menschen, die ihre Wut nicht kontrollieren können, kenne ich viele Menschen, die damit kämpfen, ihren Konsum von Junkfood oder destruktiven Medien einzuschränken. Es ist nicht leicht, uns selbst zu kontrollieren.

Deshalb beginnt der Buddhismus mit dem Prinzip des Mitgefühls. Wir kämpfen als Menschen ständig mit uns selbst, wir schlagen uns irgendwie durch und wir sitzen alle im selben Boot. Es gibt dieses starke Gefühl der Verbundenheit. Und vielleicht kann ich jemandem ein kleines bisschen helfen, wenn ich mein Mitgefühl und meine Weisheit einsetze, um ihm zu helfen, einen besseren Weg zu finden. Das hilft auch mir, einen besseren Weg einzuschlagen. Sobald man erkennt, dass man Teil eines Ganzen ist, hilft man, wenn man jemand anderem hilft, auch sich selbst.

e: Du sprichst von einem Verständnis für unsere Gemeinschaftlichkeit. Kannst du mehr dazu sagen?

AR: Buddhisten haben eine Vorstellung von Verbundenheit oder wechselseitiger Abhängigkeit. Das bedeutet, dass wir in einer ganzheitlichen Welt leben, in der wir auf eine Weise miteinander verbunden sind, die nur schwer zu erkennen ist, von der viele von uns jedoch wissen, dass sie wahr ist. Diese Verbundenheit ist allumfassend; wir sind Teil eines riesigen Netzes miteinander verbundener Wesen, zu dem Menschen, andere Tiere und alle Wesen gehören. Und wenn wir die Welt auf diese Weise betrachten, möchten wir die gesamte Gemeinschaft des Lebens stärken.

»Mitgefühl erkennt an, dass Menschen oft ihr Bestes geben, auch wenn es nicht so aussieht.«

Die Frage lautet dann: Was sind die sinnvollsten Wege, um alle zu unterstützen und zu erkennen, dass man nicht in einer Welt lebt, die ein Nullsummenspiel ist, in dem der Gewinn eines anderen mein Verlust ist. In Wirklichkeit ist der Gewinn eines anderen oft auch mein Gewinn, denn wenn wir als Gemeinschaft leben, können wir uns alle gegenseitig helfen.

Wir können gemeinschaftliche und miteinander verbundene Lebensweisen verkörpern, was Thich Nhat Hanh als »Interbeing« bezeichnet, damit wir uns gemeinsam entfalten können. Und das erfordert Mitgefühl, Weisheit und viel Vergebung.

Himmel und Hölle

e: Welche Rolle spielt die Lehre von den hungrigen Geistern in diesem Zusammenhang?

AR: Im Buddhismus gibt es verschiedene Daseinsbereiche. Wir existieren im Menschenreich. Über uns liegen das göttliche Reich und das Reich der Halbgötter, und unter uns liegen die Reiche der Tiere, der hungrigen Geister und der Höllenwesen. Eine Möglichkeit, sich diese Bereiche vorzustellen, liegt in der Idee der Wiedergeburt: Man kann in diese verschiedenen Bereiche hineingeboren werden. Es gibt jedoch eine weitere buddhistische Lehre, nach der jeder Daseinsbereich eine bestimmte Bewusstseinsebene darstellt. Man könnte also mit seinem Geist im Bereich der hungrigen Geister oder im Bereich der Höllenwesen sein. Das bedeutet, dass wir mental durch diese verschiedenen Bereiche gehen können.

Wenn wir unser Denken reinigen, können wir aufsteigen; wenn unser Denken verunreinigt wird, sinken wir hinab. Im Buddhismus gibt es verschiedene Gründe für die Wiedergeburt in einem der göttlichen Bereiche, wie zum Beispiel das Vollbringen besonders verdienstvoller Taten oder das Erreichen eines bestimmten meditativen Zustands. Ebenso gibt es schreckliche Handlungen, die dazu führen, dass man in einem der Höllenbereiche wiedergeboren wird. Man spricht von zehn kalten und zehn heißen Höllenbereichen.

