July 12, 2026
Unser Bild von dem, was Wissen ausmacht, ist sehr eingeschränkt. Über Jahrhunderte wurde uns gelehrt, Wissen sei das Ergebnis von Denkprozessen und Rationalität. Im gleichen Atemzug haben federführende europäische Philosophen die Behauptung aufgestellt, dass Wissen und Denken ein Alleinstellungsmerkmal des Menschen sei. Damit haben sie mehrere Trennungen vorgenommen, die sich endemisch verstärken: die Trennung zwischen Geist und Materie, zwischen Mensch und Nichtmensch und zwischen Kultur und Natur. Es handelt sich dabei nicht um harmlose gedankliche Unterscheidungen, sondern um Gegensätze, mit denen eine beispiellose Ausbeutung des Planeten legitimiert wurde. Dieses Wissen ist übergriffig.
Angesichts des Massensterbens nichtmenschlichen Lebens auf der Erde, das auch das Überleben der menschlichen Spezies zunehmend infrage stellt, braucht es ein Umdenken, das sich kritisch mit dem Erbe europäischer Ausbeutungsregime befasst und zugleich Alternativen formuliert, welche die tief eingegrabenen Denkmuster dieser Ausbeutung überwinden können. Die Frage des Wissens spielt dabei eine besondere Rolle.
Was heißt es zum Beispiel, dass unser Wissen immer verkörpert ist? Unser Gehirn ist keine metaphysische Instanz, die irgendwo in einem abstrakten Raum rationale Prozesse durchläuft. Unser Gehirn ist ein Organ. Es formt Gedanken in ständigem Austausch mit unserer Umwelt und mit unserem gesamten Sein. Die künstliche Trennung zwischen Geist und Materie oder zwischen Kultur und Natur macht hier gar keinen Sinn. Man sollte eher von »Körperwissen« sprechen, das die vermeintlichen Gegensätze auch begrifflich verbindet. Körperwissen geht aber noch viel weiter. Es ist das Wissen, das wir über unsere verschiedenen Sinne erwerben und tief in unserem Sein verankern. Das so aufgebaute Wissen bildet einen fundamentalen Bestandteil dessen, was wir wirklich wichtig finden. Nur wenn Wissensbestände auch emotional fassbar sind, werden sie zur Grundlage ethischen Handelns – eine rein rationale Abwägung reicht dafür nicht.
»Nur wenn Wissensbestände emotional fassbar sind, werden sie zur Grundlage ethischen Handelns.«
Hinzu kommt, dass unsere Körper nur im gegenseitigen Austausch mit anderen Wesen funktionieren können. Unsere Körper sind voll von nichtmenschlicher DNA und bevölkert von nichtmenschlichen Spezies, die uns am Leben erhalten und in unsere Umgebung einbinden. Im ständigen Austausch zwischen Lebensformen werden Informationen gesammelt, Möglichkeiten abgewogen und Entscheidungen getroffen. Also genau das, was wir Intelligenz nennen. Intelligenz ist deshalb kein Alleinstellungsmerkmal des Menschen, sondern manifestiert sich in allen Ökosystemen, in denen Kommunikation in komplexen Netzwerken stattfindet. Es entsteht ein systemisches Wissen, an dem alle Lebensformen teilhaben. Als Menschen sind unsere Körper Teil dieses Wissens. Unsere Erfahrungen mögen anders sein als die von Vögeln, Bäumen oder Steinen – aber sie bieten keinen privilegierten Zugang zu einem »besseren« Wissen, das von den Erfahrungen anderer Kommunikationspartner im Ökosystem unabhängig wäre. Ich nenne dies »Mitweltwissen« – ein Wissen, das relational ist und mit der Welt entsteht. Es gibt hier kein Zentrum, sondern Knotenpunkte von Teilhabenden, die nur zusammen Wissen entstehen lassen.
Die Erforschung von Mitweltwissen läuft nicht nur über rationale Prozesse. »Erfahrungswissenschaft« heißt hier mehr als empirische Tests von Hypothesen. Die Erfahrung schließt eine Öffnung des Menschen für die vielfältigen Kommunikationsformen von Lebenssystemen ein, in denen der Mensch keine Ausnahmestellung besitzt. Mitweltwissen ist deshalb auch über spirituelle Erfahrungen zugänglich, die uns auf tieferen Ebenen mit nichtmenschlichem Wissen verbinden.
Ein Wissen, das sich aus den Erfahrungen aller Lebensformen speist und das die Perspektiven nichtmenschlichen Lebens respektiert und dankbar aufnimmt, kann uns hoffentlich aus der Sackgasse führen, in die uns menschliche Hybris hineinmanövriert hat.