Das Tao der Evolution
Der Religionswissenschaftler und Ökologe John Grim schöpft aus der evolutionären Spiritualität, der Tiefenökologie und dem Taoismus, um unseren Blick auf die Entfaltung des Lebens zu erweitern.
July 12, 2026

Als Menschen entfaltet sich unser inneres Leben auch zwischen unbewussten Inhalten, unseren rationalen Fähigkeiten und überbewussten Instanzen. Wie können wir mit diesen vielschichtigen Kräften in uns umgehen, um zu Heilung und Integration zu finden und in der Welt heilsam zu wirken? Ein Gespräch mit Stefan Ruf, der in seiner Arbeit mit traumatisierten Jugendlichen auch aus den Erkenntnissen von C. G. Jung, Jean Gebser und Rudolf Steiner schöpft.
evolve: Wie würdest du Licht und Dunkel oder Licht und Schatten im Menschen ansprechen?
Stefan Ruf: Aus psychologischer Sicht betrachtet ist die Frage nach Licht und Schatten erstmal keine moralische Frage, sondern eine Frage der Ganzheit oder der fehlenden Ganzheit. Da, wo die Ganzheit fehlt, sowohl in der individuellen Psyche als auch in der Gesellschaft, bleiben die Ideale abstrakt und polarisieren – und das führt dann nicht zum Licht, sondern zu Spaltungen und Projektionen. Dann wird es natürlich auch moralisch ziemlich »schattig«. Und das erleben wir gerade in vielen Bereichen.
Nehmen wir als Beispiel die Bewegungen zu Antikolonialismus oder Antirassismus. Hier haben die Menschen tiefe Ideale, die ich begrüße! Sie wollen, dass alle Menschen gleich sind, unabhängig von ihrer Herkunft und kulturellen Prägung – ohne Diskriminierung. Gleichzeitig ist aber in solchen Gruppierungen oft eine große Wut auf Menschen, die weiß sind, oder auf Menschen jüdischer Herkunft. Da ist dann wenig Toleranz oder Sensibilität spürbar. Da passt etwas nicht.
Oder, zweites Beispiel, es gehen Menschen auf die Straße in demokratischen Staaten und rufen nach Freiheit – und verschreiben sich gleichzeitig autoritären Führungsfiguren. Das passt nicht zusammen. Und wenn etwas nicht zusammenpasst und nicht bemerkt wird, bleibt eine Seite der Individualität im Unbewussten und wird nach außen projiziert.
Die Kraft der Integration
e: Darin zeigt sich ja auch die Verfasstheit des Menschen in der Moderne oder Postmoderne. Wie könnte aus deiner Sicht eine Integration gelingen?
SR: Ja, das moderne Bewusstsein ist ein sehr gerichtetes, logisches, rationales Bewusstsein. Da gibt es letztlich nur Ja oder Nein, ein Drittes gibt es nicht. Es ginge also darum, das polare Gegenteil erst einmal in sich wahrzunehmen. Wenn ich also in der 68er-Bewegung war und gegen die Autoritäten rebelliert habe, muss ich auch die Seiten in mir wahrnehmen, die etwas Autoritäres haben. Das tut vielleicht weh, wenn man das spürt. Aber wenn man wirklich etwas verändern will, muss man ins eigene Unterbewusste schauen. Und dort, im eigenen Innenraum, diesen inneren Konflikt von zwei Seiten, die nicht zusammenpassen, erkennen und aushalten. Aus dem Aushalten dieser inneren dialogischen Spannung heraus kann dann peu à peu eine Integration erwachsen.
Eine gewisse Spannung wird bleiben, aber man kann sie reduzieren. Und dann mit mehr Milde und Liebe auf die Außenwelt schauen, wo man natürlich zu Recht Defizite wahrnimmt, an deren Verwandlung man weiterarbeiten sollte. Man soll also in seinem aktivistischen Prozess bleiben! Aber der erfordert auch innere Arbeit, Arbeit am Unterbewusstsein, einen »inneren Aktivismus der Transformation«. Nur dann kann man auch im Außen wirklich konstruktiv wirken.
Überbewusste Instanzen
e: Wie verstehst du diese Transformation? Welche Rolle kann eine Erfahrung von Überbewusstsein oder transpersonalem Bewusstsein dabei spielen?
SR: Aus therapeutischer Perspektive gibt es zwei Entitäten, die mit dem »Überbewusstsein« zu tun haben. Die eine Entität ist immer von jedem erfahrbar. Die andere braucht ein klein wenig Übung, aber auch sie ist für ganz viele Menschen in jedem Moment erfahrbar.