Es gibt jedoch nur eine Sache, die eine Wiedergeburt im Reich der hungrigen Geister verursacht, nämlich diese doppelte Bosheit – Geiz und Engherzigkeit, die sich als eine Form von Grausamkeit und Gewaltsamkeit manifestiert. Die Vorstellung, dass der Erfolg eines anderen eine Bedrohung für einen selbst darstellt, schafft ein Konkurrenzdenken, in dem der Gewinn eines anderen gleichbedeutend mit dem eigenen Verlust ist. Der Gedanke, dass jemand etwas erhalten könnte, das er sich nicht vollständig verdient hat, ist schrecklich und unerträglich. In gewisser Weise ist dies eine frühe Vision der Schattenseiten des Spätkapitalismus.

»In Wirklichkeit ist der Gewinn eines anderen oft auch mein Gewinn.«

e: … was diese tiefe Trennung in einem Kontext von Gemeinschaft, Ganzheitlichkeit und gegenseitiger Abhängigkeit schafft.

AR: Genau, es schafft eine Trennung zwischen Menschen, die von der Denkweise »wir gegen die anderen« überzeugt sind. Wir können nicht teilen. Etwas kann mein oder dein sein, aber es kann nicht uns gehören. Wenn man in einer Welt ohne dieses kollektive Eigentum, dieses Verantwortungsbewusstsein und diese gemeinsame Sorge existiert, lebt man in einer Welt ohne Gemeinschaft und Solidarität.

Hungrige Geister werden als Wesen mit winzigen Kehlen und riesigen Mägen beschrieben. Sie sind groß wie Berge. Sie können niemals genug bekommen. Sie sind entflammt und brennen vor Hunger und Durst. Ihre Körper sind wie Folterkammern, weil sie niemals vollständig befriedigt werden können. Aber die wahre Strafe dafür, als hungriger Geist wiedergeboren zu werden, ist das Wissen darum, was man getan hat, um in diese Situation zu geraten. Man kann also niemand anderem die Schuld geben.

Empathische Freude

e: Das ist eine faszinierende warnende Sichtweise. Gibt es Erlösung für hungrige Geister?

AR: Es gibt Erlösung in dem Sinne, dass, wie die Buddhisten sagen würden, auch dies vorübergehen wird. Nichts ist von Dauer. Aber hauptsächlich ist es, wie du gesagt hast, eine warnende Geschichte. Um ein Gefühl für die ganze Gemeinschaft zu entwickeln, ist es wichtig, die Denkweise zu durchbrechen, dass etwas entweder mir oder dir gehören muss. Das können einfache Dinge sein, wie kleinen Kindern beizubringen, zu teilen, auch wenn es ihnen vielleicht nicht gefällt. Das Teilen und das gemeinsame Handeln sind Lektionen, die wir unser ganzes Leben lang lernen.

e: Es gibt zahlreiche Forschungsarbeiten über Stammesgemeinschaften. Die Strafe für ex­trem egoistisches Verhalten in Stammesdörfern führt oft zum Ausschluss aus dem Stamm, da es eine große Gefahr für eine Gemeinschaft darstellt, die zum Überleben auf gegenseitige Unterstützung angewiesen ist.

AR: Das ist interessant, denn in Familien fühlen wir uns normalerweise nicht durch den Erfolg anderer bedroht. Die meisten Eltern freuen sich über den Erfolg ihrer Kinder. Man weiß, dass eines der Familienmitglieder gerne ein bestimmtes Essen isst oder eine bestimmte Sache tut, und man macht bereitwillig und manchmal sogar freudig Zugeständnisse, weil man erkennt, dass man sich an der Freude eines anderen erfreuen kann. Wahrscheinlich haben die meisten von uns diese Erfahrung schon gemacht, wenn jemand anderes in der Familie eine Auszeichnung erhalten oder einen großen Erfolg gefeiert hat und man sich einfach für ihn freut.

Im Buddhismus gibt es den Begriff
»Anumodana«, mitfühlende oder empathische Freude. Man freut sich mit der Freude eines anderen mit. Es ist kein Wettbewerb, sondern ein gemeinsamer emotionaler Zustand. Dies wäre das Gegenteil von Matsarya und seiner doppelten Bosheit. Die meisten von uns haben dies schon einmal erlebt, aber oft halten wir es für etwas, das auf Familien beschränkt ist. Was aber, wenn es sich im größeren Maßstab ausbreiten könnte?

Die Verbundenheit aller Wesen

e: Meistens konkurrieren wir auf jeder Ebene um unser Überleben, um unseren Aufstieg, um unsere Entwicklung. Es ist eine systemische Kraft.

