Edith Stein war Philosophin und Mystikerin, und ihr Lebensweg, der gewaltsam in Auschwitz endete, zeugt vom Licht und Dunkel ihrer Zeit. In ihrem Denken und ihren mystischen Schriften hat sie sich intensiv mit Licht und Dunkel auf dem Weg der Gottessuche befasst. Ein Gespräch mit Hanna Barbara Gerl-Falkovitz, einer profilierten Kennerin des Lebens und Denkens von Edith Stein.
evolve: In einem Vortrag haben Sie Edith Stein als Mensch bezeichnet, der in das Hell und Dunkel des 20. Jahrhunderts verflochten ist. Können Sie die Art dieser Verflechtung skizzieren?
Hanna Barbara Gerl-Falkovitz: Das Leben Edith Steins beginnt durchaus im Hellen. Sie wurde 1891 in Breslau geboren und hat in den ersten Jahrzehnten ihres Lebens Teil an einem großen wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Aufschwung Deutschlands. Sie gehört zu den ersten Frauen, die Abitur machen und studieren können. Der Erste Weltkrieg bedeutet für diese jungen Menschen dann einen großen Absturz, vor allem als die Kommilitonen nicht mehr aus dem Krieg zurückkommen. Aber noch sind die 20er-Jahre für Edith Stein eine große Öffnung. Sie bekam zwar damals keinen Lehrstuhl, die Habilitation wurde ihr verwehrt. Sie geht dann als Lehrerin nach Speyer und unterrichtet junge Frauen in Deutsch und Geschichte. Dabei lässt sie viel Philosophie einfließen. Mit dem ominösen Jahr 1933 beginnt ein Schatten, den sie immer mehr spürt; sie stammt ja aus einem jüdischen Elternhaus.
Sie hatte aufgrund der Eindrücke des Ersten Weltkrieges bereits eine große Krise durchlitten. Zum einen waren persönliche Freunde von ihr gefallen – eine ganze Generation musste damals den Tod durchstehen. Sie hatte aber gleichzeitig auch noch eine andere Krise. Nach ihrer Promotion in Freiburg bei Edmund Husserl merkte sie, dass ihr die Phänomenologie, die sie meisterhaft betreibt, nicht die Antworten gab – zum Beispiel eine Antwort auf Tod. Erkenntnistheorie hat nicht mit Sinnfragen zu tun, obwohl die Phänomenologie in eine gangbare Richtung weist, die auch auf Sinn hinführt. Aber Edith Stein brauchte eine tiefere Hilfe.
»Gott erlaubt sich, sichuns zu entziehen.«
Im Alter von 13 Jahren hatte sie ihren jüdischen Glauben abgelegt. In der Krise beginnt sie etwa ab 1917 mühsam und auch gegen ihren eigenen Widerstand zu beten und christliche Texte zu lesen. 1922 wird sie die Taufe empfangen, muss aber in Kauf nehmen, dass ihre jüdische Familie, vor allem ihre Mutter Auguste, den Entschluss der jüngsten und geliebtesten Tochter nicht begreift. In der Bekehrung zum Christentum wächst ihr nun etwas zu, was für die nächsten dunklen Jahre existenziell wichtig wird.
1933 mit der Machtergreifung Hitlers wird sie begreifen, dass das Kreuz Christi wiederum auf ihr Volk gelegt ist. Sie gehört sowohl zu Deutschland als auch zum Judentum; sie hat dazwischen nie einen wirklichen Bruch gesehen. Sie verlässt Münster, wo sie mittlerweile lehrt, freiwillig und erfüllt sich nun einen großen Wunsch, der ihrer inneren Tiefe und Nähe zum Herrn entspricht. Sie wird Karmelitin und bleibt zunächst in Köln, wechselt aber dann Anfang 1939 über die holländische Grenze nach Echt. Dort wird sie am 2. August 1942 von der Gestapo abgeholt. Nun beginnt das Dunkel – eigentlich die Finsternis. Dunkel kann bergen, aber Finsternis ist das wirklich Schreckliche. Edith Stein wird am 9. August 1942 – zusammen mit ihrer Schwester Rosa – an der Rampe in Auschwitz ankommen und sofort getötet.
