Von der Notwendigkeit, nicht zu verrohen

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Kolumne
Published On:

January 25, 2026

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49
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January 2026
Die Kraft der Demut
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Wie spiegelt sich das Zeitgeschehen in der Kunst? Mit dieser Frage im Hinterkopf sagte ich zu, als ich zu einer Aufführung von »Das große Heft« nach dem Roman von Ágota Kristóf eingeladen wurde: Es ist Krieg. Zwei Zwillingsbrüder werden von ihrer Mutter zur Großmutter aufs Land gebracht. Der Vater ist an der Front.

In einer vorbereitenden Mail des Schauspielhauses Bochum lese ich: »Zeitungsnachricht März 2025: Drei renommierte Yale-Professorinnen verlassen die USA, Grund: Amerikas Abstieg in den Faschismus und die Sorge vor einem drohenden Bürgerkrieg. Ist das die Blaupause für Europa? Was aber tun, wenn man nicht fliehen kann? Dann wird Resilienz, also Anpassungsfähigkeit, zum Tool der Stunde.«

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Wie spiegelt sich das Zeitgeschehen in der Kunst? Mit dieser Frage im Hinterkopf sagte ich zu, als ich zu einer Aufführung von »Das große Heft« nach dem Roman von Ágota Kristóf eingeladen wurde: Es ist Krieg. Zwei Zwillingsbrüder werden von ihrer Mutter zur Großmutter aufs Land gebracht. Der Vater ist an der Front.

In einer vorbereitenden Mail des Schauspielhauses Bochum lese ich: »Zeitungsnachricht März 2025: Drei renommierte Yale-Professorinnen verlassen die USA, Grund: Amerikas Abstieg in den Faschismus und die Sorge vor einem drohenden Bürgerkrieg. Ist das die Blaupause für Europa? Was aber tun, wenn man nicht fliehen kann? Dann wird Resilienz, also Anpassungsfähigkeit, zum Tool der Stunde.«

Die Formulierung ließ mich aufhorchen. Doch was bedeutet Resilienz, wenn sie in Zeiten der Gewalt gefordert ist?

Resilienz wird meist als Fähigkeit beschrieben, sich nach Rückschlägen, Traumata oder Stressoren anzupassen und zu erholen, idealerweise gestärkt daraus hervorzugehen. Klassischerweise geht es um Fähigkeiten wie Optimismus, Problemlösungsorientierung, Selbstwirksamkeit, Akzeptanz und soziale Kompetenz.

Im Stück nimmt dies eine irritierende Form an: Die Großmutter, die die Kinder bisher nie gesehen hat, nimmt sie widerwillig auf und setzt sie an die Arbeit. Die Zwillinge beschließen, in Ermangelung einer Schule Aufsätze über ihre Erfahrungen zu schreiben; Grundregel: Es darf nur aufgeschrieben werden, was »wahr« ist, subjektive Wahrnehmung ist untersagt.


»Führt die Erfahrung von Barbarei zwangsläufig zu eigener Grausamkeit?«

Dem Publikum wird in der eindrucksvollen Aufführung eine abweisende und missbräuchliche Umgebung gezeigt. Die beiden Jungs beginnen, sich gezielt abzuhärten, denken sich Übungen dazu aus, bringen sich Betteln, Schimpfen, Hungern und so weiter bei und trainieren Gefühllosigkeit. Diese selbst gewählte Abhärtung führt zunehmend zur Verrohung und zu einem eigenen, uneindeutigen moralischen Regelwerk, das nicht vor Mord und Totschlag zurückschreckt.

Es gibt Referenzen zu den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs und zur sowjetischen Besetzung Ungarns nach der Vertreibung der deutschen Truppen. Insgesamt wirkt das Geschehen aber wie eine Parabel darauf, was passiert, wenn Resilienz in kriegerischen Zeiten als Anpassung und Verhärtung verstanden wird. Gerade in dieser Zuspitzung entfaltet das Stück möglicherweise eine kathartische Wirkung, indem es die Zuschauenden mit der inneren Zerstörung konfrontiert, die eine solche missverstandene Resilienz hinterlässt.

Führt die Erfahrung von Barbarei zwangsläufig zu eigener Grausamkeit? Ich erinnere mich an meinen Besuch im ehemaligen Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück. Neben den Berichten von Hunger und Tod fanden sich dort auch Spuren von Zusammenhalt, Mitgefühl, gegenseitiger Stärkung. Offenbar konnte selbst im Angesicht des Unmenschlichen von manchen etwas Menschliches bewahrt werden.

Jacques Lusseyran, der als Kind erblindete und im Widerstand kämpfte, beschrieb sein inneres Sehen als Licht. In Buchenwald erlebte er trotz Entsetzen und Todesnähe Momente von Freude und Verbundenheit, genährt durch Hoffnung und den Dienst am anderen. Ähnlich Viktor Frankl, der in » …trotzdem Ja zum Leben sagen« schildert, wie Sinn, Verantwortung und Liebe die Würde des Menschen auch in der Hölle bewahren können.

Beide berühren jene Frage, die auch den Medizinsoziologen Aaron ­Antonovsky beschäftigte: Wie bleibt der Mensch gesund im Angesicht des Unmenschlichen? Sein salutogenetisches Konzept spricht vom Kohärenzgefühl – dem Empfinden, dass das Leben verstehbar, handhabbar und sinnvoll bleibt. Verstehbarkeit heißt: Ich kann einordnen, was geschieht. Handhabbarkeit: Ich spüre, dass mir innere und äußere Ressourcen zur Verfügung stehen. Sinnhaftigkeit: Es gibt etwas, wofür es sich lohnt, weiterzuleben. Hierin zeigt sich für mich die wahre Resilienz: nicht in der Härte, sondern in der Fähigkeit, Sinn und Zusammenhang zu wahren – selbst wenn die äußere Welt zerfällt.

Lusseyran und Frankl stehen exem­plarisch für Menschen, die selbst im KZ ein starkes Kohärenzgefühl bewahrten oder entwickelten: Sie verstanden den Kontext der Gewalt, blieben innerlich handlungsfähig und fanden einen Sinn darin, anderen beizustehen und zu hoffen. Resilienz in herausfordernden Zeiten erscheint so nicht als bloße Anpassung und Verhärtung – wie im »Großen Heft« –, sondern als Fähigkeit, die eigene Würde zu wahren, Kohärenz zu erleben und zu nähren, ohne die Realität zu beschönigen.

Author:
Griet Hellinckx
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