Wie wir gemeinsam dem Unerträglichen begegnen können
Was eine Kultur verdrängt, verschwindet nicht. Die unverarbeiteten Traumata zweier Weltkriege wirken immer noch und prägen unsere Gegenwart. Auch die Ängste, die heute im Schatten der Klimakrise entstehen, deuten auf eine kollektive Betroffenheit. Wie können wir kulturelle Räume schaffen, in denen wir gemeinsam auf all das neues Licht werfen?
Unterdrückte Schrecken verschwinden nicht einfach. Selbst wenn sie kaum direkt angesprochen werden, sind sie doch auf eigentümliche Weise präsent. Ich erinnere mich noch gut an Familienfeiern, wenn wir am reich gedeckten Tisch zusammensaßen. Irgendwann kam immer der Moment, in dem meine Tante sagte: »Das ist ja wie in Friedenszeiten!« Was sie nicht sagte: Wie schlimm es für sie als kleines Kind war, während des Krieges über Jahre nie genug zu essen gehabt zu haben. Das weiß ich von meiner Mutter, die mir einmal erzählte, dass sie selbst sogar wegen Unterernährung zur Kur geschickt worden war. Um noch dünner zurückzukehren, weil auch in den medizinischen Einrichtungen unglaublicher Mangel herrschte. Dieser Teil der Geschichte, all die existenziellen Entbehrungen und das Leiden, wurde am Familientisch meist hinter einem Lächeln versteckt. Die schlimmen Zeiten lagen nun schon lange zurück. Inzwischen ging es ja allen wieder gut. Doch tat es das wirklich?
Die Erfahrungen der Kriegsgeneration und ihrer Nachkommen, aber auch neuere Entwicklungen wie die so- genannte Klimaangst, zeigen uns etwas. Wo Leid aus historischen oder gesellschaftlichen Prozessen erwächst, entstehen oft auch Formen kollektiver Verdrängung und eine Kultur des Verschweigens. Zwischen den Schrecken einer bis heute nicht gemeinschaftlich verarbeiteten Vergangenheit und den Ängsten vor einer womöglich katastrophalen Zukunft stehen wir in der Frage, wie wir uns gemeinsam diesen Erfahrungen zuwenden können, damit sie wieder öffentlich sichtbar werden und sich so vielleicht verwandeln können.
Gefangen zwischen den Welten
Heute wissen wir, dass traumatische Erlebnisse über Generationen weitergereicht werden können. Solche kollektiven Verletzungen erweisen sich über die Zeiten als sehr stabil, weil sie sich als Teil einer neuen Scheinnormalität des Unausgesprochenen in der Alltagskultur verankern. Mit Blick auf den Nationalsozialismus existiert in Deutschland eine starke politische Erinnerungskultur, die sich an Jahrestagen zur Katastrophe der Vergangenheit bekennt. Doch wie sieht es aus mit all den Erfahrungen, die in den Menschen weiterleben? Wo sind die Räume, in denen all das Unverarbeitete in menschlichem Miteinander als geteilte Wirklichkeit sichtbar werden könnte? Wie kann aus einer Kultur der Sprachlosigkeit eine gemeinsame, gelebte Präsenz mit dem Geschehenen erwachsen, so dass, was zuvor allenfalls an den Rändern der Kultur wahrnehmbar war, wieder in deren Mitte rückt und verhandelbar wird?
»Kollektive Verletzungen sind sehr stabil, weil sie zu einer neuen Scheinnormalität werden.«
Hinzu kommt, dass wir uns in einer Zeit befinden, die uns weiteren Erschütterungen aussetzt. Aktuelle Studien etwa deuten an, dass heute rund ein Drittel der Jugendlichen unter Klimaangst leidet. Es ist eine Furcht vor dem Kollaps, die verständlich ist. Doch uns fehlen kulturelle Praktiken, wie wir mit diesen Ängsten umgehen und eine Öffentlichkeit für sie schaffen könnten. Wie können wir diese Gefühlslagen ansprechbar machen?