Nach ihrem Tod beginnt aber noch etwas anderes. Denn es ist nicht nur das Einzelschicksal einer hochbegabten und tief gedemütigten Frau, sondern sie versucht ihr Schicksal an das Kreuz zu binden. Entgegen allen Erwartungen verbleibt sie nicht in diesem anonymen Tod. Sie zählt mittlerweile zu den meistgelesenen Philosophinnen des 20. Jahrhunderts. Wir haben eine Werkausgabe mit 28 Bänden, in alle Weltsprachen übersetzt. Edith Stein wird zum Trost für viele, die in ein solches Dunkel oder gar in eine solche Finsternis geraten.
Die dunklen Nächte
e: Sie haben angedeutet, dass sie sich auch in ihrem Werk auf Licht und Dunkel bezogen hat. In der »Kreuzeswissenschaft«, ihrem letzten Werk, spricht sie von drei oder sogar vier Nächten. Welche Auseinandersetzung mit dem Dunkel spricht sie darin an?
HBGF: Edith Stein schreibt dieses Werk über eine berühmte Mystiktheorie ihres Ordensvaters Johannes vom Kreuz aus dem 16. Jahrhundert in Spanien. Man kann sagen, dass sie etwas vorformuliert, das sie gezwungenermaßen unmittelbar selbst in die Wirklichkeit übersetzen muss.
Die erste Nacht bei Johannes vom Kreuz ist die Nacht der Sinne. Johannes vom Kreuz, selbst ein Karmelit, der durch viele Leiden gehen musste, behauptet: Je mehr die Seele sich auf Gott richtet und sich das Innere öffnet, desto mehr wird am Anfang ein unglaubliches Glück, eine Wärme, vielleicht sogar etwas wie Kindschaft empfunden. Aber Gott erlaubt sich dann, genau diesem aufgetanen Menschen eine Wanderung zuzumuten.
Die erste Wanderung geht in die Nacht der Sinne. Alles, was bis dahin an Gott erinnert hat, nämlich die Schönheit dieser Welt, geht verloren. Die ganze Schöpfung kann ja von einem aufgeschlossenen, religiösen Menschen als Zeichen des Schöpfers gesehen werden. Schönheit ist eines der großen Kennzeichen Gottes. Nun erlaubt Gott sich, diese Schönheit zu verdunkeln. Man sieht sie immer noch, aber der Trost fällt weg. Edith Stein sieht mit Johannes vom Kreuz darin eine Absicht Gottes, uns aus diesem Wohlgefühl herauszulösen. Denn wir dürfen den Schöpfer letztlich nicht mit der Schöpfung gleichsetzen.
Dazu aber eine Warnung: Wer diesen Beitrag liest, kann sich fragen: Wo stehe ich im Blick auf solche Nächte? Aber Edith Stein verbindet damit kein absolutes, zwanghaftes System. Man kann die zweite Nacht durchleben, ohne die erste durchlebt zu haben, man kann bereits in die dritte Nacht fallen. Es ist nicht so, dass es eine vorgeschriebene Reihenfolge gäbe.
»Vollendung ist das Ende, das in die Fülle führt.«
Die zweite Nacht ist die Nacht des Geistes. Der Geist beschäftigt sich mit Sinn, nicht nur mit sinnlichen Eindrücken, und wirkt durch die Vernunft. Das ist der Bereich theologischer und philosophischer Überlegungen. In dieser zweiten Nacht nimmt uns Gott auch das Gefallen daran. Man kann weiter Theologie lehren, aber man kann die Inhalte nicht mehr mit dem eigenen Leben verbinden. Das ist die Nacht des Geistes.
