Wenn der Weg dich findet

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Porträt
Published On:

October 19, 2025

Featuring:
Andrew Cohen
Mary Adams
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Issue:
48
|
October 2025
Die Flamme weitergeben
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Ein Leben zwischen Spiritualität und Aktivismus

Mary M. Adams wuchs dort auf, wo die Eintragungen auf der Landkarte weniger werden – auf einem kargen, wunderschönen Stück Land westlich von Sydney, einer Farm, die sich »wirklich ziemlich wild« anfühlte. Als mittlere von drei Töchtern bestand ihr Leben von Anfang an zu gleichen Teilen aus Verantwortung und Abenteuer. Jeder musste mithelfen, und ihr Vater, ein Mann mit Prinzipien und praktischer Veranlagung, »schob buchstäblich Holzklötze auf die Pedale des Land Rovers und der Traktoren, damit meine Füße sie erreichen konnten«. Mary muss neun oder zehn Jahre alt gewesen sein, als sie »durch das Lenkrad spähte« und das Fahren lernte, weil es Arbeit zu erledigen gab.

Das Landleben prägte sie – die Wildnis wurde ihre Lehrerin – ebenso wie die Denkweise ihres Vaters. Jeden Tag um die Mittagszeit machten die beiden eine Pause, um in der Kabine des Traktors auf irgendeiner staubigen Straße BBC World News zu hören. Am Esstisch bestand Marys Vater auf echten Gesprächen, einem Übungsfeld für unabhängiges Denken. Ihre Mutter hingegen – in der Stadt geboren, einst Anführerin von Frauenverteidigungseinheiten während des Zweiten Weltkriegs, dann Ergotherapeutin für Traumatisierte  – brachte Wärme in den Raum.

Mit elf Jahren kam Mary auf ein privates Internat, es handelte sich, wie sie es ausdrückt, »um ein klassisches englisches Internat, sehr repressiv, streng«. Diese Jahre machten sie zu einer Überlebenskünstlerin und schärften auch ihr Gefühl für Ungerechtigkeit.

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Ein Leben zwischen Spiritualität und Aktivismus

Mary M. Adams wuchs dort auf, wo die Eintragungen auf der Landkarte weniger werden – auf einem kargen, wunderschönen Stück Land westlich von Sydney, einer Farm, die sich »wirklich ziemlich wild« anfühlte. Als mittlere von drei Töchtern bestand ihr Leben von Anfang an zu gleichen Teilen aus Verantwortung und Abenteuer. Jeder musste mithelfen, und ihr Vater, ein Mann mit Prinzipien und praktischer Veranlagung, »schob buchstäblich Holzklötze auf die Pedale des Land Rovers und der Traktoren, damit meine Füße sie erreichen konnten«. Mary muss neun oder zehn Jahre alt gewesen sein, als sie »durch das Lenkrad spähte« und das Fahren lernte, weil es Arbeit zu erledigen gab.

Das Landleben prägte sie – die Wildnis wurde ihre Lehrerin – ebenso wie die Denkweise ihres Vaters. Jeden Tag um die Mittagszeit machten die beiden eine Pause, um in der Kabine des Traktors auf irgendeiner staubigen Straße BBC World News zu hören. Am Esstisch bestand Marys Vater auf echten Gesprächen, einem Übungsfeld für unabhängiges Denken. Ihre Mutter hingegen – in der Stadt geboren, einst Anführerin von Frauenverteidigungseinheiten während des Zweiten Weltkriegs, dann Ergotherapeutin für Traumatisierte  – brachte Wärme in den Raum.

Mit elf Jahren kam Mary auf ein privates Internat, es handelte sich, wie sie es ausdrückt, »um ein klassisches englisches Internat, sehr repressiv, streng«. Diese Jahre machten sie zu einer Überlebenskünstlerin und schärften auch ihr Gefühl für Ungerechtigkeit.

Die 1960er-Jahre kamen wie ein Sturm daher. Neue Erfahrungen am Rande der Schule weckten Marys Interesse: Bob Dylan auf einem Plattenspieler in einem kleinen Cottage, Rauchschwaden, das Gefühl, dass sich eine andere Welt öffnete. Während einer Familienfeier überfiel sie plötzlich ein kurz anhaltendes Gefühl der Entfremdung, das sie aber doch jahrzehntelang beschäftigen sollte: »Ich fragte mich plötzlich: Ist das alles?« Diese Frage war keine Anklage, sondern eher ein Weckruf. Sie begann, Hesse, Ram Das und Paramahansa Yogananda zu lesen, und spürte »eine andere Denkweise, die mit einem Kontinent verbunden war«, den sie noch nicht gesehen hatte.