Der Elefant im Raum
Fragen wie diese beschäftigen uns in Deutschland seit Jahrzehnten. In der Nachkriegszeit herrschten in den Familien oft Schweigen, emotionale Taubheit oder nicht aufgearbeitete Gewalt. Die Psychologie verfügte noch über wenig Rüstzeug, sich angemessen den entstandenen psychischen Wunden zuzuwenden. Und im Dienste des Wiederaufbaus sollten sich die Deutschen einfach zusammennehmen und funktionieren. Man hoffte, die Dunkelheit würde in der Vergangenheit zurückbleiben.
Erst gut 20 Jahre nach Kriegsende wurde das Unaussprechliche langsam ansprechbar. Ein Wendepunkt war sicherlich, als die Psychoanalytiker Alexander und Margarete Mitscherlich 1967 ihr Buch »Die Unfähigkeit zu trauern« veröffentlichten, in dem sie kritisierten, dass Deutschland kollektiv nie wirkliche Trauerarbeit geleistet, sondern Schuld, Verlust und Verantwortung verdrängt habe. »Der Wiederaufbau wurde zu einer gigantischen kollektiven Aktivität, die nicht nur ökonomische Funktionen hatte, sondern zugleich der Abwehr innerer Konflikte diente«, beschrieben die beiden die Verdrängung innerhalb einer ganzen Kultur. Wo jedoch eine Kultur sich ihrer eigenen Verletzungen nicht bewusst ist, bildet sie einen Nährboden, auf dem das Undienliche weiter gedeiht.
Die Mitscherlichs machten deutlich, wie sich die Verdrängung in gesellschaftlichen Narrativen und im menschlichen Miteinander festsetzte und so zu einem unbewussten Teil der Kultur wurde. Die Folgen traumatischer Erfahrungen lebten nicht nur in individuellen Erinnerungen weiter. Es entstanden auch unterschwellige kulturelle Muster, die bis heute prägen, was ausgesprochen werden kann und was besser ungesagt bleibt. In den Augen der Mitscherlichs war eine mögliche Antwort auf diese kollektive Verdrängung eine neue kollektive Zuwendung zum Geschehenen.
Öffnung in Gemeinschaft
Die Jungen, die nach dem Krieg geboren worden waren und die Lasten des Nichtverarbeiteten in ihren Familien wie auch der Gesellschaft im Ganzen erfahren mussten, wollten die Wände des Schweigens einreißen. Die Studenten- wie auch die Antipsychiatriebewegung lehnten sich auf gegen den im Nachkriegsdeutschland vorherrschenden Autoritarismus und die gesellschaftliche Normierung. Für viele wurde das Interesse an Spiritualität zu einem weiteren Weg, die Schatten der Vergangenheit auf neue Weise zu beleuchten. Praktiken wie Meditation eröffneten Räume, in denen Menschen sich dem in der Kultur verdeckten Schmerz und Gefühlen der gesellschaftlichen Entfremdung erstmals wieder bewusst zuwenden konnten. Entscheidend war dabei nicht allein die innere Praxis. Es entstanden Gemeinschaften, Gesprächskreise und Gruppenprozesse, in denen das Verdrängte nicht länger allein getragen werden musste. Allmählich wurde sichtbar, dass die Verletzungen, die Menschen und die Kultur, in der sie lebten, gleichermaßen betrafen, Räume brauchen, in denen die gemachten Erfahrungen miteinander geteilt, bezeugt und gemeinsam gehalten werden konnten.