Sie vertieft sich noch einmal in einer unglaublichen Zumutung. Das ist die Nacht des Glaubens: Gott erlaubt sich, sich uns zu entziehen. Das geschieht teilweise auch schon in der Nacht der Sinne und des Geistes. Aber in der Nacht des Glaubens meint die Seele, ganz von ihm verworfen zu sein. Er wendet sich ab. Die Freude an Gebet und geistlichen Übungen versiegt. Es wird so trostlos. Es wird Wüste.
Dieses Abwenden Gottes wird als unglaubliche Bitterkeit empfunden. Es könnte sein, dass Edith Stein diese letzte dritte Nacht in der Woche des Abtransportes nach Auschwitz durchlebt hat. Wir haben das Zeugnis eines Lageraufsehers aus Westerbork, der von ihr sagte, sie sei auffällig ruhig gewesen – wie eine Pietà ohne Christus: wie die Mutter, die den toten Sohn nicht mehr auf ihrem Schoß hält.
In der »Kreuzeswissenschaft« wird noch eine Nacht des Kreuzes angedeutet. Es gibt einen unglaublichen Satz des Johannes vom Kreuz: »Man kann sich zur Kreuzigung ausliefern, aber man kann sich nicht selber kreuzigen. Das müsse ein anderer an mir tun.« Das kann als »Gottesfinsternis« beschrieben werden. Wieweit Edith Stein das selbst erfahren hat, wissen wir nicht, aber sie geht wohl in eine tiefe Finsternis. Eine Mitschwester berichtet, sie habe einmal zufällig die bei der offenen Zellentür am Boden kniende Edith Stein gesehen, die Hände weit ausgebreitet, im Gestus des Ausgeliefertseins.
Der neue Morgen
e: Wie sehen Sie diese Erfahrungen im Verhältnis zum Licht? Führt dieses Dunkel zu einem Licht oder ist es selber Licht in einer anderen Form? Gibt es in diesem Verlassensein auch eine Form von Nähe zu Gott?
HBGF: Die eine Seite ist das Dunkel, aber nicht die Finsternis. Finsternis ist sehr viel mehr, damit berühren wir das Böse. Dunkel kann auch Bergung bedeuten, aber Finsternis hat etwas Aggressives.
Bei Johannes in der Auslegung Edith Steins setzt sich eine bestimmte Betrachtungsweise durch. Schon in der Nacht der Sinne, wo man den Verlust der Schönheit wahrnimmt, kehrt so etwas wie Ruhe ein. Wir versuchen nicht mehr, Trost zu finden in den Dingen. Das ist keine Abkehr, aber ein Ruhigwerden. Es bedeutet, nicht zu zappeln, nicht mit Krampf nach etwas zu suchen, was sich dann nicht auftut. Man bleibt im Grunde genommen an der Stelle, wo man steht. Das ist auch ein geistlicher Rat, denn es führt zu einem Frieden, den man vorher nicht hatte. Das Hasten, indem wir uns immer mit neuen Dingen beschäftigen, die Freude machen, wird abgelöst von einem Stillstehen, einem Zu-sich-Kommen, einem Warten.
Johannes vom Kreuz empfiehlt, dieses Warten zu bejahen und tatsächlich auf jemanden zu hoffen. Wenn er sich nicht zeigt, trotzdem warten. Es ist ein Zustand, der von uns nicht abgekürzt werden kann, außer man fällt wieder in das Zappeln zurück. In dem Sinn ist es eine tröstliche Versicherung für sich selbst: Man hat alles getan, was man tun konnte. Ich habe keine religiösen Erfahrungen (mehr), aber ich bin nicht schuld daran, sondern an mir vollzieht sich etwas. Offensichtlich will Gott, dass ich nun nicht mehr von dieser Seite her meine Energie beziehe. Es eine Form von Leere.