Die erste ist die innere Instanz der Achtsamkeit. Es gibt in jedem modernen Selbst eine Instanz, die immer aktivierbar ist: ein gerichtetes, gegenwärtiges, akzeptierendes Bewusstsein, mit dem ich den eigenen Seeleninnenraum und gegebenenfalls auch den Außenraum beleuchten kann. Ich kann in jedem Augenblick wahrnehmen: Hier und jetzt sitze ich auf diesem Stuhl. Diese Gedanken und diese Gefühle gehen durch meinen Innenraum, diese inneren Widersprüche bzw. Konflikte sind gerade da.
Die zweite Instanz ist nun essenziell dafür, die mittels Achtsamkeit wahrgenommenen inneren Widersprüche und Polaritäten auszuhalten. Sie ist so etwas wie eine innere Mitte, ein inneres Zentrum oder ein Erleben des »Ich bin«. Es ist eine innere Tragekraft, durch die man die Widersprüchlichkeiten und Polaritäten tragen und in einen Dialog bringen kann.
e: Was du ansprichst, ist eine Bewusstseinskultivierung im Sinne einer Bewusstseinskultur. Wir brauchen eine Kultivierung dieser Instanzen oder Entitäten in uns, um unser Bewusstsein in eine Ganzheit zu führen, in einen integralen Raum, wie es Jean Gebser anspricht. Ganzheit ist dann keine Idee und kein mentales Konzept, sondern eine kultivierte Fähigkeit oder Möglichkeit im eigenen Bewusstsein. Wie können wir solch einen Schritt in ein integrales Bewusstsein gehen?
SR: Ich habe gerade Achtsamkeit als positiv dargestellt, aber ich möchte einen negativen Aspekt dazusetzen, der mit der Antwort auf deine Frage zu tun hat. Wie Achtsamkeit im Mainstream vermittelt wird, liegt die Betonung viel zu sehr auf Wellness und die Außenperspektive. Wo es um innere Achtsamkeit geht, ist sie zu stark nur auf Atmung oder Körperempfindung bezogen. Um den Schritt in ein integrales Bewusstsein zu gehen, muss man aber die multiplen Perspektiven im Innen und im Außen sehen und aushalten können.

Einerseits sind die Bedingungen gerade sehr gegeben dafür: Bei ganz vielen Menschen sehe ich gerade eine Seelenkonstitution, die sehr offen ist gegenüber gesellschaftlichen Energien im Außen und gegenüber unterschiedlichsten Seiten in ihrem eigenen Wesen. Aber in ihrer Hochsensibilität werden sie davon oft so überwältigt, dass sie das gar nicht ertragen können. Insofern ist es mit konventionellen Achtsamkeitsübungen nicht getan, sondern es braucht das »geistige Muskulatur-Training« einer integrativen Instanz, die in der Lage ist, die Widersprüche im Seeleninnenraum und im Außen zu halten und zusammenzuführen und eben wirklich auch auszuhalten. Das erfordert eine Schattenbegegnung: Ich habe auch aggressive, zerstörerische, autoritäre, neidische, eifersüchtige Seiten in mir, mit denen ich akzeptierend und dialogisch arbeiten muss.
Es gibt viele Übungen und Techniken, wie man diese Zentrumskraft, die auch eine moralische Kraft ist, stärken kann. C. G. Jung hat bei der Beschreibung des Weges der Individuation die Sprache und auch moralische Ansätze aus der Alchemie gefunden. Die Alchemie arbeitet ja mit Polaritäten: Wie bringe ich das Männliche und das Weibliche, das Himmlische und das Irdische, Geist und Materie in eine Verbindung, in eine Ganzheit?
Noch hilfreicher bei der Frage der Stärkung der Inneren Mitte finde ich Rudolf Steiner. Auch bei Steiner gibt es zwei Grundkräfte, die zum Großteil erstmal auf unser Unterbewusstsein wirken. Die eine kann uns so weit von diesem Planeten ins scheinbar lichte Spirituelle wegtragen, dass wir hier nicht mehr liebevoll tätig sein wollen. Die andere bindet uns zu sehr an die Materie und die Vereinzelung, was uns ebenso davon abhält, liebevoll tätig zu sein. Beide Kräfte sind weder gut noch böse, solange wir sie nicht zu einseitig nutzen, sondern zwischen beiden Kräften eine Mitte finden, unsere Mitte. Das ist ein transpersonaler, überbewusster Weg, für den Steiner viele Meditations-Übungen angegeben hat.
Eine offene Mitte
e: Wie unterscheidet sich das integrierende Zentrum, das du ansprichst, vom Ego-Ich in der Psychologie, also einem stabilen Ich, durch das man in der Welt einigermaßen zurechtkommt?