AR: Eine der Freuden am Unterrichten an einer kleinen geisteswissenschaftlichen Hochschule ist, dass im Großen und Ganzen niemand einen Besitzanspruch auf das Lernen und Lehren erhebt; es ist einfach die Freude am Austausch von Ideen. Es ist nicht individualistisch, sondern ein gemeinsames öffentliches Gemeingut. Und wenn wir das für einige Dinge verwirklichen, können wir es vielleicht auch für weitere Bereiche schaffen. Darauf spielt der Buddhismus an. Um auf unseren früheren Punkt zurückzukommen, bei dem wir uns Licht gegen Dunkelheit, Gut gegen Böse vorgestellt haben: Was wäre, wenn wir gemeinsam daran arbeiten könnten, die Welt ein wenig heller, ein wenig schöner zu machen, und dies als gemeinsames Anliegen anerkennen würden, das zwar seine Höhen und Tiefen hat, an dem wir aber als Gemeinschaft arbeiten?

e: Und dieser Kontext der Gemeinschaftlichkeit mildert die Polarität von Gut und Böse.

AR: Ja. Wenn wir unser Denken so kultivieren und uns zu einer anderen Art des Seins in der Welt erziehen könnten, dass wir die Verbundenheit aller Wesen erkennen, können wir wahrnehmen, dass Wesen transformiert werden können. Wir erkennen, dass es Wege gibt, die Sensibilität für das Teilen und die Nächstenliebe zu kultivieren. Dann könnten wir die Trennung überwinden und in einer weniger gespaltenen Welt leben.

e: Das scheint für viele von uns eine Hoffnung zu sein. Je stärker der Druck auf die individuelle Fragmentierung wird, desto mehr sehe ich eine Sehnsucht nach einer Denk- und Lebensweise, die nicht polarisiert und spaltet. In gewisser Hinsicht wird es immer extremer, aber gleichzeitig wächst etwas anderes darunter, daneben, drum herum, davor und darunter, das uns zu der Erkenntnis unserer wechselseitigen Abhängigkeit führt.

AR: Oft fühlen sich Menschen überfordert, all das zu bewältigen, aber wir können es in kleinen Schritten tun. Ich teile mein Büro mit einer Studentin. Sie braucht einen ruhigen Ort zum Arbeiten und ich habe ein Büro. Wenn ich also nicht hier bin, lasse ich sie es nutzen, und manchmal nutzen wir es gemeinsam. Warum muss es mein Büro sein? Warum kann es nicht einfach ein Büroraum sein, den ich mit anderen teile? Es ist eine Freude, Gemeinschaftsräume zu teilen. Das ist eine kleine Sache. Und wenn mehr Menschen solche Gesten umsetzen würden, könnte das zu einem umfassenden Wandel führen, denn genug kleine Veränderungen führen zu einem größeren Wandel.

e: Als ich dir zuhörte, hatte ich plötzlich die Vision, eine andere Welt könnte entstehen.

AR: Danke. Da fällt mir noch eine andere Geschichte ein: Ich las ein ganzes Jahr lang einmal pro Woche mit einer Studentin Sanskrit. Als die letzte Stunde kam, sagte sie zu mir: »Andy, darf ich dir eine persönliche Frage stellen?« »Natürlich«, antwortete ich. »Wirst du dafür bezahlt?« Ich antwortete: »Nein.« Da sagte sie: »Einmal pro Woche, das ganze Jahr über, hast du kostenlos Sanskrit mit mir gelesen. Warum hast du das getan?«

Das führte zu einem interessanten Gespräch über das Teilen und gemeinschaftliches Wissen und dass viele Dinge, die ich in meinem Leben tue, nicht kommerziell sind. Ich denke nicht in diesen Kategorien, aber mir wurde klar, dass für meine Studierenden, die in einer Welt aufgewachsen sind, die tief im Spätkapitalismus verwurzelt ist, alles kommerziell ist. Wenn wir die Denkweise des gemeinschaftlichen Lernens und Teilens, der wechselseitigen Fürsorge vorleben, kann eine Person sie an die nächste weitergeben und diese wieder an die nächste, und auf diese Weise können wir echte Veränderung bewirken.

Author:
Dr. Elizabeth Debold
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