Bei der zweiten Nacht verzweifeln wir am eigenen Intellekt. Man merkt, dass Denken nicht der eigentliche Zugang zu Gott ist. Auch diese Leere ist offensichtlich der Wille Gottes. Das ist für die christliche Mystik typisch. Leere wird in östlichen Wegen ähnlich empfunden, aber in der christlichen Mystik wird es so gedeutet: Jemand ist mir gegenüber, der mir das zusendet. Auch wenn er weggeht: Es ist immer noch jemand. Ich bin in einer Beziehung, in der sich jemand mit mir beschäftigt, auch wenn er sich mir verbirgt. Das hat den Charakter des Trostes. In all diesen Nächten ist von Schuld nicht die Rede, sondern es geschieht an mir, weil ein anderer mich in die Arbeit nimmt, etwas an mir freilegt. Freilegen ist übrigens ein tiefes Wort der Phänomenologie, es bedeutet, dass etwas weggenommen wird.
Das gilt auch in der dritten Phase, wenn Gott weggeht. Es gibt eine Form von Gottes Entzug, woran ich nichts ändern kann. Aber Entzug heißt auch, dass Gott sich mit mir beschäftigt, selbst wenn er sich jetzt verhüllt. Es klingt merkwürdig, aber auch darin kann Frieden sein.
Diese Nacht kann sich endlos lang strecken. Wir haben ja keine Zeitempfindung in der Nacht, wir empfinden nur Stille. Es geschieht nichts, man bleibt stehen oder kommt in eine Ruhe, die man vorher nicht hatte. Bei der vierten angedeuteten Nacht ist aber keine Erwartung mehr, dass endlich etwas geschieht.
Doch in der dritten Nacht, wenn Gott weggeht, gibt es die Sehnsucht, er möge wiederkommen. Es sind tiefe Bewegungen, die in der Tageshelle nicht vollzogen werden. Aber es gibt einen Ausgleich für diese Prüfungen. Die neue Haltung heißt warten, aufmerksam sein, Geduld haben, nicht weglaufen, stehen bleiben, nicht verzweifeln.
e: Man kann diese dunkle Nacht im Sinne einer Erwartung fassen, wo auch wieder ein neuer Morgen kommt. Oder geht es darum, sich in diese Nächte hineinzubegeben, ohne Erwartung und ohne schon auf das Licht zu hoffen?
»Es gibt offensichtlich eine Tröstung in der Nacht, die wir nicht wahrnehmen, wenn wir nicht darin stehen.«
HBGF: Auf der letzten Seite der »Kreuzeswissenschaft« spricht Edith Stein von der endlich heiteren Nacht. Wir sind in der Nacht, aber die Nacht wird heiter. Im Warten gibt es eine Hoffnung, von der man weiß, dass sie nicht enttäuscht wird. Die Lösung kommt in diesen drei Nächten nicht. Aber sie kommt in der Weise, dass in einer allerletzten Möglichkeit diese Nacht selbst einen Morgen verspricht. Die Nacht ist nicht ewig.
Edith Stein wird durch diese Nacht bis zu ihrem Tode geschleift, ohne ihre Absicht. Aber sie weiß, dass in der Nacht selbst ein Trost liegt. Den kann man nicht verstehen, wenn man sich nicht selbst in dieser Nacht befindet. Wir lieben den Tag, wir lieben das Licht, wir lieben die spürbare Tröstung. Aber es gibt offensichtlich eine Tröstung in der Nacht, die wir nicht wahrnehmen, wenn wir nicht darin stehen. Die Ruhe Edith Steins, von der der Lageraufseher in Westerbork berichtet, und ihr tiefer Kummer sind kein Widerspruch. Wir haben auf der einen Seite eine Prüfung bis zum Ende und auf der anderen Seite die Sicherheit, dass die Nacht zu Ende geht und heiter wird. In diesem Sinn hat Edith Stein mit ihrem Tod in Auschwitz noch etwas bezeugt, was wir im Credo beten: dass es eine Auferstehung gibt und ein Leben bei Gott.
Das ist das einbrechende Licht, die Heiterkeit. Es mag zu Ende gehen, aber es ist nicht das Ende. Wir haben im Deutschen das schöne Gegensatzpaar von Ende und Vollendung: Das ist das Ende, das in die Fülle führt. Das ist es, was in dieser Heiterkeit die Nacht durchdringt. Wir brauchen keine vorschnelle Befriedung, noch nicht einmal die gefühlsmäßige Sicherheit, dass zu dieser Nacht noch ein Morgen gehört, aber wir wissen davon. Dieser Morgen ist uns zugesichert, wir wissen es im Glauben.
