Das Tao der Evolution
Der Religionswissenschaftler und Ökologe John Grim schöpft aus der evolutionären Spiritualität, der Tiefenökologie und dem Taoismus, um unseren Blick auf die Entfaltung des Lebens zu erweitern.
July 12, 2026

Der Religionswissenschaftler und Ökologe John Grim schöpft aus der evolutionären Spiritualität, der Tiefenökologie und dem Taoismus, um unseren Blick auf die Entfaltung des Lebens zu erweitern.
evolve: Wir scheinen uns in einer Zeit des Umbruchs zu befinden. Aspekte davon sind der Umgang mit KI, mit kriegerischer Aggression und mit den Auswirkungen der Klimakrise. Es gibt viele Faktoren, die Menschen zu der Aussage veranlassen, wir befänden uns in dunklen Zeiten. Doch neigt nicht der Mensch seit jeher zu Gewalt und Zerstörung? Wie hilft uns eine evolutionäre Perspektive dabei, das zu verstehen, was wir als Kräfte der Dunkelheit und des Lichts erleben?
John Grim: Wie so viele wurde ich in meinen prägenden Jugendjahren von der Vorstellung beeinflusst, dass der Mensch eine konfliktgetriebene Spezies sei, ein wildes Tier. Nach dieser Interpretation ist die menschliche Spezies ein eher dunkles und gefährliches Wesen für andere und für den Planeten als Ganzes. Diese Interpretation wird zu Recht durch eine Sichtweise infrage gestellt, die die kooperativeren Beziehungen zwischen den Spezies hervorhebt. Manche dehnen diese Perspektive, die den Fokus auf die Kooperation legt, auf die Tiefenzeit aus. Das heißt, sie betrachten die Evolution nicht nur im Hinblick auf die Erde und das biologische Leben auf der Erde. Vielmehr denken sie über Arten im Kontext von Kräften des Lichts und der Dunkelheit nach, die in direktem Zusammenhang mit der Entstehung des Kosmos, unseres Sonnensystems und des planetarischen Lebens stehen.
Daher möchte ich ko-evolutionäre Kräfte hervorheben, die wir oft mit Metaphern von Licht oder Dunkelheit bezeichnen. In einer kooperativen Lesart sind diese Kräfte stärker vermischt und weniger streng voneinander getrennt, wenn auch unterscheidbar. Beispielsweise werden die Beziehungen zwischen Raubtier und Beute oft als Beweis für die dunkle Seite bestimmter Arten angeführt, wobei wir heute erkennen, dass sowohl Raubtier als auch Beute für die bestmögliche Anpassung an die Umgebung sorgen. Diese wechselseitige Beziehung, in der beide miteinander verwoben sind, bringt auch die Evolution voran. Ebenso wurden Planeten oft als getrennt und individualisiert verstanden und beschrieben. Heute betrachten wir Jupiter als einen Planeten, der eine zentralere Rolle dabei spielt, wie Meteoriten und Asteroiden die Erde erreichen und treffen.
Mit »kooperativ« versuche ich also, die Kräfte von Licht und Dunkelheit als stärker miteinander verflochten und sich gegenseitig verstärkend neu zu definieren, auch da sie das miteinander verknüpfen, was wir als »Förderung – Gedeihen – Schädigung –
Zerstörung« bezeichnet haben.
»Die Kräfte von Licht und Dunkelheitsind miteinander verflochten.«
Hier können wir vom ostasiatischen Denken lernen. Sowohl die konfuzianische als auch die taoistische Tradition erkennen eine grundlegende Dynamik von Qi an, die die gesamte Realität im Universum durchdringt. In diesen Traditionen konstituiert und durchdringt Qi alle Kräfte des Lichts und der Dunkelheit. So findet sich im daoistischen Text »Dao De Jing« (»Das Buch vom Dao und seiner Kraft«) der Ausdruck: »Erkenne das Helle, aber halte am Dunklen fest.« Dies lässt sich anschaulich als Yin-Yang-Wechselwirkung beschreiben, doch bemerkenswert ist, dass selbst das männliche Yang und das weibliche Yin im Kontext des universellen Qi miteinander interagieren.
e: Können Sie diese daoistische Perspektive näher erläutern?