Jacob Collins, Richard, 2011
Wie bedeutsam solche Räume sein können, verdeutlicht die Geschichte des heutigen Zen-Lehrers Claude Anshin Thomas. Sie erzählt von einem Weg aus der Traumatisierung hin zu einer gemeinschaftlich getragenen Form der Bewältigung, zu einer neuen kulturellen Praxis. Thomas war als junger Mann Soldat im Vietnam-Krieg. Schon als 18-Jähriger war er für den Tod von hunderten Menschen verantwortlich. Als Veteran litt er unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung. »Ich konnte es nicht ertragen, mit mir selbst zu leben«, beschreibt er, wie der Krieg in ihm weiter andauerte. Die Kultur der scheinbaren Normalität, in die er zurückgekehrt war, trug ihn nicht mehr: »Immer wenn ich versucht hatte, über diese Dinge zu sprechen, sagten mir die Leute, ich sei zu intensiv; sie kämen mit mir nicht klar. Ich verstehe jetzt, dass sie damit eigentlich meinten: Meine Beziehung zu dir bringt mich dazu, Teile von mir selbst zu berühren, die ich eigentlich nicht berühren möchte.«
Eine Öffnung dieses Dilemmas erfuhr Claude Anshin Thomas erst, als er sich nach Plum Village in Frankreich begab, einer buddhistischen Sangha, die von dem Vietnamesen Thich Nhat Hanh gegründet worden war. Hier erlebte Thomas, wie das gemeinsame Meditieren es ihm erstmals wieder ermöglichte, die Anwesenheit anderer Menschen überhaupt auszuhalten. Im Zusammenleben mit den vietnamesischen Mönchen und Nonnen wurde er immer wieder mit seinen tiefsten Kriegserfahrungen konfrontiert. Doch die Sangha bot ihm auch eine Mikrokultur, in der er gemeinsam mit jenen, die früher für ihn der Feind waren, diese Traumata betrachten und bewegen konnte. Er wurde Teil einer Kultur der geteilten Präsenz für das Schreckliche und des gemeinsamen Bezeugens. »Frieden ist eine Lebensweise«, sagt Thomas. Durch die Meditation öffnete sich eine neue Tür, durch die vielen Gespräche ein neuer kultureller Raum. Die belastete Vergangenheit ist nicht mehr länger persönliches (und verheimlichtes) Erleben, sondern erhält durch die gemeinsame Präsenz, die ihr geschenkt wird, eine kollektive Bedeutung, ja sie beginnt, sich in der Kultur selbst wieder zu zeigen.
Erschütterungen gemeinsam tragen
Heute leben wir in einer Zeit, in der immer noch viele Schrecken der Vergangenheit auf Bewältigung warten und gleichzeitig auch der Blick in die Zukunft unheilvolle Schatten wirft. Vor diesem Hintergrund haben sich in den vergangenen Jahren neue Projekte entwickelt, die öffentliche, kollektive Räume etablieren, in denen Traumata und Ängste gemeinsam bewegt werden. Hier verändert sich, wie Menschen miteinander die Realität wahrnehmen und gestalten.
»Wo eine Kultur sich ihrer Verletzungen nicht bewusst ist, gedeiht das Undienliche weiter.«
Der spirituelle Lehrer Thomas Hübl etwa widmet sich seit geraumer Zeit der Traumabewältigung. Ziel seines Pocket Projects ist es, eine »Kultur der traumainformierten Fürsorge« zu entfalten. Er sagt: »Kollektives Trauma zeigt sich in gesellschaftlicher Spaltung, Angst und emotionaler Fragmentierung.« Und: »Heilung geschieht durch bewusste Beziehung und durch das Wiederherstellen von Verbindung.« Anfangs vor allem in Deutschland, Israel und Palästina, arbeitet das Projekt heute global und versucht, in Kulturen, die den Einzelnen überwältigenden Erschütterungen ausgesetzt haben, eine Kultur gemeinschaftlicher Heilung zu fördern. In Gruppenprozessen begegnen Menschen einander in ihrer tiefsten Verwundbarkeit. So entsteht im Kleinen eine Kultur der geteilten Präsenz, in der Verdrängtes und Unerträgliches zum Vorschein kommen darf. In der Ukraine wurde beispielsweise 2022 ein Trauma Relief Project ins Leben gerufen, das die Zivilbevölkerung dabei unterstützt, sich all den Erschütterungen, denen Land und Kultur ausgesetzt sind, gemeinschaftlich zuzuwenden. Das Projekt hat schon mehr als 200 Therapeuten und Multiplikatorinnen weitergebildet, die Gesprächskreise anbieten. »Wenn wir beginnen, uns auf unsere Angst einzulassen, holen wir sie in die Gegenwart und bauen eine Beziehung zu ihr auf. ... Dann lösen wir uns – als Gemeinschaft und als Einzelne – aus unserer Tendenz zur Wiederholung, denn die Angst kann im gegenwärtigen Moment verankert werden«, beschreibt Hübl die heilende Wirkung dieser Arbeit. Wo das sein darf, was tatsächlich ist, entsteht eine neue gemeinsame Wirklichkeit. Weil zwischen den Menschen etwas sichtbar wird, das zuvor nicht angesprochen werden konnte, kann die Kultur im Ganzen beginnen zu heilen, denn auf ihre bisher blinden Flecken fällt nun Licht.