Die Seele ist »im Dunkel wohl geborgen«. Das Dunkel hat alle seine Bedrängnisse bereits geliefert, mehr kann es jetzt nicht werden. Dabei setzt etwas ein, das man vorher überhaupt nicht wusste. In einem letzten Leiden öffnet sich gleichzeitig etwas, das vorher nicht sichtbar war.
Wir hoffen und wünschen, dass Edith Stein diesen Trost erfahren hat. Auf einem Zettelchen im Durchgangslager schrieb sie: Ave crux, spes unica – Sei gegrüßt, Kreuz, du einzige Hoffnung. Ein unglaublicher Satz aus einem mittelalterlichen Gesang. Wir glauben häufig, dass wir neben dem Kreuz getröstet werden – drei Meter weg wird die Sache schon wieder besser. Das stimmt aber nicht, man wird am Fuß des Kreuzes getröstet. In den Tränen kommt der Trost, nicht neben den Tränen. Im Geprüftsein tut sich gleichzeitig die Hilfe auf. Im Verzagen kommt die Hoffnung. Im Leiden ist plötzlich die Kühlung.
Der Sinn des Seins
e: Eines der Hauptwerke Edith Steins ist »Endliches und ewiges Sein«. Wie würden Sie das Anliegen dieses Buches zusammenfassen vor dem Hintergrund dessen, was wir jetzt über Dunkel und Licht bewegt haben? Hat es damit zu tun, dass es eben ein ewiges Sein gibt und damit einen Horizont der Hoffnung mitten in der Nacht?
HBGF: Der Untertitel des Buches heißt »Versuch eines Aufstiegs zum Sinn des Seins«. Darin hört man Martin Heidegger, ihren Kommilitonen. Im Grunde hat sie das Buch mit und gegen ihn geschrieben. Heidegger hat den Sinn des Seins so beantwortet: Der Sinn des Seins liegt im Sein selbst. Es geht nicht in ein ewiges Sein über. Das Dasein bleibt geschlossen. Es ist wie ein Kreis: Ich gehe aus von der Suche nach dem Sinn und komme wieder bei mir selbst an. Damit sind wir in einem Zirkel. Edith Stein gibt eine andere Antwort; sie setzt aber bei Heideggers Frage an.
Bei Edith Stein gibt es »Aufstieg«, nicht Kreis. In der Art, wie wir leben, wie wir denken, wie wir das Dasein theoretisch betrachten, sind wir nicht einfach auf uns selber zurückgeworfen. Unsere erste Kenntnisnahme von Welt geschieht nicht über uns, sondern über die anderen. Wir haben zuerst eine Wir-Existenz. Ein Kind lernt an anderen, was es heißt, da zu sein. Sie gibt übrigens ein zauberhaftes Beispiel: Niemand sieht seinen eigenen Rücken, auch nicht den eigenen Hinterkopf. Aber ich sehe den Leib eines anderen und seinen Hinterkopf und Rücken. Ich lerne mich selber erst an einem anderen kennen. Ein anderer sagt mir, wer ich bin.
Wir sind in der Frage nach uns selber dringend auf ein Wir oder auf ein Du angewiesen, übrigens auch auf Welt. Das würde auch Heidegger bejahen, aber all das hat bei ihm keinen personalen Bezug. Edith Stein geht aber deutlich von einer personalen Grundstruktur des Daseins aus. Nicht nur, dass wir als Kinder schon andere brauchen, sondern dass wir auch in unserer geistigen Entwicklung Kultur brauchen. Wir brauchen Vordenker. Wir-Existenz heißt auch, dass wir ein unglaubliches Erbe an kulturellen Aufschlüssen haben, die ich mir selber nie hätte geben können.