»Achte auf das, was dich ruft, und lass dich davon wandeln.«

An der Universität widmete sie sich zur einen Hälfte der südasiatischen Philosophie, Sanskrit und Hindi, zur anderen Hälfte dem Marxismus, Leninismus und Maoismus – während der Vietnamkrieg tobte, Freunde zum Militär eingezogen wurden und amerikanische Soldaten zur Erholung nach Australien kamen. Sie demonstrierte, las und diskutierte. »Ich war gegen den Krieg«, sagt sie. Politisch links und spirituell neugierig, spürte sie zwei Strömungen, die sich zu einem einzigen Fluss vereinten.

Marys erster entscheidender Wendepunkt kam mit einundzwanzig. Sie hatte Paul Bruntons »A Search in Secret India« gelesen, darunter auch seinen Bericht über die Begegnung mit dem südindischen Weisen Ramana ­Maharshi. Mary spürte darin eine Anziehungskraft, etwas Unbeschreibliches und doch Klares. Sie beschloss, kein Studium zu beginnen, sondern nach Indien zu gehen – allein.

Sie landete in Kalkutta und fühlte sich seltsamerweise gleich wie zu Hause. »Natürlich war alles dort irgendwie völlig anders und neu«, erinnert sie sich. »Aber ich fühlte mich auf einer tieferen Ebene zu Hause.« Sie blieb sieben Jahre lang, erlebte Städte, Dörfer und Zugreisen, kerzenbeleuchtete Räume und lange Retreats, Wanderungen und Phasen des Studierens, Hindi-Gespräche und den Schock, Westler zu erleben, die in einer Kultur scheiterten, die sie noch nicht verstanden. Einige kamen, um bei Meistern klassische indische Musik zu lernen, andere suchten nach Trans­zendenz, wieder andere verloren sich. Aber Mary behielt durch Übung und eine Intuition für das Wesentliche die Orientierung. Eines Nachts drückte ihr ein Sadhu in der Wüste Rajasthans auf einem leeren Bahnsteig ein kleines englisches Büchlein in die Hand, von einem Weisen aus einer Wüstenstadt, zu der sie zufällig gerade unterwegs war. »Ich habe einfach auf das geantwortet, was sich mir gezeigt hat«, sagt sie achselzuckend und erinnert sich an das Verweben der Fäden, die zuverlässig zu einer nächsten bedeutsamen Öffnung führten.

Lehrer tauchten zum richtigen Zeitpunkt auf. Zu Beginn vermittelte ihr ein in ­Thailand ausgebildeter englischer Mönch kostbares Wissen – mehr durch seine Präsenz als durch Lehren. Im Süden tauchte sie in die Atmosphäre rund um Ramanas Ashram ein. Zum ersten Mal hörte sie Krishnamurti unter einem großen Ficus-Baum auf dem Gelände der Theosophischen Gesellschaft sprechen – elegant, präzise, die Rolle des Gurus ablehnend und darauf bestehend, dass die Menschen »selbst denken und selbst sein« sollten. Für Mary klangen seine Worte, als hätten sie sich schon immer in ihr gebildet; später suchte sie ihn auch in England auf.

In einer strohgedeckten Lehmhütte in der Nähe von Tiruvannamalai las sie bei Kerzenschein eine erste Ausgabe von »I Am That«, die Mumbai-Dialoge von Nisargadatta ­Maharaj, und durchquerte dann innerhalb weniger Tage Indien mit dem Zug, um ihn zu finden. »Es war eine so unmittelbare, kraftvolle Übertragung«, sagt sie. Sie verbrachte drei Wochen in vertrautem Dialog mit dem Weisen, die Vormittage gefüllt mit Bhajans, den devotionalen Gesängen, im Obergeschoss des ­Bidi-Shops der Familie.

Erfahrungen kamen und gingen, aber eine Erkenntnis blieb: »Wir sind nicht getrennt.« Dieses Wissen – vor jedem Gedanken und deshalb beständig – wurde zu ihrem Leitprinzip. Wie viele Suchende rang sie manchmal damit, die Erfahrung »zu bewahren«, und kehrte ein Jahr später verzweifelt zu Nisargadatta zurück, weil sie »sie verloren« hatte. Seine Antwort – heftig, wie die eines Zen-Meisters – brauchte Jahre, um sich zu integrieren: »Es geht nicht darum, festzuhalten; es geht darum, loszulassen, einer tieferen Intelligenz – nenne es Bewusstsein oder Lebenskraft – zu erlauben, dein Leben zu bestimmen.«

1978 bekam sie eine Tochter. Das Kind wuchs im Sog von Retreats, Indien-Aufenthalten und der Rückkehr in den Westen auf. In England studierte Mary Coaching und Psychotherapie und lebte unter Menschen, die wie sie viele Jahre in Indien verbracht hatten. Ein Netzwerk von Freunden entstand; ein frühes Retreat-Haus wurde zu dem, was heute das Gaia House ist.