SR: Das moderne, stabile Ich ist sehr gerichtet und geklärt. Es ist immer Gegenüber von irgendwas. Man ist das Subjekt und irgendwo ist das Objekt. Dazwischen ist der dreidimensionale »leere« Raum, der beide trennt. Meistens spielt auch die Machtfrage eine gewissen Rolle. Man ist eher in einer Haltung, wo man eine gewisse Macht auf das Objekt ausübt, oder das Objekt übt eine gewisse Macht auf einen selber aus: »Habe ich recht oder hast Du recht!?«
»Wenn man wirklich etwas verändern will, muss man ins eigene Unterbewusste schauen.«
Das Ich, das ich meine, das intuitive Zentrum, das in Resonanz geht mit den Worten »Ich bin«, ist nicht so identifiziert mit dem kleinen getrennten Selbst. Es ist Zentrum und gleichzeitig verbunden mit dem Umraum: Punkt und Kreis. Im integralen Bewusstsein habe ich also einen Begegnungsraum geschaffen, der unterschiedliche Anteile von mir und dem anderen in eine gewisse Spannung und Verbindung bringen kann. Das Zentrum erlebe ich (und viele Menschen, mit denen ich arbeite) nicht mehr im Kopf, wie das moderne Selbst, sondern eher in der Herzgegend. Hier können dann widersprüchliche Perspektiven leichter
gehalten werden – und aus diesem »Im Dialog Halten« konstelliert sich normalerweise eine klare Haltung zu der Frage, die gerade im Raum ist. Man ist also keinesfalls »schwammig«!
Und dieses tiefere Zentrum erfüllt ebenfalls eine identitäts-haltgebende Rolle. Man verliert sich nicht in einem Einssein mit dem ganzen Universum. Aber die Perspektive ist nicht mehr so selbst-zentriert. Und doch ist es eine zentrierte Perspektive.
e: Es ist eine Offenheit für einen größeren seelischen Raum und auch für größere Kräfte, die im Seelischen wirken, vielleicht auch Erfahrungen von Verbundenheit mit dem Ganzen. Und darin ist durchaus eine Mitte, in der das erfahren und integriert werden kann. Hier erscheinen auch die Polaritäten und Licht und Dunkel viel umfänglicher. Sie wirken nicht nur in unserer eigenen Seele, sondern in einem größeren seelischen Raum. C. G. Jung spricht von den Archetypen und dem kollektiven Unbewussten. Dieser Bezug befreit uns davon, diese Kräfte nur auf die eigene Individualität zu beziehen, sondern wir haben es mit seelischen Kräften zu tun und können damit umzugehen lernen. Wie verstehst du solche überpersönlichen seelischen Kräfte?
SR: Wenn man in diesen integralen Seelenzustand kommt, eröffnet sich ein anderes Raumbewusstsein. Das ist nicht mehr das dreidimensionale Bewusstsein mit einem Körper, dessen Grenzen genau da sind, wo mein Körper aufhört. Es ist nicht so: »Dies hier ist mein Innenraum und da draußen ist der Außenraum; ich bin eine Insel in der Leere dieses riesigen Außenraumes.« Im integralen Bewusstsein ist Raumerfahrung eine atmosphärische. Ich nenne deshalb dieses Bewusstsein auch ein »atmosphärisches Bewusstsein«.
Die Grenzen meines Innenraums sind nicht mehr klar die Körpergrenzen, sondern er geht deutlich weiter. Es sind unsichtbare Grenzen, die weit in die Welt und meine Umgebung hineingehen. Ich erlebe, dass ich mit meinem Seelenraum viel mehr eingegossen bin in die Welt. Trotzdem erlebe ich weiterhin meinen Raum, aber die Grenzen in die Welt hinaus sind fließender, subtiler, elastischer. Insofern ist das Innen und das Außen nicht mehr so klar abgegrenzt und definiert. Viele Prozesse in mir sind auch im Außen und viele Prozesse im Außen sind auch in mir, diese Übergänge sind viel erkennbarer und fließender.
So kann man vielleicht besser C. G. Jung verstehen, dem wichtig war, dass wir als seelische Wesen mit unserem Unbewussten auch an das Kosmische angeschlossen sind. Systemtheoretisch gesprochen könnte man sagen, wir sind offene Systeme, es gibt eine gewisse Offenheit in den kollektiven Raum und den kosmischen Raum hinein, den Raum der Archetypen. Die ganze Aggressivität gegen das Lebendige, das titanisch Zerstörerische, das gerade auf der Erde und im Sozialen mit so einer Dynamik Raum greift, hat so gesehen mit Kraftwirkungen zu tun, die »überpersönlich« und kollektiv sind. So gesehen gibt es also eine Wechselwirkung mit transpersonalen Entitäten, die das moderne Bewusstsein überfordern. Man braucht eine starke integrative Zentrumskraft, um damit umgehen zu können.