Und die Welt wirkt auf uns. Es gibt Bezüge zwischen außen und innen: Die Schönheit, die Qualität der Dinge öffnet Beziehungen, letztlich die Beziehung zum Sinn des Ganzen. Bei Heidegger mündet der Sinn wiederum in mir. Aber zirkuläre Strukturen sind nicht gerichtet. Sinn heißt jedoch eigentlich Richtung. Wenn ich mich letzten Endes nur auf mich richte, kann ich natürlich einen großen Horizont abgehen und viel mitnehmen, aber ich komme wieder bei mir an.
»Gott ist mir näher, als ich mir selbst bin.«
Edith Stein würde Beziehung anders lesen und bezieht sich dabei auf das ewige Sein. Was ich an mir und bei anderen als vergänglich, vordergründig, unausgereift erlebe, misst sich an einem vollen, in sich erfüllten Sein. Sie spricht von einem Dasein aus Fülle, das uns mit dem Göttlichen verbindet: Wir sind auf Göttliches angelegt. Das öffnet zur lebendigen Erfahrung: Nicht nur wir, nicht nur die anderen, nicht nur die Welt, nicht nur die Schönheit einer Kultur ergreifen uns, sondern ein Du im Sinne von: »Ich bin, der ich bin.«
Augustinus, auf den sich Edith Stein bezieht, gibt ein eindrückliches Bild: Wir sind nicht gebaut als Kreis mit einem Mittelpunkt, sondern wir sind gebaut als Ellipse, die zwei Mittelpunkte hat: Zwischen ihnen geht ein Bezug hin und her. Das heißt: Gott ist mir näher, als ich mir selbst bin. So findet in uns ein unendliches Gespräch statt. Darin wechseln wir dauernd aus dem Endlichen in das Ewige.
Ohne diesen zweiten Mittelpunkt in mir, der tiefer reicht, als ich selbst bin, bleiben die Gespräche mit mir selbst taub, weil ich immer nur meine eigene Stimme höre. Nicht nur über die Nachterfahrung, sondern über ganz viele andere Erfahrungen werde ich beständig von einem anderen angestoßen und auf etwas hingeführt. Ob ich das will und erkenne, ist eine andere Frage. Aber ich bin ständig im Radius einer anderen Lebendigkeit. Deswegen ist der Sinn des Seins nicht Ich, sondern Ich und Du. Die Person lebt in Hingabe und Beziehung auf ein Du.
Die personale Struktur
e: Der Mensch als Person ist für Edith Stein sehr wichtig. Warum?
HBGF: Weil man als Person auf eine Person resonant ist. Wir sind auch auf Dinge oder geistige Zusammenhänge resonant. Aber die tiefste Resonanz besteht von Person auf Person, weil in der anderen Person dieselbe Tiefe ist wie in uns. Ich kann einen Baum wunderschön finden und eine Beziehung zu ihm haben, aber der Baum weiß nichts von mir. Aber wenn ich auf eine andere Person stoße – und auch Gott ist Person –, dann kommt sie mir entgegen. Ich wiederhole nicht nur mich oder meine eigenen Gedanken, sondern es kommt mir etwas entgegen, das den Charakter des Neuen, des Anderen, des Herausfordernden hat.
In diesem Sinne kann man sagen: Gott legt mich frei. Das sind zum Teil Zumutungen in den Nächten, die wir beschrieben haben, aber Gott legt auch anderes frei. Das kann ich nicht allein an mir bewirken. Deswegen ist Personalität der Schlüssel zu Edith Steins Denken. Das Wort »Sein« ist zu schwach, um das auszudrücken. Gott ist mehr als Sein, Gott ist Person, oder: Gott ist Leben, er ist der lebendige Gott. Edith Stein hat dieses Lebendige höchst gesteigert in der Person empfunden.
Als Personen fordern wir uns heraus, legen uns frei, befähigen uns – Liebe ist eine Hochform davon. In diesem Sinn sind Liebe und Leben identisch. Gott ist Person, und wir sind Personen. Ich bin auch Antwort auf jemand anderen: Ich sage ihm, wer er ist. Ich kann ihm wiederum zurückgeben. Das Wort Beziehung umfasst ein Ziehen, ein Tun, ein Antreiben, ein Herausfordern. Das ist mehr als Dasein.