Diese Transformation zu unterstützen, ist auch das Anliegen der Psychologists for Future, die in Deutschland 2019 mit Blick auf die Klimakrise entstanden. »Klimaemotionen – Angst, Ärger, Trauer, Schuldgefühle – sind weit verbreitet. Das sind keine Störungen, sondern sinnvolle Reaktionen: Angst signalisiert Gefahr, Ärger zeigt Ungerechtigkeit an, Trauer hilft, Verluste zu verarbeiten. … Klimatrauer lässt sich nicht wegdenken, man muss sie durchleben, am besten gemeinsam«, erklärt Katharina van Bronswijk, Sprecherin der Initiative. Mit ihren Klima-Cafés schaffen die Psychologen Orte, an denen Menschen ihre Sorgen und Ängste teilen können. In ihnen kann das, was in der Mainstream-Kultur gerne außen vorgelassen wird, wieder frei zirkulieren. Dieser offenere Blick auf die gemeinsame Wirklichkeit verändert radikal, was wirklich ist. Denn die Gespräche bringen bisher Verdrängtes zurück in die Welt, in die Mitte der Kultur.
»Weil das sein darf, was tatsächlich ist, entsteht eine neue gemeinsame Wirklichkeit.«
Für van Bronswijk bieten die Cafés auch einen Raum, in dem sich langsam eine neue Kultur entfalten kann, die sich öffnet für eine neue Zukunft: »Was wir in der Klimakrise auch brauchen, ist, dass wir uns einfach mehr miteinander verbinden und auch darüber reden, wie wir eigentlich leben wollen.« Es geht nicht nur um Bewältigung, denn in diesen Räumen wird aus Isolation Beziehung und aus Vermeidung gemeinsame Präsenz. Die kollektive Zeugenschaft durchbricht die bisherige Tabuisierung. Und diese Bewegungen im Kleinen können ausstrahlen auf die Art und Weise, wie wir als Kultur zusammenleben und uns Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zuwenden.
Ob es um Traumata der Vergangenheit geht oder um Ängste im Hinblick auf die Zukunft – all diesen Krisenerfahrungen liegt immer auch eine kulturelle Dimension zugrunde. Die Experimente der jüngeren Gegenwart stimmen zuversichtlich, weil sie Räume für eine soziokulturelle Auseinandersetzung eröffnen. Wenn Verdrängtes zwischen Menschen sichtbar werden darf, entsteht ein gemeinsamer Raum, in dem auch die Kultur selbst sich verändern kann. Wo das Verdrängte seinen Platz finden darf, verliert es einen Teil seiner Macht. So entsteht die Möglichkeit, verbundener mit Licht und Schatten zu leben und gemeinsam eine Zukunft zu gestalten, die nicht länger von den ungelösten Lasten der Vergangenheit bestimmt wird.
Author:
Dr. Nadja Rosmann
Share this article:
Related Articles:
Komm in die Mitte
Heimkehr zum ursprünglichen Rhythmus Vuyi Qubeka lebt in Johannesburg, Südafrika, und schlägt in ihrer Arbeit eine Brücke zwischen Kunst, indigenem Wissen und verkörperter Heilung. Ihr eigener Weg der Integration hat ihr Verständnis von Licht und Dunkel in unserer Seele zutiefst verwandelt.
Integrative Kräfte im InnerenAls Menschen entfaltet sich unser inneres Leben auch zwischen unbewussten Inhalten, unseren rationalen Fähigkeiten und überbewussten Instanzen. Wie können wir mit diesen vielschichtigen Kräften in uns umgehen, um zu Heilung und Integration zu finden und in der Welt heilsam zu wirken? Ein Gespräch mit Stefan Ruf, der in seiner Arbeit mit traumatisierten Jugendlichen auch aus den Erkenntnissen von C. G. Jung, Jean Gebser und Rudolf Steiner schöpft.
Was eine Kultur verdrängt, verschwindet nicht. Die unverarbeiteten Traumata zweier Weltkriege wirken immer noch und prägen unsere Gegenwart. Auch die Ängste, die heute im Schatten der Klimakrise entstehen, deuten auf eine kollektive Betroffenheit. Wie können wir kulturelle Räume schaffen, in denen wir gemeinsam auf all das neues Licht werfen?