Ein weiterer Wendepunkt kam 1986, als sie Andrew Cohen kennenlernte. Anfangs lag der Schwerpunkt der Lehre auf dem Erwachen im klassischen Sinne, aber schnell trat ein anderer Aspekt in den Vordergrund: die Erfahrung des erwachten Bewusstseins zwischen Menschen und die Bedeutung eines solchen intersubjektiven Erwachens für die Kultur. »Diese Vision war nicht abstrakt«, sagt Mary, »sondern zwischen uns lebendig.« Sie widmete dieser Gemeinschaft die nächsten 27 Jahre und zog mit ihrer Tochter und fast einhundert anderen Menschen, die ihre Karrieren aufgegeben hatten, in die Vereinigten Staaten.

Die spirituelle Arbeit war herausfordernd. Die Tage begannen mit tausend Niederwerfungen und stundenlanger Meditation, gefolgt von dialogischen Erforschungen. Mary leitete und lehrte, half bei der Durchführung von Bildungsprogrammen und nahm an Dialoggruppen teil. Im Jahr 2013 brach die Gemeinschaft, die zu diesem Zeitpunkt EnlightenNext hieß, praktisch über Nacht zusammen. Es folgten Jahre der Klärung und Versöhnung: denjenigen zuhören, die schon früher die Gemeinschaft verlassen hatten, verstehen, wo Fehler gemacht wurden, das Wesentliche vom Pathologischen trennen.

Nach diesem Prozess der Klärung half sie bei der Gründung der Emergence Foundation, welche die Erlöse aus dem Verkauf des Londoner Zentrums der Gemeinschaft verwaltete. Daraus wurden über hundert kleine Subventionen für Projekte zur Bewusstseinsentwicklung finanziert – Arbeit in Schulen, Gemeinschaften, Umweltprojekte, Aktionen für den sozialen Wandel. Jährliche Treffen brachten die Stipendiaten für Wochenenden zusammen, die sich wie Retreats anfühlten. Parallel dazu trafen sich ein Dutzend ehemalige Community-Mitglieder – viele von ihnen zunächst mit wenig Vertrauen – um erneut eine gemeinsame Basis aufzubauen. Dieser Kreis wurde zu einem Prototyp für Heilung und Weiterführung der spirituellen Arbeit. Später gründeten Mary und ihr Partner Third Space, eine Plattform für Interviews, Essays und Veranstaltungen, die erforscht, wie ein spirituelles Verständnis die Kultur beeinflussen kann, ohne in Ideologie abzugleiten. Die von Indien ausgehenden Impulse bleiben spürbar.

In den letzten Jahren hat sich ein weiterer Ausdruck von Marys Lebensthemen stärker herauskristallisiert: Aktivismus. »In der spirituellen Welt wird Aktivismus oft vernachlässigt«, sagt sie. Sie engagiert sich aktiv für Umweltfragen, wurde bei Protesten verhaftet und äußert sich offen zum Geschehen in Gaza, das sie als moralischen Kollaps der politischen Führungsrolle des Westens betrachtet. Diese beiden Brennpunkte sind für sie Ausdruck eines getrennten Denkens. Widerstand bedeutet nicht, die Kontemplation aufzugeben, sondern sie in die Tat umzusetzen. »Das beste Ergebnis einer spirituellen Erfahrung«, sagt sie, »ist die Entfaltung dieser Erfahrung im eigenen Leben und das ständige Lernen aus der Beziehung zum Leben.«

Wenn es einen roten Faden gibt, der sich von dem Mädchen, das durch ein Lenkrad in die Welt späht, bis zu der Frau, die bei Kerzenschein das Buch »I Am That« studiert, über die spirituellen Dialogkreise und die Verhaftung bei Protesten für wirksames Handeln in der Klimakrise zieht, dann ist es dieser: »Achte auf das, was dich ruft, folge dem, was lebendig ist, und lass dich davon wandeln.« Oder wie Mary mit der Gelassenheit einer Frau formuliert, die dem Weg ebenso vertraut wie ihren eigenen Schritten: »Ich habe meinen Weg gefunden, und der Weg hat mich gefunden.«

Author:
Miranda Perrone
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