Edith Stein spricht von einem »unerbittlichen Licht«. Licht macht hell, aber Licht fordert auch. Im Unerbittlichen steckt ein Maßstab, eine Korrektur, ein Freilegen, ein Schmerz. Aber gleichzeitig überwiegt der Lichtcharakter.
Unerbittliches Licht
e: Unerbittliches Licht ist eine sehr eindrückliche Formulierung. Licht nicht als etwas, das alles nur schön macht und alles wohl beleuchtet, sondern als eine durchdringende, fordernde Kraft. Ist Licht so zu verstehen als etwas, das uns anspricht und zieht, aber auch herausfordert, dem wir uns öffnen oder damit in Beziehung gehen?
HBGF: Licht ist ja zuerst ein physikalischer Ausdruck, wird aber in diesem Zusammenhang als Symbol gefasst. »Gott ist Licht«, schreibt Johannes in seinem Ersten Brief. Wir dürfen nicht nur beim Licht als einer Quelle von neutralem Erkennen stehenbleiben. Die Ich-bin-Sätze Jesu im Neuen Testament sind eine unglaubliche Herausforderung: »Ich bin das Licht.« Das ist mehr als eine bloße Fremdbeleuchtung, sondern die Zumutung, die dem Glauben aufgetragen ist: Solange ich nicht an Gott gerate, verstehe ich eigentlich nichts. Solange ich nicht an die Lichtquelle komme, irre ich herum.
Wir können annehmen, dass der Tod unser letztes Dunkel sein wird. In der Erfahrung anderer können wir vorwegnehmen, dass in dieser Dunkelheit letztlich etwas aufscheint. Es gibt auch einen wunderbar friedlichen Tod, worin deutlich wird, dass es ein Übergang ist, und dass im Licht, von dem viele in Todesnähe berichteten, nicht nur etwas erscheint, sondern jemand, der zieht. Das wäre eine Gotteserfahrung.
Darauf können wir hoffen, dass dieser letzte Gang, das Verlassen dieser unvollständigen Welt, ein Gezogenwerden ist. Das Licht zieht, aber das Licht ist gleichzeitig Er, der mich holen will. Im Bilde Christi wäre es der, der schon wartet, dass ich ankomme. Oder besser gesagt: Er kommt in der Nacht und wartet, dass ich wach bin und mich einigermaßen auf ihn ausgestreckt habe. Ich bin gemeint, er meint mich und ich meine ihn. Es ist nicht das Sein, mit diesem Wort sind wir noch im Sachlichen, aber hier sind wir im Persönlichen. Er wartet. Er holt. Er leuchtet.
e: Thomas Steininger, der Herausgeber von evolve, der im letzten Jahr verstorben ist, hat sich in den letzten Monaten seines Lebens intensiv mit Edith Stein beschäftigt, insbesondere auch durch Ihre Vorträge, und darin offensichtlich im Angesicht des Sterbens einen Trost gefunden. Der Tod ist das Dunkel oder die Nacht, die unserem Leben eingeschrieben ist, weil wir uns da ganz aufgeben müssen und uns gleichzeitig dem zuwenden können, dass da jemand ist – und jemand im ganz großen Sinne als das Licht oder das Leben. Das ermöglicht eine Haltung der Hingabe, des Vertrauens, des Wartens: »Ich bin einfach da dafür, dass da etwas wirkt oder mich anspricht und ruft.« Das bedeutet, dass in all dem Licht und Dunkel unserer Existenz etwas wirkt und mit uns in Beziehung ist und uns zieht.
HBGF: Ja, und der letzte Durchbruch ist immer, dass es kein Etwas ist, sondern Jemand, ein Gesicht. Das ist das Tröstliche. Darin liegt eine unglaubliche Zuversicht. Wir dürfen hoffen, dass Edith Stein das erfahren hat: Da ist jemand, der wartet.
Author:
Elizabeth Oldfield
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