JG: Im Dao De Jing gibt es diese schöne, herausfordernde, poetische und metaphysische Zeile: »Das Dao ist groß und zieht sich zurück. Und nachdem es sich zurückgezogen hat, geht es fort. Und nachdem es fortgegangen ist, verschwindet es. Nachdem es verschwunden ist, kehrt es zurück.« Nun haben wir also das Dao zu Yin und Yang sowie zu Qi als Konzepte aus Ostasien hinzugefügt, die jeder Diskussion über die Kräfte von Licht und Dunkelheit zugrunde liegen. Einfach ausgedrückt existiert die gesamte Wirklichkeit als Licht und Schatten, diese Kräfte im Kosmos können ins Gleichgewicht oder in Harmonie gebracht werden. Besonders gefällt mir der obige Satz über das Dao als sich zurückziehend – weggehend – verschwindend – zurückkehrend. Das Dao lässt sich als Prozess beschreiben.
e: Ermöglicht uns eine evolutionäre Perspektive eine neue Sichtweise auf das Destruktive und das Kreative, auf Licht und Schatten?
JG: Bei meinen Überlegungen zur kosmologischen Dynamik destruktiver und kreativer Prozesse in der Evolution bin ich vom Denken und Leben von Pierre Teilhard de Chardin (1881–1955) beeinflusst. Teilhard war Paläontologe, Geologe und Jesuitenpriester. Er war einer der ersten religiösen Denker, die sich ernsthaft intellektuell mit Fragen von Spiritualität und Evolution auseinandersetzten. Für Teilhard war eine Ausgangsposition, die im Gegensatz zu der seiner wissenschaftlichen und religiösen Kollegen stand, dass das Bewusstsein von Anfang an dem Evolutionsprozess innewohnt.
e: Bedeutet Bewusstsein eine Form von Intelligenz?
JG: Ja, Intelligenz, Bewusstsein oder Musterbildung, die Absicht manifestieren. Das Bewusstsein im entstehenden Kosmos ist natürlich keine menschliche Intelligenz, sondern eine Musterbildung, die eine Fähigkeit zum Wahrnehmen, zum Ausdehnen oder zur Entscheidungsfindung manifestiert. Für Teilhard ist das Bewusstsein ein fortlaufender und differenzierter Prozess, der tief mit der Zeit verbunden ist. Jede bestimmte Form von Materie geht für Teilhard stets mit Geist einher. Für ihn lassen sich Geist und Materie nicht trennen, vielmehr sind sie zwei Dimensionen derselben Realität. Der Geist zieht in seinem metaphysischen Universum die Materie in die Zukunft. Für Teilhard ist die Evolution sehr zukunftsorientiert und betont zeitliche Entwicklungsveränderungen in der Komplexität des Bewusstseins seit dem ursprünglichen Entflammen des Universums.
Ich finde es hilfreich, mein Verständnis eines anderen Begriffs von Teilhard, nämlich »Kosmogenese«, womit er ein fortwährendes, kreatives, sich ständig erneuerndes Universum meinte, durch die mit Bindestrich verbundenen Partizipformen auszudrücken: wahrnehmend-denkend-erschaffend.
e: Was uns ethische und moralische Verantwortung auferlegt.
JG: Ökologische Gerechtigkeit, oder Öko-Gerechtigkeit, entsteht und drückt diesen ethischen Anspruch aus, nämlich eine Ausweitung unserer ethischen Achtung auf die Erdgemeinschaft. Der Philosoph Emanuel Levinas spricht vom Antlitz des anderen Menschen, das einen ethischen Anspruch an uns stellt. Wir erkennen nun, dass wir diese ethische Begegnung auf das Antlitz der Welt ausweiten müssen; es fordert unsere Aufmerksamkeit. Das Antlitz der Erde zeigt sich uns in dieser unglaublichen Dunkelheit, in dieser unruhigen Zeit. Das Antlitz unserer Erde wurde vom Weltraum aus in der Dunkelheit des Universums gesehen. Im ostasiatischen Sinne ist diese Dunkelheit (sollen wir sagen: Yin?) ein unglaublich wirkungsvoller Lehrer. Es ist ein bemerkenswerter Moment, in dem wir unseren Schatten wieder sehen und zu einer tiefen Einsicht darüber aufgerufen sind, was dieses Bewusstsein in Beziehung zur größeren Welt bedeutet.