Trauma heilen
e: Es gibt in den letzten 10, 20 Jahren ein zunehmendes Interesse an Schattenarbeit und Traumata bis hin zur Notwendigkeit eines traumasensiblen Umgangs miteinander. Wie erlebst du diese Entwicklung?
SR: Ich bin sehr froh über das gesellschaftlich steigende Interesse an der Tatsache, dass es Traumatisierung gibt. Dieses Bewusstsein resultiert auch daraus, dass heutzutage viel mehr Menschen eine sensiblere Konstitution haben. Eindrücke, die vielleicht einen Durchschnittsmenschen vor 300 Jahren nicht traumatisiert hätten, können bei einer größeren Offenheit für Reize, die viele Menschen heute haben, traumatisierend wirken. Das können beispielsweise Beziehungstraumata oder Unfälle sein.
Gleichzeitig wird bei vielen unter der Kategorie Schattenarbeit und Traumaarbeit nur der Umgang mit den verletzten Seiten, mit den inneren verletzten Kindern oder mit der traumatisierten Seite betont. Das macht für mich Sinn, denn diese Seiten gibt es. Ich arbeite auch viel mit diesen Ego-States oder inneren Anteilen. Das ist aus meiner Sicht also richtig. Es besteht aber die Gefahr, dass man nur bei diesem Anteil verbleibt. Die wirklichen Schattenaspekte, die damit auch verbunden sind, werden dann ausgeblendet.
Zur Ganzwerdung ist es aber auch notwendig, für die selbstdestruktiven Seiten, die Selbstverletzungen, Sucht oder Gewalt verursachen, oder auch für die inneren Täter-Seiten Verantwortung zu übernehmen. Ansonsten kann die Traumatisierung ein Stück weit als Identitätsbildung und als Mittel verwendet werden, nicht erwachsen und verantwortlich werden zu müssen. Das sage ich mit aller Vorsicht und Behutsamkeit. Jemand, der schwer traumatisiert ist, darf viele Jahre Zeit in Anspruch nehmen, um sich erstmal um die verletzten Seiten zu kümmern. Aber irgendwann muss für destruktives Handeln aufgrund des Traumas eine gewisse Verantwortung übernommen werden. Wenn das nicht geschieht und das Leid zur Quelle der eigenen Großartigkeit wird, dann ist das problematisch.
Innere Ganzheit
e: Es scheint auch zur modernen Verfasstheit zu gehören, die Verletzung zu einer Identität zu machen. Dann wird das Trauma oder das verletzte innere Kind zum Zentrum der Identität. Das deutet wieder auf die Notwendigkeit eines offenen integrierenden Zentrums hin, um im Bewusstsein eine Erweiterung oder Transformation zu durchlaufen, die in uns angelegt ist.
SR: Diese Identifikation geschieht auch aus einer Not heraus, weil die Strukturen der Moderne zusammenbrechen. Was früher identitätsgebend war und damit eine Sicherheit in der Welt vermittelt hat – wie eine Arbeitsstelle, eine Parteizugehörigkeit oder die Kirche –, ist in der Postmoderne weggebrochen. Wenn man dieses Zentrum, dieses tiefere Ich-bin, nicht ausbildet, was bleibt einem dann anderes übrig, als zum Beispiel zu sagen, ich bin traumatisiert und das verleiht mir Identität?
e: Das verstellt dann auch den Weg für eine tiefere Heilung oder Ganzwertung. In dem Zentrum, das du angesprochen hast, werden uns aus der Ganzheit heraus Bewusstseinskräfte zugänglich, die bei aller Fragmentierung oder sogar Traumatisierung eben doch die eigene tiefe seelische Ganzheit vergegenwärtigen. Also, dass im Seelischen etwas Unverletztes, Heiles anwesend ist. Wenn ich damit in Berührung komme, schafft es auch einen Raum, um mit dem, was in mir da ist und in der Welt geschieht, anders umzugehen. Der seelische Raum wird größer, lichter, kraftvoller.
SR: Ja, es ist ein anderer Seelenraum, der eine größere innere Ganzheit hat und auch den eigenen Idealen mehr Ganzheit und damit wirkliches Licht verleiht. Wenn man also in einem gewissen Kontakt sein kann mit ihm, dann sollte man unbedingt »Aktivist« werden und alles tun, um dieser Welt sein Bestes zu geben!